Wolfgang Scholmanns

Zwölfte Therapiestunde

Eine kleine, etwas rundliche Frau, betritt seine Praxis. Scheue Blicke, die durch sein Büro schweifen und sich schließlich hilfesuchend an seine Lippen klammern.

„So sagen sie doch etwas. Warum sehen sie mich so an?“

„Guten Tag, bitte nehmen sie Platz. Ich bin Dr. X., was kann ich für sie tun?“

„Ich bin mir gar nicht so ganz sicher. Ich glaube ich möchte ..... ich habe zwei kleine Kinder, bin alleinerziehend und wünsche mir nichts mehr, als eine richtige Familie, mit Mann und …bitte helfen sie mir, ich …“
Unruhig, sitzt sie vor ihm.
Eine Behandlung verlangt äußerst viel Geduld und Zeit. Innere Kämpfe, die unbewusst in ihr ablaufen, müssten ihr durch die psychoanalytisch orientierte Psychotherapie bewusst gemacht werden.
Im Verlauf der ersten Therapiestunden gibt sie zu erkennen, dass bei ihr die Nähe anderer Menschen, besonders die von Autoritätspersonen oder Männern, Angst auslöst. Auch habe sie das Gefühl, dass es immer schlimmer wird. Schuldgefühle, die sie nicht zuordnen kann, quälen sie. Sie kommt sich dann immer so klein vor und würde sich am liebsten in eine dunkle Ecke verkriechen. Manchmal würde sie gerne den ganzen Tag im Bett liegen aber da würde sie auch von Angstgefühlen geplagt. Manchmal habe sie schon daran gedacht, ob es vielleicht besser wäre, wenn sie ihr Leben beenden würde. Dann wäre Schluss mit dem ganzen Spuk.
Dr. X. ist ein wenig überrascht als er diese Äußerung vernimmt. Suizidales Verhalten ist bei jeder therapeutischen Methode von höchster Priorität. Hier muss man abwägen, ob es nicht vielleicht besser wäre, den Klienten in eine Klinik einzuweisen wo er unter Aufsicht steht. Er hat aber nicht den Eindruck, dass die Belastung bei seiner Klientin so groß ist, dass eine akute suizidale Gefährdung zu befürchten wäre. Er glaubt zu spüren, wie sie sich im Laufe der erst zwölften Therapiestunde immer mehr öffnet und auch viel selbstbewusster erscheint. Auch, dass sie am Ende dieser Stunde sagt, dass es ihr jetzt besser gehe, bekräftigte sein Gefühl.
Zwei Tage später, er sitzt mit seiner Frau beim Frühstück, liest er in der Tageszeitung, dass am Rheinufer die Leiche einer ca. vierzigjährigen, kleinen, etwas rundlichen Frau von Spaziergängern entdeckt wurde.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.08.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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