Corinna König

Einfach Annie - Teil III

Ich hab Nico absolut nicht angelogen. Durch die ungeplante Krankenpflege meinerseits ist einiges liegen geblieben und so verlaufen die nächsten beiden Tage ziemlich chaotisch. Nachdem ich mein Badezimmer geputzt und gewienert habe, beschließe ich, Nico anzurufen. Seit unserem angehenden Techtelmechtel haben wir uns nicht mehr gesehen oder gesprochen. Gerade mal ein paar mehr oder weniger zweideutige Nachrichten waren drin und umso erfreuter klingt er, als er rangeht: „Kekschen!! Hey!“ „Hallo Nico. Ich wollte mich mal melden.“ „Schön, deine Stimme zu hören.“ „Ich freue mich auch.“, muss ich schmunzeln. „Was hast du denn morgen vor? Hättest du Lust auf ein gemeinsames Abendessen?“ Die folgende längere Pause verunsichert mich ein wenig. „Ääähm… morgen… kann ich leider nicht, Annie.“ „Oh,… das macht doch nichts.“, ploppt es aus mir heraus. Natürlich macht es mir etwas aus. Ich hatte mich schon richtig auf ihn gefreut, aber die Einladung ist zugegebenermaßen sehr kurzfristig. „Ich hab von meinem Bruder zwei Stadionkarten bekommen und mit Danny ausgemacht, dass wir morgen zusammen das Fußballspiel ansehen. Danach will er hier mit mir zocken und wir haben vereinbart, dass er mal wieder über Nacht bleibt.“ „Ach das ist doch schön. Danny hat dich doch so gerne.“ „Aber ich wollte mir doch während meines Urlaubs Zeit für dich nehmen. Und du hast dich die letzten Tage so um mich gekümmert.“ „Das war doch selbstverständlich, Nico. Wir verschieben das Abendessen. Das kannst du Danny nicht antun. Samstag sehen wir uns doch ohnehin, oder? Hast du noch meine Geburtstags-Kneipentour auf dem Schirm?“ „Na klar. Ich werd pünktlich um 20 Uhr vor deiner Türe stehen.“ Ich freue mich, dass Nico so enthusiastisch auf meinen Geburtstag reagiert: „Super. Dann sehen wir uns also Samstag.“ Ich will noch etwas Findiges, freches und aufregendes hinterherschieben und räuspere ins Telefon: „Du hast mal gesagt, du stehst auf schwarze Spitze, oder?“ Doch als Antwort bekomme ich nur ein kurzes nerviges Tuten. „Nico? Hallo? Nico?“ Tja, da hab ich wohl zu lange überlegt...

Am nächsten Tag heißt es für mich: Großeinkauf. Reis, Nudeln, Mehl, Zucker, Duschgel, Putzmittel, Duftkerzen, Batterien und allerhand Schnickschnack. Und so schleppe ich einen abartig großen bis obenhin befüllten Korb und zwei unfassbar schwere Einkaufstüten bis in den fünften Stock, während Bailey an der Leine zerrt und ganz untypisch für ihn bellt und kläfft. Sein Gezeter passt mir so gar nicht und so maule ich ihn vollkommen erschöpft an: „Bailey, sei doch still. Was soll denn das? Du bist doch sonst nicht so.“ Im nächsten Moment wird mir klar, warum der kleine Knirps so aus dem Häuschen ist: Nico steht im Flur.

„Du?“, schnaufe ich erschrocken. „Hey Kekschen.“, winkt er freundlich und bückt sich schließlich zu Bailey, um ihn gebührend zu begrüßen. Das führt jedoch zu meinem Entsetzen dazu, dass dieser einen Satz macht und mir dabei die Leine wie auch ein Tragegriff aus der Hand entwischen und sich einige Einkäufe auf den Weg Richtung Boden machen. Gut erzogen wie Nico nun mal ist, will er mir gleich zur Hilfe eilen: „Warte Annie. Ich helfe dir.“ Zuerst nimmt er mir den riesigen Korb ab und beginnt anschließend den Kram vom Boden aufzuheben. Einen Labello, eine Bodylotion, zwei Päckchen Penne und schließlich… „Oh!“, raunt er überrascht. „Kondome?“ „Oh Gott!!“, pruste ich mit großen Augen und reiße ihm die XXL-Packung bunte Kondome, die 47% reduziert war, aus der Hand. Wie von der Tarantel gestochen, schließe ich im Bruchteil einer Sekunde die Türe auf und hetze in die Küche. Mit hochrotem Kopf drehe ich mich zu Nico um, der mit dem Korb und einer Flasche Weichspüler bewaffnet und mit einem überbreiten Grinsen im Gesicht hinter mir her trabt. „Du… du kannst den Korb einfach… einfach auf die Anrichte stellen. Ich räum… ich räum das dann schon weg.“ Ohne ein Wort zu sagen stellt er sich direkt vor mich. Sein süffisantes Schmunzeln wächst weiter und weiter. Da schiebe ich die Scham beiseite und erkenne die Komik in der Situation. So klatsche ich mir die Hand auf die Stirn und beginne lauthals loszulachen: „Hahaha… oh Mann. Sowas passiert auch nur mir! Hahaha…“ Da stehen wir also: Mit Tränen in den Augen. Lachend und kichernd bis wir uns schließlich die Bäuche halten.

Nachdem ich mich wieder einigermaßen gefangen habe, frage ich: „Was machst du denn eigentlich hier?“ „Ich wollte Danny zum Spiel abholen. Der kommt allerdings gerade aus der Dusche und Stella will ihn noch föhnen. Dann hab ich dein Gerumpel im Hausflur gehört, bin vor die Tür und hab gesehen wie du mit Lümmeltüten um dich wirfst.“ Erneut beginne ich zu glucksen und boxe ihn: „Du bist vielleicht doof.“

Wie aus dem nichts ändert sich die Atmosphäre von ausgelassen zu lüstern. Nico setzt einen Blick auf, der sich gewaschen hat, greift beidseitig in meine Taille, streicht mir dabei immer wieder mit dem Zeigefinger über den unteren Saum meines ausgewaschenen uralten Pünktchen-BHs und säuselt: „Ich steh übrigens total… auf schwarze Spitze!“ „Du… hast mich also doch noch gehört.“, hauche ich zurück. Unsere Gesichter sind sich dabei so nah, dass sich fast unsere Nasenspitzen berühren. Ich blicke ihm tief in seine schönen grünen Augen und lege meine Handflächen auf seine breite Brust. Langsam aber sicher wandert Nicos Hand gen Süden. Kurz bevor sie schließlich meinen Hintern erreicht hat, springt mit einigem Gepolter die Wohnungstüre auf und Danny, der einen Fanschal um den Hals trägt, brüllt laut und unmissverständlich: „Wir können looos!!! Ole ole oleee!“ Wie zwei aufgeschreckte Hühner lassen wir widerwillig voneinander ab und Nico wendet sich dem kleinen Störenfried zu: „Mensch, du siehst ja klasse aus, kleiner Mann!“ „Hast du denn keinen Schal, Nico? Annie! Wir gehen jetzt ins Stadion! Und danach darf ich bei Nico übernachten. Wir wollen zocken! Das wird so toll!“, zappelt der Kleine voller Vorfreude vor mir auf und ab. Nico nimmt Danny schließlich an der Hand und geht langsam mit ihm zur Türe. Mir geht richtig das Herz auf, wenn ich die beiden so vertraut miteinander sehe. Schmachtend und mit einem gewissen Kribbeln im Bauch folge ich den beiden.

Stella nimmt unsere Fußballer im Hausflur in Empfang und reicht Nico Dannys Rucksack mit allerhand Spielzeug und seinem Schlafanzug samt Zahnbürste: „Dann viel Spaß ihr beiden. Bis morgen.“ „Tschüss Mama. Keine Sorge. Wir machen einen ruhigen Männerabend.“, bringt Danny uns Erwachsene ungewollt zum Lachen. Nico verabschiedet sich mit einem zunächst unschuldig wirkenden Küsschen auf meine Wange. Doch im nächsten Moment flüstert er mir neckisch grinsend ins Ohr: „Das mit der schwarzen Spitze holen wir nach.“ ehe er mit Danny im Schlepptau die Treppe hinunter geht. Ein verschmitztes Räuspern kann ich mir nicht verkneifen und winke zum Abschied mit roten Wangen.

„Hmm…“, mustert Stella mich von der Seite: „Danny hat euch doch nicht gestört, oder?!“ und zwinkert mir dabei zu. „Och…“, antworte ich und scharre mit den Füßen auf dem Boden. Von meiner eindeutig zweideutigen Antwort überrascht reißt sie die Augen auf und prustet in schrillem Ton: „Oder doch?“ „Sagen wir so: Nico hätte statt deinem Sohn heute auch jemand anderen als Übernachtungsgast haben können…“ „Anniiieee!! Ich bin ja überhaupt nicht auf Stand. Ich muss alles wissen. Los los, komm rein. Ich hab gerade Apfelmuffins im Ofen.“ Die Einladung schlage ich natürlich nicht aus, schließe meine Wohnungstüre und folge dem Duft der leckeren Muffins. Nicht, dass Stellas aufgeregtes Geklatsche und ihr Gepiepse eine andere Antwort meinerseits zugelassen hätten.

„Und es sind ausgerechnet die Kondome aus der Tasche gefallen??“, lacht sie lauthals los. „Was hat er denn dazu gesagt?“ Es freut mich, wie interessiert Stella ist, auch wenn ich etwas irritiert bin, dass sie vor Spannung innerhalb kürzester Zeit drei Muffins verputzt. „Also ich hab den Eindruck, dass er positiv überrascht war.“, murmele ich und nippe an meinem Tee. Wir verbringen noch ein paar Stunden zusammen und Stella fragt mich bis ins kleinste Detail aus. Über Nico, über Lars, über alles. Und ganz untypisch für mich, fühle ich mich von ihrem Kreuzverhör keineswegs belästigt. Nein, ich genieße unsere Schwesternzeit in vollen Zügen. Während meiner Zeit im Ausland hab ich Stella am meisten vermisst. Umso mehr genieße ich es, mich wieder tagtäglich von Angesicht zu Angesicht mit ihr austauschen zu können. Zumal wir beim Thema Nico ja auch die gleiche Meinung haben - und zwar: Ran an den Mann!

Am nächsten Tag ist es endlich soweit: Die Kneipentour zu Ehren meines Geburtstags steht vor der Tür. Danny ist samt Bailey bei seinem Opa untergebracht, Paul trinkt auf dem Balkon ein Bierchen zum Aufwärmen und Stella sitzt auf meiner Couch und zeppt etwas gelangweilt durch die Programme. Nico wird sicher in den nächsten zwei Minuten hier aufschlagen. Unter Garantie umwerfend sexy wie gewohnt. Nur ich stecke schon im siebten Outfit und treibe mich selbst und Stella gleich mit in den Wahnsinn. „Das sieht doch super aus!“, fleht sie schon fast. Doch überzeugt bin ich nicht. „Findest du? Ich weiß nicht!“ „Was soll denn daran jetzt nicht stimmen? Annie, es ist schon kurz vor 8. Nico wird gleich hier sein.“, verzweifelt sie schier und wirft ein Kissen nach mir. Da ist auch ein ruhiges und dumpfes „Allerdings. Da unten läuft er!“ von Paul zu hören. „Oh neeeiiin! Ich bin noch nicht fertig!“, jaule ich. Stella hebt den Zeigefinger und ermahnt mich: „Wenn du dich jetzt nochmal umziehst, Schwesterherz! Dann feiern wir deinen Geburtstag ohne dich.“ „Aber das Kleid hier…“ „…ist wunderschön. Das Dunkelblau passt super zu deinem Teint, der Schnitt betont deinen Hintern genau richtig.“ „Aber… aber die Stiefel…“ „…passen perfekt dazu. Sie sind nicht so hoch, dass du nicht darin laufen könntest, aber nicht so flach, dass sie nicht festlich genug sind.“ „Und und… meine Haare…“ „…sehen super aus. Der tiefe Seitenscheitel steht dir total gut. Deine Naturlocken muss man einfach lieben und dein unaufdringliches Make Up rundet den Look perfekt ab. Jetzt schnapp dir deine kurze schwarze gefütterte Lederjacke und dann los!“, feuert Stella mich - nicht ganz uneigennützig - an.

Ich sehe an mir runter, gehe gedanklich Stellas Argumente nochmal durch und will es mir gerade nochmal anders überlegen und mich umziehen, als die Türklingel durch die Wohnung tönt. Mit etwas erhöhtem Puls öffne ich die Türe und strahle Nico entgegen: „Hey Nico.“ Noch bevor er mich richtig begrüßt, scannt er mich von oben bis unten und küsst mich schließlich auf die Wange: „Wow, du siehst umwerfend aus. Ich mag deine Haare, wenn sie so… wild sind.“ „Danke dir. Ich kann das Kompliment nur zurückgeben. Du siehst… klasse aus.“, japse ich mit rötlich gefärbten Wangen. Und das tut er wirklich. Seine Haare wuschelig wie ich es liebe, sein 5-Tage-Bart genau in der richtigen Länge. Er trägt einen ziemlich eng sitzenden dunkelblauen gerippten Pulli. Darüber eine braune Lederjacke. Dazu hat er eine mittelblaue Jeans mit unauffälliger Waschung und schlichte weiße Sneaker gewählt. In einem passenden Augenblick werde ich nachher mal checken, wie die Hose denn am Hintern so sitzt.

Stellas lautes und unnatürlich klingendes Räuspern reißt mich aus meinen Gedanken und wir beschließen, direkt zur U-Bahn zu gehen. Paul hat für Wegzehrung gesorgt und verteilt zwei Bier und zwei Piccolo-Sektchen an die Truppe. „Du bist ja bestens vorbereitet, stelle ich fest.“ „Natürlich liebste Schwägerin. Man wird ja nur einmal 25 oder?“ Da beginnen die Jungs vor uns in Erinnerungen zu schwelgen: „25 Nico. Weißt du noch, als wir 25 waren?!“ „Schon ne Ecke her, Kumpel.“ „Acht Jahre um es mal auf den Punkt zu bringen! Boah Annie, bist du jung! Du bist ja noch ein halbes Baby!“ „Ach, jetzt seid doch nicht traurig, ihr Opas. Ihr habt euch doch ganz gut gehalten!“, feiere ich mich und meine Jugend und nehme einen kräftigen Schluck Sekt. Der Check von Nicos Hintern kann bei dieser Gelegenheit dann auch abgehakt werden. Geprüft und für sehr gut befunden.

Zuerst kehren wir in einer Kneipe ein, die sowohl für ihre zahlreichen Cocktails, als auch für ihre Tapas bekannt ist. Der Abend beginnt bereits so toll und amüsant, dass die Stunden nur so vorbeifliegen. Ich habe auch wohlgemerkt aus meinem Jahrhundert-Rausch gelernt und lasse es ruhig angehen, was den Alkohol betrifft. Auch die Männer haben sich ziemlich unter Kontrolle und trinken nicht übermäßig viel. Stella war noch nie die Schnapstante und übertreibt es ohnehin nicht. Schön, denn immerhin würde ich mir wünschen, dass meine Lieben mir um Mitternacht standesgemäß gratulieren und nicht sturzbetrunken unter dem Tisch liegen.

Auch in Kneipe Nummer zwei ist die Stimmung weiterhin ausgelassen. Und die Tatsache, dass Nico immer wieder Körperkontakt sucht, beflügelt mich richtig. Ob er seine Hand auf meinen Oberschenkel legt oder mir über den Rücken streicht, wenn er aufsteht. Am schönsten fand ich es, dass er von den anderen beiden unbemerkt - glaube ich zumindest - auf dem Weg in die zweite Bar meine Hand genommen hat und wir den ganzen Weg händchenhaltend gegangen sind. Ich fühle mich in seiner Nähe unglaublich wohl. Nur ein klein wenig mehr Mut muss ich mir noch antrinken, dann werde ich richtig in die Offensive gehen. Die neue aufregend geschnittene und mit klitzekleinen Perlen besetzte Wäsche soll heute nicht ungesehen bleiben. Heute schnappe ich mir meinen Nico.

„Hallo?!? Annie?!?“, verfrachtet Paul mich aus meinen Schwärmereien ins Hier und Jetzt. „Ähm… was denn? Sorry, ich war in… Gedanken.“ „Ob du auch mitisst, wenn wir ne Schale mit Taco Chips bestellen?“ „Achso… ja klar. Gerne.“ „Gut, Nico. Dann bestellen wir die große Schale.“, grinst er. „Was soll das denn heißen?“, stemme ich schmollend die Hände in die Hüften. Nico findet Pauls Andeutung witzig und hakt lachend nach: „Wieso? Ist Annie wohl so verfressen?!“ „Leuteee!!“, rege ich mich weiter künstlich auf. „Pff… du hast das Mädel noch nie Chips essen sehen, kann das sein? Für ne Tüte braucht sie… wie lange Schatz? Zwei Minuten?!“ Weil Paul mich so auf den Arm nimmt, bemerken wir zunächst gar nicht, dass Stella sich nicht so wohl fühlt. „Was hast du denn?“, fragt Paul besorgt und auch ich werde ernst: „Ist dir nicht gut?“ „Alles gut. Mir ist nur ein bisschen flau. Ich hab ziemlich viel durcheinandergetrunken. Ich werd zwei, drei Ründchen aussetzen und dann geht es gleich wieder.“, beruhigt Stella uns lächelnd. „Magst du vielleicht kurz an die frische Luft?“, schlägt Nico rücksichtsvoll vor, was mein Herz höherschlagen lässt.

 

Stellas Übelkeit will nicht so recht verfliegen und so quält sie sich noch mit in die dritte Bar. „Ich werd mir mal ein kleines Wasser bestellen.“, meint sie und kommt wenige Minuten später mit der Barfrau und einem Tablett mit vier Sektgläsern zurück. „Nur noch 3 Minuten, Schwesterchen.“ Besagte gepiercte und tätowierte Barfrau nimmt unsere Getränkebestellungen entgegen - dass sie währenddessen eindeutig mit Nico flirtet entgeht mir dabei ganz und gar nicht - und verschwindet wieder hinter dem Tresen. „Was war das denn?“, flüstert Nico mir belustigt zu. „Was meinst du?“ „Ich hab den Eindruck, dass du dich fester und offensichtlicher an meinem Oberschenkel festgekrallt hast, je netter die Bedienung zu mir wurde.“ „Ach… das hab ich gar nicht gemerkt.“, flunkere ich und greife nach meinem Sektglas. Nico sieht mich ganz durchdringend an und legt seine Hand auf meine, die noch immer auf seinem Bein ruht. „Los Leute, nach draußen. Wir haben nur noch 50 Sekunden!“, scheucht Paul uns plötzlich vor die Tür. Ich verstehe nur Bahnhof und frage überfordert, was der Aufstand soll und wieso wir in die Kälte sollen. Immerhin können die drei mir ja auch hier drinnen gratulieren. „Keine Fragen, Annie. Los beeil dich!“, beginnt jetzt auch unser Siebenschläfer Stella, mich zu drängeln. Nicos Zwinkern entnehme ich, dass er in das Vorgehen eingeweiht ist. Und so lasse ich mich vor die Türe schubsen und verspüre richtige Aufregung, als die drei von zehn an rückwärts zählen.

Bei null angekommen, fällt Stella mir mit Tränen in den Augen um den Hals: „Happy Birthday kleine Schwester! Ich bin unendlich froh, dass du wieder hier bist. So weit und so lange wollen wir nie wieder voneinander entfernt sein! Ich hab dich so lieb!“ „Vielen Dank Schwesterherz. So rührselig kenne ich dich ja gar nicht. Huch, da steigen mir sogar die Tränen in die Augen.“ Ich wedele mit der Hand vor meiner Nase herum und drehe mich um. Und siehe da: Jetzt verstehe ich auch die Aktion, weshalb wir nach draußen gehen mussten: Nico hat in der Zwischenzeit vier Wunderkerzen angezündet und verteilt sie an uns. Ich habe Nicos Blick bereits gebannt und bin so gespannt, wie seine Gratulation abläuft, dass mein Herz bereits im Dreieck springt, doch da fährt Paul wie ein Armeepanzer dazwischen und springt mir in die Arme: „Kleine Annie! Alles alles Gute zum Geburtstag. Bleib fröhlich und gesund. Schön, dass du wieder bei uns bist.“ „Oooh Paul. So nette Worte. Das kenne ich ja gar nicht von dir. Vielen Dank.“, freue ich mich. Er gibt mir noch ein Küsschen auf die Stirn und zwinkert mir zu: „Gewöhn dich nicht dran, kleiner Quälgeist. Dein Geschenk geben wir dir morgen.“ Und dann ist der Moment gekommen: Nico kommt mit einem umwerfenden Lächeln auf mich zu, küsst mich auf die Schläfe und umarmt mich ganz fest. Ich schließe die Augen, lege meine Hände auf seine Schulterblätter und lausche seinen schönen Worten: „Alles Liebe zum Geburtstag Kekschen. Ich bin froh, dass Bailey mir vor die Füße und du in mein Leben gestolpert bist. Du bist ein unglaublich toller Mensch. Bleib so wie du bist, dann haust du mich bei jeder weiteren Begegnung wieder aufs Neue um.“ „Danke Nico.“, schmachte ich ihn an, streiche dabei über sein breites Kreuz und schmiege mich an seine Brust. Ich empfinde es als wahnsinnig angenehm, seinen Herzschlag zu hören.

Eigentlich hatte ich mir ein kleines Küsschen auf den Mund erhofft. Doch diesen Gedanken verwerfe ich direkt wieder, als Stella anmerkt, dass sie die Kneipentour wohl vorzeitig abbrechen muss. „Was? Wieso denn? Geht es dir nicht langsam besser?“, frage ich beschafft. „Leider nein. Ich verkrieche mich lieber in mein warmes Bett. Aber feiert ihr nur weiter. Ich möchte euch nicht die Laune verderben. Wenn ich jetzt einigermaßen zeitig ins Bett gehe, dann bin ich zum gemeinsamen Geburtstagsbrunch wieder fit. 11 Uhr war ausgemacht, ja?“ „Ähm ja. Aber Stella, du solltest nicht alleine nach Hause fahren.“ Da schaltet auch Paul sich ein und meint kopfschüttelnd: „Nein nein. Das finde ich auch. Wir rufen jetzt ein Taxi, gehen wieder rein, trinken aus und dann fahren wir beide gemeinsam. Ihr zwei habt ohne uns sicher noch… viel Spaß.“ Pauls spitzbübisches Zwinkern ringt mir ein Schmunzeln ab.

Wir beschließen, Pauls Plan zu folgen und wollen wieder in die Bar gehen. Doch so in Form wie ich heute bin, halte ich Nico am Arm fest und wispere ihm neckisch ins Ohr: „Eigentlich hatte ich mir einen richtigen Geburtstagskuss erhofft.“ Er sieht verstohlen in die andere Richtung und fährt sich feixend mit der Hand durchs Haar. Im nächsten Augenblick zupft er am Kragen meiner Lederjacke, beißt sich auf die Lippen und raunt: „Da ist aber jemand flirty unterwegs heute.“ Um ihn zu necken gehe ich extra dicht an ihm vorbei und treibe mein kleines Katz-und-Maus-Spiel weiter. Ich greife nach seiner Hand und ziehe ihn hinter mir her zurück an unseren Tisch.

Kurze Zeit später verabschieden sich Stella und Paul in ein Taxi. Ich hoffe sehr, dass Stella nur eine kleine Magenverstimmung hat und nichts ausbrütet. Dass unsere Runde um 50% reduziert wurde, tut der Stimmung keinen Abbruch. Nico und ich bleiben noch eine ganze Weile sitzen. Die Bardame bedient Nico ganz im Gegensatz zu mir immer mit einem überbreiten und fast ekelhaft freundlichen Grinsen. Doch ein Problem habe ich damit nicht mehr. Ich spüre, dass Nico nur Augen für mich hat. Er sucht immer wieder meine Nähe. Ob er nun meine Hand hält, mit mir füßelt oder mir schlicht die Hand auf den Oberschenkel legt. Unsere Berührungen reißen fast nie ab - was ich sehr genieße.

Als die Uhr schließlich drei zeigt, zahlen wir die Zeche - besser gesagt zahlt Nico die Zeche - und wir machen uns auf den Weg in die nächste Bar. Zum Glück ist diese nur gute 400 Meter entfernt - so kalt wie es inzwischen geworden ist. Wobei ich mich glatt daran gewöhnen könnte, dass Nico mich mit in seine Jacke wickelt und fest an sich drückt.

In der Bar angekommen dauert es nicht lange bis wir merken, um was für eine Kneipe es sich handelt: Wir sind in einer Schwulenbar gelandet. „Moment mal…“, wundert sich Nico als er sich im übervollen Gastraum umsieht und nur Männer erblickt. Bis bei ihm der Groschen letztlich fällt, halte ich mir vor Lachen schon den Bauch: „Na los… haha… wir kämpfen uns an den Tresen vor.“ Wortlos folgt Nico mir und man kann ihm von Weitem ansehen, dass er sich unwohl fühlt. „Hey ihr Süßen. Was möchtet ihr trinken?“, fragt uns die nette Bedienung Robert alias Roberta. Wir nehmen zum Einstand zwei Kurze würde ich sagen und für mich bitte eine Margarita. Nico?“ „Ein Bier bitte.“, piepst er eingeschüchtert. 

 

Während Roberta unsere Getränke organisiert, stupse ich Nico lachend an: „Was hast du denn?“ „Nichts. Ich… ich war nur noch nie in einer Schwulenbar.“ „Stört dich das etwa?“ „Nein gar nicht. Dich etwa?“, hakt er nach. „Nein auch nicht. Immerhin hab ich den schönsten Mann mitgebracht.“, flirte ich ungeniert drauf los. Da stellt Roberta die Drinks auf den Tresen und ehe ich mich bedanken kann, stößt mich jemand von hinten gegen Nicos Brust. „Mich stört es eher, dass hier so viel los ist.“, beklage ich mich stirnrunzelnd. „Och…“, linst Nico mir frivol von oben direkt in den Ausschnitt: „Ich finde es gar nicht so schlimm, dass es hier so beengt ist. Hallöchen ihr zwei.“ „Ach so ist das, ja?“ Gerade lasse ich meine Hand von seiner Hüfte über seinen Bauch bis hin zu seiner Brust gleiten, als ich feststelle, dass mein Handy in meiner Jackentasche vibriert: „Oh. Unbekannte Nummer. Da geh ich besser ran. Nicht, dass was mit Stella ist.“ „Alles klar. Ich warte erstmal hier. Sonst sind die Plätze weg.“

Draußen angekommen macht sich Nervosität in meinem Bauch breit und so hebe ich so schnell wie möglich ab. „Happy Birthday Engelchen!“, singt Lars mir vor. „Lars, du bist es.“, atme ich auf und freue mich. „Danke dir. Lieb, dass du extra anrufst.“ „Na klar doch. Erzähl mal, wo seid ihr denn so unterwegs?“ Ich erzähle ihm von dem leckeren Essen und davon, dass wir gerade in eine Schwulenbar gelatscht sind. Doch als ich von Lars nur wieder in Richtung Nico ausgequetscht werde, warum wir alleine sind und und und, beende ich das Telefonat ziemlich flott und schiebe es auf die Kälte.

Wieder bei Nico und Roberta angekommen, will Nico natürlich wissen, wer der Anrufer war. Doch ich habe keine Lust auf Sticheleien, die die aufgeheizte Stimmung zwischen uns trüben könnten und winke schnell ab: „Lars. Wollte mir nur gratulieren. Nett von ihm. Themawechsel bitte.“ „Klar, dass gerade Ecki in so einem ungünstigen Moment anruft.“, blubbert er vor sich hin. Ich gehe nicht weiter auf seine Aussage ein und gebe ihm mit einem einzigen Blick zu verstehen, dass ich nicht über Lars sprechen möchte. Zum Glück ist Nico nicht auf den Kopf gefallen und versteht mich direkt auf Anhieb. „Stell dir vor: Bevor Roberta begonnen hat, ihre Sexualität auszuleben, war sie Robert. 17 Jahre verheiratet und Familienvater. Drei Töchter. Isa, 20, Marie, 16 und Finja, 14.“ „Ach was?! Du hast dich ja gut unterhalten, als ich draußen war.“ „Ja. Roberta ist echt nett. Sie hat sich mir angenommen, als ich hier so verwaist auf meinem Barhocker saß.“ „Och du Armer!“, streichele ich ihm über die Wange. „Jetzt bin ich ja wieder da.“ „Zum Glück. Roberta hat anschließend erzählt, dass sie nur jüngere Männer datet. Und dass die auf sportliche, große Männer steht. Am besten über 1,80 und grüne Augen. Wuschelige Haare mag sie auch.“, jammert er und nimmt einen kräftigen Schluck von seinem Bier. Da greife ich ihm beherzt auf den Oberschenkel, lasse meine Hand etwas auf und ab fahren und sage: „Na dann haben Roberta und ich ja was gemeinsam.“ Von meiner Offensive überrumpelt verschluckt er sich fast und nuschelt: „Annie. Wenn du mit diesen verführerischen Sticheleien und deinem noch verführerischeren Getätschel nicht aufhörst… dann werd ich dich die nächsten Sekunden aufs Klo zerren und dir dein verführerisches Kleid vom Körper reißen. Dein verführerisches Parfüm ist schon Folter genug.“ Damit hab ich nun nicht gerechnet und bin jetzt diejenige, die verblüfft einen Schluck trinkt.

„Und???“, dröhnt es plötzlich laut in unseren Ohren. „Wie lange seid ihr beiden denn schon ein Paar?“ Es dauert eine Zeit lang, Roberta klarzumachen, dass wir kein Paar sind. Doch irgendwann kapiert sie es doch und wir unterhalten uns über andere Themen.

Wir verstehen uns so gut, dass die Zeit nur so rennt. Stunde um Stunde. Nach zwei weiteren Bierchen bekomme ich Nico sogar dazu, mit mir zu tanzen. Ich genieße dabei seine Hände auf meinem Bauch und meinem Hüftknochen. Und seine mich am Hals kitzelnden Barthaare. Ich koste die Situation vollends aus und drücke ihm meinen Hintern sanft in den Schritt. „Annie. Du tust es schon wieder.“, ermahnt er mich lüstern und mit geschlossenen Augen.

Nach der aufreibenden Tanzerei brauchen wir eine Pause um ein wenig runterzukühlen. Wir nehmen schließlich wieder am Bartresen Platz und lassen uns in ein erneutes, einigermaßen unschuldiges Gespräch verwickeln. Roberta ist wirklich witzig. Nach sage und schreibe 28 Jahren in der Gastro hat sie einiges auf Lager. Und Nico und ich lauschen gespannt ihren Erzählungen. Ein Gast nach dem anderen geht. Doch selbst, dass sich der Gastraum gänzlich geleert hat, geht an uns vorbei. Erst als Roberta gähnend erwähnt, dass es draußen schon wieder hell wird, bemerken wir, dass es schon 6:40 Uhr morgens ist. „Oh Gott. Schon so spät?!?“, erschrecke ich mich fast zu Tode. „In gut vier Stunden kommen die Gäste zum Brunch!“ „Okay, dann ruf du ein Taxi und ich werd hier schnell zahlen.“, versucht Nico, das Chaos in meinem Kopf zu ordnen.

Ich verkrümele mich dankend nach draußen und organisiere uns ein Taxi. Bereits im nächsten Moment steht Nico neben mir: „Brr… es ist echt kalt geworden.“ „Geh besser wieder rein, wenn du frierst, Nico. Das Taxi braucht noch etwa 10 Minuten. Ich bleib noch etwas hier draußen und schaue mir das Morgenrot an.“ Doch er weicht nicht von meiner Seite und witzelt: „Wenn du mich da wieder alleine reingehen lässt, befürchte ich, dass Robert, alias Roberta mich doch noch abschleppt!“ „Das wäre natürlich schlimm. Wir wollen doch nicht, dass du heute abgeschleppt wirst. Zumindest nicht von Robert, alias Roberta!“, kichere ich und will mich gerade auf den Weg nach drinnen machen. 

 

Da hält Nico mich am Arm fest, zieht mich zu sich und presst mich fest gegen seinen Brustkorb. Seine andere Hand streicht über meine Wange und er küsst mich. Leidenschaftlicher als ich es mir je erträumt hätte. Meine rechte Hand liegt auf seiner Brust, während mein linker Daumen sich in seine Gürtelschlaufe einfädelt. Unser erster Kuss. So sehnsüchtig habe ich ihm entgegengefiebert und er ist so viel wundervoller als in meiner Vorstellung. Nico hebt seinen Kopf, öffnet die Augen und flüstert schmunzelnd: „Ich war dir ja noch einen Geburtstagskuss schuldig.“ Ich lasse meine Hand in seinen Nacken wandern und erwidere: „Ich bin aber 25 geworden. Also fehlen noch 24 Küsse.“ Er muss lächeln und folgt meiner Hand, die seine Lippen direkt wieder auf meine navigiert. Mein ganzer Körper bebt. Die Szenerie wird im Handumdrehen ungestümer. Ich bin gerade überglücklich.

Fast verpassen wir vor lauter Knutscherei unser Taxi. Es gelingt uns nur schwer, uns während der Fahrt nicht wie pubertierende Teenies zu benehmen und die Finger voneinander zu lassen. Die 15 Minuten fühlen sich wie eine Ewigkeit an. Ich kann es kaum abwarten, Nico aus seinen Kleidern zu kriegen. Um zu widerstehen, starre ich wortlos aus dem Fenster. Nico handhabt es genauso und so steigen wir vor meiner Wohnung erwartungsfreudig aus. Ich schließe die Autotür und sehe, wie Nico ebenfalls das Taxi verlässt und hektisch ums Auto läuft. Unsere vorfreudigen Blicke treffen sich gerade, als hinter mir ein lautes „Engelchen!“ ertönt. Nico blickt hinter mich und stoppt schlagartig. Sein Gesicht scheint sich zu versteinern. Langsam drehe ich mich mit etwas eingezogenem Kopf um und falle fast vom Glauben ab: „Lars???“

Er wirft Nico einen kurzen vernichtenden Blick zu und tänzelt überbordend glücklich auf mich zu. Er umklammert mich wie ein Irrer und drückt mir gefühlt 1000 Schmatzer auf. Meine Überforderung kann ich nur schlecht verbergen und so frage ich mit einem gequälten Lächeln im Gesicht: „Was… was machst du denn hier?“ „Ich bin früher zurückgereist. Ich hab schon viermal geklingelt. Bist… bist du jetzt erst von der Kneipentour zurück?“ „Ähm… ja. Ja es war sehr lustig. Da haben… haben wir die Zeit vergessen. Nico… Nico war auch dabei.“, stehe ich mit hängenden Schultern vor Lars und zeige nach hinten, wo Nico ebenfalls ziemlich finster dreinblickt. „Hi Nico.“, begrüßt Lars ihn in einem rotzigen Ton und wendet sich nach einer viertel Sekunde wieder mir zu, sodass er Nicos nicht gerade überschwängliches Winken nur noch im Augenwinkel wahrnimmt. „Erzähl Engelchen. Wie wars? Wo wart ihr? Was habt ihr getrunken? Wie war deine Woche? Ich will alles wissen!“ Da wird es mir zu viel und ich bremse die Quasselstrippe: „Moooment mal. Lars… ich erzähl dir gerne alles. Aber… jetzt… muss ich erstmal ins Bett.“ „Ich auch!“, japst Nico aus der zweiten Reihe. „Ja aber… ich bin doch extra wegen deinem Geburtstag früher…“, jault Lars wie ein kleines Hündchen, dessen Schwanz in der Autotür eingeklemmt ist. „Tut mir wirklich leid, Lars. Aber um 11 bekomme ich Gäste. Ich brauch wirklich noch ein bisschen Schlaf. Aber… komm doch auch zum Brunch. Es sind alle da. Stella, Paul. Danny, mein Papa, …“ „Ich!“, hört man wieder die zweite Reihe dazwischenrufen. Nach einigem Hin und Her zeigt Lars sich doch noch verständnisvoll und lenkt ein. Zum Brunchen möchte er nicht kommen. Ich nehme an, dass er meinem Papa nicht unbedingt über den Weg laufen will. Und Stella und Paul vielleicht auch nicht. Stattdessen bin ich nun zum Abendessen bei ihm eingeladen. Er will sogar für mich kochen. Ich finde seine Mühe süß und willige ein. „Also dann lassen wir die Lady mal ihr Schönheitsschläfchen machen, was? Los, steig ein.“, lädt Lars Nico ein und öffnet ihm seine Beifahrertüre. Nicos Gehirn leidet wohl noch unter dem kurzweiligen Sauerstoffmangel während der Taxifahrt und starrt mich verdutzt an. Schon dabei zuzusehen sorgt meinerseits für Unbehagen. „Los doch, steig ein. Ich setz dich ab. Ich muss doch ohnehin an deiner Bude vorbei.“ „Ähm… okay. Okay?“, vergewissert er sich bei mir, was er tun soll. Ich nicke unauffällig und winke den beiden. Und so fährt Nico davon. Mit Lars zusammen. Wer hätte das gedacht?! Ich hab Nico in diesem Moment nackt in meinem Bett vermutet. Nicht auf Lars’ Beifahrersitz.

Oben angekommen, tippe ich Nico eine kurze Nachricht: >Sorry. Ist echt blöd gelaufen. : ( Alles gut bei dir?< Als Antwort bekomme ich ein paar Minuten später lediglich ein >Bin kalt duschen! :( < was mich schon wieder kichern lässt. So aufregend die letzten Züge meiner Geburtstagsfeier auch waren - der drastische Schlafmangel führt dazu, dass ich binnen Sekunden einschlafe, ohne noch ewig über den unerwarteten Ausgang zu sinnieren.

Zweieinhalb Stunden später bin ich gottfroh, dass nachts nur eine überschaubare Menge Alkohol geflossen ist. Mein Papa und Dana trudeln mit Danny und Bailey als erstes ein und gratulieren mir gewohnt herzlich mit zahlreichen Umarmungen und Küsschen. Kurz darauf gesellen sich auch Stella und Paul zu uns und mustern mich genauestens. „Naaa, etwas kleine Äuglein hast du heute. Aber verkatert wirkst du nicht!“, stellt Paul fest und will im Weiteren seine Neugier befriedigen: „Wie wars denn noch so?“ Sein Schuljungengrinsen lässt darauf schließen, dass er wissen möchte, was mit Nico gelaufen ist. Sogar Stella wirft einen auffällig unauffälligen Blick in mein Schlafzimmer und wundert sich offensichtlich, dass mein Bett gemacht ist und Nico nirgends zu sehen ist. Doch einen Kommentar spart sie sich. Stattdessen unterhalten wir uns darüber, dass es ihr wieder besser geht und die Entscheidung, den Abend vorzeitig zu beenden goldrichtig war.

Kurze Zeit später folgen meine sehnsüchtig erwarteten Geschenke. Die vier haben sich zusammengetan und mir einen neuen Laptop gekauft. „Ihr seid ja wahnsinnig!! Vielen Dank!“, seufze ich und kann es kaum glauben. „Du hast gesagt, dass dein alter Laptop immer mehr Zicken macht. Da hielten wir es für eine gute Idee, Kekschen. Herzlichen Glückwunsch!“, legt Papa seinen Arm um mich und gibt mir ein Küsschen auf den Kopf. Dana fügt hinzu: „Und schließlich arbeitest du ja viel am Laptop. Da muss schon was Ordentliches her.“ Stella kommt mit einer kleinen Box auf mich zu hat einen merkwürdig anmutenden Blick aufgesetzt: „Paul und ich haben noch ein zusätzliches Geschenk für dich, Schwesterchen.“ „Was denn? Noch mehr?“, frage ich etwas zögerlich. Ich öffne die kleine Schachtel mit lilafarbenem Samtüberzug und beginne direkt im nächsten Moment an zu weinen wie ein Schlosshund. Es sind klitzekleine Babyschuhe! Stella ist schwanger. Ich falle ihr schluchzend um den Hals. Papa und Dana können es ebenfalls kaum glauben und kämpfen auch mit den Tränen. Sogar Paul zeigt sich von seiner sanften Seite und hat das Wasser in den Augen stehen, als ich ihn fest drücke. „Herzlichen Glückwunsch, ihr beiden!“ Nachdem der erste Schockmoment verstrichen ist, erzählt Stella uns, dass sie in der neunten Woche ist und sie ab und zu mit etwas Schwindel kämpft. Doch der Frauenarzt ist sehr zufrieden mit dem kleinen Würmchen.

Gerade verkneife ich mir die dritte Tränenwelle, als es an der Wohnungstüre klopft. Vor lauter Gefühlsduselei hab ich gar nicht gemerkt, dass Nico sich verspätet hat. So öffne ich ihm die Türe und wische mir mit dem Daumen über die Wange, was Nico zu verwirren scheint: „Hallo Geburtstagski… ist alles okay? Was hast du denn?“ Ich gluckse schniefend und bitte ihn herein: „Alles gut, Nico.“ Er betritt den Wohn-Ess-Bereich und blickt verdutzt in die Runde: „Ha… llo?“ „Hey Nico!“, steht Paul auf und begrüßt ihn mit einem Handschlag. Nico beugt sich über den Tisch und versteht nur Bahnhof, was mich amüsiert: „Äh… darf ich fragen, was hier los ist? Hallo Herr Dr. Berger. Hallo Frau Berger.“ „Hallo Nico. Wir waren doch schon beim du.“, schüttelt Papa ihm überschwänglich die Hand. Wir lassen den Armen nicht länger schmoren und klären ihn auf. Paul hat dabei noch eine ganz besondere Überraschung. „Kumpel! Wir… wir werden wieder Eltern. Und wir haben uns gefragt, ob du der Patenonkel von unserem Würmchen werden möchtest.“ Nicos Gesicht versteinert sich. Er starrt Paul und Stella ungläubig an. „Ist das… ist das euer Ernst? Ihr bekommt ein Baby? Und… und ich soll Patenonkel werden?“ Seine Reaktion haut mich fast aus den Latschen und ich gerate innerlich wieder in Schwärmereien. Er hält sich die Hände vor den Mund und fällt den stolzen Zweifach-Eltern in spe freudig um den Hals. Er kann seine Tränen nur mit größtem Aufwand in Schach halten, was mich nur so dahinschmelzen lässt. Nico und Paul stehen sich zwar unglaublich nah, doch dass er als Patenonkel für das Baby überhaupt in Frage kommt ist für ihn laut eigener Aussage mehr als überraschend. Doch umso größer sind der Stolz und die Begeisterung. Der Brunch wird demnach von einem einzigen Thema bestimmt und dieses beschert uns allen merklich ein wohlig warmes Gefühl im Herzen.

Die Baby News sind so dominant im Gespräch, dass alles andere geradezu in Vergessenheit zu geraten scheint. Und so sind meine Gäste schon wieder verschwunden, ehe Nico etwas bemerkt. Er reicht mir die Kuchenteller für die Spülmaschine und klatscht sich plötzlich auf die Stirn: „Oh Annie!! Jetzt hab ich in meinem Freudentaumel glatt vergessen, dir dein Geburtstagsgeschenk zu geben.“ Ehe ich mich überhaupt zu ihm umdrehen kann, ist er schon um die Ecke zur Garderobe verschwunden. Ich höre, wie er in seiner Jackentasche herumfuhrwerkt und bin schon ganz gespannt. Er kommt mit einem kleinen Schmuckkästchen zurück, sieht mir tief in die Augen und haucht: „Happy Birthday!“ Ein Kribbeln durchfährt meinen ganzen Körper als ich öffne und ein wunderschönes silber glänzendes Armkettchen mit einem Plättchen in Form eines Blattes zum Vorschein kommt. Vorne ist ein klitzekleiner weißer Zirkonia eingearbeitet und auf der Innenseite des Plättchens sind Koordinaten eingraviert. Gerade will ich fragen, um welche Koordinaten es sich handelt, da kommt Nico mir zuvor: „Das sind die Koordinaten der Parkbank, an der wir uns zum ersten Mal begegnet sind.“ „Oh mein Gott, Nico.“, sage ich ganz ruhig und bin völlig geplättet. Ich starre unaufhörlich dieses unglaublich schöne Armkettchen an und die Überwältigung friert mich schier ein. „Ein Blatt hab ich deshalb gewählt, weil du damals dutzende davon im Haar hattest als du Bailey durch die Büsche hinterher gekrochen bist. Ich fand es passend.“, ergänzt er und wartet auf weitere Reaktion von mir. Aufgrund meines Schweigens, hakt er nochmal nach und will sich vergewissern, wie sein Geschenk ankommt: „Gefällt es d…“ Doch ich lasse ihn nicht aussprechen, sondern schneide ihm den Satz mit einem innigen Kuss ab. Ich greife ihm in den Nacken und küsse ihn, als würde mein Leben davon abhängen. Ich werde geradezu von meinen Emotionen übermannt. 

 

Doch Nico ist alles andere als abgeneigt und erwidert meinen Kuss sofort. Er umfasst mein Becken dabei ganz fest und drückt mich an sich. In einer kurzen Pause, um Luft zu holen bedanke ich mich bei ihm und versichere, dass ich überwältigt bin: „So ein Geschenk hat mir noch niemand gemacht. So durchdacht und so… so wunderschön. Vielen Dank, Nico. Wirklich. Ich… ich werde es immer tragen.“, schwärme ich und streiche ihm dabei über seine Unterarme, die mich nach wie vor fest im Griff haben. „Schön, wenn es dir gefällt. Das freut mich. Auch wenn es nicht so auffällig ist wie der quietschpinke Klunker von Lars.“, kann er sich einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen.

Da zucke ich zusammen und pruste los: „Ach du Schande! Lars!!! Wie spät ist es?“ Hektisch flitze ich durch die Wohnung und suche mein Handy und meine Schlüssel. „Was ist denn jetzt los?“, fragt Nico überfordert nach. „Lars wollte doch heute für mich kochen. Mist, ich hätte vor 3 Minuten bei ihm sein sollen.“ Da fährt Nico sich mit der Hand über den Bart und meint vollkommen emotionslos: „Oh stimmt. Da war ja was.“ „Ich muss los. Es tut mir leid, Nico.“, entschuldige ich mich und schlüpfe in meine Jacke. Doch der winkt ab: „Ach… ich bin es ja schon gewohnt, dass Ecki immer zum falschen Zeitpunkt auf der Matte steht. Immer wenn es grade aufregend wird.“ Er zwinkert mir dabei süffisant grinsend zu und streicht mir über die Wange: „Wirst du mich wenigstens vermissen?“ Ich bin frech und töne neckisch: „Vielleeeeiiicht.“ Nico drückt mir ein Abschiedsküsschen auf die Lippen und dreht sich um: „Na hau schon ab. Ich räum das restliche Geschirr ein und ziehe dann die Türe hinter mir zu.“ „Du bist klasse!“ und schon brause ich mit Bailey im Schlepptau davon.

Bei Lars angekommen wirkt es fast, als wäre er etwas eingeschnappt wegen meiner Verspätung: „Tut mir leid, Lars. Es war heute… viel los.“, zeige ich mich versöhnlich. „Macht nichts. Die Pasta kann man sicherlich auch noch essen, wenn sie nicht mehr al dente ist. Vor 15 Minuten wäre sie perfekt gewesen. Aber gut.“ Na toll! Wenn der Abend schon so beginnt…

Lars scheint sich während des Essens wieder einigermaßen gefangen zu haben und redet ohne Punkt und Komma. Aufgrund einer Mischung aus Müdigkeit und Desinteresse an Ausführungen über seine drei nerdigen Kollegen gelingt es mir nicht, mich auf ebendiese zu konzentrieren. Immer wieder schweife ich ab und sehe Nicos schönes Lächeln vor meinem inneren Auge. Von Lars unbemerkt, knipse ich ein Bild von meinem linken Arm, von dem aus Nicos Armband mich anblitzt und schicke es ihm mit dem kurzen aber deutlichen Zusatz >Ich denke an dich!<. Nur Sekunden später erhalte ich einen Kuss-Smiley zurück, der mich zum Schmunzeln bringt. „Ja, ich musste auch lachen, als Ted das vor allen Kollegen gesagt hat. Haha… wer stellt denn so eine These auf?!? Haha… ohne jemals Versuche dieser Art durchgeführt zu haben. Hahaha…“, kichert Lars und denkt, dass mein Grinsen durch seine Geschichte hervorgerufen wurde. Ich lasse ihn mal in dem Glauben.

Nach dem Essen, das verflixt lecker war, befiehlt Lars mir, schon mal auf der Couch Platz zu nehmen. Er räume eben die Küche auf und bringt dann noch ein Dessert. Gesagt - getan. Doch zu meinem Unbehagen lässt Lars dabei die Wohnungstüre sperrangelweit offenstehen „um den Fischgeruch schneller aus der Wohnung zu kriegen, damit er nicht in die Textilien zieht“. „Ähm… würde es dich stören, wenn wir die Türe schließen. Ich hab ein bisschen Bedenken wegen Bailey. Er ist ein neugieriger kleiner Racker und ich hab Sorge, dass er sich rausschleicht.“ „Klar, ich kann die Tür auch nur einen kleinen Spalt offenlassen. Weißt du, ich möchte wirklich nicht riskieren, dass meine 8.000-€-Designer-Couch nach Lachs müffelt.“ „Am besten, wir machen sie ganz zu. Dann würde ich mich wohler fühlen. Bitte.“, wiederhole ich meine Angst. Lars zeigt sich einsichtig und schließt die Wohnungstüre. Wenn auch mit einem kleinen Augenrollen.

Nach ein paar wenigen Augenblicken, kredenzt Lars eine weiße Schokoladenmousse, die mich innerlich nur so jubeln lässt: „Wow, ist die lecker. Ich wusste gar nicht, dass du das kannst.“ „Ach ich hab mir das erst im letzten Jahr angeeignet. Du musst mal die Blaubeersauce dazu kosten.“, schlägt er vor und schwingt bereits den kleinen Saucenlöffel. Doch gleichzeitig ziehe ich meinen Teller weg und meine: „Blaubeeren mag ich nicht. Ich esse die Mousse lieber pur.“ Und so kommt es wie es kommen musste: Auf meiner Lieblingsjeans prangt ein großer lilafarbener Blaubeerfleck. „Oh nein!!“, jammere ich. Und auch Lars jault erschrocken auf und springt direkt zur Spüle um mir ein feuchtes Tuch zu reichen. „Das tut mir leid, Engelchen!“ Ich gehe ebenfalls in die Küche, um die Sauerei mit etwas Spülmittel einzuweichen: „War ja keine Absicht. Ich hoffe nur, dass das wieder raus zu bekommen ist.“ Nach zwei Minuten, in denen ich geschrubbt hab wie eine Irre, verblasst der Fleck zumindest schon etwas.

Einigermaßen beruhigt nehmen wir wieder auf der Couch Platz und schlemmen weiter. Lars fällt mein Armkettchen auf und spricht mich glatt darauf an: „Das ist schön. Ist das neu?“ „Ja. Ich hab es von… Nico zum Geburtstag bekommen. Es soll eine… eine Erinnerung an unsere erste Begegnung sein.“, erzähle ich lächelnd und gebe dabei wohl mehr über meine Gefühle preis, als mir bewusst ist. „Ach. Nett.“, entgegnet Lars unbeeindruckt. „Ja ich war mit Bailey im Park und dann ist er… Moment mal!“, zucke ich erschrocken zusammen: „Bailey? Wo ist er? Bailey??“ Etwas ängstlich erhebe ich mich vom Sofa und mache mich auf die Suche. Da zieht ein kalter Wind an mir vorbei und ich sehe das pure Grauen: Die Wohnungstüre steht noch immer offen! Total panisch hechte ich in den Hausflur. Doch Bailey ist nicht zu sehen. Also renne ich durch die ebenfalls geöffnete Haustüre auf die Straße: „Bailey!!!!“ Während ich binnen Sekunden das reinste Nervenbündel bin, dribbelt Lars tiefenentspannt die Haustreppe hinab: „Beruhig dich, Engelchen. Der taucht sicher gleich wieder auf. Bailey wird irgendwo kurz pinkeln gehen.“ Ich kann nicht fassen, wie flapsig Lars reagiert. Ohne ihm weitere Beachtung zu schenken renne ich wieder in die Wohnung um mich zu vergewissern, ob Bailey nicht doch in irgendeiner Ecke sitzt. Doch vergebens. Ich stelle binnen weniger Minuten die ganze Bude auf den Kopf - doch Bailey ist nicht auffindbar.

Völlig verzweifelt greife ich zu meinem Handy und rufe Paul an: „Paul?“ Erschrocken fragt er, wieso ich so aufgelöst klinge: „Annie? Was ist denn los?“ „Bailey ist weg. Er ist weggelaufen. Und es ist schon fast dunkel. Er… er kennt sich hier doch nicht aus.“ Wir klären einen Treffpunkt ab und Paul macht sich sofort auf den Weg. In der Zwischenzeit versuche ich auch Nico zu erreichen. „Kekschen hey. Hast mich wohl doch vermisst.“, witzelt er nicht ahnend, was für einen Horror ich gerade durchlebe. Auch er reagiert sehr besorgt, als er mich schluchzen hört: „Nico?“ Sofort wird seine Stimme todernst: „Was ist passiert? Gehts dir gut?“ Ich schildere ihm, was los ist und wie erwartet kann ich auf ihn zählen: „Bin unterwegs!“ „Danke Nico. Paul ist auch auf dem Weg.“ Lars stellt sich dicht hinter mich und hält mich an den Schultern fest. „Ich weiß nicht, ob es jetzt unbedingt nötig war, den Winter anzurufen. Wir finden Bailey schon. Hör bitte auf zu weinen.“ Was er sagt, lässt mich innerlich brodeln, doch ich versuche, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. „Ich hab mich mit Nico und Paul darauf verständigt, dass wir uns in 15 Minuten am Kiosk im Südost-Park treffen. Womöglich ist Bailey dort hingelaufen. Wenn du mithelfen willst, dann komm gerne mit.“, werfe ich ihm rotzig hin und mache mich auf Suche.

Kurze Zeit später kommen Paul und Nico mit sorgenvollen Gesichtern aus ihren Autos gerannt: „Wir müssen uns aufteilen! Paul und Ecki, ihr geht hier links, Annie und ich gehen rechts. Haltet eure Handys immer griffbereit." Völlig aufgelöst irren wir eine gefühlte Ewigkeit durch den Park und tausende Straßen und Gassen. Aber Bailey ist nicht aufzufinden. Keine Spur von ihm. Und zu allem Überfluss fängt es im nächsten Moment an, zu regnen und zu gewittern. „Oh nein! Bailey hat solche Angst vor Gewitter. Oh Gott, was mache ich nur, wenn er nicht wieder auftaucht? Wenn ihn einfach jemand mitnimmt? Oder wenn ihm was passiert?" Ich stehe bitterlich schluchzend im prasselnden Regen und male mir das Schlimmste aus. Nico nimmt mich in den Arm um mich zu trösten. Er gibt mir einen langen Kuss auf den Kopf und streichelt mich wortlos. „Ich hätte besser aufpassen müssen! Ich hätte die blöde Türe selber schließen sollen!", werfe ich mir voller Verzweiflung vor und hämmere auf Nicos Brust. Doch sein Griff lockert sich keineswegs. Im Gegenteil: Er hält mich fester und fester. Auf meine selbst auferlegte Schimpftirade reagiert er schlicht nicht. Da klingelt mein Handy und der erlösende Anruf, auf den ich gewartet habe, geht endlich ein: Paul hat Bailey gefunden. Er hatte beim Gewitter Angst bekommen und sich im Park unter eine Bank gekauert, wo Paul ihn wimmernd gefunden hat.

Als Nico und ich abgehetzt, klatschnass und frierend wieder in der Wohnung ankommen, sind Lars und Paul bereits mit Bailey zurück und ich breche nochmal völlig zusammen, als Bailey mir zitternd in die Arme springt. „Oh mein Gott. Da bist du ja! Ich hatte solche Angst um dich!" Auch Nico kann seine Freude nicht zurückhalten und kuschelt sich an Bailey und mich. Der kleine Ausreißer leckt ihm dabei übers ganze Gesicht. Eigentlich mag Nico das nicht, aber er ist so erleichtert, dass ihm das gerade furzegal ist. Auch Lars, der Übeltäter, geht zwei Schritte auf mich zu, legt mir die Hand auf die regengetränkte Schulter und winselt: „Annie, es tut mir leid. Ich wollte... ich wollte das nicht. Ich dachte wirklich, ich hätte die Türe geschlossen." „Das kann ja mal passieren. Hauptsache, Bailey ist wieder da. Es war ja keine Absicht, Lars.", entgegne ich zunächst ganz ruhig. Doch eines kann und will ich nicht ungesagt lassen: „Ich fand es viel schlimmer, wie du die Situation verharmlost hast. Und wie gleichgültig du damit umgegangen bist.“ „Aber Engelchen, er ist… Bailey ist… ein Hund. Bailey ist ein Hund!“ Ich werde von Wort zu Wort wütender und drohe zu platzen, da nimmt Paul mich an der Hand und stellt sich vor mich: „Bailey ist ein Familienmitglied!“ Ich freue mich, dass er mir so den Rücken stärkt und ich kann sehen, dass auch Nico auf 180 ist. Er ballt seine Faust zusammen und kann Lars nicht mal ansehen.

„So oder so. Es war meine Schuld. Am besten vergessen wir das schnell wieder und trinken alle zusammen einen Schnaps oder ein Bierchen auf den Schock.“, schlägt Lars vor. Da grätscht Paul dazwischen: „Nein, lass nur. Ich denke... wir gehen. Annie und Bailey sollten sich beruhigen und ausruhen. Es ist spät geworden und schon stockfinster draußen. Ihr wollt mit Sicherheit auch nur noch nach Hause, oder Annie?" Er streichelt mir dabei fürsorglich über den Rücken. Ich bin den beiden so dankbar, dass sie mir mein Scheißerchen wieder zurückgebracht haben, dass ich direkt wieder anfangen könnte zu heulen. „Ja. Ich will mich nur noch mit dem Kleinen zuhause einkuscheln." Nico streicht mir dabei mit zufriedenem Blick eine Strähne hinter mein Ohr und raunt: „Jetzt ist ja alles wieder gut.“

Bei den Autos angekommen, lasse ich mich erschöpft in Pauls Beifahrersitz fallen. Bailey sitzt auf meinem Schoß und wird so schnell nicht mehr losgelassen. Nico krault Bailey nochmal hinter dem Ohr und meint zu mir: „Meld dich, wenn irgendwas ist. Ruf mich an. Egal wann." Er gibt mir zum Abschied ein tröstendes Küsschen auf die Stirn und macht schließlich die Türe zu. „Machs gut, Kekschen."

Zuhause wartet Stella schon in meiner Wohnung auf uns. Ihre Tränen kann sie nur schlecht verbergen: „Mein Gott, ich hab mir solche Sorgen gemacht.“ Nach einem kurzen Gespräch verabschieden sie und Paul sich, damit Bailey und ich zur Ruhe kommen können. So setze ich mich mit meiner frischgewaschenen und noch herrlich nach Weichspüler duftenden Kuscheldecke auf die Couch und schalte den Fernseher an. Bailey hopst in derselben Sekunde auf meinen Schoß und schläft binnen weniger Minuten ein. Eine Zeit lang halte ich noch durch, beschließe jedoch, mich noch in die Badewanne zu legen, um mich aufzuwärmen. Seit dem Beginn unserer Suche kann ich nur sporadisch aufhören zu zittern. Bailey ist so weit weggetreten, dass er nicht mitbekommt, wie ich ihn in sein Körbchen vor dem Sofa packe. Der kleine Kerl ist so erschöpft, dass ihn wohl noch nicht mal eine Feuerwehrsirene aus dem Schlaf reißen könnte.

Dennoch tapse ich leise und behutsam auf Zehenspitzen ins Badezimmer und schalte direkt den Heizlüfter an. Eben noch mein Lieblings-Duschbad bereitgestellt und die Haare nach oben geklemmt, schäle ich mich aus meiner stellenweise noch feuchten Jeans und meinem Pullover. Ich lasse die Türe offen, um zu hören, wenn etwas mit Bailey sein sollte. Doch was ich im nächsten Moment höre ist nicht Bailey, sondern ein leises dumpfes Klopfen. Um mich zu versichern, dass ich mir die Geräusche nicht eingebildet habe, gehe ich zwei Schritte in Richtung Wohnungstüre. Tatsache. Nochmal drei kurze Klopfer. Es ist bereits kurz vor 23 Uhr und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wer um diese Uhrzeit noch etwas von mir will. Ich schnappe mir meinen Bademantel, schalte den Lüfter ab und werfe einen Blick durch den Türspion.

Es ist Nico. Damit hatte ich nun absolut nicht gerechnet und bin im ersten Moment etwas überfordert. „Nico, hey.“, hauche ich und bitte ihn mit einer Winkbewegung herein. „Hi Annie. Ich wollte lieber nicht klingeln. Hoffentlich störe ich nicht. Aber ich… ich hab einfach keine Ruhe gefunden. Ich konnte sehen, dass bei dir noch Licht an ist und musste unbedingt nochmal nach euch sehen.“, meint er und wippt dabei etwas nervös wirkend vom linken auf sein rechtes Bein und zurück. Wie rücksichtsvoll und einfühlsam er ist, beschert mir direkt wieder ein warmes Gefühl ums Herz. „Nein, du störst gar nicht. Ich hab… ich hab nur nicht mit dir gerechnet. Lieb, dass du dich sorgst. Aber es geht uns gut.“ „Das freut mich. Nur… du hast so arg geweint und Bailey hat so sehr gezittert. Ich… ich wollte nur nochmal… ich wollte dich nochmal sehen.“ „Bailey ist quasi sofort eingeschlafen, als wir hier angekommen sind. Und ich… ja ich wollte mich eben in der Badewanne aufwärmen. Ich kann irgendwie nicht wirklich aufhören zu frieren.“ „Oh, da ist ein heißes Bad genau das Richtige.“, meint er wie ein schüchterner Teenie und kratzt sich im Nacken. Im nächsten Augenblick dreht er sich um und greift nach der Türklinke: „Naja, dann will ich dich nicht länger aufhalten und werd mal wieder.“

Bevor er die Tür geöffnet hat, falle ich ihm erschöpft und gefühlsduselig in die Arme. „Danke, dass du heute da warst!“, seufze ich mit Tränen in den Augen. Nico umarmt mich wortlos so fest er kann und gibt mir damit ein unheimlich sicheres Gefühl. „Eigentlich will ich gar nicht, dass du gehst.“, murmele ich und sehe ihm tief in die Augen. Unsere Umarmung lockert sich kein Bisschen. Ich kann Nicos Herzschlag hören und fühle mich ihm noch näher als sonst. Kaum in der Lage, die Situation objektiv einzuordnen suche ich Antworten in seinen Augen. Antworten, derer zugehörigen Fragen ich mir nicht im Geringsten klar bin. Die Lichterkette, die wie ein Vorhang über meinem Schlafzimmerfenster hängt, glänzt in Nicos wunderschönen Augen. Ich bin gerade dabei, mich in ihnen zu verlieren, als er mit einem gewaltigen Bitzeln in der Luft haucht: „Ich will auch gar nicht gehen.“

Meine Hand streift sein breites Kreuz, seine stramme Brust und beendet ihre Reise schließlich in seinem Nacken. Mit den Fingerspitzen spiele ich in seinen Haaren herum, die im Nacken und seitlich kürzer getrimmt sind. Ich starre auf seine Lippen, die verführerischer nicht sein könnten. Mit dem Daumen streichele ich über seine mit langen Bartstoppeln überzogene Wange. Als er mir schließlich wortlos eine unbändige rehbraune Locke von der Stirn streicht, werde ich schlicht von meinen Emotionen übermannt und flüstere: „Dann bleib!“ bevor ich mich auf die Zehenspitzen strecke und ihn küsse. Nico presst mich fest an sich und zeigt mir damit, dass der Kuss goldrichtig war. Er erwidert ihn leidenschaftlich und ungestüm. Und so lässt er seine Hände über meinen Rücken und meinen Po wandern. Binnen Sekunden werden wir ungehaltener und stürmischer. Ich beginne, Nicos Hals zu küssen, was ihm augenscheinlich zusagt. Dass ich dabei meine Hand in seinen Schritt, der sich mir bereits begierig entgegen bäumt, gleiten lasse, lässt ihn unkontrolliert heftig und lüstern schnaufen. Die Stimmung lädt sich immer weiter auf und ich verzehre mich richtig nach ihm.

Plötzlich hält er mich mit beiden Händen fest und weicht einen Schritt zurück: „Annie warte.“ Sein Stopp aus heiterem Himmel verunsichert mich und so starre ich ihn großäugig und überfordert an. „Bist du sicher?“, will Nico wissen. Seine Zweifel sind verständlich, nachdem ich bisher immer die Notbremse gezogen habe, als zwischen uns so richtiges Prickeln aufgekommen ist. Doch seine Skepsis ist vollkommen unbegründet.

Ich will ihn. Und zwar hier und jetzt.

Im nächsten Augenblick stelle ich mich in den Türrahmen meines Schlafzimmers und lasse stillschweigend meinen Bademantel fallen, unter dem sich lediglich noch ein weißer BH mit Spitzenborten samt passendem Slip verbirgt. Nico seufzt grinsend vor sich hin: „Oh Mann!“, schlüpft aus seiner Jogginghose und seiner Sweatjacke und stürmt auf mich zu. Mit einem gut platzierten Griff unter meine Pobacken befördert Nico mich rüber zum Bett und vergräbt dabei wollüstig sein Gesicht in meinem Dekolleté. Seine Küsse und Berührungen fühlen sich so unbeschreiblich gut an, dass ich meine Fingernägel in seinen Nacken bohre. Ich richte mich auf und stoße ihn gekonnt auf die andere Seite des Bettes. Nico scheint Gefallen an meiner bestimmenden Art zu finden. Ich beuge mich über ihn und küsse ihn weiter, während ich nach einem Kondom aus meiner kürzlich erstandenen Großpackung greife. Ich lege es vorerst ab und zupfe ungeduldig an Nicos Shirt. Er richtet sich auf und lässt es sich widerstandslos ausziehen. Ich genieße es, wie er dabei meinen Hals und meine Brust küsst. Es dauert nicht lange, ehe Nico merkt, dass mein BH vorne zu öffnen ist. Seine Finger gleiten enthusiastisch zwischen meine Brüste und im Handumdrehen zieht er mir den BH aus. Ich werde zügelloser und mein Verlangen steigt rasant.

Nico hebt sein Becken, packt meinen Oberschenkel und meine Hüfte und verlagert mich mit einem Mal auf den Rücken. Er küsst mein Schlüsselbein, mein Brustbein, meinen Bauch und streift mir schließlich den Slip vom Leib. Nachdem er sich seines Boxershorts entledigt hat, küsst er mich weiter, während er seinen Händen sehr zu meinem Vergnügen freien Lauf lässt. Nico zwickt mich mit seinen Lippen in den Hals und während seine Finger mich nur noch mehr nach seinem Körper sehnen lassen, greife ich nach dem Kondom, öffne es mit den Zähnen und rolle es Nico über. Dass er auch fast vor Lust zergeht, kann ich dabei ganz deutlich ausmachen.

Nico geht auf die Knie und beugt sich über mich. Seinen warmen und bebenden Körper auf mir zu spüren bringt mich um den Verstand. Als wolle er sich nochmal abschließend versichern, sieht er mir tief in die Augen, bevor er sein Becken nach vorne schiebt. Es fühlt sich so unbeschreiblich gut an, Nico zwischen meinen Schenkeln zu spüren, dass ich direkt ab der ersten Sekunde in Ekstase bin. Unkontrolliert knete ich seine ausgeprägten Schulterblätter. Nico weiß, was er will und lässt mich das auch merken. Meine Hände streicheln über seinen Rücken und seinen festen Po.

In mir potenziert sich immer mehr und mehr Lust und so stoße ich ihn auf seinen Rücken. Ich vergeude keinen Augenblick um auf ihm Platz zu nehmen. Während Nico meine Beckenbewegungen sichtlich und hörbar genießt, streichelt er meine Brüste. Er richtet sich auf, um mein Dekolleté zu küssen. Seine Berührungen und Küsse fühlen sich unglaublich an. Er bringt mich um den Verstand und ich merke ein ganz bestimmtes Kribbeln in mir aufsteigen. Leise seufze ich seinen Namen und fahre mit den Fingern durch sein Haar. Nicos Atem wird schneller und sein Griff um mein Becken fester. Er seufzt leise und wollüstig meinen Namen und folgt meinen schnellen heftigen Bewegungen. Wir krallen uns hechelnd aneinander fest und genießen den gemeinsamen Orgasmus in vollen Zügen.

Nachdem wir einen langen und innigen Moment wie erstarrt waren, steige ich schließlich keuchend von Nicos Schoß und lasse mich neben ihm in die Kissen fallen. Nico greift umgehend nach meiner Hand und streichelt diese unentwegt. Und so liegen wir nun in meinem Bett. Nach Luft japsend und die Deckenleuchte anstarrend. Erschöpft. Nackt. Und zufrieden lächelnd. Überwältigt. Von wahnsinnig heißem Sex.

Nach ein paar still und leise verbrachten Minuten hechte ich aus dem Bett, schnappe mir meinen Bademantel und piepse: „Bin gleich wieder da!“ ehe ich aus der Tür verschwinde. Ich werfe einen kurzen Blick auf Bailey um zu checken, ob er etwas vom spätabendlichen Sportprogramm mitbekommen hat. Aber der schnarcht in aller Seelenruhe vor sich hin. Und so tapse ich - noch etwas wackelig auf den Beinen - zum Kühlschrank und nehme mir eine Wasserflasche heraus. Ich öffne sie und nippe kurz daran, während ich aus dem Fenster blicke. Vollkommen gedankenversunken starre ich auf die flackernde Straßenlaterne gegenüber, deren sanftes warmes Licht die Schatten meiner Zimmerpflanzen an der Wand tanzen lassen.

Ich zucke vor Schreck zusammen, als Nico mich unerwartet von hinten umarmt. „Sorry. Ich wollte dich nicht erschrecken.“, flüstert dieser Traummann und küsst dabei meine Schulter. Ich reagiere mit einem etwas zaghaften Lächeln und lehne meinen Kopf an seinen. „Alles in Ordnung, Annie?“ Ich kann Verunsicherung in Nicos Stimme hören. Er hat Angst, dass ich bereue, was passiert ist. „Alles gut.“, beteuere ich, drehe mich zu ihm um und lege meine Arme um seinen Hals. Nicos Hände wandern zu meinem Steißbein und verhaken sich dort. Seine Stirn beginnt sich zu runzeln: „Du wirkst… angespannt.“ „Das war heute ein langer Tag. Viele Geschehnisse. Einen so ereignisreichen Geburtstag hab ich seit dem Rockkonzert zu meinem 13. nicht erlebt. Das muss sich erstmal setzen.“, säusele ich und kann in seinen Augen lesen, dass ihn meine Aussage noch mehr beunruhigt und so beschwichtige ich: „Aber einen schöneren Ausgang hätte ich mir nicht wünschen können!“ Seine Miene erhellt sich und als ich ihm noch ein zuckersüßes Küsschen auf die Nase verpasse, macht sich gut erkennbar Erleichterung breit.

Frech wie ich sein kann, stehle ich mich an ihm vorbei und halte seine Hand fest. Während ich mich schmutzig grinsend umdrehe, frage ich ihn: „Wer hat dir eigentlich gesagt, dass du dein Boxershort wieder anziehen sollst?!“ Schließlich trabe ich mit ihm im Schlepptau zurück ins Schlafzimmer, wo wir direkt die zweite Runde einläuten. Ich habe ja zum Glück eine Großpackung Kondome gekauft.

Der nächste Tag beginnt wie erwartet mit einem Küsschen. Allerdings nicht mit einem Küsschen von oder für Nico. Nein, Bailey, der kleine Ausreißer hat ausgeschlafen und hoppst mit einem Satz auf mein Bett und drückt mir seine feuchtwarme Nase ins Gesicht. „Baileeey…“, brumme ich und schlage zögerlich meine Augen auf. Als ich mich umdrehe, sehe ich Nico und er verschafft mir direkt wieder Gänsehaut am ganzen Körper. Wie er da so liegt. Nackt. In meinem Bett. Mit meiner Decke um die Hüften und Kissenabdrücken auf der Wange. Seine Arme umschließen meine Schulter und mein Becken fest. Nur sehr widerwillig lässt er sich von Bailey, der ganz aufgeregt wegen Nicos Anwesenheit ist, wach schlabbern. „Oh du alte Sabberbacke!“, murmelt er verschlafen und vergräbt sein Gesicht in meinen zahlreichen Kissen. Dabei drückt er sich fest an mich und ich genieße seine Nähe in vollen Zügen.

Sowohl gegen meinen eigenen, als auch gegen Nicos Willen stehe ich auf um Bailey etwas Trockenfutter in seine Schale zu geben. Ich kenne schließlich mein kleines Scheißerchen und weiß, dass er uns so lange die Zehen, Hände und/oder Gesichter abschleckt, bis er endlich sein Fresschen kriegt. Schnell ein langes Trägertop übergeworfen, stapfe ich gähnend los. Doch schon auf dem Weg in die Küche fallen mir unentwegt die Augen zu. Ich hab einfach zu viel Schlaf nachzuholen. Und so krieche ich wieder zu Nico unter die Bettdecke.

Nachdem ich zum Einschlafen gerade mal vier Sekunden gebraucht habe, ist es wenig verwunderlich, dass ich direkt wieder vollkommen weggetreten war. Das stelle ich auch fest, als ich nach fast einer Stunde wieder wach werde und mich noch immer wie überfahren fühle. Doch das ist nicht der einzige Punkt, der mir nicht gefällt. Nein, meine Hand greift auf der Suche nach Nicos starken Armen oder seiner maskulin definierten Brust schlicht ins Leere. Ruckartig richte ich mich auf und starre auf die andere Seite meines Bettes. „Nico?“, rufe ich und sitze mit gespitzten Ohren auf Rückmeldung wartend da. Doch es tut sich nichts. Keine Antwort. Kein Laut. Nichts.

Etwas irritiert tapse ich los in Richtung Wohnzimmer. Doch auch mein weiteres Rufen nach Nico bleibt erneut ohne Entgegnung. Die Verunsicherung in mir steigt innerhalb kürzester Zeit. Etwas hektischer laufe ich ins Bad. Kein Nico zu sehen. Und schon fast verärgert hechte ich zurück ins Schlafzimmer. Beim Blick auf meinen Nachttisch rutscht mir mein Herz fast in die Hose: Nicos Handy, Schlüssel und sein Geldbeutel sind weg. Nico ist mit Sack und Pack gegangen. Er hat auch keinen Zettel hinterlassen oder mir eine Nachricht geschickt.

So richtig will ich die im Raum stehenden Gedanken nicht zulassen, aber ich kann sie nicht gänzlich blocken und wegsperren. Soll es das jetzt gewesen sein? Zweimal pimpern und ohne Nachricht einfach verschwinden? Nein! So ist Nico nicht! Andererseits hat er schon beim Aufbau meines Bettes schmutzige Sprüche gerissen. Wollte er vielleicht gar nicht… sondern nur… „NEIN!“, sage ich mit geballter Faust zu mir selber. „Nico ist nicht so!“

Und im nächsten Moment sollte ich Recht behalten und freue mich fast übermenschlich, als Nico die Tür aufschließt und mit einer Tüte vom Bäcker herumwedelt: „Guten Morgen Dornröschen! Ich war kurz mit Bailey draußen und hab Croissants mitgebracht.“ So fixiert wie ich auf Nico war ist mir Baileys Abwesenheit zunächst gar nicht aufgefallen. „Was guckst du denn so?“, fragt er amüsiert über meinen wohl dumpfbackigen Gesichtsausdruck und hängt meinen Wohnungsschlüssel wieder an mein Schlüsselbrett. „Ähm… nichts. Ich bin nur…“, erwache ich aus meiner Trance: „…erstaunt, dass du einen halben Tag erlebt hast, ehe ich überhaupt die Bettfalten aus dem Gesicht kriege.“ Hinreißend wie Nico ist, drückt er sich an mir vorbei, küsst mich sanft auf die Nasenspitze und meint: „Du siehst süß aus wie immer. Ob mit oder ohne Bettfalten.“ Ich trabe ihm noch immer etwas von den Socken hinterher: „Was hast du denn noch so alles getrieben, als ich weitergeschlafen hab?“ „Och ich hab Bailey nochmal etwas Futter nachgefüllt, mir einen Kaffee aus deiner Maschine genehmigt und ein bisschen Zeitung gelesen. Eigentlich wollte ich noch duschen, aber bin dann lieber los, weil ich Schiss hatte, dass Bailey in die Wohnung pullert.“

So sexy wie er da aus seiner Sweatjacke schlüpft und sich sein trainierter Body unter dem enganliegenden hellgrauen Shirt abzeichnet, kommt mein Unterleib direkt wieder in Wallung und ich gehe ohne groß zu überlegen in die Offensive. Ich lasse meine Hände über seine Oberarme gleiten und drücke ihm mein Becken entgegen: „Naja vielleicht war es ja nicht schlecht, dass du noch nicht geduscht hast. In meine Dusche…“, säusele ich und ziehe in Zeitlupe den Reißverschluss seiner Jacke nach unten: „…passen auch zw…“ Da werde ich plötzlich von meiner Türklingel unterbrochen und zucke zusammen. Oh Mann! Nico ist voll auf meine Einladung eingestiegen. Er hat schon mein Top leicht angehoben und mich am Hintern befummelt.

Entsprechend entnervt stapfe ich zur Türe und öffne diese etwas enthusiastischer als gewohnt. Völlig unerwartet steht Stella im Hausflur: „Hey Mäuschen. Ich hab geradeben deine Türe gehört und wollte mal nach dir und Bailey sehen. Paul bringt grade den Kleinen in die Einrichtung und hält noch kurz beim Bäcker in der Pappelstraße. Ich dachte, wir könnten zusammen frühstücken.“ Ich bin gerührt von ihrer Fürsorge, doch eigentlich war die nächste halbe Stunde bis Stunde meinerseits anderweitig verplant. Für einen kurzen Augenblick sieht Nico, der wie eingefroren vollkommen regungslos, damit die Croissant-Tüte in seiner Hand nicht laut losraschelt, um die Ecke steht mich an. Doch dann gibt er sich zu erkennen und ich gucke gespannt zu, wie er seine Anwesenheit erklären will. „Hey Stella. Lustig: Ich hatte die gleiche Idee. Nur war ich nicht in der Pappelstraße, sondern in der Blauhofer…“ „Ach, Nico hey. Na - je mehr, desto besser!“, freut sie sich und tänzelt in die Küche. Das zerwühlte Bett und die zwei leeren Kondompackungen unter meinem Bettrand sieht sie glücklicherweise nicht und so entschuldige ich mich, um mich kurz frisch zu machen.

Im Badezimmer angekommen zaubere ich aus meiner Mähne zunächst einen Knödel und mache eine schnelle Katzenwäsche. Ich muss lächeln, als ich den Spiegelschrank öffne und sehe, dass Nico sich eine frische Zahnbürste aus der Packung genommen hat. Beim Gedanken an letzte Nacht knabbere ich mir unbemerkt auf der Lippe herum und meine Nackenhaare stehen mir zu Berge. Es war einfach wunderschön. Eben noch Zähne putzen und dann schlüpfe ich in meinen geliebten grauen flauschigen Jogginganzug. Gerade als ich nach den leeren Kondomhüllen greifen will, klingelt es erneut und so mache ich mich direkt auf den Weg.

Doch Nico ist mir zuvorgekommen und lässt Paul schon herein. „Hey Nico. Dich hab ich hier nicht erwartet.“, begrüßt Paul ihn und zwinkert dabei schelmisch schmunzelnd. Nico gibt sich jedoch als Gentleman und schweigt sich weitestgehend aus. Auch wenn sein überbreites Grinsen eigentlich für sich spricht. „Guten Morgen Paulchen. Hereinspaziert, ich hab die guten Croissants besorgt.“

Während Stella und Paul Teller und Besteck auf dem Esstisch verteilen und Nico Tassen und Gläser aus dem Küchenschrank holt, kann ich einfach nicht widerstehen. Wie er da so über die Spüle gelehnt steht und sich nach den Tassen streckt. Von den anderen unbemerkt stelle ich mich dicht neben ihn und kneife ihm in seinen knackigen Hintern. „Heeey!“, flüstert er glucksend. Selbstbewusst schnappe ich mir die Tassen aus seiner Hand und flaniere zum Tisch.

„Das Frühstück ist genau das Richtige nach dem Schock gestern.“, meint Stella besorgt und streichelt Bailey, der auf ihrem Schoß Platz genommen hat, über sein Köpfchen. Nico kann sich eine kurze Stichelei nicht verkneifen und prustet: „Ja das war gestern schon… der Wahnsinn.“ Um sein spitzbübisches Grinsen zu verstecken schiebt er sich hinterher ein halbes Croissant auf einmal in den Schnabel. „Ganz schrecklich. Aber zum Glück ist der Kleine wieder da wo er hingehört. Er hatte bestimmt riesige Angst. Paul hat erzählt, er saß jaulend unter einer Parkbank.“, steigt Stella nichtsahnend auf Nicos Aussage ein. Pauls Blick zufolge scheint er langsam Lunte zu riechen, doch bisher ist er eher schweigsam unterwegs. Der guten Stimmung am Tisch tut das jedoch keinen Abbruch. Wie gewohnt verstehen wir uns prächtig und kommen von einem Thema ins nächste.

Nico ist gerade dabei, uns einen Schwank aus seiner Jugend oder besser gesagt eine gemeinsame Saufgeschichte mit Paul zu erzählen, als plötzlich sein Handy klingelt. „Oh, das ist euer Vater, Mädels. Da muss ich natürlich ran.“, sagt er bei einem Blick auf sein Display. „Paul, erzähl du weiter. Ich verziehe mich kurz.“ Ich lege meine Hand auf Nicos unteren Rücken und schiebe ihn liebevoll an mir vorbei: „Klar doch. Geh ins Bad oder ins Schlafzimmer. Da hast du Ruhe.“ Und als Paul sich endlich eingeladen fühlt, aktiver am Tischgespräch teilzunehmen und seine Detektivpose ruhen lässt, klopft es auch noch mörderisch laut an der Wohnungstüre. „Mensch Annie, bei dir geht es ja zu wie am Bahnhof.“, wundert sich nicht nur Stella über die Unruhe.

Ich öffne neugierig die Türe und traue meinen Augen kaum: Es ist Lars. „Was tust du denn hier? Ich dachte, du bist schon wieder weg.“ „Hallo Engelchen. Ich hab den Auslandsjob abgebrochen. Die kommen auch ohne mich klar. Darf ich reinkommen?“, fragt er und drückt mir zur Begrüßung ein Küsschen auf die Wange. „Ähm… klar. Komm rein.“ „Ich wollte dich unbedingt sehen. Es tut mir so leid. Ich habe mich gestern benommen wie…“ Da kommt seinem netten Monolog Nico, der fröhlich pfeifend aus meinem Schlafzimmer kommt, dazwischen und lässt Lars just mitten im Satz stoppen. „Wi… Winter?“, gatzt er mit großen Augen drauf los. Nico setzt auf blanke Provokation und boxt Lars freundschaftlich auf die Schulter: „Hey Ecki. Lust auf ein Croissant?“ Weiterhin bestens gelaunt tänzelt er wieder zu den anderen.

Lars ist mittlerweile kreidebleich angelaufen und starrt ungläubig auf den Boden. „Stella und Paul sind auch da. Los komm schon. Ich hol dir einen Teller. Kaffee?“, amüsiere auch ich mich ein kleines Bisschen über seinen befremdlichen Gesichtsausdruck. Doch in ihm drin scheint es unaufhörlich zu rattern. Er blickt durch den offenen Türspalt in mein Schlafzimmer und seine Miene versteinert sich zusehends. Oh nein! Habe ich die Kondomhüllen weggeräumt oder hab ich es vergessen? Wie vom Blitz getroffen hechte ich zur Schlafzimmertür und schließe sie. Dass ich dabei zur Ablenkung irgendwelchen Blödsinn über Unordnung und gekippte Fenster plappere, scheint Lars nicht so recht zu beeindrucken.

Sehr zögerlich folgt er mir zum Esstisch und findet erst vor den anderen seine Sprache wieder: „Hey… Leute.“, begrüßt er meine Gäste mit einem sichtlich gequälten Grinsen. Er setzt sich auf den Stuhl neben mich und bedankt sich für den Kaffee. Paul ergänzt Jugendsünde für Jugendsünde und bringt uns damit lauthals zum Lachen. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass die anderen wohl durch das lautstarke Gelächter nichts davon mitbekommen, dass Nico und ich unter dem Tisch ein wenig füßeln. Immer wieder werfen wir uns verstohlene Blicke zu und Nico toppt das Ganze mit einem lockerflockigen Spruch während meines beiläufigen Gesprächs mit Stella. „Annie denkst du bitte an Dannys Kindergartenfest am Freitag? Du hattest ja versprochen, ihn zu begleiten. Und er wünscht sich übrigens deinen Zebrakuchen.“ „Klar doch. Ich werd den Kuchen Donnerstagabend backen. Hab auch schon dafür eingekauft.“ „Super. Der Kleine steht so auf diesen Zebrakuchen. Seit Tagen liegt er mir damit in den Ohren. Aber ich muss gestehen: Den hast du auch echt drauf.“, schwärmt Stella. Nico rührt seinen Kaffee um, linst schmutzig grinsend in die Tasse und murmelt allerseits gut hörbar vor sich hin: „Annie hat vieles drauf!“ Ich bin derart überrascht und ersticke fast an meinem Croissant. Ein Schmunzeln kann ich mir zwar nicht verkneifen, weise ihn jedoch mit einem gekonnten Tritt gegen den Knöchel zurecht. „Aua!“, zischt er und gluckst dabei laut. Da treffen sich unsere Blicke und wir müssen schließlich gemeinsam kichern.

Aus heiterem Himmel springt Lars auf und prustet: „Annie und ich hatten Sex!“ Es herrscht absolute Stille am Tisch. Ich kann nicht fassen, was sich hier zuträgt. „Neulich. Als wir ihren Geburtstag gefeiert haben. Jaaa… wir waren etwas angetrunken und da… ist es einfach passiert. Aber es war nicht nur… nicht nur ein Ausrutscher oder etwas dergleichen. Nein!! Wir haben beschlossen…“ Paul hält sich die Augen zu und murmelt leise vor sich hin: „Sags nicht!“ „… unsere Beziehung wieder aufleben zu lassen. Unsere Herzen haben nie ganz aufgehört für einander zu schlagen. Und während der ganzen Zeit, die wir in den letzten Wochen miteinander verbracht haben… sind die Gefühle schlicht und ergreifend wieder neu entflammt.“

Ich fühle mich vollkommen gelähmt. Absolut bewegungsunfähig und außer Stande, irgendetwas zu tun. Paul und Stella starren mich entsetzt an. Mein Puls schnellt nur so in die Höhe und explodiert fast, als ich zu Nico blicke. Er zeigt keine offensichtliche Regung. Doch sein Gesichtsausdruck wirkt geschockt und erschüttert. Lars’ Fortsetzung gibt ihm den Rest: „Wir wollten es eigentlich noch ein Weilchen für uns behalten, aber ich möchte es am liebsten in die Welt hinausschreien. Tut mir sehr leid, Engelchen. Das war anders geplant, ich weiß.“ Er drückt mir völlig unversehens einen fetten Kuss auf die Lippen und zwinkert Nico zu: „Da bin ich dir wohl zuvorgekommen, Winter!“ Nico schnaubt kurz, hebt die Augenbrauen und gibt sich gespielt belustigt: „Tja manchmal… kommt eben alles anders als erwartet.“ Er knüllt seine Serviette fest zusammen, um nicht an seinem Unmut zu ersticken.

Da versuche ich, die Situation zu klären und beginne gedanklich 1000 Sätze, die ich leider allesamt nicht zu beenden weiß: „Ähm… Lars vielleicht sollten wir uns mal in Ruhe über die Situa…“ Mit einem Satz rutscht Nicos Stuhl unter lautem Gepolter nach hinten und er wirft gleichgültig besagte Serviette auf seinen Teller: „Ich werd dann mal gehen.“ „Was denn, jetzt schon?“, will Stella die Spannungen weg reden und übergeht dabei einfach Larss‘ albernes Gefeixe: Vollkommen unangebracht trötet Lars triumphierend weiter: „Winter! Komm schon. Jetzt sei kein schlechter Verlierer!“ Auch Nico schenkt Lars keinerlei Beachtung mehr, was ihm sichtlich schwerfällt: „Ja ich… hab noch was zu erledigen. Also dann.“ Er klopft zur Verabschiedung mit den Fingerknochen auf die Tischplatte und schiebt sich eilig an Lars und mir vorbei. Ich kann die Situation nicht so stehen lassen und springe auf: „WARTE! Ich… bring dich noch zur Tür.“

Verzweifelt folge ich ihm in den Flur und versuche, auf ihn einzureden: „Nico ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es ist…“ Da dreht er sich zu mir um, sieht mich mit einem vernichtenden Blick an und stellt mir eine gewichtige Frage, bei deren Beantwortung ich ungewollt ins Stocken gerate: „Sag mir eins, Annie: Hast du wirklich mit Lars geschlafen?“ „Äh… also… weißt du…“ „Komm schon! Du warst zwar hackevoll, aber sowas verpeilt man doch nicht. Also: Was ist dran an Lars‘ Geschichte?“ 

 

Sein finsterer Blick treibt mir einen Schauer nach dem anderen über den Rücken. Noch vor fünf Minuten waren wir wie verliebte Teenies. Mein Herz ist mir vor Glück fast aus der Brust gesprungen und ich konnte einfach nicht aufhören, zu lächeln. Und jetzt? Jetzt bin ich vollkommen überfordert und weiß überhaupt nicht, wie mir geschieht. Möglichst rücksichtsvoll versuche ich krampfhaft, die richtigen Worte zu finden: „Ich kann… ich kann mich nur wiederholen, Nico. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ War eben noch ein winziger Schimmer Hoffnung in Nicos vertrauensseligen schönen Augen zu erkennen, wird sein Blick plötzlich leer und gleichgültig. Er lässt die Schultern hängen und erwidert mit ungewohnt boshaftem Tonfall: „Du musst auch nichts mehr sagen. Dein FREUND… hat alles gesagt.“ Noch bevor meinerseits die erste Träne fließt, verschwindet er im Treppenhaus und verlässt das Haus mit einem lauten Türenknallen.

Ich balle erschüttert meine Faust und gebe mir größte Mühe, meinen Schmerz runter zu schlucken. Gedankenversunken trabe ich langsam und hängenden Kopfes wieder an den Esstisch. Mit mir ist nicht mehr viel anzufangen. Das Drama um Nico lässt mich nicht mehr los und zu allem Überfluss bekomme ich vom fieberhaften Grübeln auch noch Kopfschmerzen. Stella sieht mir meinen seelischen Schmerz an und beschließt, mich vorerst alleine zu lassen, damit ich die Situation gedanklich einordnen und den Schock über die Geschehnisse verdauen kann: „Okay Männer: Dann räumen wir mal den Tisch ab und lassen Annie in Ruhe.“

Auch wenn Lars, der Unruhestifter höchstpersönlich, sich anfangs noch sträubt, bin ich eine halbe Stunde später wieder mit Bailey allein. Ich habe in der Not erzählt, dass ich Kopfschmerzen hätte und so hat Lars sich abwimmeln lassen. Dabei waren die nicht mal geschwindelt. Aber mein Kopf ist im Moment mein geringstes Problem. Es ist mehr mein durch Nicos Abgang stark in Mitleidenschaft gezogenes Nervenkostüm, das mich größte Kraft kostet. Meine innere Unruhe frisst mich schier auf und so kann ich einfach nicht anders, als zu meinem Handy zu greifen und Nicos Nummer zu wählen. Und der erste Versuch, mit ihm zu sprechen oder ihm eine Erklärung zu präsentieren oder alles richtig zu stellen schlägt genauso fehl wie die acht folgenden. Den Rest gibt mir schließlich die Tatsache, dass Nico mich beim letzten Anruf wegdrückt. Mit einem fiesen Stechen in der Brust sacke ich auf die Couch und beschließe, es für den Moment gut sein zu lassen.

Stunde um Stunde trödele ich in meiner Wohnung umher. Mit den Gedanken unaufhörlich bei Nico. Er hat so verletzt geguckt, dass es mir das Herz bricht. Und so verschwinde ich gegen 9 Uhr in mein Bett und verkrieche mich unter die Decke. Doch mein Plan, meine erschütternden Gedanken so zu verdrängen, scheitert an Nicos Duft, der noch in meinen Laken hängt. An seinem herben Aftershave, welches sich auf meine Kissen gelegt hat. An seinen unbeschreiblichen Berührungen und Küssen, die ich in diesem Augenblick erneut durchlebe. Und nach denen ich mich gerade mehr sehne als jemals zuvor.

Irgendwann zwischen Mitternacht und 2 Uhr siegt schließlich die Erschöpfung und ich schlafe ein.

Die unruhige Nacht endet mit den ersten morgendlichen Sonnenstrahlen, die sich durch meine Gardine direkt in meine Augen kämpfen. Wer mal gesagt hat „Neuer Tag - Neues Glück“ muss ein ziemlicher Pfosten gewesen sein. Ich fühle mich nach wie vor 100 Jahre alt und beim Gedanken an die Geschehnisse vom Vortag schnürt sich mein Hals zu.

Nichtsdestotrotz gebe ich mir Mühe, den Tag einigermaßen erhobenen Hauptes zu beginnen und meine missmutigen Gefühle mit massig starkem Kaffee zu übertünchen. Für Wodka ist es doch noch etwas früh finde ich. Und so schnappe ich mir nach einer heißen Dusche meinen Jogginganzug, meinen randvollen Thermobecher, Schlüssel, Handy, Leine und Bailey und drehe meine gewohnte Runde mit dem kleinen Schatz im Park. Zwar rebelliert mein Kopf mehr und mehr, doch ich kann nicht anders und werfe einen Blick rüber zu Nicos Wohnung. Sein Auto steht vor dem Haus. Er scheint also zuhause zu sein.

Im nächsten Moment laufe ich wie ferngesteuert immer weiter in diese Richtung. Mein Kopf fühlt sich an, als würde er im Stand-by-Modus stehen. Doch auch wenn sich mein Magen mit jedem Schritt mehr zusammenzieht und mein Herz in Überschallgeschwindigkeit schlägt, kann ich nicht anders.

Und so finde ich mich im nächsten Moment vor seiner Wohnungstüre wieder. Gerade will ich klopfen, als sich ohne Vorwarnung die Türe ruckartig öffnet und Nico mir gegenübersteht. „Nico!“, ploppt es erschrocken aus mir heraus. Bevor seine Miene sich in tiefstes Schwarz hüllt, kann ich auch ihm seine Überraschung ansehen. „Was willst du denn hier?“, fragt er rotzig und ist dabei nicht imstande, mir in die Augen zu blicken. „Ich wollte mit dir reden.“, höre ich mich in einer aufgebrachten und gleichzeitig weinerlichen Stimmlage sagen. Er runzelt die Stirn und schlägt sich die flache Hand auf den Oberschenkel. Sein Achselzucken lässt Gleichgültigkeit erkennen: „Ich finde es gibt da eigentlich gar nichts zu reden.“ „Nico bitte. Es ist…“ „…was? Anders als es aussieht? Nicht so wie ich denke?“, wird er zusehends ruppiger, ehe er sich an mir vorbeidrückt: „Ich… ich kann das jetzt nicht. Annie, du hast jemanden betrogen. Und als wäre das nicht unverzeihlich genug… hast du damit auch mich zum Betrüger gemacht. Lass mich in Zukunft in Ruhe.“ Seine Worte lassen mich augenblicklich verstummen. Er dribbelt die Treppe nach unten und ich bin schier bewegungsunfähig. Bailey will ihm leise jauchzend hinterher, doch ich finde nicht die Kraft, mich auch nur umzudrehen. Wie auf Knopfdruck füllen sich meine Augen mit Tränen und mein Herz mit einem unbändigen Schmerz.

Nachdem ich einige Minuten regungslos vor Nicos Wohnungstüre ausgeharrt habe, höre ich Stimmen im Treppenhaus und verschwinde, ehe mich noch jemand sieht. Nur mit größtem Kraftaufwand kann ich verhindern, noch auf dem Nachhauseweg bitterlich zu weinen.

Erst als ich meine Türe mit dem Rücken geschlossen habe, brechen alle Dämme und ich lasse den Herzschmerz einfach raus. So sinke ich zu Boden und schluchze nur so. Auch Baileys Versuche, mich zu trösten, laufen ins Leere. Ich kann einfach nicht aufhören, zu weinen. Zu sehr haben mich Nicos Worte verletzt. Und seine Art. Sein Blick. Und sein Tonfall.

Plötzlich öffnet sich meine Badtür und Paul steht mit großen Augen im Türrahmen: „Annie! Was ist denn los?“, sorgt er sich und bückt sich zu mir herab. Ich bin so fertig, dass ich mich zunächst nicht mal über seine Anwesenheit wundere, sondern mich einfach an seinem Hemd festklammere und tränenüberströmt jaule.

Erst nach einigen Minuten gelingt es mir, mich ein wenig zu beruhigen. Paul hilft mir auf und befördert mich auf die Couch. „Was ist denn nur los? So aufgelöst hab ich dich noch nie gesehen.“, hakt er nach und rennt nach einem Glas Wasser. Schniefend und wimmernd berichte ich ihm, was Ursache für meinen mentalen Zusammenbruch ist. „Und dann hat er gesagt, ich hätte ihn zum Betrüger gemacht. Und dass… dass ich ihn in Ruhe… lassen soll.“ Paul atmet tief durch und ich kann es in seinem Kopf förmlich rattern sehen. „Das hat er gesagt?“, vergewissert er sich und legt offen, warum Nico so erbarmungslos auf die Situation reagiert. Seine Worte jagen mir einen eiskalten Schauer über den Rücken.

„Es ist so: Nico… Nicos Vater hat seine Mutter jahrelang betrogen. Er hatte eine mehrjährige Affäre mit einer Frau, die er auf einer Auslandsreise kennengelernt hat. Seine Mutter hatte keine Ahnung. Und als sie die beiden schließlich eines Tages in flagranti erwischt hat, war sie erschüttert. Sie hat ihn und seine Affäre direkt beschimpft und war am Boden zerstört. Es kam zu einer lautstarken Auseinandersetzung, bei der Nicos Vater alles gestand. Zu allem Überfluss war seine Geliebte schwanger, was Nicos Mutter unheimlich verletzt hat. Im Streit wollte sie aus der Situation flüchten und ist aus Unachtsamkeit auf die Straße gerannt. Sie wurde von einem… Auto angefahren und tödlich verletzt.“ Mir stockt der Atem. Ich kann nicht fassen, was ich da höre. Entsetzt halte ich mir die Hände vor den Mund. 

 

Doch die Geschichte hat noch mehr Tragik zu bieten: „Nico war damals erst acht Jahre alt. Er kam gerade von der Schule und hat den Streit mit angehört.“ „Oh Gott!“, stöhne ich atemlos, „Dann hat Nico…“ „Er hat alles mit angesehen. Er hat mir mal… erzählt, dass er noch immer zusammenzuckt, wenn er Benzin riecht. Nico hing sehr an seiner Mutter. Er war das Nesthäkchen und sein Vater war viel arbeiten. Für ihn ist einzig und allein sein Vater und dessen Betrug Schuld am Tod seiner Mutter. Seither reagiert er unheimlich gereizt auf Betrügereien. Egal in welcher Hinsicht.“ „Aber Paul, ich hatte… ich hatte ja keine Ahnung. Und das mit Lars… das ist… ich war so betrunken. Von Betrug kann man da gar nicht sprechen. Ich weiß ja gar nicht, ob… aber wieso sollte Lars lügen?! Ich kann mich an nichts mehr… Gott ich war so sturzbetrunken.“, plappere ich vollkommen überfordert vor mich hin ehe Paul mir dankbarerweise ins Wort fällt: „Ich werd nochmal mit Nico reden.“, meint er und legt seinen Arm um mich: „Und dann schauen wir mal, was sich daraus ergibt. Nico ist ein super Kerl. Und du bist zuckersüß. Vor allem durchgeknallt… aber auch süß… das wäre doch gelacht.“ Es ist so lieb, dass Paul versucht, mich aufzumuntern und nochmal das Gespräch mit Nico suchen will.

Nach einer langen und herzlichen Umarmung, dämmert mir plötzlich eines: „Sag mal, was machst du denn eigentlich hier?“ „Ähm… vorhin wurde dein Unterschrank fürs Badezimmer geliefert. Ich dachte, den montiere ich dir direkt, weil ich ja morgen wieder arbeiten muss und abends mit Danny das Fußballspiel ansehen will. Aber ich hab dir extra eine Nachricht geschickt.“, entschuldigt er sich schon fast. „Ach, kein Problem. Danke Paul. Für… naja alles.“ „Schon gut. Mache ich doch gerne.“ Ich kenne Paul inzwischen ziemlich lange und ziemlich gut. Und ich kann ihm ansehen, dass ihn noch irgendetwas beschäftigt. Doch bevor ich nachfragen kann, zwinkert er mich kindisch grinsend an: „Dann hast du also mit Nico gepennt, ja?!“ Ich rolle schnaubend mit den Augen. Das muss ihm als Antwort genügen. Klar, dass der Sex in so einer Geschichte bei den Männern am präsentesten im Oberstübchen hängen bleibt. Doch mein genervter Blick sorgt dafür, dass Paul die Lust an weiteren Rückfragen vergeht.

Nach dem Gespräch mit Paul geht es mir tatsächlich wieder etwas besser und ich konnte bei einem kurzen Mittagsschläfchen etwas Kraft tanken. Zeit, die nächste Baustelle in Angriff zu nehmen: LARS. Ohne mich besonders vorzubereiten oder mir passende Worte und Phrasen zurecht zu legen, rufe ich ihn an und bitte um ein Treffen: „Ich denke, wir sollten uns in Ruhe unterhalten. Über alles, was die letzte Zeit so… los war. Wie sieht es aus? Möchtest du morgen eventuell zum Abendessen vorbeikommen? Ich könnte Lasagne machen.“, schlage ich vor und freue mich, als Lars zusagt. Immerhin ein Problem, das sich relativ unkompliziert lösen lässt.

Mittwochabend, 18:30 Ihr. Pünktlich wie immer klingelt Lars an der Haustüre und stellt sich beim Verspeisen meiner überall beliebten Lasagne meiner Flut aus Fragen. Zuerst möchte ich abklären, wie die berühmt berüchtigte Schnapsnacht geendet hat und höre mir interessiert, peinlich berührt und teilweise irritiert Lars’ Ausführungen an: „Ich lag dann auf dem Sofa und war gerade dabei einzudösen. Plötzlich kamst du mit einer Wolldecke zu mir und wolltest sie mir überwerfen, damit ich nicht friere. Als du mich zugedeckt hast bist du im Rausch gestolpert und so lagst du auf mir.“ „Und…“, traue ich mich kaum zu fragen und kneife die Augen zu: „…daaann?!“ „Du hast mich geküsst. Und wie! Richtig gierig und scharf. Dir konnte es gar nicht schnell genug gehen, dass ich meinen…“
„Oookaaaay!!!“, unterbreche ich laut trötend Lars’ sehr anschauliche und detaillierte Darstellung. „Sorry. Naja… wir hatten eben Sex. Ziemlich heiß. Und schmutzig. Und das ganze zwei Mal!“ Ich ersticke fast an meiner Lasagne und lasse verzweifelt meinen Kopf hängen. „Bereust du es etwa?“, will Lars berechtigterweise wissen. Am liebsten würde ich ein lautes und klares >JA< anbringen, doch ich will ihn nicht verletzen und lasse mein Hirn auf Hochtouren laufen, um angemessene Worte zu finden.

Gerade als ich in der hinterletzten Ecke fündig werde und etwas Einfühlsames und Aufbauendes sagen will, klingelt Lars‘ Handy. „Oh… entschuldige mich. Ich werd besser rangehen.“ Direkt an seinem zweiten Satz merke ich, dass etwas nicht stimmt. Larss Blick zeigt Besorgnis und seine Stimme beginnt zu zittern. „Okay. Haltet mich unbedingt auf dem Laufenden. … Ja alles klar. … Ciao.“ „Lars, was ist denn los?“, frage ich ohne Umschweife und lege ihm tröstend meine Hand auf die Schulter. Er senkt seinen Blick, legt seine Hand auf meine und schweigt wenige nervenzerreißende Sekunden. „Das war meine Mutter. Es… es geht um meinen Opa.“ Mir schwant nicht Gutes und so warte ich ungeduldig und zag auf weitere Infos. „Er hatte… einen Herzinfarkt. Einen… schweren Herzinfarkt.“ Ich fühle mich betroffen und nehme ihn in den Arm: „Mein Gott, Lars. Das tut mir so leid.“ „Danke, das ist unheimlich lieb von dir. Meine Mutter ist ins Krankenhaus gefahren und gibt mir Bescheid, sobald sie etwas Neues erfährt.“ „Dann… dann pack ich dir etwas von der Lasagne ein. Und deiner Mama auch.“, gerate ich direkt in Hektik, „Ihr werdet wahrscheinlich eh nichts runterkriegen. Aber dann habt ihr wenigstens…“ „Annie! Annie! Stopp! Was treibst du denn da? Leg die Topflappen weg.“, unterbricht Lars mein Gezeter. So richtig werde ich aus seiner Reaktion nicht schlau und hinterfrage etwas dummdreist, weshalb er mich aufhält: „Aber Lars… du… du willst doch sicherlich ins Krankenhaus, oder?“ Lars‘ Gesichtsausdruck zeigt vorerst keine Regung. Sicherlich ist er schlicht und einfach durcheinander von den furchtbaren Nachrichten. Doch er fängt sich kurzerhand und meint: „Äh… äh ja klar. Bitte entschuldige. Natürlich mache ich mich… direkt auf den Weg… ins… ins Krankenhaus.“ „Klar doch. Wir verschieben unser Abendessen auf einen günstigeren Zeitpunkt. Zieh dir schon mal deine Jacke an. Ich werd die Lasagne einpacken.“

Lars wirkt sehr geknickt und trübselig. Verständlich. Er und sein Opa hatten schon immer ein gutes Verhältnis. Ich bringe ihn noch zur Türe und kann mein tiefes Mitgefühl nicht verbergen. Zum Abschied umarme ich ihn lange und innig so fest ich kann. „Dann machs gut, Lars.“, hauche ich und erschrecke mich fast zu Tode, als ich einen Schritt zurücktrete und Nico hinter Lars stehen sehe. Augenrollend und ziemlich finster dreinblickend. „Nico!“, ploppt es überrascht aus mir heraus. Lars dreht sich zu ihm um und ehe ich mich versehe, drückt er mir einen dicken Schmatzer auf die Lippen. Unangenehmer könnte mir die Situation nicht sein und auch Nico scheint genug gesehen zu haben und klingelt bei Paul und Stella, ohne mich weiter zu beachten.

Während man Lars Stufe für Stufe nach unten eilen hört, wage ich einen Versuch und spreche Nico nochmal an: „Hey… was treibt dich denn… hier her?“ Wie erwartet zeigt er mir die kalte Schulter - im wahrsten Sinne des Wortes. Er starrt die geschlossene Türe an und murmelt muffig und kaum zu verstehen: „Ich seh mir mit Paul und Danny das Spiel an.“ Im nächsten Moment öffnet Danny die Türe und bittet seinen geliebten Nico freudestrahlend herein. Schon fast hat er die Türe geschlossen, entdeckt er mich mit langem Gesicht im Flur stehen: „Annie! Schau doch mit uns!“ Er packt kurzerhand meinen Ärmel und zerrt mich in die Wohnung. „Äääh…“, gatze ich los und werfe einen absichernden Blick zu Nico. Doch sein Gesichtsausdruck wirkt so abschreckend, dass ich beschließe, mich vorerst lieber fernzuhalten: „Das ist ganz ganz lieb von dir, Danny. Aber ich muss… noch… nach einem Rezept suchen. Für… für den Kuchen zum Kindergartenfest am Freitag.“, bin ich erleichtert, dass mir so schnell eine Ausrede eingefallen ist. Doch die Freude währt nicht lange.

Hätte ich gewusst, was für einen Rattenschwanz das Thema Kindergartenfest mit sich bringt, hätte ich lieber noch ein paar Sekündchen weitergegrübelt. Danny bildet sich ein, dass Nico uns ja begleiten könnte. „Immerhin wären Mama und Papa auch zusammen mitgekommen, wenn Mamas Kugeldoktor-Termin nicht am Freitag wäre. Also könnt ihr mich auch zu zweit begleiten.“, schlussfolgert und begründet der kleine Mann scharfsinnig. Nico winkt ab und will vom Thema ablenken. Doch die Rechnung hat er ohne Danny gemacht. Er bohrt fünf Minuten lang ununterbrochen weiter, bis Nico schließlich nachgibt und verzweifelt schnaubend zusagt.

Zwei Tage später parke ich überpünktlich vor Nicos Wohnhaus. Etwas mehr aufgehübscht, als es wohl für ein Kindergartenfest üblich ist, mit Danny und Bailey auf dem Rücksitz und einer superleckeren Zebra-Torte im Kofferraum. „Ihr bleibt hier. Ich will nur kurz bei Nico klingeln und ihm sagen, dass wir da sind und los können.“, weise ich die zwei Zwerge an. Zunächst bin ich guter Dinge und drücke vorfreudig die Klingel. Ich zupfe mir gerade mein gepunktetes Kleid, dessen Naht sich gerne unter dem Bügel meines BHs einklemmt, zurecht, als Nico hektisch die Wohnungstüre aufreißt. „Hey, Nico. Guten Morgen.“, verschränke ich die Hände hinter dem Rücken und lächle ihn an. „Was… machst du denn hier?“, fragt er in rotzigem Ton. „Ich hole dich ab. Danny, Bailey und ne leckere Torte warten im Auto. Wir können gleich los, wenn du möchtest.“, grinse ich Nicos Verhalten einfach weg. Doch mit einer derartigen Abfuhr hatte ich nicht gerechnet: „Ich fahre selber, danke.“ „Aber… wir… wir müssen doch nicht beide… wir könnten doch…“ Nicos ungehobelte Art wirft mich vollends aus der Bahn und ich bekomme keinen ganzen Satz mehr heraus. „Ich hab danach noch was vor, Annie. Ich werd selbst fahren.“, sagt er bestimmt und weicht dabei meinem Blick aus. Da gebe ich mich geschlagen und flüstere vollkommen vor den Kopf gestoßen: „Okay.“ Und im nächsten Moment schließt sich schon Nicos Türe.

Auch wenn ich während der kurzen Fahrt noch mit der ganzen Situation rund um Nico hadere, setze ich beim Kindergarten angekommen mein Annie-Supertante-Gesicht auf. Wenige Minuten nach uns erscheint auch Nico im Kindergarten und setzt sich nach einem kurzen Plausch mit einer der Kindergärtnerinnen zu uns. Die Stimmung zwischen uns ist anfangs so krampfig, dass es sicherlich keinem auf dem Fest entgeht. Erst als Danny und seine beiden besten Freunde ihren Sketch absolvieren und das gesamte Publikum mit einigen Buchstabendrehern zum Wiehern bringen, lockert sich das Klima zwischen uns.

Nach einem zuckersüßen Gesangsauftritt von Dannys bester Freundin Lea habe ich das Gefühl, dass das Eis endlich vollständig gebrochen ist. Zwischenzeitlich lobt Nico sogar meine Torte und versetzt mich damit in Verzückung. Wir unterhalten uns angeregt mit einigen Eltern und Nico ist ganz der Alte. Charmant und witzig vom Scheitel bis zur Sohle. Als Nico eine lustige Geschichte von vor einem Jahr erzählt, bei der Danny ihn unbeabsichtigt bloßgestellt hat, halten wir viel Blickkontakt und ich spüre hinterher sogar seine Hand an meinem Rücken entlang streichen, als er sich an mir vorbeischiebt, um sich noch einen Mini-Windbeutel vom Buffet zu schnappen.

Danny und Lea verziehen sich an den Maltisch und ich schleiche mich zu Nico: „Da hat aber jemand Appetit.“ „Allerdings. Das Zeug hier ist aber auch der Wahnsinn. Hast du die Windbeutel probiert?“, fragt er und lächelt mich dabei unheimlich süß an. Da fällt mir auf, dass er ein bisschen Puderzucker im Bart hat und streiche ihn sanft und liebevoll weg. „Du hast da…“, säusele ich leise und lasse meinen Daumen über seine verlockend weichen Lippen tänzeln. Zunächst ergreift Nico während eines tiefen Blickes in meine Augen behutsam meine Hand. Ich kann bereits wieder Engelchen singen und mein Herz in meiner Brust schlagen hören, doch binnen Sekunden trifft mich Nicos Abneigung wie ein Brett: „Lass das sein, Annie!“, mahnt er mich an und nimmt meine Hand voller Schwung aus seinem Gesicht. „Tut… tut mir leid.“, stammle ich perplex: „Ich wollte nur…“ „Es ist mir egal, was du wolltest. Du kannst gern den nicht vorhandenen Bart deines Freundes kraulen, aber meinen nicht.“, ranzt er mich an, was mich vollkommen überfordert.

„Mit einem derartigen Anschiss habe ich absolut nicht gerechnet.“, erzähle ich Stella bei einer gemeinsamen Tasse Tee am nächsten Tag. Auch sie ist von Nicos ruppiger Art enttäuscht und schimpft: „Der spinnt ja wohl, wenn du mich fragst. Was war denn danach? Du hast dir das hoffentlich nicht gefallen lassen.“ „Ich konnte nicht wirklich reagieren. Zuerst war das Überraschungsmoment zu groß und dann hat sein Handy geklingelt. Sicherlich irgendeine Schnalle, die er sich angelacht hat.“ „Ach Quatsch!“, beschwichtigt Stella meine ausschweifende Fantasie. Doch nach meiner Begründung fällt nicht mal mehr ihr etwas ein: „Naja… es hat geklingelt, er hat aufs Display gesehen, ich konnte eine Frauenstimme hören und er hat gesagt >Hi du<.“ Ich kann Stella ansehen, wie ihr Kopf rattert und rattert um irgendeine plausible Erklärung zu finden. Doch ehe sie meinen Verdacht mit irgendwelchen fadenscheinigen Ausreden entkräften kann, berichte ich weiter: „Und als ich abends mit Bailey spazieren war, ist Nicos Auto an mir vorbeigefahren. Und was denkst du, was mir direkt ins Auge gestochen ist?“ „Hm???“, brummt Stella neugierig mit weit aufgerissenen Augen. „Ein junges blondes hübsches Mädel saß neben ihm.“ Stella kann es nicht glauben und prustet los: „Ach erzähl keinen Quatsch!!“ Noch immer will Stella mir einreden, ich würde Gespenster sehen.

Da nehme ich einen kräftigen Schluck Tee und fahre fort: „Es geht ja noch weiter. Ich hab beim Asiaten in der Brauereistraße bestellt. Vor lauter Aufregung um Nicos Begleitung hätte ich fast vergessen, es dort abzuholen. Jedenfalls ging ich zu dem jungen Asiaten, der immer abkassiert und als er Wechselgeld geholt hat…“ Stellas Mund steht vor Spannung bereits offen. „… hab ich kurz in die Runde geblickt und da saß er!“ „Wer???“, bellt sie. „Nico!“ „Nico?“ „Ja!“ „Alleine?“ „Nein!“ „Nicht alleine???“ „Er saß da mit dieser jungen Blondine!“ „Nein!!!“, entgleisen Stella alle Gesichtszüge. „Oh doch! Er hatte ein Date!“ „NEIN!!!“ „Oooh DOCH!“ „Annie! Du musst das mit Lars klarstellen. Und dann musst du mit Nico reden! Redet! Bitte!!!“, fleht sie mich an. Doch ich fühle mich wie in Ketten gelegt. Nicos abweisendes Handeln hat mich so verletzt und so abgeschreckt, dass ich nicht mehr ein noch aus weiß. „Das mit Lars ist nicht so leicht. Sein Opa hatte doch einen Herzinfarkt. Ich will ihn jetzt nicht mit Beziehungskram belasten.“ „Verständlich. Wie gehts denn seinem Opa?“ Stella legt wie es sich für eine große Schwester gehört ihre Hand auf meine Schulter und tröstet mich mit ihrer Nähe. „Soweit ich weiß, liegt er noch im Koma. Lars hat vorhin angerufen, wir treffen uns nachher und dann erzählt er mir Genaueres.“

Und so kommt es auch: Nachdem Stella und ich uns verquatscht haben, staune ich nicht schlecht, als Lars plötzlich im Türrahmen steht. „Oh Mann, schon so spät geworden?! Tut mir leid, Lars. Ich bin noch gar nicht fertig. Komm doch rein. Setz dich, trink was. Ich werd mich kurz anziehen und dann können wir los.“, hetze ich durch die Wohnung. Dass die Begrüßung zwischen Stella und Lars etwas unterkühlt ausfällt, entgeht mir dennoch nicht.

Ich schließe gerade den Knopf meiner frisch gewaschenen grauen Jeanshose, als Stella durch die Bude ruft: „Ciao, Annie. Ich geh dann mal. Euch viel Spaß.“ Noch bevor ich ihr antworten kann, steht plötzlich Lars im Schlafzimmer. Ziemlich überrumpelt, ziehe ich mir hektisch meinen Pulli über den Kopf und zupfe ihn zurecht: „Lars!! Brauchst… brauchst du was?“, will ich ihm meine Verwirrung über seine Anwesenheit in meinem Schlafzimmer näherbringen. Doch leider scheint dies nicht zu fruchten. Statt den Raum zu verlassen, tippelt er mit einem etwas unterschwellig wollüstigen Blick auf mich zu, streicht mir mit der Rückseite des Zeigefingers über die Taille und haucht: „Eigentlich ist mir gar nicht wirklich nach ausgehen.“ Ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen und weiß genau, worauf er raus will. Doch ich spiele die Ahnungslose und drücke ihn freundschaftlich: „Das verstehe ich natürlich. Die Situation mit deinem Opa ist sicherlich sehr belastend. Wie geht es ihm denn?“ „Oh, äh… ja genau. Opas Zustand macht mir sehr zu schaffen.“, tritt er ziemlich verdutzt einen Schritt zurück. „Unverändert. Wir hoffen, dass die Medikamente schnell anschlagen.“ Für den Moment hab ich Glück gehabt, aber ich muss ihm unbedingt so bald wie möglich verklickern, dass die Sache mit unserer vermeintlichen Beziehung meinerseits nicht wirklich so angedacht war. Doch solange es seinem Opa so schlecht geht, will ich ihn nicht auch noch vor den Kopf stoßen.

Und so entschließen wir uns zu einer Pizza auf dem Sofa und einem Film, den wir schon früher gerne miteinander gesehen haben. Wir verstehen uns wieder super, lachen viel und sprechen über alles Mögliche. Würde Lars doch nur nicht die nächste Aktion starten. Völlig aus dem Kontext rutscht er plötzlich näher an mich heran und legt seine Hand auf meine Wange. Dann ist jetzt wohl doch der Zeitpunkt gekommen, ihm reinen Wein einzuschenken: „Lars… hör mal. Wir sollten uns mal unterhalten.“ Ich nehme seine Hand aus meinem Gesicht und lege sie auf sein Knie. Etwas aufgeregt und mit ziemlich unbehaglichem Gefühl versuche ich, die richtigen Worte zu finden: „Lars es ist so...“, starte ich entschlossen.

Doch auf eine Unterbrechung war ich nicht eingestellt und lasse mich ziemlich schnell aus dem Konzept bringen. Lars’ Handy scheint zu klingeln und ich kann ihm direkt ansehen, dass etwas passiert sein muss. Nach dem Telefonat hake ich vorsichtig nach und meine Befürchtung bewahrheitet sich: „Das war meine Mutter. Meinem Opa geht es schlechter. Er muss wohl nochmal… operiert werden.“ Lars tut mir unheimlich leid. Mit gesenktem Blick lässt er sich neben mir auf die Couch fallen und atmet schwer. Ich tröste ihn nach Kräften und hoffe, dass er das nicht in den falschen Hals bekommt.

Denn ich werde ganz sicher keine Beziehung aus Mitleid eingehen. Generell bin ich im Moment gefühlstechnisch absolut außerstande klar zu denken. Ein betrunkener One-Night-Stand mit meinem Exfreund, an den ich mich noch nicht mal erinnern kann. Und unglaublicher Sex mit dem Mann, in den ich über beide Ohren verliebt bin und der aufgrund des besagten One-Night-Stands gerade nichts von mir wissen will. Viel zu viele Ereignisse, die mein armes kleines Herzchen erstmal sacken lassen muss.

Und so will ich Lars anbieten, dass ich ihn ins Krankenhaus begleite. Doch er winkt ab und meint, dass er mich damit nicht belasten wolle und morgen Früh selbst hinfährt. Ich wundere mich, stelle seine Vorgehensweise jedoch nicht infrage. Eine ganze Weile wirkt er noch ziemlich betrübt, sodass ich vorerst keinen weiteren Versuch starten möchte, reinen Tisch zu machen. Die Komödie, die in der Flimmerkiste läuft ist denkbar unpassend und so schalte ich schließlich ab.

Der Abend verläuft schwermütiger, als ich es mir erhofft hatte, will jedoch allem Anschein nach kein Ende finden. „Möchtest du einen anderen Film sehen?“, fragt Lars und bringt mich damit zum Staunen. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass er lieber für sich wäre oder zumindest seine Eltern besucht. „Äh… ganz… ganz wie du willst.“, haspele ich überfordert und öffne die Mediathek. Lars kennt mich zu gut und merkt mir sofort an, dass ich eigentlich eine Verabschiedung einleiten wollte. Und so steht er langsam und etwas enttäuscht dreinblickend auf: „Also ich will dir nicht… zur Last fallen, Engelchen. Ich dachte nur…“ Mit Ach und Krach kann ich ihn aufhalten und überreden, hier zu bleiben. Es kostet mich unwahrscheinlich viel Kraft, die Verständnisvolle zu mimen, während ich mich innerlich so zerrüttet fühle. Doch ich setze alles daran, Lars in dieser schweren Zeit zu unterstützen. Ich weiß, wie sehr er seinen Opa liebt. Der Grat, auf dem ich dazu wandeln und balancieren muss, erweist sich jedoch als schmal wie Zahnseide. 

 

Immer wieder greift Lars nach meiner Hand oder legt seinen Arm um mich. Ich möchte kein Ekelpaket sein und seine Annäherungen unterbinden. Ich will sie jedoch auch absolut nicht erwidern. Und so sitze ich vollkommen angespannt auf der Couch, sehe mir einen Film über Säure kotzende Aliens an und kraule Bailey völlig verkrampft, sodass er schon viermal versucht hat, mir vom Schoß zu hüpfen. Der arme kleine Kerl muss heute eben als Puffer herhalten. Naja, dafür gibts morgen zwei Leckerlies mehr. Seinem etwas verstörten Blick nach könnten es auch drei oder vier werden…

Nachdem ich den darauffolgenden Vormittag ausschließlich in die Überarbeitung meiner Story investiert habe, ist mir für den Abend nach Gesellschaft zumute. Gutgelaunter und gelassener Gesellschaft wohlgemerkt! So klingele ich kurzerhand gegenüber und lade mich selbst zum Abendessen ein. Dass Stella für heute ihre heißgeliebte Lasagne geplant hat, bestätigt mir, dass meine Entscheidung goldrichtig war.

Nachdem wir allesamt unsere Stühle mit kugelrund gefüllten Bäuchen zurückschieben und uns jammernd dieselben streicheln, feiert die großartige Köchin ihr Talent gewohnt unbescheiden: „Na ich hoffe doch, ihr seid alle satt geworden. Habt ja reingehauen wie die Scheunendrescher. Seht doch nur eure Wampen an - dabei bin ich diejenige mit Nachwuchs im Bauch.“ Sie kichert und feixt vor Verzückung.

Erst nach einer außerordentlich langen Verdauungsphase ist es mir möglich, mich mit Danny auf den Fußboden zu setzen und gemeinsam mit ihm zu puzzeln. „Und dann musst du morgen wieder in Papas Kanzlei aushelfen?“, fragt Stella, während sie drei heiße Schokoladen zubereitet. „Ja genau. Ich werd aber erst gegen 3 dort aufschlagen. Den Vormittag will ich noch für die abschließende Überarbeitung meines Romans nutzen. Und dann werde ich anschließend beim Verlag vorbeischauen. Dana arbeitet morgen ganztags vor Ort. Und Papas uuunglaublich wichtige Diktate müssen sowieso erst abends fertig sein. Er kommt nach seinem Auswärtstermin in die Kanzlei und unterzeichnet sie dann. Wenn ich das richtig im Kopf habe, landet er erst gegen 19:30 Uhr oder so.“, plappere ich unentwegt weiter und habe schon fast Kopfschmerzen, weil ich mich so anstrengen musste, mich auf meinen Monolog zu konzentrieren. Immerhin habe ich beiläufig genauestens mitbekommen, dass Paul währenddessen einen Anruf von Nico angenommen hat. Mit gespitzten Ohren lausche ich Pauls Worten und überhöre damit Stellas Antwort auf mein Gefasel.

„Sina nimmt dich ja direkt ziemlich in Anspruch.“, kann ich Paul aus dem Büro nebenan schmunzelnd sagen hören: „Gut, dann viel Spaß euch beiden. Und denk bitte daran, die Tage das Bierfass für Sammys 40. abzuholen.“ Sina! Sina also! Jetzt hab ich einen Namen zu Nicos jungem Blondchen. Sina! Pff! Während ich mich gediegen meinen Hassfantasien hingebe, bekomme ich von Stellas Geschichte über einen Patienten nicht wirklich viel mit.

Der Groll, der in mir brodelt hält sich hartnäckig und so ertappe ich mich am nächsten Tag im Fahrstuhlspiegel mit einem Gesichtsausdruck, der boshafter nicht sein könnte. Mit einem filmtypischen „Bing“ komme ich im siebten Stock an und drücke die Klingel der Kanzlei. Marianne öffnet mir in ihrer üblichen, liebenswürdigen und etwas hektischen Art die Türe. „Annie, da bist du ja. Hi, hi, hi, Kleines. Lass dich drücken. Es gibt leider viel zu tun! Husch Husch, komm rein.“

Kurzerhand weisen sie und Jutta mich ein, welche Diktate die wichtigen Fristsachen sind. „Die hier drüben können noch warten. Wenn du die heute nicht schaffst, macht das nichts. Aber diese drei hier will dein Papa heute noch unterschreiben. Später wenn er zurück ist.“ Plötzlich durchzieht ein gewaltiges Kribbeln meinen Körper und ehe ich mich fragen kann, wo dieses Kribbeln herrührt, kann ich den Auslöser ausmachen. 

 

Der Auslöser heißt Nico und steht in einem augenscheinlich maßgeschneiderten Anzug im Türrahmen und sorgt für weiteren Nachschub an der Diktatfront: „Hallo meine Damen. Hier wären noch zwei kurze Diktate. Die Fristen an den Meiser und das Landgericht.“ Ich kann mich fast nicht auf seine Worte konzentrieren, so heiß sieht er aus. „Alles klar, Herr Winter. Wir kümmern uns darum.“, liebäugelt Jutta schon fast zum fremdschämen mit Nico. Marianne steht auf der Leitung und will uns einander vorstellen: „Annie, das ist Herr Winter. Unser neuer junger netter Anwalt.“ Ehe ich etwas dazu sagen kann, bringt mich Nicos umwerfendes Schmunzeln gänzlich zum Verstummen. „Oooh, Frau Beyer. Das finde ich nett. Ich werd jedoch das Gefühl nicht los, dass Ihre Worte mit meiner Auswahl an verschiedenen Leckereien zum Einstand zu tun haben.“ „Annie, du hast noch nie eine so leckere Sachertorte gegessen! Die war ein Träumchen.“ Ich grinse etwas gequält und stottere völlig atemlos: „Wir… wir kennen uns bereits. Nico und… Ähm… Herr Winter und ich. Wir kennen… uns.“ 

 

Nico bannt meinen Blick und bringt mich damit innerlich in größten Aufruhr. Es ist so krass zu beobachten. Bis vor 30 Sekunden war ich so missmutig und wütend, was Nico betrifft. Ich hätte schwören können, dass ich ihm bei der ersten Gelegenheit einen fiesen Spruch drücken würde. Doch wie er da so vor mir steht… so charmant. Witzig. Sexy. Da gerate ich direkt wieder ins Schwärmen. Da klatsche ich mich wach und stelle wieder das Wesentliche in den Mittelpunkt: „Gut, also ich werd dann mal die Fristsachen von Papa schnappen und loslegen. Das wird wohl ein langer Abend.“ „Gut und ich werd dann zu meinem Auswärtstermin fahren. Die zwei Fristen könnt ihr einfach auf meinen Schreibtisch legen. Ich werd die nachher selber versenden. Schönes Wochenende meine Damen.“

Ich bin gerade mit dem ersten Diktat fertig als Marianne in mein Büro schleicht und sich ein paar Akten schnappen will. „Was tust du denn da?“, frage ich erschrocken. „Wir sind soweit fertig. Jutta ist noch kurz pullern und sie geht dann. Richard hat doch morgen Geburtstag und sie hat noch zu tun.“ „Ja klar. Aber Marianne, du kannst auch gehen. Der Anrufbeantworter ist ja eingeschaltet und die Diktate hier kriege ich schon weggetippt.“ Zuerst will Marianne nicht so wirklich auf mich hören, doch ich kann sie schließlich überreden, ebenfalls nach Hause zu gehen.

Die Diktate schreiben sich wie von selbst und so bin ich kurze Zeit später schon mit Papas Kram fertig. Ich bin schon gespannt, wie Nico sich beim Diktieren anhört und kralle mir seine beiden Akten. Mit einem Software-Problem hatte ich jedoch nicht gerechnet. Immer wieder erhalte ich eine kryptische Fehlermeldung, wenn ich sein Diktat starten will. Nichts, was ich versuche, hat Erfolg. Es lässt sich einfach partout nicht abspielen. Jeden Stecker ziehe ich x-mal heraus und stöpsele ihn wieder ein. Ich fahre den ganzen Rechner dreimal rauf und runter, rauf und runter. Aber nichts. Die Fehlermeldung erscheint immer wieder. Und so sitze ich nun blöd guckend vor dem Bildschirm.

In der Zwischenzeit schreibe ich alle restlichen Diktate, die eigentlich warten könnten und mache mich gerade auf den Weg in die Teeküche, um mir etwas zu trinken zu holen, als ich höre, dass sich die Kanzleitüre öffnet. Es ist Nico. Ich bekomme noch die letzten Fetzen eines Telefonats mit: „… hab nicht erwartet, dass der Termin so lange dauert. … Alles klar. … Ciao.“ Der arme Kerl erschreckt sich fast zu Tode, als er einen Blick in mein Büro wirft und ich unerwartet direkt hinter ihm stehe. Nach einem kurzen panischen Zusammenzucken, schnauft er und sieht mich mit weit aufgerissenen Augen an: „Was machst du denn noch hier?“ Schon ein bisschen bemitleidenswert, dass ich mit 24 Jahren an einem Freitagabend um halb 9 nichts Besseres mit mir anzufangen weiß als Diktate zu schreiben. So berichte ich von meinem Dilemma und der Tatsache, dass mein Computer sich weigert, Nicos Diktate abzuspielen.

Er legt eben seine Aktentasche auf dem Tresen aus dunkelbraunem Mahagoniholz ab und flaniert zielgerichtet und voller Tatendrang zurück in mein Büro: „Das liegt wahrscheinlich daran, dass der Rechner hier im Schreibbüro noch nicht mit meinem verknüpft ist.“ Nico bückt sich unter meinen Schreibtisch, zupft eine Karte aus seinem Geldbeutel und fuchtelt damit an meinem PC herum. Was er dabei genau erzählt, kann ich aber nicht wiedergeben, da der Anblick seines Hinterns, der unter meinem Schreibtisch hervorscheint, meine Konzentrationsfähigkeit massiv einschränkt.

Während ich mir vor Verzückung schon unbemerkt auf der Unterlippe herumknabbere, unterbricht Nico meine Schwärmerei zuerst mit einem stolzen: „So! Das wärs!“ und im nächsten Moment mit einem dumpfen Klopfgeräusch. „Aua! Verdammte Scheiße nochmal!“, flucht er und reibt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Kopf. Ich springe auf und hechte in die Küche um ein Kühlpad zu holen: „Oh nein. Hast du dich etwa gestoßen?“ Als ich zurückkomme, lehnt er gegen den Schreibtisch und hält sich noch immer den Hinterkopf. So kümmere ich mich direkt um den Patienten, indem ich nah an ihn herantrete und das Kühlkissen sanft auf die schmerzende Stelle drücke. Er sieht mich an und der Moment wirkt unheimlich innig. „Das… das hat wohl ziemlich geknallt oder?“, schmunzelt er etwas peinlich berührt. „Oh ja. Vielleicht… sollten wir mal nachsehen, ob du eine Delle in der Tischplatte hinterlassen hast.“, scherze ich, um ihn ein wenig aus der Reserve zu locken. Nico geht auf mein Manöver ein und lacht: „Oh nein, ich seh schon die erste Abmahnung von deinem Vater kommen. Hahaha!“

Nach einem kurzen Lacher treffen sich unsere Blicke erneut und sorgen für Schweigen. Ich verliere mich gerade in Nicos Augen, als er etwas überfordert losstottert: „Du musst… du musst das nicht… halten… Ich mach das… schon.“ Er hebt seine Hand um das Kühlpad selbst festzuhalten und streift dabei mit dem Handrücken meine Brust. Nur für einen winzigen Moment. Aber zu heftig und eindeutig, um es zu vertuschen. Während ich damit absolut kein Problem habe, scheint es Nico unangenehm zu sein, sodass er ungewohnt verunsichert weiterfaselt: „Tut… tut mir… leid. Das wollte… wollte ich…“ Ich kann nicht anders, als mich über sein Gestammel zu amüsieren und muss neckisch grinsen. Nico wirft einen Blick auf meine Lippen und holt tief Luft bevor er leise murmelt: „Jetzt sieh mich doch nicht so an. Mit deinen schönen Augen. Und deinen verführerischen Lippen.“

Ehe ich seine Worte realisieren kann, findet Nico in seine alte selbstbewusste Form zurück. Im Handumdrehen greift er mir in den Nacken. Mit der anderen Hand pfeffert er das Kühlkissen auf den Schreibtisch und legt sie anschließend auf mein Steißbein, um mich fest an sich zu drücken und leidenschaftlich zu küssen. Ich überlege nicht. Ich hadere nicht. Ich genieße nur. Seine Lippen auf meinen zu fühlen. Seine stramme Brust und seine feste Umarmung zu spüren. Ich koste den Moment einfach aus.

Nico wird gerade ungestümer und küsst sich von meinem Hals abwärts in Richtung Dekolleté, als urplötzlich mein Vater lauthals polternd die Kanzlei betritt. Wir springen vollkommen überrascht auseinander und streichen uns die Klamotten glatt, als Papas „So eine Unverschämtheit. Dabei läuft doch heute der Krimi im Norden…“ näher und näher rückt.

Vor lauter Wut stapft er zunächst einmal laut weiter schnaubend an uns vorbei. Doch ein Sekündchen später kommt er wieder zurück und begrüßt uns etwas aus der Puste: „Hallo ihr beiden. Ihr seid noch hier?“ „Ähm ja. Also… ich bin wegen der Fristen noch… mein PC hat… wegen Nicos Diktaten… und dann… Ähm… Also ich muss Nicos Frist-Diktate noch schreiben.“, komme ich nach übermäßigem Hampeln, Stottern und Winken schließlich auf den Punkt. Nico ist da eine Runde entspannter und meint ganz trocken: „Und mein Termin bei Heitmanns hat länger gedauert als gedacht. Bin erst seit ein paar Minuten zurück.“ Ich starre ihn ungläubig an und bewundere ihn für seine Coolness. 

 

„Und bei dir Papa? Warum bist du so spät dran?“ „Fraaage nicht!“, posaunt er los und schimpft im Weiteren über nervtötende Flugverspätungen, unmenschlich lange Wartezeiten am Schalter und das Unvermögen der städtischen Taxifahrer. „Und dabei wollten Dana und ich uns heute zusammen den Norden-Krimi ansehen! Darauf freuen wir uns schon seit zwei Wochen!“ „Naja dann ab nach Hause. Die Fristen werd ich unterschreiben und versenden.“, schlägt Nico vor. Ob es sich dabei lediglich um eine nette Geste handelt oder sich vielleicht doch winzig kleine Gewissensbisse zeigen, da er vor 30 Sekunden quasi noch die Nase zwischen den Brüsten der Tochter des Chefs hatte, vermag ich nicht zu beurteilen, aber der Gedanke amüsiert mich. „Das würdest du tun, Nico?“, fragt Papa mit gefalteten Händen. „Ja klar. Ich hab ja meine Fristen auch noch. Ob ich jetzt zwei wegschicke oder ein paar mehr…“ „Also das ist wirklich nett. Super. Dann machen wir das so. Korrekturlesen kannst du dir sparen - Annie schreibt wie eine Eins.“, plaudert er erfreut während er die Akten aus seiner Tasche nimmt. „Dann werd ich mich mal auf den Weg machen. Nico… dafür hast du was gut bei mir.“

Eigentlich hatte ich vor, Nico noch einen verstohlenen Blick zuzuwerfen um auszukundschaften, ob wir unsere „Unterredung“ nachher fortsetzen wollen, aber der ist schnurstracks in sein Büro geflüchtet und so mache ich mich an die Diktate. „Schönen Abend.“, verabschiedet sich Papa Minuten später lauthals und tänzelt aus der Kanzlei.

Nach kurzer Zeit bin ich mit meiner Arbeit fertig und fahre meinen Rechner herunter, ehe ich Nico die feinsäuberlich abgetippten Diktate abliefern und bei der Gelegenheit nach seinen Plänen für den restlichen Abend fragen will. Gerade, als ich es einpacken will, vibriert mein Handy. Eine Sprachnachricht von Lars. Nur wenige Sekunden lang. Ich beschließe, sie direkt abzuhören und drücke Play. >Engelchen hi. Ich wollte nur kurz fragen, ob du noch unser Treffen morgen auf dem Schirm hast. Wie siehts aus? Möchtest du dich von mir bekochen lassen oder wollen wir irgendwo bestellen? Naja wenn… wenn du kurz Zeit hast, kannst du mich ja vielleicht anrufen. Also dann. Ich freue mich auf dich.<

Gedanklich Lars‘ Kochkünste selektierend greife ich schließlich nach den zwei Akten von Nico und staune nicht schlecht, als ich mich fast in seiner Krawatte verheddere. „Huch! Ich hab gar nicht gemerkt, dass du hier stehst.“, ploppt es aus mir heraus. Ich merke direkt in der ersten Sekunde, dass etwas im Argen liegt. Nicos leerer und gleichgültiger Gesichtsausdruck spricht Bände. Doch was sich im Folgenden zutragen soll, hätte ich im Leben nicht erwartet.

„Ich wollte fragen, wo meine Fristen bleiben. Ich hab heut noch was vor.“ Sein Tonfall lässt mich erschaudern und verunsichert mich am laufenden Band. Besagte Unsicherheit versuche ich mit etwas übereifriger Freundlichkeit und nutzlosem Geplapper zu überspielen: „Hier. Ich wollte sie dir gerade bringen. Ich hab auch alles gut verstanden. Du… du diktierst echt gut. Deutlich und… naja…“ „Danke.“, murmelt Nico und schnappt sich die Akten. Dabei würdigt er mich keines Blickes, wovon ich mich dazu verleiten lasse, mich auf dünnes Eis zu begeben. „Was hast du denn?“, rufe ich und laufe ihm zwei Schritte in Richtung seines Büros hinterher. Als ich keine Antwort bekomme, verstehe ich nur noch Bahnhof und will Nico zur Rede stellen.

So stürme ich erbost in sein Büro: „Hey! Was ist los?“ Nico sitzt an seinem Schreibtisch und hält es nicht für nötig, sich zu mir umzudrehen. Er wirft mir ein rotziges „Du kannst dann gehen. Den Rest erledige ich alleine.“ hin. Doch so einfach lasse ich mich nicht abspeisen. Was denkt Nico denn?! Ich lasse nicht locker und bohre unermüdlich weiter: „Kannst du mir mal sagen, wo dein verdammtes Problem ist?! Vor 20 Minuten hast du noch wie wild an mir rumgeschraubt und jetzt bist du so abweisend, dass du mich nicht mal ansehen kannst?!“ „Annie. Jetzt geh bitte.“

 

Seine Art und Weise macht mich stinksauer und so schaukelt sich die Situation Wort für Wort weiter auf. „Was wenn mein Vater nicht reingekommen wäre?“ „Lass es, Annie!“ „Kannst du mir mal verraten, was in den letzten 20 Minuten passiert ist, dass du jetzt wieder so ein Arsch bist?!“ Da reißt ihm zusehends die Hutschnur und er springt entnervt von seinem Stuhl auf: „Annie! Wenn du irgendwelche Gefühlsduseleien loswerden willst, dann besprich das am besten mit Lars. Mich geht dein Mist nichts an. Ich bin nicht dein Babysitter. Dein Freund. Oder dein Tagebuch. Klär das mit Lars.“ Um Fassung ringend höre ich mich wimmern: „Und… und unsere gemeinsame Nacht? Und… und gerade eben? Das… was… was war…“ Er schneidet mir mit nicht weniger schmerzhaften Worten den Satz ab: „Du solltest diese Nacht abhaken. Sieh sie als das, was es war: Ein One-Night-Stand! Bisschen vögeln und gut ist. Und das vorhin… Mein Gott, was willst du hören?! Ich bin ein Mann!“ Ich bin entsetzt und mein Herz droht augenblicklich stehen zu bleiben. „Das ist doch nicht dein Ernst!“, entgegne ich ihm und brauche alle Kraft, nicht vor ihm zu weinen. Nico reibt sich gestresst die Augen, widmet sich wieder seinen Akten und meint: „Ich hab hier noch zu tun.“ „Was bist du nur für ein Arschloch?!“, pruste ich mit deutlich bröckelnder Standhaftigkeit und geballten, zitternden Fäusten. Ehe ich eine weitere verbale Ohrfeige von ihm kassiere, hetze ich leise schluchzend aus der Kanzlei.

Nicos Worte hallen mir den ganzen Abend unentwegt durch den Kopf. Während ich Bailey bei Stella und ihren Männern abhole. Während ich unter der Dusche stehe. Und auch während ich mir auf der Couch einen fiesen Film und ein noch fieseres Fertiggericht reinziehe. Nach 3 Gabeln ist Schluss und ich zwänge mir den Fraß nicht weiter rein. Bailey ist schon auf meinem Schoß eingeschlafen und so beschließe ich kurze Zeit später, auch ins Bett zu gehen. Doch meine Gedanken kreisen weiter um das fürchterliche Gespräch zwischen Nico und mir. Dass er mir die schönste Nacht seit einer Ewigkeit, die mir beim puren Gedanken daran Gänsehaut bereitet und mir direkt das Herz höherschlagen lässt als billigen One-Night-Stand verkaufen will, schmerzt unsäglich. Geschlagene anderthalb Stunden grüble ich weiter, bis mir schließlich die vom Weinen verquollenen Augen zufallen.

Auch am nächsten Morgen ist die Stimmung nicht besser. Zwar ist die Traurigkeit über Nacht in unbändige Wut umgeschlagen, aber das üble Bauchgefühl ist dasselbe. Gerade stehe ich nach meiner Morgenrunde mit Bailey bei meinem Lieblingsbäcker in der Schlange an und halte in Gedanken eine ziemlich heftige Schimpftirade inklusive etlicher Fäkalwörter auf Nico, als Rika, eine Freundin aus der Schule mir auf die Schulter tippt: „Annie?!“ „Rika! Oh wie schön dich zu sehen!“ Ich freue mich wirklich und umarme sie überschwänglich. „Wow, endlich sehen wir uns mal wieder. Ich hab mich so gefreut, als du geschrieben hast, dass du wieder zurück bist.“ „Ja, mit dem Umzug war ziemlich viel los. Ein Treffen ist längst überfällig.“, streiche ich mir schmunzelnd eine widerspenstige Haarsträhne hinter mein Ohr. „Und sag mal, das mit Max… das war nichts mehr?“ „Ähm… nein. Das hat nicht mehr gepasst. Da hab ich nicht lange gezögert, wieder hier her zu ziehen.“ Rika posaunt typisch optimistisch drauf los: „Naja, die Trennung steht dir gut. Du siehst super aus.“ Mit Komplimenten hab ich immer so meine Problemchen und weiß nicht recht, damit umzugehen. „Und… gibt es denn inzwischen jemand Neues? Hast du jemanden kennengelernt?“ Genauso neugierig wie optimistisch, Rika eben. Doch leider fühle ich mich bei diesem Thema gerade noch unwohler und versuche, ihr auszuweichen: „Also… das ist… etwas kompliziert. Aber sag mal, bist du noch mit Marcel zusammen?“ „Ja. Mittlerweile fast 5 Jahren. Kannst du dir das vorstellen?!“

Wir geben unsere Bestellung auf und setzen uns spontan in die Sonne. Nachdem wir unsere Chai Latte ausgetrunken und unsere Croissants verputzt haben, ist noch eine halbe Stunde lang Smalltalk angesagt. Es tut richtig gut, Rika nach so langer Zeit wieder zu sehen. Meine schlechte Laune und mein Grant sind wie weggeblasen. Sie begleitet Bailey und mich noch nach Hause und fragt mich schließlich, ob ich nicht Lust hätte, heute Abend spontan mit feiern zu gehen. „Wir sind 5 Mädels. Natascha und Sally sind dabei. Und mit den anderen beiden wirst du dich super verstehen. Die sind ganz lieb und nett. Wir wollten in diesen Club neben der großen Mall. Night-Sky oder wie der heißt.“ Als wäre es ein Zeichen, fährt just in diesem Moment Nicos Auto an uns vorbei und unsere Blicke treffen sich, was mir ein kurzzeitiges Ziehen in der Brust beschert. Die Ablenkung tut mir sicherlich mehr als gut, sodass ich ohne weitere Überlegung zusage.

Mit etwas Haushalt, Wäsche und einem Nachmittags-Käffchen mit Stella vergehen die Stunden im Flug und ich beginne, mich für mein spontanes Vorhaben mit den Mädels aufzuhübschen. Während ich in mein am Rücken transparentes weinrotes Trägertop und meine Strumpfhose schlüpfe, berichtet Stella mir von Pauls Plänen für den Abend. „Nico holt Paul gegen halb 11 ab und dann fahren sie auf den Geburtstag von diesem… Sammy heißt der glaub ich.“ „Na dann passt es ja, wenn du mich vorher kurz zum Club fährst. Bis halb 11 bist du sicher wieder da und Danny ist nicht alleine.“, konzentriere ich mich vollends darauf, Nico außen vor zu lassen und streife mir meinen geliebten dunkelbraun geblümten kurzen Faltenrock über. Im Anschluss lege ich für meine Verhältnisse noch etwas auffälligeres Make-Up auf und wuschele mir meine Mähne zurecht. „Wooow, siehst du heiß aus, Annie.“, zeigt Stella, die plötzlich im Türrahmen meines Schlafzimmers auftaucht, sich verblüfft. „Weißt du was?! Ich hab da so halbhohe dunkelbraune Stiefeletten. Die würden super zu deinem Outfit passen.“ „Super. Such sie am besten direkt raus und ich komm gleich nach und bringe Bailey mit.“

Ich flechte mir noch eben den Pony nach hinten, knödele mir einen kleinen lockeren Dutt daraus und lege mein Lieblingsparfüm auf. Wenige Augenblicke später stehe ich für alle Schandtaten bereit in Stellas Esszimmer und staune nicht schlecht, als Nico vor mir steht. „Da sind wir. Hast du die Stief… Nico!“, schneide ich mir selbst den Satz ab. Bailey flitzt glückselig zu seinem Kumpel, der mich überrascht anstarrt: „A… Annie.“, gatzt er und mustert mich vom Scheitel bis zur Sohle: „Du siehst… Wow. Du siehst wunderschön aus.“ „Danke. Wo sind denn die anderen?“, frage ich und will dabei möglichst gleichgültig wirken. So gleichgültig, dass mir nicht auffällt, wie sexy Nico aussieht. Wie sein enganliegendes Shirt seine breite Brust betont und seine Jeans seinen anbetungswürdigen Hintern in Szene setzt. So gleichgültig, dass ich innerlich nicht mit mir ringe, einen winzigen Fussel aus seinem Dreitagebart zu streichen, nur um ihm nahe zu sein.

„Hier! Stella hat dir deine Treter rausgesucht.“, kommt Paul mit einem Schuhkarton um die Ecke gelatscht und bremst abrupt, als er mich sieht: „Wow, Annie. Da hat sich aber wer aufgerüscht. Hoffentlich bekommst du mit dem Rock keine Blasenentzündung.“, scherzt er auf meine Kosten. Und da kommt auch schon Stella zu uns: „Ach, jetzt lass sie in Ruhe, Paul. Sie sieht atemberaubend aus. Und außerdem hat sie ja eine Strumpfhose an.“ Doch nicht nur meine große Schwester nimmt mich in Schutz - vollkommen unerwartet gibt auch Nico seinen Senf dazu: „Ich finde auch. Alles da, wo es hingehört.“ Sein versöhnliches Lächeln kann ich dabei nicht erwidern und gehe nicht weiter auf ihn ein, sondern ziehe mir Stellas Schuhe an. Paul trabt mir hinterher und meint zu meinem Entsetzen: „Hör mal, Annie. Stella hat erzählt, dass sie dich zum Club fahren wollte. Aber wir sind jetzt so verblieben, dass Nico und ich dich hinbringen.“ „Wie bitte?“, ploppt es aus mir heraus. „Jaaa, wir müssen dann ja ohnehin weiter und so kann Stella ihre Kugel gemütlich auf der Couch parken.“ „Aber… ihr wolltet doch erst in anderthalb Stunden los. Ich bin aber gleich mit den Mädels verabredet.“ Paul ist sehr von seiner Idee überzeugt und hält seinen Zeigefinger in die Luft: „Das macht gar nichts. Wir bleiben auf ein, zwei Bierchen dort und fahren dann weiter.“ Auch Nico meldet sich wieder zu Wort: „Das bietet sich ja an.“

Da meine Argumente zugegebenermaßen ins Leere laufen, finde ich mich wenige Minuten später auf Nicos Rücksitz wieder. Während der Fahrt ist meinerseits Stille angesagt. Ich fühle mich, als würde ich mit meinen zwei Bodyguards unterwegs sein und bin auch von Pauls „unauffälligen“ Zwinker-Anfällen und Augenrollern genervt, weil er einfach nicht verstehen will, dass das mit Nico und mir wohl nichts wird. Ich weiß auch gar nicht, inwieweit er in die jüngsten Ereignisse eingeweiht ist.

Die nächste Aktion startet er, als wir über den Parkplatz zum Club laufen. Rein zuuufällig hat er seinen Geldbeutel im Auto vergessen und meint, wir zwei sollen uns schon mal anstellen. Er käme gleich nach. „Annie hör mal. Ich wollte da… noch was loswerden. Wegen gestern…“, beginnt Nico seinen Satz und hält mich am Handgelenk fest. „Ich hab das nicht so…“ Es ist mir unangenehm, über seine fiesen Sticheleien vom Vortag zu sprechen. Außerdem habe ich keine Lust, mir die Feierlaune noch völlig vermasseln zu lassen. Dementsprechend unterbreche ich ihn lautstark, als ich Sally sehe: „Sally!!! Heeey!!“

Die Mädels kommen freudestrahlend auf mich zu und das Gegacker geht sofort los. Während wir auf den Einlass warten, tauschen wir uns im Schnelldurchlauf über die letzten beiden Jahre aus und mir werden die zwei sympathisch wirkenden Mädchen vorgestellt, die ebenfalls mitfeiern. Innen schnappen wir uns erstmal einen Platz am Tresen. Es ist unerwartet viel los und mir bitzeln schon die Füße: „Ich muss unbedingt gleich auf die Tanzfläche!“ Wir bestellen noch eben einen Shot zum Warmwerden und wollen gerade los, als Paul mich kurz festhält und warnt: „Annie, ihr solltet eure Getränke später, wenn wir weg sind nicht unbeaufsichtigt lassen.“ „Alles gut, Paulchen. Werden wir nicht.“, beruhige ich ihn und ziehe damit Rikas Aufmerksamkeit auf mich. Sie, Sally und Natascha kommen rüber, um zu fragen, was los ist. „Oh nichts. Das ist Paul, mein Schwager.“, kläre ich auf: „Und das hier ist Nico. Er ist… Nico.“ Nach einer kurzen und etwas unangenehmen Begrüßung verkrümeln wir uns auf die Tanzfläche, während die Herren sich ein Bierchen genehmigen.

„Sag mal. Läuft da was mit Nico?“, will Rika ihren Wissensdurst stillen und kommt auf unser Gespräch beim Bäcker zurück: „Ist er derjenige, mit dem es etwas kompliziert ist?“ „Ähm… Wie kommst du denn… darauf?!“, stelle ich mich dumm und komme vor lauter Unbehagen völlig aus dem Takt. Rika prustet: „Na… der verzehrt sich ja richtig nach dir.“ „Und er ist echt heiß!“, fügt Sally schmutzig grinsend hinzu: „Ehrlich gesagt hab ich ihm draußen den ein oder anderen Püppchen Blick zugeworfen.“, amüsiert sie sich über sich selbst. „Stimmt er sieht echt verdammt gut aus. Aber jetzt erzähl doch mal. Was hat es mit euch beiden auf sich?“ „Ach das ist gar nicht der Rede wert. Wir hatten mal was, aber… das war mal.“, beschwichtige ich verlegen und treibe Natascha, die sich den Abend über bisher sehr bedeckt gehalten hat in ungeahnte Fantasien. „Du hattest Sex mit DEM??“, stöhnt sie und rückt sich dabei die Brille zurecht. Meine Antwort wartet sie - zum Glück - nicht ab und ergänzt schwärmerisch: „Du Glückliche!“

Die Situation wird mir im Sekundentakt unangenehmer, zumal diese Hühner Nico so offenkundig filzen, dass er sich allmählich beobachtet fühlen muss. Es fallen Sätze wie: „Sieh dir mal sein Kreuz an.“ „Selten so tolle Augen gesehen.“ „Der hat sicherlich so Einiges drauf.“ „Ich steh ja auf definierte Brustmuskeln.“ „Hey Annie, kriegst du den nicht zum Tanzen? Ich würd ihn gern mal in Bewegung sehen.“ „Oh ja, seinen Hüftschwung!“ Rika sieht mir meine kreischende Beklommenheit an und bremst die beiden Groupies ein wenig aus: „Okay Mädels, jetzt haltet mal die Luft an. Wir sind heute nicht hier um Typen anzuschmachten, sondern um zu tanzen und Party zu machen!“ Ihre Animations-Rede fruchtet und Sally und Natascha stürmen erneut die Bar um Shots zu bestellen. Sie flüstert mir jedoch von den beiden unbemerkt noch ins Ohr: „Auch wenn Nico dich ganz eindeutig anschmachtet.“ Ihr Zwinkern setzt dem Ganzen noch die Kirsche auf und ich fühle mich selbstbewusst wie lange nicht.

Wir trinken noch eine Runde und als wir wieder die zwar große, aber unübersichtliche Tanzfläche anvisieren, stellt uns der Barmann plötzlich nochmal 5 Shots auf den Tresen: „Mit einem freundlichen Gruß von den Typen da in der Lounge.“ Unsere Blicke folgen seinem Zeigefinger, der auf eine der Lounges direkt über der Bar gerichtet ist. Von dort winkt uns eine Hand voll junger Kerle zu und hebt die Gläser. Dabei fällt mir ganz deutlich auf, dass auch Nico auf die Geste der Jungs aufmerksam geworden ist und ebenfalls nach oben starrt. Sein Gesichtsausdruck wirkt dabei wenig erfreut und ich muss sagen, dass sich der Abend ganz nach meinem Geschmack entwickelt. So widerlich wie Nico gestern war, darf er jetzt ruhig Bekanntschaft mit meiner kalten Schulter machen. Ich hab jedenfalls nicht vor, ein schlechtes Gewissen zu bekommen und mir dadurch die Laune verderben zu lassen. Die ist in unserer Mädelsrunde nämlich bombastisch. Wir haben Spaß und ich amüsiere mich köstlich.

Nach über einer Stunde pausenlosem Gehoppse auf der Tanzfläche wundere ich mich allmählich, dass Paul und Nico noch immer am Bartresen sitzen. Neben ihnen stehen inzwischen drei von den Typen aus der Lounge oben und wie es das Schicksal so will sprechen sie uns an, während wir uns eine kleine Abkühlung gönnen. Nico linst dabei so neugierig in unsere Richtung, dass ich seine angehende Eifersucht nur so genieße. Gerade als einer der zwei Jungs mich nach meinem Namen fragt, was aufgrund der lauten Musik selbstverständlich nur mit ziemlich geringer Entfernung zwischen seinem Mund und meinem Ohr funktioniert, und Nico auch noch seine Hand auf meiner Hüfte auffällt, kippt er aufgrund seiner Verrenkungen, um auch alles zu sehen, fast von seinem Hocker. Sally hingegen ist in reinster Flirtlaune und kichert über die ausgelutschtesten Sprüche. Die Kerle fragen, ob wir noch eine Runde Shots und anschließend tanzen möchten.

Sekunden später will ich mich gerade auf den Weg machen, als mich jemand an der Hand festhält. Ich drehe mich um und blicke in Nicos smaragdgrüne Augen. Sein Blick ist ernst und durchdringend. „Was soll das denn?“, frage ich etwas irritiert. „Wir werden die nächsten 20 Minuten gehen, Annie.“ „Okay. Ich hab mich schon gewundert, dass ihr noch nicht los seid.“, entgegne ich ihm salopp und ziehe meine Hand zurück. „Pass bitte gut auf dich auf. Diese Typen… die habens auf euch abgesehen. Und am besten trinkst du nicht mehr so viel. Nicht… nicht, dass…“ Da wird es mir zu bunt. Seine Sorge mag ihn ja ehren, aber ich empfinde es als unangebracht, dass er mir Vorschriften macht. Und so platzt es aus mir heraus: „Nicht, dass was? Ich mit jemandem für nen One-Night-Stand in der Kiste lande? Mal vögeln und gut?“ Mit meiner Ansage hat Nico absolut nicht gerechnet. Sein Gesicht versteinert sich förmlich und ich zucke für einen kurzen Augenblick zusammen, da ich selbst nicht damit gerechnet hatte, den Mut aufzubringen, ihm etwas Derartiges vor den Latz zu knallen. Zur Vollendung meines Auftritts füge ich noch hinzu: „Schönen Abend.“ ehe ich den anderen Mädels auf die Tanzfläche folge.

Und ich tanze was das Zeug hält. Als ginge es um mein Leben. Um den Kopf freizukriegen. Um Nicos erschrockenes Gesicht nicht mehr vor mir zu sehen, wenn ich die Augen schließe. Die Jungs aus der Lounge kommen nach und nach zu uns runter und verwickeln uns in Gespräche. Nicht aufdringlich und nicht unangenehm. Doch ich bin unbeabsichtigt dennoch etwas abweisend und kann mich nicht wirklich fallen lassen. Ich ziehe mich für eine kurze Verschnaufpause zurück und bemerke im letzten Moment, dass mein Handy klingelt. Es ist Stella. „Um halb 12? Da wird doch nichts passiert sein?“, murmele ich vor mich hin. Im Stechschritt renne ich vor die Tür, wo es leise genug für ein Telefonat ist.

„Stella? Was ist denn los?“ Mein Herz rutscht mir bereits in die Hose, als sie vollkommen verheult meinen Namen schluchzt. „Annie es ist etwas passiert.“ Sie bekommt es fast nicht über die Lippen, doch sie informiert mich über Unfassbares: Nico und Paul hatten einen schweren Autounfall und wurden ins Krankenhaus gebracht. „Was??“, jaule ich ungläubig auf. Die Tränen rennen mir bereits in Strömen über die Wangen und prasseln nur so in den Kiesboden. „Papa und Dana kommen her. Dana übernimmt dann Danny und Bailey und Papa fährt mit mir in die Klinik.“ Vor Verzweiflung hyperventiliere ich fast: „Okay… okay ich werd sofort kommen. Was… was ist denn mit den beiden? Wie gehts ihnen? Sind sie… schwer verletzt? Was ist denn passiert?“ „Mehr Infos hab ich nicht, Annie. Komm bitte ins Krankenhaus.“

Ohne Umschweife schnappe ich mir meine Jacke und mache mich auf den Weg zu einem Taxi. Zu meinem Glück erwische ich eines mit einer weiblichen Fahrerin und erreiche dank wenig Verkehr knappe 15 Minuten später die Klinik. Unterwegs hab ich Rika eine kurze Nachricht getippt, dass ich dringend wegmusste und sie sich nicht um mich sorgen braucht.

Ich laufe in Richtung Notaufnahme, wo mein Vater mir mit roten Augen entgegenläuft. „Papa, was ist los?“ Er umarmt mich so fest, dass es fast schon schmerzt. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann er mich zuletzt so umarmt hat. Papa erzählt mir, dass Nico und Paul gerade erst auf die Bundesstraße gefahren sind, als ihnen plötzlich in einer unübersichtlichen Kurve ein Geisterfahrer entgegengekommen ist. „Nico ist nach rechts ausgewichen und im Bankett ins Schleudern gekommen. Er hat die Kontrolle über seinen Wagen verloren und hat einen Baum gestreift.“ „Oh mein Gott!“, halte ich mir geschockt die Hände vor mein Gesicht. Sein Auto wäre dann eine Böschung herabgestürzt und hätte sich zweimal überschlagen. Papas Worte fühlen sich wie ein Brecheisen an, das mir mein Herz aus der Brust reißt. „Und wo sind sie jetzt? Wie schwer sind Paul und Nico verletzt?“, zerre ich verzweifelt am Kragen von seinem Mantel. „Nico hat sich wohl nur eine leichte Rippenprellung und eine Platzwunde an der Augenbraue zugezogen. Paul… Paul…“, ringt dieser gestandene Mann nach Fassung, was mich nur so erschaudern lässt, „Paul hat im Krankenwagen sein Bewusstsein verloren. Er hatte eine stark blutende Kopfwunde und wird gerade notoperiert. Wort für Wort breche ich mehr zusammen und weine wie ein Schlosshund. „Stella! Wo ist Stella?“ „Stella wird auch gerade behandelt. Für sie war es zu viel Aufregung und jetzt bekommt sie ein sanftes Beruhigungsmittel, um sie etwas aufzupäppeln. In ihrem Zustand ist Aufregung nicht gut.“ „Und Nico? Wo ist er? Ich muss… ich muss zu ihm. Ich war so eklig zu ihm.“ Papa zeigt nach rechts auf einen Behandlungsraum mit einer großen schwarzen 2 auf der Türe. „Geh nur. Ich werd nach Stella sehen und ihr sagen, dass du da bist.“

Ich wische mir die Tränen weg, atme tief durch und visiere herzklopfend das Behandlungszimmer an. Kurz bevor ich es erreiche, öffnet sich die Türe und das blonde junge Mädchen, das ich bereits ein paar Mal mit Nico gesehen habe, kommt leichenblass und verstört wirkend aus besagtem Raum. Im Vorbeigehen blicke ich sie an. Doch ich wundere mich nicht. Ich will einfach nur Nico sehen.

Drei Schritte sind es, die ich noch gehen muss und da erspähe ich ihn. Mit einem dicken Klammerpflaster an der Augenbraue und blutverschmierter Wange. Er trägt einen dieser Kittel und sitzt mit gen Boden gerichtetem Blick auf der Behandlungspritsche. Sein Anblick versetzt mir so einen innerlichen Schmerz, dass ich direkt wieder in meine Handflächen weine. Nico wird auf mein Schluchzen aufmerksam und winkt mich zu sich, was mein Herz nur noch mehr zerfetzt. Eilig falle ich ihm um den Hals. Unsere Umarmung dauert ewig an. Auch Nico kämpft spürbar mit seinen Emotionen und hält mich so fest er kann. Er flüstert: „Ssshhh…“, um mich zu beruhigen, doch ich kann einfach nicht aufhören, zu wimmern. Ich kralle mich so fest an ihn wie ich kann.

Bevor ich meine Sprache wiederfinde, betritt eine Ärztin den Raum und klärt uns über Nicos Verletzungen auf. Glücklicherweise bleibt es beim ersten Befund und Nico hat keinerlei innere Verletzungen, Quetschungen oder sonst was. „Die Entlassungspapiere werden fertiggemacht. Sie werden sie die nächsten 30 Minuten bekommen, Herr Winter.“ „Danke. Aber was ist denn… mit meinem Freund Paul?“ „Dazu darf ich leider keine Auskunft geben. Sie beide sind ja nicht verwa…“ Da hebe ich geistesgegenwärtig die Hand und falle ihr ins Wort: „Ich bin seine Schwägerin! Also Pauls Schwägerin. Mir dürfen Sie dann… doch Auskunft erteilen… oder?“ Die Ärztin rümpft die Nase und beginnt, Pauls Zustand zu erläutern: „Herr Richter hat ein Schädel-Hirn-Trauma und zwei Rippenfrakturen. Außerdem gehen wir von einer Beckenprellung aus. Aufgrund der Schädelfraktur hat Herr Richter eine Hirnschwellung erlitten. Es wird gerade versucht, diese in der Not-OP in den Griff zu kriegen. Alles in allem hatte Herr Richter ziemliches Glück. Doch eine Hirnschwellung ist eine Verletzung, deren weitere Entwicklung schwer abzusehen ist. Die nächsten 24 Stunden werden für die Art und Weise der Genesung entscheidend sein.“

Nur wenige Minuten, nachdem sie das Behandlungszimmer wieder verlassen hat, kommen Papa und Stella herein. Stella und ich fallen uns weinend in die Arme. Wie vorhergesagt erhält Nico seine Entlassungspapiere und wir verbringen noch einige unruhige Stunden im Wartebereich vor dem OP. Auch Nicos Brüder tauchen auf und zeigen sich gelähmt von dem Schock.

Als Paul endlich aus dem OP geschoben wird, beschließen wir, dass Papa und Stella im Krankenhaus bleiben. Ich werde hingegen mit Nico nach Hause fahren, damit er wenigstens eine kleine Mütze Schlaf bekommt und sich etwas von dem Horror erholen kann. Erneut greife ich auf ein Taxi zurück und wir steigen gemeinsam vor Nicos Wohnung aus. Es ist mittlerweile fast 3 Uhr und Nico kann sich vor Erschöpfung kaum noch auf den Beinen halten.

Ich will ihn in sein Schlafzimmer bringen, doch er besteht darauf, noch duschen zu gehen. Also helfe ich ihm vorsichtig aus seinem Shirt. Nico hat einen breiten Verband um seine Rippen und Schürfwunden am linken Arm. Es bricht mir das Herz, ihn so wortkarg zu erleben. Von seiner typischen Selbstsicherheit und seinem sonnigen Gemüt ist aktuell nichts zu sehen oder nur zu erahnen. Wie ein Häufchen Elend sitzt er auf dem Rand seines Bettes und starrt den Teppich an, in dessen langen Fransen er seine Zehen vergräbt.
„Ich werd dir noch eine Flasche Wasser aus der Küche holen.“, raune ich und streiche ihm liebevoll über die Wange. Wortlos nickt er.

Um mir für die Nacht ein Shirt aus Nicos Schrank zu stibitzen, schleiche ich mich danach kurzerhand in sein Schlafzimmer, als ich ihn aufgrund der prasselnden Brause in der Dusche vermute. Doch falsch gedacht: Er steht mit dem Rücken zu mir vor seinem Kleiderschrank und zieht sich gerade sein Boxershort aus. Das Gefühl, das sich in mir ausbreitet ist ganz merkwürdig. Einerseits begehre ich ihn und er sieht umwerfend sexy aus, sein breites Kreuz und sein knackiger Hintern. Doch sein Rippenverband und einige aufgeschürfte und gerötete Stellen an seinem Körper bereiten mir Sorge und ich würde ihn am liebsten einfach in den Arm nehmen. Ehe er meine Blicke bemerkt, husche ich aus dem Zimmer und dribble wieder die Treppe hinunter.

Als ich 15 Minuten später nochmal mein Glück versuche, hat er sich zumindest hingelegt und zugedeckt. Doch in seinem Kopf kann man es förmlich rattern sehen. Hoffentlich kommt er ein wenig zur Ruhe. Ich verabschiede mich schließlich mit einem Küsschen auf die Stirn und den Worten: „Meld dich, wenn was ist. Ich werd jetzt runtergehen.“ Ich hab schon fast die Schlafzimmertüre erreicht, da hakt Nico etwas verdutzt nach: „Wie meinst du das? Du gehst runter?“ „Na… auf die Couch.“ Er richtet sich auf und reibt sich mit dem linken Handballen sein Auge: „Du musst nicht hierbleiben, Annie.“ „Du wirst doch nicht glauben, dass ich dich alleine lasse.“, stelle ich klar, ohne Widerworte zu dulden. „Annie wirklich. Du…“ „Schlaf gut!“, unterbreche ich ihn herrisch und werfe ihm direkt ein Lächeln zu. Er lächelt zurück also gehe ich beruhigt die Treppe nach unten, verschwinde noch kurz im Gästebad, um mir sein Shirt überzuwerfen und mache es mir auf dem Sofa gemütlich.

Es dauert eine ganze Zeit lang bis ich einschlafen kann. Die Sorge um Paul ist zu groß. Zudem mache ich mir Vorwürfe, weil ich ihn und Nico im Club nicht wirklich beachtet und noch dazu blöde angeredet hab. Vor allem Nico hat verbal Einiges einstecken müssen. Mein schlechtes Gewissen lässt mir noch reichlich Tränen übers Gesicht rennen, doch irgendwann weit nach 4 Uhr morgens siegt die Müdigkeit.

Aber kurze Zeit später werde ich durch ein dumpfes Geräusch wach. Ruckartig öffne ich die Augen und sehe vor dem großen bodentiefen Fenster direkt vor mir Nicos Umrisse. Für das Geräusch muss seine Faust verantwortlich gewesen sein, die noch immer fest zusammen geballt gegen die Scheibe lehnt. Ich stehe auf und lege meinen Kopf auf sein Schulterblatt. Meine Hände umgreifen seine Faust und sein Becken. Einfühlsam hauche ich: „Kannst du nicht schlafen?“ Er schüttelt den Kopf und antwortet: „Ich hätte anders reagieren sollen. Hätte ich anders reagiert, läge Paul jetzt nicht im Krankenhaus. Er hätte keine Not-OP gebraucht und müsste nicht…“, schluckt er schwermütig: „… um sein Leben kämpfen.“ „Nico, du hast dir nichts vorzuwerfen. Mit einem Geisterfahrer rechnet man doch nicht.“ „Stella ist schwanger. Was wenn… Und Danny!“ Ich kann seinen unbändigen Schmerz regelrecht am eigenen Körper spüren und kralle mich an ihm fest: „Nico hör auf damit!“ „Es war so furchtbar. Das Auto kam zum Stehen und… und Paul lief das Blut nur so übers Gesicht. Und soll ich dir was sagen?“ „Hm?“ „Zu aller erst hat er mich gefragt, ob es MIR gut geht. Ob ICH Schmerzen hab.“ Er schüttelt voller Verzweiflung den Kopf und meint mit zittriger und immer wieder brechender Stimme: „Und jetzt hatte er diese Hirnschwellung und…“ Für einen Moment bleiben wir einfach gemeinsam stehen und blicken aus dem Fenster. Ich halte ihn dabei weiter fest und hoffe, ihm damit ein bisschen Halt geben zu können.

„Leg dich wieder hin, Annie. Dein Akku muss auch aufgeladen werden.“ Ich zögere, will mich aber auch nicht aufdrängen. Schließlich suche ich Blickkontakt, um mich zu versichern, ob ich ihn tatsächlich in Ruhe lassen kann und soll. Nico sieht mir tief in die Augen und nickt ganz leicht. Beruhigt drücke ich ihm ein Küsschen auf die Wange und flüstere: „Ich bin da.“

Gerade habe ich mich wieder auf die Couch gekuschelt, merke ich plötzlich, dass das Sitzpolster auf Höhe meines Rückens nachgibt und im nächsten Moment spüre ich Nicos Hand auf meinem Bauch. Seinen anderen Arm schiebt er unter mein Kissen und seine Brust drückt er fest gegen meine Schulterblätter. Kuschelnd und uns gegenseitig streichelnd endet der grauenhafte Tag schließlich doch endlich.

Am nächsten Morgen reißt uns der schrille Klingelton meines Handys aus dem Schlaf. Es ist mein Papa. Er hat die besten Nachrichten, die wir uns hätten vorstellen können: Pauls Hirnschwellung ist restlos abgeklungen und er war sogar schon wach und hat mit Papa und Stella gesprochen.

Als wir mittags im Krankenhaus ankommen, sind Dana und Danny auch vor Ort. Die Stimmung ist direkt viel gelöster, die Atmosphäre freundlicher. Als wir Pauls Krankenzimmer erreichen, spielen sich so rührende Szenen ab, dass kein Auge trocken bleibt. Nico betritt den Raum und lässt die ganze Anspannung einfach fallen. Er bricht weinend über Pauls Bett zusammen und die beiden umarmen sich innigst. Nachdem auch ich Paul kurz begrüßt und mich ihm tränenüberströmt an den Hals geworfen habe, gehen Stella, Dana und ich Kaffee, Kakao und Tee für alle besorgen. „Nico war so aufgeregt. Schon vorhin als wir kurz bei mir waren, um mein Auto zu holen und damit ich mich kurz umziehen kann, hat er fast kein Wort rausbekommen. Er ist wie ferngesteuert durch den Park gelaufen.“

Wir verbringen die nächsten Stunden gemeinsam bei Paul. Reden, lachen und weinen miteinander. Die Schwestern und Ärzte, die immer wieder Untersuchungen durchführen, müssen uns regelrecht aus Pauls Zimmer werfen. Wir bleiben noch bis die Besuchszeit endet und treten dann noch immer übermüdet und ausgelaugt - aber überglücklich die Heimreise an. Ich parke vor Nicos Wohnung und will noch kurz mit nach oben, da ich meine Handtasche auf Nicos Küchenablage hab liegen lassen.

Die Atmosphäre zwischen uns ist merkwürdig. Es knistert wie üblich, gleichzeitig sind wir aber distanziert und vertraut. Es ist wirklich schwer in Worte zu fassen, was in der Luft liegt. Ich will mich mit einer kurzen harmlosen Umarmung verabschieden, da beschließt Nico das Gespräch zu suchen: „Annie wegen neulich in der Kanzlei…“ „Schon gut!“, winke ich ab. Ich bin absolut nicht gewillt, die Szenerie nochmals durchzusprechen. „Ich hab so einen Blödsinn geredet. Natürlich war unsere Nacht nicht nur ne Vög…“ „Wirklich Nico. Schon gut. Lass es uns abhaken.“ Nico sieht mir tief in die Augen und erkennt mein Unwohlsein und lässt das Thema. Dennoch hat er noch etwas auf dem Herzen: „Dann lass mich wenigstens danke sagen.“ „Du brauchst dich nicht zu bedanken. Du warst total durch den Wind. Absolut verständlich. Mir ging es ja nicht anders.“ „Du bist umwerfend, Annie.“

Das Kribbeln, das sich wegen Nicos Kompliment über meinen ganzen Körper zieht, wird jäh von der Türklingel verjagt. Was sich sodann zuträgt, lässt keine weitere Reaktion als ungläubiges Kopfschütteln im Übermaß zu:

Nico öffnet die Tür und wird fast von einem wütend schnaubenden und schimpfenden Lars umgerannt. Er poltert direkt los: „Das war ja klar! Dass du hier bist, Annie! Das war so klar! Wir sind verabredet und du tauchst nicht auf. Stundenlang nicht. Tja, wo wirst du denn sein? Natüüürlich! Beim Winter!!“ „Oh, tut mir leid, Lars. Es war viel lo…“ „Das ist mir egal. Ich will es nicht hören! Wozu mache ich mir die Mühe überhaupt?! Weißt du, ich wollte heute mit dir Sushi selber machen. Hab extra diese schwarzen Algendinger gekauft und diesen teuren Reis. Und vom Fisch will ich gar nicht erst anfangen. Ich gebe massig Geld für rohen Fisch aus und darf ihn dann alleine zubereiten. Weil DU ja lieber hier beim Winter bist. Es war alles für die Katz!“, redet er sich mehr und mehr in Rage. Bis es schließlich aus ihm herausplatzt: „Dann hätte ich mir den ganzen Quatsch sparen können. Unseren angeblichen Fick! Opas angeblichen Infarkt. Alles umsonst! Du willst mich einfach nicht. Der Winter ist interessanter. Der war mal Fußballer und sieht aus, als hätte er schon mal ne Hantel gehalten! Ich könnte kotzen! Ich komme mir vor wie vor dem Abiball!!“

Die Mitte seiner Schimpftirade erweckt mein Interesse und so frage ich nach: „Wie meinst du das? Das mit dem… Fick?!“ „Ach Annie, nun stell dich doch nicht so blöd! Natürlich haben wir nicht gefickt! Nicht, dass ich es nicht versucht hätte, aber sogar hackevoll hast du mir eine gescheuert! Ich kam neulich zum Geburtstagsfrühstück und hab die zwei leeren Kondompackungen unter deinem Bett gesehen. Noch dazu Winters dummdreist breit grinsende Visage. Da war mir klar, dass ihr gevögelt habt. Das konnte ich doch so nicht hinnehmen. Ich brauchte also einen Plan. Und zwar innerhalb von 30 Sekunden. Also hab ich erzählt, wir hätten gefickt!“ Ich kann nicht glauben, was ich da höre. „Und das… mit deinem Opa…“ „Ich brauchte doch einen Grund, dass du bei mir bleibst.“

In mir brodelt eine Wut, wie ich sie noch nie zuvor verspürt habe. Ehe ich mir auch nur ein einziges weiteres Wort von Lars anhören muss, hole ich aus und klatsche ihm meine Hand mit voller Wucht ins Gesicht. „Du bist krank! Du bist ein kleines krankes armseliges Würstchen! Lösch meine Nummer. Wag es niemals wieder, mir über den Weg zu laufen. Beabsichtigt oder unbeabsichtigt. Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben. Du bist das Letzte!“, sage ich ruhig und doch bestimmt. Lars versucht nach meiner Hand zu greifen und stammelt ein paar unzusammenhängende Wortfetzen. Doch Nico stellt sich wie eine Wand vor mich und bugsiert Lars drohend rückwärts in Richtung Türe: „Sieh zu, dass du Land gewinnst. Ich wills nicht nochmal sagen.“ Ohne noch eine weitere Silbe zu wimmern, macht Lars kehrt und verschwindet.

Ich bin vollkommen fassungslos und bleibe wie angewurzelt stehen. Mein Gesicht vergrabe ich in meinen Händen und jammere beschämt: „Wie konnte sowas nur passieren? Ich… ich hatte von Anfang an Zweifel, aber… Oh Gott.“ Nico kommt auf mich zu und hält mich an den Schultern fest. Meinen Kopf lehne ich gegen seine Brust und höre auf seine tröstenden Worte: „Dich trifft nicht die geringste Schuld. Mit sowas rechnet doch keiner, Kekschen.“ Doch ich mache mir weiter Vorwürfe und fahre fort: „Aber wenn ich nicht auf sein Spielchen eingestiegen wäre, wenn… wenn ich ihn durchschaut hätte… er hat so viel Unmut zwischen uns gestiftet. Wenn er nicht gewesen wäre… Meine Güte, ich bin so dumm!“ Nico greift an mein Kinn, richtet es nach oben und bannt meinen Blick. „Du bist ganz sicher nicht dumm.“, lächelt er. „Du bist… wunderschön.“, säuselt er und gibt mir ein Küsschen auf die Wange, was auch mich schmunzeln lässt. „Warmherzig.“, zählt er weiter auf und küsst mich ein wenig tiefer. „Klug.“ Mittlerweile hat er mein Ohrläppchen erreicht und ich schließe genussvoll die Augen. „Fürsorglich.“ Ich bekomme langsam Gänsehaut. „Humorvoll.“ Überall kribbelt es. Nico küsst mich am Hals: „Und so verdammt…“ und beendet seine Reise an meinem Schlüsselbein: „… sexy!“ Seine Hände wandern unter meine Pobacken und greifen fest zu, als er lüstern grinsend flüstert: „Und jetzt runter mit den Klamotten!“ Ich muss kichern und lasse mich von ihm nach oben ins Schlafzimmer tragen.

Schritt für Schritt, Stufe für Stufe küssen wir uns ungezügelter. Während ich mehr als angetan durch Nicos Haare wuschele, küsst er mein Schlüsselbein und setzt mich schließlich vor seinem Bett ab. Alles fühlt sich unheimlich toll an. Ich erlebe jede einzelne Sekunde mit allen Sinnen. Nico schält mich schwer atmend aus meiner Sweatjacke und meinem Top und ich grabe meine Zehen in den weichen Teppich der vor seinem Bett liegt, um mich auf die Zehenspitzen zu recken und ihm aus seinem dunkelblauen Hoodie zu helfen. Unsere Lippen sehnen sich nach einander, sobald sie nur einen Augenblick getrennt sind. Nicos Hände streichen über meinen Po und gleiten nach vorne, um sich an meinem Hosenknopf zu schaffen zu machen. Ich tue es Nico gleich und öffne seine Jeans. Mit einem Mal fällt sie zu Boden. Und so fädele ich meine Zeigefinger in den Gummibund von Nicos Boxershort und werfe ihm ein neckisches Grinsen zu. Doch eben dieses Lächeln irritiert ihn ein wenig, sodass er flüstert: „Was ist?“ Für meine Antwort lasse ich Taten sprechen. Wollüstig küsse ich Nicos Hals. Sein Schlüsselbein. Seine Brust. Nebenbei streife ich seine Unterhose ab und bugsiere ihn mit einem kräftigen Schubs nach rechts auf sein Bett und verwöhne Nico, was ihn ungestüm „Oh Mann!“ aufstöhnen lässt. Nicos Atem gerät völlig aus der Fassung. Er presst die Lippen zusammen und schließt die Augen. Es beflügelt mich, wie sehr Nico es genießt und ich gerate selber mehr und mehr in Wallung.

Im nächsten Moment klettere ich auf Nicos Schoß und drücke ihm einen leidenschaftlichen Kuss auf, welchen er ohne Umschweife erwidert. Er greift mir lüstern in den Nacken und knabbert an meiner Unterlippe herum. Im gleichen Atemzug führt er seine Finger in meinen Stringtanga und zieht ihn mir blitzschnell aus. Zu guter Letzt öffnet er einhändig und zielstrebig den Verschluss meines BHs. Ich schlüpfe heraus und werfe ihn zu Boden. „Ich hab euch vermisst, Jungs!“, keucht Nico und vergräbt direkt sein Gesicht in meinem Dekolleté, was mich erneut kichern lässt. Mit einem Mal dreht Nico mich kurzerhand auf den Rücken und legt sich mit seinem breiten Kreuz auf mich. Ich genieße seine Nähe und zergehe fast vor Lust. Mein Körper erfährt einen Schauer nach dem anderen. Die Gänsehaut tritt in Wellen auf und ich bohre lustvoll meine Fingernägel in seine Schulterblätter.

Zwischen meinen Schenkeln kann ich genau spüren, wie sehr Nico mich will. Direkt im nächsten Augenblick hebt er sein Becken und schiebt es mit einem kräftigen Ruck wieder nach vorne, was meine Sinne auf alle erdenklichen Weisen explodieren lässt. Wie sehr habe ich mich danach gesehnt, Nico wieder so spüren zu können?! Ich bin in absoluter Ekstase und gebe mich Nico vollends hin. Der Sex mit ihm fühlt sich unbeschreiblich an. Ich schwebe förmlich in anderen Sphären. Nico küsst meine Schulter und packt mich am Oberschenkel. Ich liebe seine Berührungen und knabbere seufzend an seinem Ohrläppchen. „Du bist der Wahnsinn, Annie.“, raunt er in meinen Nacken und lässt sich von mir auf den Rücken legen. Erneut nehme ich Platz auf ihm und stütze mich hierzu auf seinen definierten Bauchmuskeln ab. Nicos Hände wandern augenblicklich an meine Brüste. Ich beginne mein Gewicht zu verlagern und gleite unter heftigem Schnaufen einige Male auf und ab, ehe Nico sich aufbäumt und meinen Oberkörper fest mit seinen stählernen Armen umschließt. Er küsst mein Brustbein und wird sekündlich lauter und wilder.

Im nächsten Moment greift er unter meine Arme und legt mich neben sich auf seine Kissen. Gekonnt rollt er mich zur Seite und rückt von hinten an mich heran. Sein nächster Griff gilt meinem Oberschenkel, welchen er gleichzeitig behutsam und energisch anhebt. Ehe ich überhaupt richtig registriere, was vor sich geht, schiebt er erneut sein Becken nach vorne und bringt mich umgehend weiter in Wallung. Seine Hand gleitet an der Innenseite meines Schenkels entlang und gibt mir den Rest. Ich wende Nico mein Gesicht zu und küsse ihn. Ich kann ihm gerade gar nicht nah genug sein und kraule sein bereits leicht schweißiges Haar. Ein Kribbeln in meinem Inneren stellt sich ein und auch Nicos Bewegungen werden schneller. Er nennt meinen Namen und presst die Augen zusammen. Auch ich werde zunehmend lauter und merke, dass ich gleich so weit bin. Und wie gewohnt kommen wir gemeinsam, keuchend, küssend und überglücklich zum Orgasmus.

 

Erschöpft und wild schnaufend sinken wir in die Laken und verkrümeln uns unter Nicos Bettdecke. Minutenlang können wir nicht aufhören, uns anzulächeln. Plötzlich höre ich Regen gegen Nicos Dachfenster prasseln und richte meinen Blick auf die große Glasscheibe genau über uns. Unbeabsichtigt rutsche ich dabei 5 Zentimeter von Nico weg und finde es herzerwärmend süß, dass ihm das auffällt und er direkt nachrückt, seine Hand auf mein Steißbein legt und mich fest an sich drückt. Ich lehne meinen Kopf an seine Brust und lasse meine Fingerspitzen sanf über seinen ausgeprägten Rippenbogen gleiten. 

 

Nachdem ich zunächst noch geistig über den jüngsten Geschehnissen hänge, dringt wenig später auch Lars‘ unsäglicher Auftritt in meine Gedankengänge. Der Atem stockt mir direkt erneut und ich schüttele fassungslos den Kopf. „Wahnsinn!“, flüstere ich ungewollt. Doch Nico scheint meinen sorgenvollen Seufzer eher als positives Stöhnen aufzufassen. Er gibt mir ein Küsschen auf die Schläfe und säuselt: „Oh ja. Das war der Wahnsinn.“ Ich muss über das Missverständnis lachen, was Nico merklich irritiert. „Ich meinte nicht den Sex!“, glukse ich und bringe damit versehentlich Nicos Gesicht zum Einschlafen: „Oh, also natürlich war es der Wahnsinn. Du… du bist der Wahnsinn. Der Sex… der… also das haben wir echt raus.“, plappere ich unkontrolliert los: „Aber ich hab gerade an Lars denken müssen. Und… und wie blöd ich war!“ Nico küsst sanft meine Schulter: „Du solltest keinen Gedanken an diesen Affen verschwenden.“ Doch auch wenn ich seinen zärtlichen Aufheiterungsversuch genieße, überwiegt für den Moment der Ärger: „Wie konnte ich nur so blöd sein?!“ „Annie, jetzt hör auf, dich selbst zu geißeln.“ „Pff… so betrunken kann ich gar nicht sein. Mit ihm zu schlafen und es dann auch noch zu vergessen! Ehrlich, ich bin so…“ Da unterbricht Nico meinen Monolog endgültig indem er seine Hand auf meine Wange legt und mir einen unheimlich leidenschaftlichen Kuss aufdrückt, der mir ein Kribbeln bis in die Zehenspitzen beschert. Danach blickt er mich mit seinen tollen Augen an und meint: „Du hast mit mir geschlafen, Annie. Und das war phänomenal. Daran solltest du denken. An nichts anderes.“ Ich bin so hin und weg von seiner Geste und seinem ganzen Sein, dass ich kein Wort rauskriege. Ich kralle mich lediglich an seiner Schulter fest und nicke. „Gut. Und jetzt komm, ich hab nen riesen Hunger!“, grinst er und hüpft aus dem Bett, während er mir die Decke über den Kopf wirbelt.

 

Ich schlüpfe in mein Höschen und mein Shirt und tapse ihm die Treppe hinunter hinterher. Er wartet schon und greift nach meiner Hand. Wie verliebte Teenies tänzeln wir küssend, kichernd und Händchen haltend in die Küche. Nico öffnet den Kühlschrank und ich bekomme bei seinem Anblick fast wieder Hitzewallungen. Wie er da so steht. In seinem engen Boxershort. Mit verstrubbelten Haaren. Das Kühlschranklicht betont seinen definierten Körper. So in meinen Schwärmereien verloren, höre ich fast nicht, was er sagt. „Ähm… was?!“, stammle ich auf meiner Unterlippe herumkauend. „Ob Toast Hawaii okay ist. Viel mehr gibt der Kühlschrank leider nicht her.“, schmunzelt er verlegen. Ich gehe auf ihn zu, schnappe mir die Dosenananas aus seiner Hand und verpasse ihm einen frechen Klaps auf den Hintern: „Na dann los.“

 

Nachdem wir die Finger und Lippen fast nicht voneinander lassen konnten, sitzen wir erst eine geschlagene Stunde später mit leckerem Toast Hawaii auf der Couch und sehen uns einen unglaublich lustigen Film an. Nicht nur die 4 Stück, die ich verputzt hab tragen zu meiner stetig steigenden Schläfrigkeit bei - nein auch die Anstrengung der letzten Tage und Nächte fordert ihren Tribut und so nicke ich schließlich ein.

 

Später spüre ich eine Hand sanft über meine Wange streichen und schlage völlig schlaftrunken die Augen auf. Was ich sehe, lässt mir direkt das Herz höher schlagen. Nico säuselt mir leise und rücksichtsvoll zu: „Los Kekschen. Gehen wir nach oben ins Bett.“ Wortlos folge ich ihm und kuschele mich in seine Kissen. War ich im einen Moment noch hundemüde, sorgt Nicos Umarmung von hinten und sein sanft geflüstertes: „Schlaf gut, Kekschen.“ für Alarm in meinem Kopf. Das zusätzliche Küsschen auf mein Schulterblatt lässt auch meinen Unterleib anspringen. Was soll ich sagen? Ich kann diesem Mann nicht widerstehen. So drehe ich mich in seinen starken Armen um und beginne, seinen Hals zu küssen. Meine Hände lasse ich dabei über seine stramme Brust und seinen Bauch wandern. Während Nicos Atem spürbar schwerer wird, fädele ich meine Finger in den Bund seines Boxershorts und suche mit meinen Lippen die seinen. Angetan erwidert Nico meinen Kuss und fragt verwundert: „Was hast du denn vor?“ Ich beginne, breit zu grinsen, ziehe sein Short nach unten und meine: „Was denkst du denn?“ Da glukst er zu meiner Belustigung laut: „Oh Gott sei Dank! Ich bin schon scharf auf ne Wiederholung seit wir aufgehört haben!“ und zupft mir mein Top vom Leib.

 

Erneut liebkost er meine Brüste und zieht mir mein Höschen aus. Ich genieße seine Leidenschaft in vollen Zügen und küsse ihn mit jeder Sekunde stürmischer. Mit Nachdruck spreizt er mit einer gut sitzenden Handbewegung meine Schenkel und verwöhnt mich bis ich mich schließlich leise stöhnend aufbäume und ihn auf den Rücken stoße. Ich vergeude keine Zeit, um auf seinem Schoß Platz zu nehmen und beginne, auf und ab zu gleiten. Nico hat mein Becken dabei fest im Griff. Es erregt mich mehr und mehr, in seinen Augen die pure Lust zu sehen. Ich beuge mich nach unten und knabbere an seinen Lippen, während er in meinen Nacken greift und meinen Kuss erwidert. Im nächsten Moment hält Nico meinen Oberkörper fest und hebt sein Becken, sodass wir die Plätze tauschen und er auf mir liegt. Seine ruckartigen Beckenbewegungen bringen mich um den Verstand. Ich kann nicht anders und schlage meine Fingernägel in seinen knackigen Po und seine ausgeprägten Schulterblätter. „Annie!“, seufzt er lustvoll und zwickt mich mit den Lippen in mein Schlüsselbein. Mit jedem Stoß werde ich lauter. Nico ist einfach ein wahnsinns Liebhaber. Das Kribbeln tief in mir steigt immer weiter auf. Nicos Bewegungen werden schneller und ungestümer. Unsere Küsse wolllüstiger. Die Berührungen wilder. Wir seufzen um die Wette. Ich lasse mich vollkommen fallen und so kommen wir wie einstudiert gemeinsam zum Orgasmus. 

 

Wenige Sekunden halten wir inne, doch Nico lässt sich schließlich auf meine Brust gleiten und ich lege meine Arme um seinen Nacken. Da liegen wir wieder. Keuchend und zufrieden lächelnd. Es gibt keinen Ort, an dem ich jetzt lieber wäre. 

 

Nach einer kurzen Verschnaufpause, rappeln wir uns schließlich auf und schlendern in Nicos Badezimmer, um uns die Zähne zu putzen. Dabei können wir es nicht lassen, uns verstohlene Blicke zuzuwerfen.

 

Erschöpft von unserer sportlichen Aktivität und erschlagen von der Anstrengung der letzten Tage fallen wir schließlich ins Bett und kuscheln noch kurz, ehe wir glücklich Arm in Arm einschlafen.

 

Am nächsten Morgen fällt es mir schwer aufzustehen. Ich könnte Nico ewig beobachten. Er liegt so friedlich neben mir. Dabei hält er meine Hand ganz fest und drückt sie gegen seinen Brustkorb. Doch es ist schon fast 10 und ich hab mit Dana vereinbart, um halb 12 Bailey abzuholen. So ziehe ich ganz vorsichtig meine Hand weg und tapse lautlos ins Bad. Mit frisch geputzten Zähnen drehe ich schließlich das Wasser auf und springe unter die Dusche. 

 

Ich schließe die Augen und genieße jeden einzelnen heißen Wassertropfen, der herunterprasselt. Gedanklich verliere ich mich gerade wieder in der letzten Nacht. Nicos Berührungen. Seinen Küssen. Es war unbeschreiblich. Ich kann nicht in Worte fassen, was Nico in mir auslöst.

 

Plötzlich bemerke ich seine Hände auf meinen Beckenknochen. Seine Lippen in meinem Nacken. Er stellt sich dicht hinter mich, sodass ich direkt seine Begierde spüre. Seine rechte Hand wandert langsam zwischen meine Brüste, seine linke gleitet nach unten. Lüstern strecke ich meinen Nacken und greife an Nicos Oberschenkel. Im nächsten Augenblick dreht Nico mich zu sich um und drückt mich sanft aber bestimmt gegen die Duschwand. „Ich schulde dir noch was.“, flüstert er mir zu und knabbert an meinem Ohrläppchen. 

 

Seine Küsse an meinem Hals entlang in Richtung Brustkorb und Bauchnabel bescheren mir Gänsehaut am ganzen Körper. Zielgerichtet begibt Nico sich auf die Knie und wirft sich mit einem Mal mein Bein über die Schulter. Ich gerate vollkommen in Ekstase, als er damit beginnt, mich zu liebkosen. „Oh mein Gott!“, säusele ich und schwebe bereits in anderen Sphären. Leidenschaftlich lasse ich dabei meine Finger durch Nicos nasses braunes Haar gleiten. Ich kann kaum an mich halten und werde zusehends unruhiger. Mein Herzschlag verdoppelt sich binnen Sekunden. 

 

Nico lässt sachte mein Bein zu Boden und steht langsam auf. Dabei lässt er seine Zunge über meinen Bauchnabel nach oben tänzeln, macht noch einen Abstecher zu meinen Brüsten und drückt schließlich ungestüm seine Lippen auf meine. Ich kraule seinen Nacken und lege meine Stirn an seine. „Ich will dich!“, flüstere ich lüstern. Mit einem Satz greift Nico unter meine Pobacken, hebt mich hoch und drückt mich gegen die warmen feuchten Wandfliesen, während er sein Becken nach vorne schiebt. Nico bringt mich um den Verstand. Noch nie hatte ich solchen Sex. Unbeschreiblich, wie ich mich fühle, wenn wir zusammen sind. Dieser Kerl ist die reinste Droge. Ich liebe es, wie er mich mit seinen starken Armen festhält. Ich bin verrückt danach, dass er seine definierten Brustmuskeln gegen meinen Busen presst. Von seinem Können unter der Gürtellinie ganz zu schweigen. Von Nicos unerwartetem Vorspiel verwöhnt, merke ich schon jetzt, dass ich bald komme und schlage meine Krallen und seine Schultern. Auch durch die laufende Dusche hindurch kann man mein lautes Stöhnen hören - Tendenz steigend. „Oh Nico!“, seufze ich und fühle, wie meine Oberschenkel bereits leicht zucken. Nico knabbert an meinem Hals und säuselt meinen Namen. Wir keuchen und schnaufen uns schließlich unter schnellen, heißen Bewegungen zum Höhepunkt.

 

Nico lässt meine Füße behutsam auf den Boden sinken, stemmt seine Arme gegen die Wand und legt seine Stirn an meine. Einen Augenblick lassen wir die Situation auf uns wirken. Nico scheint nicht weniger beflügelt zu sein als ich. Er streichelt mir zufrieden lächelnd und noch immer außer Atem über die Wange und drückt mir einen liebevollen Kuss auf. Ich drücke ihn fest an mich, verschrenke meine Arme hinter seinem Rücken und witzele: „Eigentlich sollte eine Dusche dazu führen, sich hinterher sauber zu fühlen und nicht schmutziger.“ Nico kichert spitzbübisch. So gerne ich mich ihm weiterhin voll und ganz hingeben würde, muss ich seine Schmuseeinheiten leider unterbrechen. Nachdem er mir nach jedem zweiten Wort den Satz mit einem Schmatzer abschneidet, stellt sich meine Intension als äußerst schwierig durchzusetzen dar. Da soll mal jemand einen klaren Kopf bewahren, wenn ein Kerl, der aussieht wie Nico nackt und feucht glänzend unter der Dusche vor einem steht und ununterbrochen an einem rumschraubt. 

 

Sage und schreibe 30 Minuten später finde ich mich frisch gewaschen, geföhnt und angezogen in Nicos Küche wieder. Er will gerade Teller und Tassen aus dem Schrank räumen, als ich nach meinem Schlüsselbund greife: „Was denn? Du hast nicht mal mehr Zeit für einen Kaffee und Croissants? Ich hab extra welche zum Aufbacken in den Ofen geschoben.“ „Tut mir echt leid, Nico. Aber die spontane Frühsporteinheit in der Dusche hat sich negativ auf mein Zeitkonto ausgewirkt.“ „Ach, jetzt bin ich schuld?“, moniert er zwinkernd und greift mir direkt wieder an den Hintern. „Nicooo…“, will ich mich von ihm loseisen, doch gegen seine starken Arme bin ich schlicht machtlos. „Ich muss looos.“ Langsam aber sicher wandern seine Hände unter mein Shirt und seine Lippen in Richtung meines Schlüsselbeins. 

 

Ich ringe förmlich mit mir und büße allmählich meine Standhaftigkeit ein, als es unerwartet an seiner Türe klingelt. Murrend lässt er von mir ab und trabt zur Tür. Sein Gesichtsausdruck erhellt sich binnen Sekunden und seinem euphorischen „Oh mein Gott!“ folgt ein ausgedehntes Hand- und Rückengeklatsche, was mich zunehmend neugierig macht. Und so tapse ich nahezu lautlos in Richtung Flur und strecke meinen Kopf um die Ecke. Bei dem Anblick, der sich mir völlig unerwarteter Weise bietet, schießen mir unversehens die Tränen in die Augen. Paul steht mit Nico im Türrahmen und die beiden umarmen sich innig. Danny drückt die Männer auch ganz fest und hinter ihm steht Stella, die sich ebenfalls die Augen reibt. Wie ferngesteuert renne ich zu ihnen und umarme Paul tränenüberströmt. Gerade, als ich aufhören kann, überglücklich zu japsen, springt Bailey zwischen meinen Füßen umher. Im Treppenhaus hallt eine geliebte, dunkle Stimme: „Da haben wir euch wohl überrascht, was?“ Es ist mein Papa. Er und Dana sind auch hier. Erst auf den zweiten Blick nehme ich die 3000 Tüten wahr, die sie alle in der Hand haben. Da zwinkert Paul Nico an und sagt: „Wir haben Frühstück mitgebracht.“

 

Wenige Minuten später ist Nicos großer Esstisch aus dunklem Eichenholz vollbeladen mit Brötchen, Croissants, verschiedenen Aufstrichen, Aufschnittplatten, frischem O-Saft, Kaffee und Müsli in allen Variationen. Zuerst beantwortet Paul unaufgefordert die uns unter den Nägeln brennende Frage, wie es zu seiner frühzeitigen Entlassung aus der Klinik kommen konnte: „Die Ärzte meinten, dass die Hirnschwellung restlos zurückgegangen ist. Alle anderen Tests waren unauffällig und ohne weiteren Befund. Ich hab dann keinen Grund mehr gesehen, in einem ungemütlichen Bett in einem kahlen Zimmer zu liegen und auf ungenießbares Essen zu warten. Also habe ich mich selbst entlassen. Auf eigene Verantwortung.“  Stella streichelt ihm liebevoll über die Wange und säuselt: „Wir päppeln dich schon wieder auf, Schatz.“

 

Wir verbringen einen unglaublich schönen Vormittag zusammen. Immer wieder kämpft jemand mit den Tränen, doch es handelt sich in den meisten Fällen um Freudentränen.

 

Während des gesamten Frühstücks suchen Nico und ich unentwegt Blickkontakt und körperliche Nähe. Ob sich nun nur unsere Füße unter dem Tisch berühren, er seine Hand auf meinen Rücken legt, beim Aufstehen über meine Schulter streicht oder ich mich zu ihm rüber lehne oder meine Hand auf seinen Oberschenkel ablege. Natürlich entgeht dem Rest der Truppe nicht alles hiervon und ich kann immer wieder fragende Gesichter jenseits des Brötchenkorbs erkennen. Ich fühle mich rundum glücklich und bin so losgelöst, dass es mir egal ist, was die anderen davon mitbekommen oder nicht.

 

Doch erwartungsgemäß beginnt Stella früher oder später damit, nachzubohren: „Sag mal, Annie… was treibt eigentlich Lars heute?“ „Äääh…“, gatze ich unvorbereitet los: „Der… äääh… ist beruflich unterwegs.“ Während ich meine Nase weiter und weiter und meiner Kaffeetasse versenke, wird Stellas Grinsen breiter und breiter. Und auch Paul riecht allmählich Lunte: „Ich hab ja den Verdacht, dass wir von dem in nächster Zeit nicht viel bis gar nix hören oder sehen werden. Oder… täusche ich mich da, Annie?“ Da platzt es aus mir heraus: „Lars und ich sind nicht zusammen. Waren wir nie.“, als ich in sechs fragende Gesichter blicke, überdenke ich meine Wortwahl und verfeinere meine letzte Aussage: „Also… waren wir schon. Früher. Aber… aber jetzt nicht. Also früher als Teenies. Aber danach nie wieder.“ Erfolglos versuche ich, die Situation zu klären, ohne mich zum wiederholten Mal in Rage zu reden, da fordert Paul: „Los Nico, jetzt rette die Kleine endlich.“ Völlig lockerflockig und gewohnt wortgewandt steht Nico auf und legt seine Hand auf meine Schulter: „Also Leute… Lars ist ein Spinner. Er hat sich da in was verrannt und Annie da mit reingezogen. Ich will da jetzt nicht so uns Detail gehen, aber jedenfalls habt ihr Recht und der wird wohl künftig keine Rolle mehr in eurer Familie spielen.“ 

 

„Nein, das stimmt. Aber…“, ich lege lächelnd meine Hand auf Nicos und ergänze: „… Nico wird es. Nico wird… eine Rolle in unserer Familie spielen.“ Mein Papa setzt ein überbreites Grinsen auf und klopft Nico auf die Schulter: „Und ich schätze, dass sich das nicht nur auf die Patenschaft für Stellas und Pauls Baby bezieht?!“ Selbstbewusst wie man ihn kennt und einfach lieben muss, stemmt Nico den Arm in seine Hüfte, reicht meinem Papa die Hand und schmunzelt: „Ganz Recht, Schwiegerpapa!“

 

Stella und Dana sind vor Freude völlig aus dem Häuschen und liegen sich fast weinend in den Armen und Paul jubelt so laut los, sodass Danny und Bailey ihn wie versteinert anstarren. Es ist wunderbar, zu wissen, dass man die ganze Familie im Rücken hat. Und es ist noch wunderbarer, Nico meinen festen Freund nennen zu dürfen. Doch am wunderbarsten ist, dass wir eine große, glückliche und gemeinsame Zukunft vor uns haben. Nico und ich.





 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.08.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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