Angeline Langner

Verlassen

Ein weiteres Mal schlug die Uhr Mitternacht.
Ein weiteres Mal saß ich alleine an unserem Küchentisch, eine Schale kalter Lasagne vor mir.
Sie ließ sich dieses Mal besonders viel Zeit. Ich machte mir Sorgen.
Warum ist sie wieder so spät dran? Hat sie den letzten Bus verpasst? Ist ihr Akku leer und sie hatte nicht genug Geld für ein Taxi? Oder ist sie noch mit einer Freundin in eine Bar gegangen und hat die Zeit vergessen?
Verärgert zog ich mir Jacke und Schuhe an und verließ das Haus.
Es war kalt. Ich fror und war müde, sehr müde.
Endlose Stunden vergingen, als ich alle mir bekannten Aufenthaltsorte ablief.
Nichts.
Auch bei Ihrer Freundin Susan konnte ich sie nicht finden.
Ist sie etwa abgehauen?
Ich irrte die Straßen im spärlichen Laternenschein umher, kaufte mir ein eiskaltes Bier an einem 24-Stunden-Shop um meinen Kopf wach zu rütteln und trank es schnell in einem Zug aus.
Übelkeit.
Ich lief die nächste Seitenstraße ab. Es fing bereits leicht zu dämmern an. Ich wusste nicht mehr, wie spät es war. Was wäre, wenn ihr etwas zugest0ßen ist? Was würde ich machen, wenn sie heimlich einen anderen Mann getroffen hatte?
Ich empfand Hass und Neid.

Ich achtete kaum noch auf meine Umgebung und lief einfach immer weiter, verloren in meinen Gedanken, die immer wilder kreisten und mir die schrecklichsten Situationen in detailreichen Bildern darstellten. Mit gesenktem Blick bog ich in eine dunkle Gasse ein.
Aus dem Augenwinkel sah ich jemanden am anderen Ende der kurzen Straße auf einer Veranda stehen. Ich hob den Kopf und sah sie. Allein? Nein, da ist noch jemand, ein Mann!
Ich blieb wie angewurzelt stehen. Hatte sie mich wirklich hintergangen? Wagte sie es tatsächlich, mich zu betrügen? Ich starrte sie an.
Langsam hob sie den Kopf und blickte in meine Richtung. Mist, sie hatte mich entdeckt!
Ihr Blick traf auf meinen und auf ihrem makellosen, hübschen Gesicht, mache sich Angst breit.
Sie sagte etwas zu dem Mann, der sich sofort umdrehte und mich musterte. Sie unterhielten sich. Sie aufgebracht, er beruhigend. Ängstlich zerrte sie ihm an seinem blauen Hemd, wollte ins Haus verschwinden.
Er nahm jedoch ihre Hände und zog sie zu einem beladenen silbernen Wagen, der am Straßenrand geparkt war. Ich glaube, es war ein Volvo XC60, auf jeden Fall ein SUV. Er befahl ihr einzusteigen.
Sie suchte meinen Blick, aber ich schaute sie nicht an. Ich wollte wissen, was diesem Mann dort einfiel, meine Frau anzufassen, dieser elende Hund.

Langsam kam er auf mich zu. Ich rührte mich nicht.
Er bleib 2 Meter vor mir stehen und sah mir direkt in die Augen.
„Du bist ihr Mann, Jacob, nicht wahr? Hör zu, ich weiß, dass ich mich da in eine Sache einmische, die mich deiner Meinung nach nichts angeht, aber ich kann einfach nicht zusehen, wie du meine Cousine in den Abgrund stürzt, du Schläger! Du Frauenvernichter! Ich werde sie mitnehmen. Dorthin, wo sie es gut haben wird und du wirst sie in Ruhe lassen, klar! Für immer!“, sprach der Mann mit den mittelblonden Haaren, dem blauen Hemd und der beigen Capri-Hose.
In meinem Inneren schrie ich auf vor Lachen, aber nach außen hin war ich unfähig, etwas zu sagen.
Der Kloß in meinem Hals schwoll an und schnürte mir die Kehle zu.
Sunny-Boy kam noch einen großen Schritt auf mich zu.
„Ich werde dich verschonen, wenn du sie verschonst. Sie will dich nicht anzeigen, auch wenn ich es ihr wärmstens empfehle, aber sie liebt dich wohl wirklich, auch wenn du es gar nicht verdient hast! Sie muss jedoch fort und du wirst sie gehen lassen, kapiert? Du lässt sie gehen und folgst ihr nicht, verstanden?“, fragte er mich, wahrscheinlich nur aus Höflichkeit.
Wenn er wüsste, dass er sein Todesurteil damit unterschrieben hat. Stattdessen nickte ich jedoch nur benommen. „Gut!“, rief er abschließend und ging 3 Schritte zurück, ohne den Blick von mir abzuwenden. Dann drehte er sich um und rannte zum Wagen.
Ich stand immer noch da und überlegte, ob ich seinen scheiß Schädel gleich an hier an Ort und Stelle auf der Bordsteinkante zertrümmern sollte oder ich ihm das Gefühl von Erfolg gewähren lassen soll, nur damit er überrascht ist, wenn ich ihn eines Tages auflauern würde und so einfach den Schädel wegblasen würde. Ohja, das Gesicht würde ich zu gerne sehen. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht zu grinsen wie ein Honigkuchenpferd.

Der Motor heulte auf. Ich sah meiner Frau ins Gesicht.
Langsam verschwamm es und etwas Heißes und Nasses lief meine Wangen hinab.
Der Volvo fuhr los und verschwand bald schon gänzlich.
Ich stand allein da, mit Hass auf mich selbst.
Allein und verlassen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.08.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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