Monika Litschko

Müllers Hausmeistergeschichten - Das Kauderwelsch des Lebens

Müller hatte seinen Job an den Nagel hängen müssen, nachdem er einen Schlaganfall bekommen hatte. Und hätte er Inge nicht gehabt, dann wäre er wohl schon tot. Die hatte ihn nämlich zum Arzt geschickt, weil er plötzlich immerzu stolperte. Von da aus ging es dann direkt ins Krankenhaus. Nach etlichen Untersuchungen stand fest, dass er einen Frontallappeninfarkt hatte. Oder so ähnlich. Seitdem hatte sein Gedächtnis ziemlich nachgelassen. So einfach aufzuhören, war ihm verdammt schwergefallen, immerhin war der Außenbereich und alles was dazu gehörte, sein Baby gewesen. Zwei Sommer hatten Inge und er gebraucht, bis aus dem verwilderten Dschungel was Schönes wurde. Und nun das. Inge versuchte ihn immerzu zu trösten.
„Müller, du bist siebzig. Überlasse jetzt einem Jüngeren das Feld.“
Ja, das musste er wohl. Aber er überwachte ihn mit Argusaugen. „Der schneidet die Hecken nicht, Inge. Die sind schon so hoch wie Bäume.“
„Mit den Hecken hast du nichts mehr zu tun. Warum überlegst du nicht mal, was dir Spaß machen würde. Lege dir ein Hobby zu.“
Da brauchte der Müller nicht überlegen, denn er hatte keine Hobbys, außer draußen zu arbeiten. Inge malte, schrieb oder fummelte an irgendwas herum. Aber er, der Müller, lag nur noch auf dem Sofa und schlief. Irgendwann platzte Inge der Kragen.
„Müller, du liegst nur noch rum, isst wie eine Kuh und schaust in die Glotze. Merkst du nicht, dass ich auch noch da bin? Zu zweit einsam, das trifft den Nagel auf den Kopf. Wir sind zu Corona Zeiten so eingeschränkt, nirgendwo geht man mehr hin, dann können wir es uns wenigstens hier schön machen. Und wenn du dich weiterhin so vollstopfst, dann hast du bald den nächsten Klatsch.“
„Ach Inge, bald geht eh nichts mehr. Du siehst es doch jeden Tag in den Nachrichten. Wir werden bald alle bankrott sein. Keiner wird mehr was bezahlen können. Und da du nicht frieren kannst, sehe ich uns schon draußen vor einem Feuerfass stehen mit roten Ohren und blauer Nase.“
„Und wenn du dich nicht mal am Riemen reißt, sehe ich dich vor dem Feuerfass stehen, aber allein.“
Das hatte gesessen. Müller stand auf, machte sich bettfertig und legte sich schlafen. Wütend rollte er sich auf die Seite, schlief ein und träumte. Er stand an irgendeinem Bahnhof und sprach einen älteren Mann an. Irgendwie hatte er plötzlich eine poetische Ader.

„Haben Sie gerade Zeit für mich? Das ist nett, freue mich. Ich fange mal an und erzähle, hoffe nicht, dass ich Sie quäle. Also, der Frust der Menschen macht sich breit. Wissen Sie, wegen der verlorenen Zeit.
Was für eine Zeit, werden Sie jetzt denken. Die Zeit, wo alles besser werden sollte, auf die sie geschworen haben, aber uns so gar nichts schenken. Es ist eher anderes rum, wie dumm. Blöd gelaufen würde ich sagen, viele haben es schon massiv am Magen. Haben Sie verstanden, was ich eigentlich meine? Ich meine, wir alle halten doch nur noch wütend still. Warum wir dieses machen und wer das so will? Diejenigen wollen das, die täglich die Manege betreten, die meinen, uns ein gutes anderes Leben zu geben. Sie schreiben uns vor, wann wir froh und zufrieden sind, doch mittlerweile sind wir schon taub und blind. Blind von dem, was sie repräsentieren, da sie es selbst nicht kapieren. Durchschaubare Gaukler, in unserer aller Pflicht, mit lächelnder Maske auf Steingesicht, erhoben sich wie Phönix aus der Asche. Immer mehr, glaube ich, greifen seitdem zur Flasche. Taub, weil uns die Lügerei an die Nerven geht, weil es eh keiner mehr versteht. Sie schütteln Hände, üben sich in Telefonaten
und die, die sich nicht kennen, werfen für sie die Granaten. Und so nebenbei, wollen sie uns gnädig entlasten, dabei werden wir bald arm sein und gezwungen zu fasten. Die Taschen halten sie weit auf, kommt, werft rein, es wird auch nicht das Letzte sein. Sehr gemein. Jetzt hat erstmal alles mit dort zu tun und auch da, denn der Forderer gibt nicht auf, ist immer da. Sie geben ihm alles, was er will, doch er wird nicht still. Der Menschheit Druck im Kessel brodelt und bald macht es Peng. Es wird explodieren, was lange vergraben. Erleichterte Herzen, die rufen dann, Amen. Komm sagen wir Du, dass Sie schafft Distanz. Ich bin Herbert und du bist Frank. Zwei Menschen am Bahnhof, sitzend auf einer Bank. Schau dich mal um, unsere Gesellschaft ist gespalten und wieder haben den Durchblick, nur die Alten. Nimm es locker Bruder***innen, wir sind doch alle schon von Sinnen. Es kommt eh bald der große Knall. Applaus für Aufstieg. Knall, für Fall.“

Dreh dich doch mal um,
der Bubatz geht herum,
er macht das Leben locker,
haut dich glatt vom Hocker,
und Hunger macht er auch,
dir wächst ein dicker Bauch,
von einem dicken Bauch in Ehren,
kannst du eine Zeitlang zehren.

„Herbert“, sagte plötzlich Frank, „ich bin der liebe Gott und du bist krank. Vom Bubatz lass mal schön die Finger, diese ollen langen Dinger. Bewege dich wieder, strecke die Glieder. Mache was mit dem Menke, der weiß auch nicht wohin, dann hat dein Leben bald wieder Sinn. Kümmere dich um deine Inge, schließlich tragt ihr zwei die Ringe. Und hau nicht immer rein für zwei, sonst ist es mit dir, sehr schnell vorbei. Den Rest könnte ich übernehmen, aber mal ehrlich, warum soll ich mich grämen. Ehe ich die Menschen auf die Erde setzte, waren die Tiere doch, das Allerbeste. Ich wollte doch nur mal was anderes kreieren, wäre ich doch lieber bei Tieren geblieben. Dabei war es einmal so schön auf Erden, aber es wird wohl nie wieder so werden. Ich jedenfalls bin es leid und kläre euch auf, wenn ihr recycelt, bei mir wieder angekommen seid. Ach was, was willst du noch hier. Ich nehme dich jetzt mit und forme dich um, zum Arbeitstier.“

©Monika Litschko

 



 

 

 

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