Wolfgang Hoor

Hans und Heiz und die Rettung ihrer Seelen

 

 

Hans und Heinz und die Rettung ihrer Seelen

Die Dame, die in dieser Geschichte eine Rolle spielt, heißt Frau Richter. Sie ist gegen 21 Uhr in den Laden gestürmt, den sie sonst als Teufelsküche bezeichnet und bekämpft hat. Ihr gegenüber, hinter dem Tresen, empfängt sie Frau Fröhlich, die sich sehr bemühen muss, um ein schallendes Gelächter zu unterdrücken. In ihrem Laden gibt es immer allerlei sonderbare Leute, die Werkzeug für gewisse sexuelle Praktiken brauchen, bei denen sich Lust und Schmerz miteinander verbinden. Aber die Frau Richter, die da vor ihr steht, sieht wie eine Frau aus dem Anfang des 20.Jahrhunderts aus, von oben bis unten in Schwarz, der Rock und die Hemdsärmel lang.

Sie steht also am Tresen in einem Laden, in den sich ein Christenmensch unter gar keinen Umständen verirren darf. Aber sie ist nun doch hereingekommen, steht seit fünf Minuten da, ohne ein Wort herauszubringen. Sie ist an diesem Abend ganz außer Atem, ihre Backen sind gerötet, um ihre Lippen zuckt es wie vor einem epileptischen Anfall und sie fleht die Frau Fröhlich, diese tückische Teufelsanbeterin, schließlich, als sie endlich sprechen kann, doch an: „Eine Rute, bitte, eine Rute, sie müssen doch Ruten haben. Ich brauche eine Rute!“ – „Nu n beruhigen Sie sich doch, liebe Frau. Was wollen Sie denn mit einer Rute? Setzen Sie sich doch da auf den Stuhl und dann ganz von vorne. Worum geht es denn?“ Und die Frau Richter beginnt sich zu beruhigen und so erfährt Frau Fröhlich, wie Einsicht und teuflische Tücke das Leben von zwei nichtsnutzigen Jungen bestimmen:

Sie kennen sicher Hans und Heinz, die Zwillinge meiner verstorbenen Schwester, die ich erziehen soll. Heute Abend bekamen sie vegane Würstchen und Schwarzbrot, was ich ihnen jetzt zum zweiten Mal vorgesetzt habe, nachdem die Zwillinge diese Umstellung der Ernährung beim ersten Mal vehement abgelehnt haben. Heute wagten sie es nicht abzulehnen, vielleicht waren sie auf dem Weg der ewigen Seligkeit ein Zentimeterchen vorangekommen, dachte ich. Also innerer Jubel hinter meiner immer ernst bleibenden Mine. Ein kleiner Sieg war errungen.

Überhaupt machten sie an diesem Abend freundliche Gesichter, behaupteten, dass sie alles eingesehen und ihre Undankbarkeit vom letzten Dienstag bereut hätten und quälten sich durch die gottgewollte Mahlzeit. Ich blühte auf. Ich heiße nicht umsonst Richter. Ich kriege sie noch ganz klein, diese Halunken, dachte ich. Schade, dass sie nicht aufmuckten. Eine hübsche kleine Tracht Prügel hätte meinen Sieg schön abgerundet. Aber ich musste gerecht sein. Manchmal fühlt sich das Gerecht-Sein wie eine Niederlage an.

Aber natürlich konnten die beiden Halunken nicht mehr als eine Viertelstunde die gottgewollte Ordnung respektieren. Der Teufel saß in ihren Augen, in ihren Mündern, in ihren Kleidern. „Tante", sagte Hans, als ob er ernsthaft nachdenken würde, „muss man wirklich die Heilige Schrift ganz ganz wörtlich nehmen, wie du es uns erklärt hast?" – Ich schätzte ab, ob Hans wirklich ein echtes religiöses Gespräch führen wollte oder ob der Teufel ihm diese Frage eingegeben hatte. Aber ich musste gerecht sein. In seinen Augen sah ich in diesem Augenblick keine Anzeichen von Hinterlist, so lange ich sie auch kritisch prüfte. Also gut. Dann musste ich also antworten.

„Natürlich muss man die Heilige Schrift ganz ganz wörtlich nehmen. Gott hat den Evangelisten jedes einzelne Wort ins Ohr gesagt." O ja, jetzt sah ich, wie der Teufel unauffällig Hans benutzte, um mich auf die Probe zu stellen. Hans tat so, als müsse er lange nachdenken. Dann sagte er sehr langsam: „In der Heiligen Schrift ist nur von der Rute die Rede, mit der die Seelen der Kinder gerettet werden sollen. Du hast nie die Rute benutzt, um unsere Seelen zu retten. Von Hand, Kochlöffel, Stock, Paddle und Haarbürste ist an dieser Stelle der Heiligen Schrift, die du immer nennst, nicht die Rede. Kommen diese Mittel, Seelen zu retten, an anderen Stellen in der Heiligen Schrift vor?"

O, diese Satansbraten. „Du kannst davon ausgehen, dass diese anderen Mittel in der Heiligen Schrift an anderen Stellen erwähnt werden." – „Aber du kennst sie nicht?" Was für ein tückischer, widerlicher Teufel! Ich kann meine Wut nicht mehr unterdrücken. „Seit zwei Jahrtausenden werden die anderen Mittel von redlichen Christen benutzt. Also musss es in der Bibel stehen." Heinz stieß Hans an. Er erkannte wohl, dass sich das Gespräch in teuflische Regionen vorgewagt hatte, die sich negativ auswirken könnten.

Aber Hans war jetzt in seinem Element. Sein Teufel triumphierte, ich erkannte es sofort an dem hochmütigen Ton, den er angeschlagen hatte. „Du rettest unsere Seelen mit der Haarbürste, obwohl du die Stelle in der Bibel nicht kennst?" Natürlich konnte ich jetzt kein weiteres Wort mehr dulden. Obwohl Hans allein meinen Zorn erregt hatte, war Heinz natürlich im Innersten mit von der Partie. Ich packte die beiden im Nacken und schleppte sie ins Wohnzimmer zum Sofa. „Hier bleibt ihr sitzen, bis ich eine Rute habe. Und keinen Mucks, ich warne euch. Ich werde eure Seelen schon im Einklang mit der Heiligen Schrift retten."

Und darum stehe ich jetzt bei Ihnen in ihrem Laden und flehe Sie an: Besorgens Sie mir eine Rute, helfen Sie einmal, ein einziges Mal einer armen christlichen Seele, dem Teufel zu widerstehen. Eine Rute, eine christliche Rute! Bitte!

Frau Fröhlich wusste, dass sie immer noch nicht lachen durfte. „Sie wissen, dass wir uns hier um die sexuellen Bedürfnisse von Erwachsenen kümmern. Sollten Sie vergessen haben, dass die Züchtigung von Kindern nicht zu den sexuellen Bedürfnissen gehört, die wir bedienen? Außerdem ist es in Deutschland verboten, Kinder zu züchtigen – und auch mit einer Rute ist das nicht erlaubt.“ – Frau Richter sah Frau Fröhlich so lange an, bis sie den Teufel auch in ihren Augen, in ihrem Mund und an ihrem leicht bekleideten Körper entdeckt hatte. „Was sie jetzt gesagt haben, werden Sie noch sehr bereuen“, rief Frau Richter. Damit riss sie die Tür des Ladens auf und schmetterte sie zu.

Als sie an ihrem Haus ankam, hatte sie eine Rute, die ihr eine Glaubensverwandte ausgeliehen hatte. Die hatte bisher ihre Kinder immer nur mit der Rute bestraft.

Wie es weiter geht, weiß ich nicht. Vielleicht hat ein guter Engel dafür gesorgt, dass Frau Richter vor ihrer Haustür von zwei Polizisten erwartet wird. Und vielleicht war der gute Engel die Frau Fröhlich, die wusste, wofür ein Telefon gut ist. Aber wie gesagt, ich lasse meiner Fantasie gern freien Lauf. Schade, ich weiß es nicht.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.09.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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