Klaus Mattes

BILD-Bericht / 7252

 

BILD will nicht (nicht in erster Linie) anti-aufklärerische Meinungen suggerieren oder indoktrinieren. BILD will Kohle machen mit geschriebenen Texten, die „das Volk“ gern, freiwillig und gegen Bezahlung verschlingt. Das will schon was heißen in Zeiten der Aufmerksamkeitsverknappung und Dauerberieselung. Und es geht immer noch, indem man unter dem Siegel „Zeitung“ etwas wie „Information“, „Berichterstattung“ abliefert, was doch korrekterweise „Geschichtchen erzählen“ genannt werden sollte. Indem man nämlich eben nicht sagt, was die Leute denken sollen, sondern, was sie von sich aus längst denken, glauben, meinen, wissen, hoffen, fürchten.

Genau das kaufen sie am allerliebsten.

Für einen wie mich ist das nicht so schön, wenn BILD eine ganze Woche lang Geschichtchen bringt, wonach die Hartz-IV-Empfänger so gut wie alles anstellen, um bloß nicht mehr arbeiten gehen zu müssen. BILD fragt am Ende dieser Woche dann noch den Chef der Bundesagentur für Arbeit: „Kann es unter bestimmten Voraussetzungen nun doch sinnvoll sein, Hartz IV nicht zu kürzen?“ (Hartz IV entspricht theoretisch etwa 10 Euro am Tag für absolut alles außer Miete, Heizung und Rundfunkgebühren, also auch für Zeitungen, Versicherungen, Schuhe, Zigaretten, Handy und Internet.) Nein, so eine Wochenstrecke Presse ist für mich nicht schön, für „die Leute“, „das Volk“, für „wir“ dagegen ist sie richtig; sie bestätigt, was man sich immer schon dachte. Und es ist weder vom Großkapital noch von der CSU bestellt.

Andauernd bin ich neu verblüfft, wie verdammt gut sie es können. Woher wissen die, was die Einfältigen so durcheinander träumen? Haben sie den siebten Sinn?

Traurig hingegen, wie sie ihre BILD-Werbung, also die Werbung fürs Zentralorgan der Geschichtchen, verkommen lassen.

Sie haben erkannt, unserem Kunden können wir auf keinen Fall klaren Wein einschenken, was er bei uns zu sehen und lesen bekommt. Damit würden wir unserem Kunden sagen, was er wirklich will, lieber nicht mehr wissen, auf keinen Fall mehr denken, stattdessen jeden Tag einige Minihäppchen schöner Literatur für alle, denen Bücher zu langweilig, langwierig und kompliziert sind.

Lasst uns in unserer Eigenwerbung etwas vortragen, was auch schön klingt, beispielsweise dass BILD unbequeme Wahrheiten enthüllen würde, unbequem natürlich nicht für den BILD-Käufer, sondern für die anderen auf der Sonnenseite des Lebens.

1. Ein ausgebeuteter Angestellter blitzt wieder und wieder beim Zigarre rauchenden Boss ab mit seinem Versuch, eine Gehaltsaufbesserung zu erbetteln, da droht er, seine Geschichte an BILD zu geben. Schon schenkt der Boss ihm Cognac ein. Er schmeichelt: „Mein Gott, haben Sie schöne Schuhe!“ Irgendwie scheint niemand aufzufallen, dass man in der BILD noch nicht ein einziges Mal ein Geschichtchen von einem einzelnen kleinen Angestellten gelesen hat, dessen Bitte um gerechte Gehaltsanpassung abgeschmettert wurde. (An sich würden sie es bringen, aber dann sind die Bosse so schnell mit ihren Zigarren und den Cognacschwenkern.)

2. Die nächste Geschichte läuft auf demselben Mechanismus. Ein Vermieter setzt den Mieter solange unter Druck, bis dieser ankündigt, er bringe die Sache in die BILD. Sogleich fallen uns sechzig, siebzig Artikel ein, in denen BILD übervorteilten deutschen Mietern erklärt hat, dass sie ihre wahnhaften Mieten eigenmächtig um 20 Prozent kürzen könnten.

So also waren sie losgegangen, die BILD-Werbefilmchen in den Kinos. Auf Dauer wurde das jemand zu anarchisch. Also wurde nun, da der potenzielle Käufer das Grundschema gelernt hatte, das gezeigte Geschichtchen immer weiter ins Historische und Literarische entrückt. Auf jeden Fall weit weg von irgendwelcher Macht, die jemand gegenüber dem anvisierten BILD-Käuferstamm in Anschlag bringen könnte.

3. „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.“

BILD zeigt uns dazu ein Archivfoto von Dr. Martin Luther King.

4. „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.“

Und jetzt Mahatma Gandhi. Das Indien der dreißiger Jahre ist von uns weiter weg als die USA der sechziger Jahre. Beides sind zu den Akten gelegte Kapitel.

5. „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.“

Sie zeigen uns Albert Einstein. Sie sagen uns, nicht, welche Wahrheit er sich auszusprechen traute. Aber sie hätten sie seinerzeit gedruckt. Wenn es sie schon gegeben hätte.

Ich rede hier übrigens nicht mehr von den Kinofilmen, sondern von den Plakaten, mit denen sie in den Nullerjahren unsere Städte verschönerten.

Es kam dann noch mal ein Chef vor. 6. „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.“

„Ha. Ha. Chef, Sie sind nicht witzig.“

Heißt, wer den Mut hat, das seinem Chef ins Gesicht zu sagen, hat auch die Traute, sich BILD zu kaufen.

7. „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.“

„Papa, ich bin schwul.“

Es hat ein Dutzend BILD-Macher gegeben, die das ihren Lesern im Blatt erzählt haben. Nur ganz wenige Politiker wie Guido Westerwelle, Ole von Beust, Volker Beck und Klaus Wowereit hatten den ersten Schritt schon vorher getan.

8. „Jede Wahrheit braucht eine Mutige, die sie ausspricht.“

„Ja, mein Busen ist gemacht.“

Ach, das waren noch Zeiten, als man jeden Tag einen farbigen Busen auf BILDs Seite 1 erblickte! Später nur noch Finanztipps von Alice Schwarzer.

9. „BILD. Neuigkeiten leider erst seit 1955.“

Dazu zeigt man Bilder, die sich angeblich in einem Schulbuch des Fachs Geschichte befinden. Adam hätte den ihm von Eva gereichten Apfel nicht essen sollen. Die Dinosaurier hätten sich vor den Meteoriten ducken sollen. Die Trojaner hätten keine Geschenke annehmen sollen. Die Indianer hätten den Freundschaftsbeteuerungen der weißen Rasse misstrauen sollen.

Ich weiß nicht, ob jemand aufgefallen ist, dass sie in diesem späteren Verlauf ihrer Kampagne den goldenen BILD-Wert Wahrheit durch den der Neuheit ausgetauscht haben. Sie scheinen einzuräumen, dass niemand sich sicher sein kann, Wahrheit zu bekommen, wenn er die BILD kauft, dafür aber immerhin was Neues, was man nicht kennt. Vor 1955 konnten sie das noch nicht machen, denn da gab es sie noch nicht. Aber bis 1492, da hätten sie es tadellos gemacht, wenn es sie da schon gegeben hätte.

Übrigens, ohne es klar zu sagen, hat die BILD-Werbung somit dann doch recht genau erfasst, was BILD Tag für Tag tut. Neuheiten vorstellen, die irgendwie jeder sich so halb schon gedacht hat. Einfache Historien, die zwecks Eingängigkeit die Wahrheit zwar reichlich platt machen, aber noch lange nicht falsifiziert werden können. Die Menschen mussten nun mal aus dem Paradies raus, weil Eva diesen Apfel haben wollte. Die Dinosaurier gibt es nicht mehr, weil Meteore einschlugen. Troja wurde von der Handvoll Männer erobert, die sich in einem hohlen Pferd verstecken könnten. Kleine Literatur für jeden und für jeden Tag. Geschichtchen.

BILD.

 

Nachschrift:

Im Wesentlichen stammt der Text aus dem Jahr 2008. Im Jahr 2019 machte die (Online-)BILD überhaupt nicht mehr mit Barbusigen auf, vielmehr gab es mehr oder weniger jeden Tag das Foto eines sexuell missbrauchten Kindes und eine flammende Schlagzeile, mit der die homophoben und transsexuellendiskriminierenden Regimes von Brennpunkten des Weltgeschehens wie Belarus und Moldawien angeprangert wurden. Ebenso gab es Tag um Tag immer dieselbe, schön farbige Grafik bezüglich der für den Herbst 2021 zu erwartenden Bundestagswahlergebnisse. Laut repräsentativer Demoskopie lauteten die Werte: CDU bei 35 %, Grüne bei 19 %, SPD bei 15,5 %, Linke und FDP jeweils bei 6,5 %, AfD irgendwo dazwischen. Dieses Schaubild wurde über Wochen, ja Monate jeden einzelnen Tag genau gleich eingeblendet, offenbar um Kosten in der Herstellung zu sparen. Bei jeder Partei war ein Pfeil aufwärts, abwärts, zu Seite, der angab, welche Entwicklung seit der letzten Bekanntgabe eingetreten war. Dass diese Aktualisierung schließlich Monate zurücklag, war nahezu nicht zu merken. Es sah stets so aus, als wäre es das neueste Geschichtchen vom Tage. Fast allen so schon bekannt. Fast wahr. Wie wir alle wissen, hat BILD es bis jetzt nicht verwunden, dass 2021 die von ihr vorhergesagte schwarz-grüne Koalition unter einem CDU-Kanzler nicht eingetroffen ist.

Seither wird immer wieder eine unhintergehbare Wahrheit verkündet:

10. „Jede Wahrheit braucht eine mutige Zeitung, die sie ausspricht.“

„Deutschland kann nur mit der CDU regiert werden.“


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.09.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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