Brigitte Waldner

Kolumbien ist (k)eine Reise wert


Ich war jung, arbeitslos und suchte
den Traumjob für ein schöneres Leben.
Das wurde mir angeboten.
Für eine junge Dame, die gerne verreist,
versprach man Gratisflugtickets
nach Südamerika und zurück.
Man musste nur ein Paket abholen
und nach Europa bringen.

Man wurde genau aufgeklärt,
dass verbotene Drogen im Paket sind
und welches Risiko man habe.
Erwischen sie dich nicht,
erhältst du als Lohn einen Geldbetrag in bar von dem,
an den du das Paket im Zielland überreichen musst.
Wenn sie dich aber erwischen,
gehst du ins Gefängnis für viele Jahre.
Du kannst die Drogen auch schlucken,
die kommen auf der Toilette wieder raus,
du kannst sie auch in den Unterleib stecken.

Du kannst auch Deine Adresse geben,
wo sie das Paket hinschicken sollen,
es ist aber alles gesetzlich verboten.
Du gehst ein hohes Risiko ein.
Du darfst nicht darüber sprechen.

Ich dachte damals nur an meine Mutter,
an meine Großeltern und dass ich
verpflichtet bin, sie im Alter zu betreuen,
weil ich ja im Gegenzug dafür die Immobilie erbe,
in die ich ja hineingeboren wurde
und wo ich immer schon wohnte.
Das finanzielle Angebot war nicht lukrativ.
Die Reise erschien mir zu mühsam
für den versprochenen zu geringen Geldbetrag.
Ich hatte auch meine Zweifel,
ob ich das Geld tatsächlich bekäme.

Bevor mir dieses Angebot gemacht wurde,
war ich bei meiner Tante in Bayern zu Besuch gewesen
und sammelte ungewollt nützliche Erfahrungen.
Da ich zu dieser Zeit in Wien arbeitete,
fuhr ich mit dem Zug von Wien nach Rosenheim,
blieb eine Woche dort und fuhr wieder zurück.
Der Waggon war durchgehend von Wien bis Rosenheim,
in dem ich meine Platzkarte am Fenster hatte.
In meinem Abteil saß bei Grenzübertritt eine elegante Frau,
vielleicht doppelt so alt wie ich.
Der Zöllner kam in den Waggon und fragte die Frau,
ob sie was zu verzollen habe.
Sie sagte, sie habe nur ihre persönlichen Sachen dabei.
Dann fragte er mich.
Ich dachte mir, die äffe ich doch nicht nach
und sagte: „Nichts Besonderes.“
Ich hatte nur meine persönlichen Sachen,
das habe ich aber nicht gesagt,
weil ich die Frau nicht nachäffen wollte.
Das wurde mir zum Verhängnis.

Dann musste ich den Zug verlassen
und wurde in ein Gebäude gebracht.
Dort wurde mein Koffer komplett ausgepackt,
von diesen Leuten dort und ich schikaniert;
ich wurde abgetastet mit Händen und mit Geräten.

Sie haben mich mehrfach fotografiert und meine Fingerabdrücke genommen.
Sie haben mich allerhand gefragt und ich weinte,
weil ich den Zug versäumte und erst mit dem nächsten
dann weiterfahren konnte und sehr lange warten musste.
Die Verwandten hatten vergeblich auf mich am Bahnhof gewartet.
Es gab damals kein Mobiltelefon.
Ich war unerreichbar.
Ich bin dann selber mit dem Taxi zu denen aufs Land gefahren.
Das war auch noch teuer, weil es weit weg vom Bahnhof war.

Bei meiner Rückfahrt wurde ich wieder kontrolliert.
Ich saß im Zug gemeinsam mit einer Jugendfreundin,
die zufällig im gleichen Zug saß und auch jemand
in Deutschland besucht hatte und mich sah
und aus dem Fenster rief, ich sollte mich zu ihr setzen.
Zufällig hatten wir beide den Zug,
mit dem wir eigentlich hätten fahren wollen, versäumt
und hatten den nächsten genommen.
Am Bahnhof in Salzburg sollten wir umsteigen
in einen anderen Zug nach Wien, der sofort abfahren sollte,
Wir mussten beim Zoll durchgehen.

Ich trug eine neue, hellblaue Jeanshose.
An das kann ich mich noch genau erinnern,
weil meine Mutter mir immer Jeanshosen verboten hatte.
Ich hatte sie von meiner Tante geschenkt bekommen.
Ich wurde vom Zöllner nichts gefragt, sondern einfach aufgefordert,
in einen Raum zu folgen und mit mir ging meine Jugendfreundin.
Sie wollte mich nicht allein lassen.
Es kam mir so vor, als würde ich auf einer Liste stehen
und gewiss stand ich das dann auch.
Dort wurde wieder mein ganzes Gepäck,
ein Koffer und eine Handtasche, durchwühlt.
Die Lebensmittel, die mir meine Tante eingepackt hatte,
nahm man mir weg, riss die Verpackung auf und
zermatschte die Speise unhygienisch.
Es waren die berühmten Kärntner Nudel,
die meine Tante selber liebevoll zubereitet hatte.
Das ist eine Speise aus Teig und Quark, mit milder Minze gewürzt.
Die Speise war dann nicht mehr genießbar
und wurde vom Zoll weggeworfen.
Sie haben mich gefragt, ob ich sie essen möchte,
ich habe gesagt: „Jetzt nicht.“
Ich habe geweint und gezetert:
„Wir versäumen unseren Zug nach Wien.
Bitte lassen sie uns gehen. Es war Nachmittag.
Wir hatten noch einige Stunden Fahrt vor uns.“
Meine Jugendfreundin wurde überhaupt nicht kontrolliert.
Sie machte mir später den Vorwurf, dass ich selber schuld sei,
weil ich so nervös war und man merkte, dass ich Angst hatte.
Ich wollte nur den Zug nicht versäumen
und war natürlich total schockiert, wie rau sie mit mir umgingen,
obwohl ich nichts Verbotenes bei mir hatte und nichts verbrochen hatte.

Ich hatte also sehr negative Erfahrungen mit dem Zoll,
die noch dazu sehr unverständlich waren für mich.
Ich fühlte mich aus Spaß und Langeweile des Zolls schikaniert und blamiert.
Seither habe ich meine Verwandten nie wieder besucht.
Wenn mir schon ein ganz normaler Grenzübertritt
von Österreich nach Deutschland und zurück nicht gelingt,
wie sollte ich dann mit einer verbotenen Ware durchkommen?

Wie sollte ich ein Drogenpaket von Südamerika
nach Europa schmuggeln, ohne erwischt zu werden?
Ich wusste genau, da habe ich keine Chance.
Daher ging ich das Risiko nicht ein,
zum einen, weil es gesetzlich verboten ist,
zum anderen, weil ich dafür nicht geeignet bin,
und vermutlich auf einer Persona-non grata-Liste stand.
Für mich galt immer das, was mir daheim gelernt wurde:
„Kann ich nicht, darf ich nicht, tu ich nicht!“

Sooft ich höre, dass naive Leute beim Drogenschmuggel
erwischt und im Ausland eingesperrt wurden,
verwundert es mich, warum diese behaupten,
sie hätten nichts davon gewusst. Man wird genau aufgeklärt,
bevor man sich darauf einlässt,
und außerdem kann man nein sagen, ohne Risiko.
Die Jungen sind nicht so dumm und die Alten nicht so naiv,
es nicht zu durchschauen, was da läuft.
Der Drogenhandel lässt sich mutmaßlich auch nicht auf jemanden ein,
der prinzipiell ungeeignet erscheint.

Das Befördern von Drogen ist genauso strafbar,
wie das Handeln mit Drogen.
Bei größeren Mengen verdoppelt sich die Strafe.
Das weiß man doch in der heutigen Zeit.
Wenn dir jemand eine Reise bezahlt,
dann hat das seine Gründe.
Das ist kein interessantes Abenteuer,
mit dem man viel Geld verdienen kann,
das ist ein Verbrechen,
für das man sich seine weiße Weste
nicht schmutzig machen sollte.
Ich bin ein anständiger Mensch,
ich würde kein Risiko eingehen.

© Brigitte Waldner

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Brigitte Waldner).
Der Beitrag wurde von Brigitte Waldner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.09.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  • Autorensteckbrief
  • 1und1melodieeclipso.at (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)
  • 2 Leserinnen/Leser folgen Brigitte Waldner

  Brigitte Waldner als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Die starken Engel von Peter Kurka



Das Buch handelt von den Alltagssorgen der Kinder. Eine Fee, eine Elfe und die Engel helfen bei der Bewältigung der Probleme. Die Kinder werden im Traum auf magische Sterne geleitet. Auf den Sternen erleben sie fantastische Abenteuer. Sie treffen dort auf lustige Bewohner und einige Tiere. Nach dem Besuch der Traumsterne sind die Kinder wie verwandelt. Sie sind jetzt glücklich und zufrieden. Ihre Probleme sind am nächsten Tag gelöst.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Abenteuer" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Brigitte Waldner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Rudolf mit der Stirnlampe - Ein Räubermärchen von Brigitte Waldner (Märchen)
Pilgertour IV. von Rüdiger Nazar (Abenteuer)
Engelsbonbon von Karin Ernst (Märchen)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen