Klaus Mallwitz

Und alles ist gut

Bis zum frühen heutigen Morgen gegen 05:35 Uhr MEZ wohnte Horst-Dieter Vogelpfau in der Schlingenringstraße 136. Vor vier Tagen, am letzten Samstag, da nahm er an einem von ihm überhaupt nicht eingeplanten Unfall teil, und an den Folgen dieses ärgerlichen Ereignisses starb er heute früh gegen 05:35 Uhr MEZ in seinem eigenen Bett. Genau deshalb ist es ihm nun nicht mehr möglich, weiterhin in der Schlingenringstraße zu wohnen. Tote können da machen, was sie wollen, sie verlieren so gut wie immer mit ihrem Ableben all ihr Hab und Gut, also auch ihre Wohnung, egal, wie sie aussieht. Aber einem Horst-Dieter Vogelpfau ist das zum Glück sowieso alles ganz schnurz piep egal!

 

Ein leichtlebiger Sachverständiger aus dem Kreis von Horst-Dieters Adoptiv- Sterbeversicherungsagentur teilte uns vor 2 Minuten den Sachverhalt sachverständig mit, wie es zu dem Unfall gekommen ist. Nach seinem fulminanten Kenntnisstand wollte Horst-Dieter am vergangenen Samstag seinen Freund, den angehenden Diplom-Sterbebegleiter Dietmar Doppelpfui besuchen. Dietmar wohnte und wohnt auch jetzt noch in der gleichen Straße, in der auch Horst-Dieter wohnte. Dietmar wohnte nur nicht auf der gleichen Seite der Straße, sondern im Haus Nummer 139, also schräg gegenüber von Horst-Dieter.

 

Horst-Dieter verließ am letzten Samstag seine Wohnung. Vor seiner Haustür blieb er wie gewohnt erst einmal stehen. Das tat er immer als erstes, wenn er seinen Freund besuchen wollte. Vor der Haustür stehend überblickte er zunächst den Verkehr auf der Straße. Diese war und ist stets stark befahren, und er hatte schon immer die Schwierigkeit, sich zu entscheiden, wie er die Straße am besten, am sichersten, am schnellsten und möglichst ohne hinterbleibenden Kopf- und Blechschaden passieren könnte. Es gab letztlich nur zwei Möglichkeiten. Auch am vergangenen Samstag wog er akribisch genau die Vor- und Nachteile dieser zwei Möglichkeiten sorgfältig ab. Eine zentrale Rolle in seinen Überlegungen spielte die Frage, wie wichtig ihm eine möglichst schnelle Überwindung der Straße sei. Dabei galt es immer wieder von neuem abzuwägen, ob Dietmar ihn vorab telefonisch zu einer fixen Uhrzeit bestellt hatte, oder ob es eher um einen Smalltalk mit offenem Anfang und offenem Ende gehen sollte. Schließlich stand er immer wieder vor der Frage, ob Sicherheit wirklich wichtiger ist als das Tempo. Und mit welcher Gewissheit konnte er überhaupt wissen, welcher der beiden Wege schneller zum Ziel führen würde? Und welcher Weg war wirklich der sicherere? War vielleicht der schnellere Weg doch sicherer als der langweilige?

 

Es gab wie gesagt zwei Möglichkeiten. Entweder geht er 20 Meter weit nach links und erreicht einen Zebrastreifen, über den er dann, sobald mal ein Auto anhalten sollte, rüber laufen muss, um auf dem Weg an der anderen Straßenseite 22 Meter nach rechts quasi zurücklaufen zu können, bis er dann die Haustür seines Freundes erreicht. Oder aber er geht von seiner eigenen Haustür aus zunächst 25 Meter nach rechts und trifft dort auf eine Ampel, die durchaus zumindest jeden zweiten Samstag im Monat mindestens drei Mal in der Stunde fußgängerfreundlich auf „grün“ schaltet. Kurz vorher erhalten die Autos ein rotes Licht mit der Bitte, kurz anzuhalten. Damit hätte Horst-Dieter auch die Möglichkeit, die Straße problemlos zu überqueren. Hat er das dann hinbekommen, müsste er nur noch nach links abbiegen und weitere 23 Meter Fußmarsch zurücklegen, um zur Haustür des Freundes Dietmar Doppelpfui zu gelangen.  

 

Nun, an diesem letzten Samstag, da überlegte er ausnahmsweise mal nicht stundenlang vor der Haustür rum. Nach bereits 35 oder höchstens 50, allerhöchstens aber nach 58,5 Minuten entschied er sich für die Nutzung des Zebrastreifens! Um den zu erreichen, musste er vor seiner Haustür stehend mit Blick auf die Straße, wie bereits erwähnt, erst mal links herum den Fußweg der Straße entlang gehen. Am Zebrastreifen angekommen, beschloss er, ihn furchtlos zu überwinden. Doch bereits sein dritter Schritt mit rechts misslang. Der Fuß landete rechts neben dem Rand des Zebrastreifens, wo er von einem abbremsenden Fahrzeug plattgefahren wurde. Sein Kopf prallte erst gegen den Scheinwerfer, dann gegen den Außenspiegel. Das Auto errötete. „Ich habe vernünftig abgebremst“, meinte Fridolin Plattfußhammer, der vernünftig dreinblickende Autofahrer. „Und ich kam mindestens 2 Millimeter vor dem Zebrastreifen zum Stehen. Dieser Herr hat einfach seinen rechten Fuß auf die Fahrbahn abgestellt. Da wäre jedes andere Auto auch drauf gefahren! Sogar noch ganz anders! Ich habe es wenigstens mit Empathie getan, mit Nächstenliebe! Ich hoffe jetzt nur, dass dieser Herr jetzt noch ein bisschen am Leben bleibt und den Schaden an meinem Stoßdämpfer zeitnah bezahlt. Das Blut, das aus seinem Kopf voll an die vordere Scheibe spritzte, das bisschen kann ich auch selbst noch abwaschen. Das ist eh nur Blutgruppe 0. Oder meine Frau macht das einfach. Die putzt wie der Teufel. Die ist eine wahre Putzfee. Und wenn dieser Herr mir endlich die Reparatur und die Arbeit meiner ganzen Kolonne bezahlt hat, dann kann er sterben, wie er will. Da rede ich ihm nicht rein! Aber vorher wird gezahlt!“

 

Nun ist Horst-Dieter aber heute früh ja schon gegen 05:35 Uhr MEZ gestorben. Wer hätte das gedacht! Wie konnte man damit rechnen? Aber mal ehrlich: So schlimm kann es für den geschädigten Autofahrer Fridolin Plattfußhammer letztlich auch nicht sein. Er ist im Besitz seiner hausgeschneiderten Kolonne, einer aktuellen Ehefrau, einer Freundin, einem Freund, einem Handlanger, einer Geliebten, drei Kindern aus erster Ehe, zwei unehelichen Kindern, einem echten Hund und einer Forelle im hauseigenen Gartenteich. Sie alle werden sich, da ist er sich ganz sicher, an den Kosten für einen neuen Stoßdämpfer beteiligen. Für ein neues Nummernschild im vorderen Bereich des Autos kommt Fridolins aktuelle Ehefrau ganz gerne ganz alleine auf. Den Arbeitsaufwand für die kostenlose Anbringung des Nummernschildes lässt sich seine putzige Putz-Frau garantiert nicht nehmen. Den kleinen Spendenbecher stellt sie während ihrer Arbeit versehentlich und ohne irgendwelche profitorientierten Absichten neben den linken vorderen Reifen ab. Fridolin Plattfußhammer wird ihn nach getaner Arbeit pflichtbewusst leeren, anschließend plattdrücken, und alles ist gut.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.09.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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