Klaus Mattes

Dunkelgrüne Handtücher, hellgrüne Hemden / 7954

 

Ich bin an diese Maßnahme heran getreten mit der Überzeugung, dass sie sinnlos sein wird. Dass sie erdacht wurde, damit das Arbeitsamt in einem weiteren Fall zeigen kann, es hat dem Mensch seine helfende Hand gereicht. Wobei nicht mehr geschaut wird, was für ein Mensch dieser 4237882-xc ist. Der vor dem Praktikum abgelaufene Theorie-Kurs bei ZBV schien mir mein Urteil zu bestätigen. Mit der letzten verfügbaren Reserve hatte man ihn im allerletzten Moment auf halbe Soll-Teilnehmerstärke heraufgeächzt und dann mit endlosem Ablesen belangloser, angejahrter Kursunterlagen durchexekutiert.

Um dazu noch einen Praktikumsplatz zu finden, hatte ich mir keines meiner Beine ausgerissen. Ich stellte mich auf den Standpunkt: Man hat mir gesagt, es gibt für jenes Unterrichts-Institut einen Praktikanten-Plätze-Pool. Aber es gab keinen und die Schule tat null. Was soll ich mich anstrengen? Aber wir hatten Frau Kertscher und die Teilnehmerin Kertscher ging es anders an. Frau Kertscher hatte in kürzester Zeit zwei Praktikumsplätze zu viel, die sie verteilen konnte. Einer davon war bei der AOK, ihn kriegte ich. Frau Abert von der AOK-Marketing-Abteilung wusste kaum, wie ihr geschah. Aus Frau Kertscher war Herr Mattes geworden.

Die AOK hat für Praktikanten eine fest geregelte Arbeitszeit. Die ist Montag bis Freitag 8.30 bis 17.00 Uhr, eine halbstündige Mittagspause inklusive. Ja, auch Freitagnachmittag. Da wird es dann etwas verwaist im Hause, wenn die meisten Angestellten mit ihren Chipkarten (für die Kürze eines Praktikums bringt man es nicht zu dergleichen) und in Folge ihrer Gleitzeiten ins Wochenende abgleiten. Wie doch oft, ist auch diese AOK zentrumsnah gelegen, das machte es gut für mich.

Was nun die Frage angeht, was Marketing überhaupt ist. Marketing ist, wenn man niemals sich ganz erschöpfende Paletten, auf welchen sich Kalender, Flyer, Poster, Sticker, Broschüren, Kinder-Überraschungen, Zettelblöcke, Tassen, Kugelschreiber, T-Shirts, Kapuzen-Shirts, Handtücher, Mützen stapeln, entlädt, auspackt, nachzählt, abstreicht und auf etliche weitere Lagerstellen umsortiert. Oder Gebinde bindet für die diversen regionalen KundenCenter am Rand der Wüste, wo Feste auf dem Markt- und Sportplatz, Info-Tage und Wettkämpfe für die Kleinen steigen. Hierfür werden auch Banner bereit gelegt. Für das Personal an den AOK-Ständen gibt es hellgrüne Kleidung, die nach ihrer Rückkehr nachgezählt werden muss. Unter dem AOK-Personal gibt es verschiedene Geschlechter und Größen. Dieses alles kommt in Excel-Tabellen. Zum ersten Mal war mir der Word- und Excel-Kurs, zu dem mich das Jobcenter vorher schon mal geschickt hatte, zu irgendwas nütze. (Ja, Word ist auch immer gut für was, aber das konnte ich schon vorher ganz gut und nutzte ich praktisch täglich.) Und auch noch die neuen Klebeetiketten für die Rücken der Aktenordner konnte ich anlegen, nämlich jetzt mit MS PowerPoint.

Vor meiner Arbeitslosigkeit hatte ich mal als Werbetexter gearbeitet. Das kommt mir gelegen, denn im AOK-Marketing lässt man mich einige knackige Unterzeilen zu den Brief-Betreffzeilen oder für ein Blatt mit aktuellen Gesundheitstipps umschreiben oder einmal sogar wirklich selber texten. Vielen Arbeitnehmern werden Zettel zu ihrer Lohnabrechnung gelegt. „Wie werde ich Nichtraucher? Das 10-Punkte-Progamm von der Gesundheitskasse.“ Unglückseliges Zusammentreffen, denn nachdem ich beim Pfandflaschensammeln mehrfach nicht restlos aufgerauchte Zigarettenpackungen gefunden hatte, fange ich gerade mit dem Ketterauchen wieder von vorne an. Zurück noch mal zu meiner Erfahrung mit der Werbeagentur. Wie von dort schon gut bekannt, werden meine charmanten Zeilen auch von den Zuständigen der Krankenkasse dann erst noch mal verhunzt, bevor man sie druckt.

Immer gibt es was zu tun. Hier ist ordentlich was los. Schon komme ich nicht mehr dazu, täglich meine e-Fanpost zu checken. Bei der AOK kommen Praktikanten nicht alleine ins Internet rein. Aber wieder zu Hause, habe ich mich laut Eingliederungsvereinbarung natürlich weiterhin wenigstens einmal pro Woche um eine Arbeitsstelle zu bewerben. Fördern und fordern, im Jobcenter hat man extra darauf hingewiesen. Da ich mittags mein Vesperbrot in einer halben Stunde sowie eine Tasse Kaffee verzehre, muss ich abends also auch noch kochen. Und halt weiter fleißig Pfandflaschen sammeln. Zu den bei der AOK obligatorischen Krawatten zahlt mir schließlich keiner was. Die Höhe meiner Förderleistung hat sich wegen der Teilnahme am Kurs und den Praktikumswochen nicht etwa verändert. Immer noch will ich auch mal ins Kino gehen dürfen. Außerdem heischt des Nachts der Park um meine Aufmerksamkeit. So lebe ich ausgefüllt dahin.

Nach drei (von vier) Wochen gehen zum Wochenende die Marketing-Leiterin Frau Abert, welche mich eingestellt hatte, sowie ihre Assistentin, Frau van der Zee, die mich mit Arbeit auf Trab gehalten hat, in Urlaub. Ich sehe alle beide nie wieder. Die letzte Woche arbeite ich unter deren Vertreterinnen weiter. Und zwar tatsächlich mehrere Etagen weit unter ihnen. Die grünen Give-aways lagern in mehreren Kellergeschossen unter dem AOK-Palast. Anlässlich ihres Abgangs enthüllt mir Frau van der Zee, dass ich sehr gute Leistungen erbracht hätte und eine große Hilfe gewesen sei. Gewiss auch noch mit vielerlei anderen und anspruchsvolleren Aufgaben hätte sie mich beladen können, die ich nicht weniger gut gemeistert haben würde, aber es wäre ihr nur gestattet gewesen, mich mit solchen Hilfsarbeiten zu betrauen („Hört, hört, genau diesen Terminus hat sie wörtlich verwendet, Euer Ehren!“). Der von der AOK geübte Datenschutz ließe es irgendwie anders gar nicht zu.

Och ja. Schon gut. Denn weder habe ich bei dieser AOK jene Sorte mental bezwingender Charaktere wie seinerzeit in der gewissen Buchhandlung angetroffen, noch waren die Erwartungen bezüglich dessen, was man an Stress aushalten könnte, auch nur entfernt so steil wie in der Werbeagentur. („Ohne Druck schöpfen Sie Ihr inneres Potenzial gar nie aus!“)

Es ließ sich leben in dieser mal heller, mal dunkler grünen AOK-Welt. Nächste Woche könnte ich direkt anfangen, wenn es je Geld dafür gäbe und ich mindestens einmal im Jahr ins Ausland in den Urlaub fahren könnte. Doch die mir eigene Macke will nicht einsehen, dass man zugleich sein einmaliges und nie mehr wiederkehrendes Leben für diesen ewigen Krimskrams weggibt. Ich weiß es inzwischen einfach aus Erfahrung, dass man nicht Woche für Woche vierzig Stunden lang so eine Arbeit verrichtet und sich in den Abendstunden, wenn das Lämpchen glüht, darum herum noch was Ersprießliches zu dichten vermag. Sieben und noch eine halbe Stunde Päckle über die Gänge schieben und dann noch ein paar Minuten Zeitungen zerschnippeln, das macht dann schon auch groggy. Ich will überhaupt keinem in Abrede stellen, dass er es kann. Ich weiß nur, ich kann es halt nicht.

Frau van der Zee, persönliche Assistentin der Marketingleiterin der AOK, die ist alle Tage, Woche um Woche, Jahr für Jahr, unermüdlich auf Achse. Sie telefoniert ihren 85 verschiedenen Faltblättern hinterher. Alle Bestände müssen erfasst und gelegentlich überprüft werden und alle Zweig- und Außenstellen werden in aller Regel von der Hauptstelle aus mit Nachschub für den Rand der Wüste versorgt. Frau van der Zee fährt dafür mit einem Einkaufswagen von Lidl durch die Untergeschosse der AOK. Als ich sie darauf aufmerksam mache, dass es ein Lidl-Gefährt ist, ist sie erstaunt, das wäre er ihr nie aufgefallen. Ach, ihr allerliebsten Kinder-Give-aways! Ach, ihr schnuckligen Firmen-Give-aways! Ach, ihr herzlichen Senioren-Give-aways! Und du, du noch immer regenfeuchtes dunkelgrünes Spannband: „Herzlich willkommen!“

Schließe die Augen! Du siehst eine norddeutsche Rötliche vor dir. Knochig. Ihr Sohn darf Pizza nur vegan essen. Am Sonntag macht die ganze Familie einen Fahrradausflug. Dieser niederländische Name ist von ihrem Mann. Lutherisch. Gelebtes Arbeitsethos. Dabei aber nicht von der ewigen Panik gebeutelt, die Kontrolle über irgendein Fitzelchen könnte ihr irgendwann mal aus den Fingern schlüpfen, wie wir das vor Jahren bei einer gewissen Buchhändlerin kennen lernen durften. Doch selbst Frau van der Zees körperlicher und seelischer Zusammenbruch könnte eines Tages eintreten. Sie ist noch nicht alt, sie hat noch so viele Jahre.

Falls einmal die Chefin, Frau Abert, das aparte Mädel von der FH, ihre Abteilungsleitung muss ein Lottogewinn gewesen sein, von drüben her ihr Stimmchen aus den großen Schuhen schallen lässt, Herr Weinmann aus Öttlingen habe telefoniert, in Öttlingen wäre am Wochenende was mit Kindern und früher habe es dann diese etwas luxuriösen Kinder-Give-aways gegeben, was momentan doch aber wohl eher schlecht sei, habe man nicht beschlossen, dass dieses Jahr Geld noch bis Silvester da zu sein hat, ob die Frau van der Zee nicht wisse, ob nicht von jenen grünen Erste-Hilfe-Täschchen noch welche im Keller wären. (Pflaster und Kram – und unter uns: Stark überteuert haben sie das eingekauft.) Zurück ruft Frau van der Zee mit dem Telefon. Gleich geht sie in den Keller und zählt die dunkelgrünen Plastiktäschchen nach. (Oder sie hat auch einen, an den sie es delegieren kann.) Während sie noch spricht, liest Frau van der Zee im Ordner (das papierlose Büro ist noch weit weg im AOK-Palast, aber das alles ist schon einige Jahre her). „O Gott, Mönsch, die Täschchen haben uns 4,45 € das Stück gekostet (zzgl. 19 % MwSt)!“ Kleine Knuddel, aus denen Tränen wachsen wollen, sind in Frau van der Zees Stimme zu hören. Eben erst hat sie aufgelegt, aber schon fragt sie sich laut, ob sie die Täschchen unter diesen Voraussetzungen noch holen gehen darf. Ob Öttlingens Kinderfest das jemals wert ist? Frau Abert ahnt noch gar nicht, was sie da für eine Bombe ausgegraben hat! Und wir als Praktikant sitzen einen Tisch weiter und grinsen uns eins. So kalte Herzen kann man haben.

Wir erfahren übrigens noch, dass Frau van der Zee früher im Reisebüro gearbeitet hat. Der Gatte ist Biologe und managt eine Bio-Plantage. Deswegen sind sie in die Gegend gezogen.

Bevor sie in ihren Urlaub verschwindet, gibt Frau Abert, das höchst aparte Mädel, wirklich schnittig, wobei wir jetzt aber nicht vergessen wollen, dass wir eher schwul sind, die Hand und wünscht, es möge immer gut weitergehen. Frau van der Zee vertraut mir an, dass die AOK mittelfristig sowieso erst mal gar keinen mehr einstellt, Lebensalter und Zeitdauer der vorherigen Beschäftigungslosigkeit mal beiseite. Man spart, man muss sparen, alles kostet viel zu viel. Vielleicht ja doch noch mal als Helfer für den Rummel vor Weihnachten. Sie hat meinen Namen auf ihrer Liste.

Das Praktikum umfasste vier Wochen, das waren genau 20 Arbeitstage. Ein Tag AOK war jedes Mal 5 Prozent vom Kuchen. Somit sind vorgestern schon 65 Prozent erreicht gewesen, sage und schreibe: zwei Drittel! Gestern wurden es 70 Prozent. Mit dem heutigen Tag ist der Spaß zu drei Vierteln schon wieder rum. Kinder, Kinder, wie die Zeit vergeht.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.09.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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