Klaus Mattes

Der reuige Raucher / 7012

Ein Problem habe ich, die gesundheitlichen Schäden durchs Rauchen. Das schlägt bei mir seit Jahren auf Kreislauf und Durchblutung. Noch steht der Schwanz und auch die Beine sind nicht schwarz. Aber da ist dieses Eingeschlafene-Beine- oder -Arme-Gefühl. Mich sticht's auch öfter ins Bein. Manchmal geht das durch und durch.

Ich sage niemals was zu irgendwem. Ich gehe davon aus, dass ausnahmslos alle antworten, hör doch einfach auf zu rauchen!

Schmerzen, die mal hier sind, mal nie gewesen scheinen. In größere Bereiche meiner Hände und Füße rückflutende Blutschwälle, wenn ich für längere Zeit die Beine übereinander geschlagen oder mit den Armen was Schweres geschleppt habe. So jene spottbilligen Essensdosen aus dem Tafelladen, die nämlich so billig sind, weil ihr Etikett fehlt, man immer erst nach dem Öffnen sieht, was es heute zu essen gibt. (Manches Gemüse kann man durch die Wände seines Gefängnisses schon hören: die Erbsen.)

Schwäche-, geradezu Lähmungsempfinden tief drinnen im linken Oberschenkel. Schon viele Jahre kenne ich das, immer da links, immer oben. Die zustechenden Schmerzen, kurz und heftig, habe ich fast nur weiter draußen, an Händen und Füßen. Werden dann etwa Kapillaren wieder frei gesprengt?

Ich las die Biografie der Marlene Dietrich. Ihre vom lebenslangen Zigarettenkonsum verursachten Durchblutungsprobeme sollen schmerzhaft gewesen sein. Wie zum Trotz stand sie bis ins 65. Jahr auf den Bühnen und führte dem Publikum ihre berühmten Beine vor. Weder aufs Beineschwenken noch aufs Paffen wollte sie verzichten. Ich dachte, genau, das ist es doch.

Todesahnungen. Ich sollte mich untersuchen lassen. Ich schiebe das vor mir her. Mein Vater war auch so. Wegen seinem schlechten Hören ging er überhaupt nie zum Arzt. Es ist doch auch immer gleich mit diesen Ärzten. Kaum ist man bei denen aufgetaucht und sie haben die Telefonnummer und Adresse und vermerkt, dass man die und die Krankheitsgeschichte hat, wollen sie einen niemals wieder komplett aus ihren Klauen lassen. Spätestens in einem halben Jahr muss noch mal Nachschau gehalten werden, damit sie ein anderes Medikament einsetzen können, zu dem man die Rezepte immer weiter bei ihnen bekommt. Dabei merken und verstehen sie eher wenig.

Sie haben ihre Maschinen wie Ultraschall und EEG. Die werden dann halt eingesetzt. Aber alles, was ihre Maschinen nicht messen, wissen sie nicht und wollen es in Wahrheit auch gar nicht wissen. Lieber reagieren sie, indem sie es überhören, denn sie denken, es wäre Autosuggestion, was der Patient ihnen berichtet. Man wird das Gefühl nie los, dass sie nicht verstehen, was sich da gerade abspielt. Man hat zur Krankheit in seinem Leben jetzt auch noch einen Arzt dazu.

Fahre ich für eine Woche zu meiner Mutter, dann kann ich die Zigaretten weglassen. Mein Lebensmuster Kind habe ich gut internalisiert und es schließt Rauchen aus. Wenn ich wieder allein bin in der vergilbten Wohnung, muss ich gleich die erste rettende Zigarette anzünden. Anders geht es nicht.

Dann ist mir doch geglückt, mit dem Rauchen aufzuhören. Praktisch von einem Tag zum anderen. Aber ich weiß schon selbst, jeden Tag könnte ich wieder damit anfangen.

Tatsächlich rauche ich mehr als acht Monate nicht mehr, seit Juli 2004.

Ich hatte Panik bekommen vor den Blutaussetzern in meinen Armen und Beinen. Ich erinnerte mich, schon im Jahr 1994 hatte ich manchmal dieses Kribbeln in den Unterarmen, morgens nach dem Aufstehen. Damals hatte ich die Krätze aus Prag mitgebracht. Ich benutzte die falsche Salbe, die klassische, von der man heute abrät. Man kommt irgendwann dahin, dass man nicht mehr weiß, ist das immer noch die Krätze oder ist es die verdammte Krätzenpaste. Und dann dämmerte mir, dass es weder noch, sondern von meinem Zigarettenverbrauch kommen könnte.

Ob ich die Sucht besiegt habe, ist noch lange nicht gewiss. Ich kaufe Bonbons, was ich schon ewig nicht mehr gemacht habe. Ich esse Schokolade, schlecke Eis, trinke Rotwein. Aber immer noch diese Eindrücke unter der Haut. Was ist da? Es fühlt sich an, als kehre zügig eine Menge Blut in eine Region zurück, wo es vorher scheinbar längere Zeit nicht mehr gewesen war.

Aber im Winter friere ich ohne Handschuhe nicht mehr.

Weihnachten fahre ich zu meiner Mutter und irgendwann lässt sie fallen, man spricht über Familiengeschichten, dass meine Großmutter väterlicherseits, an die ich mich nicht erinnern kann, weil ich nur Monate zählte, als sie starb, Schwierigkeiten mit der Blutzirkulation hatte. Man habe gedacht, man müsse ihr ein Bein amputieren. Sie starb aber dann am Schlag. Sie war Anfang sechzig.

Inzwischen habe ich zwei volle Jahre geschafft.

Aber es ist keine Spur besser geworden. Alles hat sich ein bisschen weiter verschlimmert, wäre ich zuzugeben geneigt. Nur eines könnte mich retten. Als Hartz-IV-Empfänger kann ich mir das beides zusammen auf keinen Fall mehr leisten: den Lidl-Dosentabak und die Monatskarte für den Tarifverbund, in dem ich kreuzen will.

Kürzlich, das kommt nur noch alle Jubeljahre vor, war für eine Nacht ein junger Mann bei mir zu Gast, der dann prompt Zigaretten gesponsert haben wollte. Ich blieb wenigstens so entschlossen, dass nur auf dem Balkon geraucht werden durfte. Natürlich rauchte ich dann eine mit. Schon mit dem ersten Zug fühlte es sich an, als wären keine 48 Stunden vergangen seit der letzten Inhalation. Ich hätte weitermachen können, bis die Hälfte der Schachtel weg gewesen wäre. Zum Glück ging mein Besucher ziemlich rasch und wurde am nächsten Tag nach Düsseldorf verschoben. Betreutes Wohnen für Randständige oder irgendwas in dieser Art.

In letzter Zeit ziehe ich es straff durch, dass ich nicht mehr in meiner Wohnung, sondern einzig auf dem Balkon noch rauche. Einer meiner verflossenen Bekannten nannte es immer „dampfen“ oder auch „dämpfen“. „Komm, geh'n wir eine dämpfen.“ Ich bin mittlerweile runter oder hoch, wie man's nimmt, auf eine halbe Schachtel am Tag. Vor Weihnachten, dazwischen natürlich der Aussetzer, als ich bei meiner Mutter war, war's noch eine volle Schachtel pro Tag.

Ob pro Tag zehn oder zwanzig, ein wirklicher Unterschied ist das nicht. Der Konsum wird weiter fortgesetzt. Zeichen meiner Sucht. Meine Sucht duldet nicht, dass ich sie verlasse. Sie gibt mal ein klein wenig nach, dann schraubt sie die Dosis wieder höher.

Die Durchblutungsstörungen stagnieren. Nicht besser, nicht schlimmer. Wer immer selbst noch nicht süchtig war, weiß ganz genau, dass ihm so was nie passieren wird.

(Wenn ich zwei Sachen grundlegend falsch gemacht habe in meinem Leben, dann dass ich mich über Jahre ans Zigarettenrauchen gewöhnt und dass ich diese Stadt nie mehr verlassen habe, in die man mich gegen meinen Willen geschickt hatte. Wo soll man auch hin?)

Gelegentliches Pochen, dass mir Angst wird. Ich sollte es einfach mal lassen. Jetzt gleich und radikal. Aber was habe ich überhaupt sonst noch im Leben, wenn ich das nicht mehr habe? Auf dem Balkon sitzen, Blättchen raus, den grausligen Knaster drehen, die Flamme in der Dunkelheit, dann tief einziehen. Einmal sterben wir alle.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.09.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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