Hans K. Reiter

Feuer in der Brust

In unserer Zeit erobert eine neue Ausdrucksweise den Sprachgebrauch. Sich Gender bezogen richtig zu äußern, darauf kommt es an. Gleich, ob gesprochen oder geschrieben, stets soll und muss jedes der zwei Geschlechter seine Entsprechung, ja, seinen Niederschlag finden. Häufig behauptet auch das Weder-Noch seinen Platz und bekommt ihn eingeräumt. So weit so gut. Allerdings frage ich, ob dies stets und grundsätzlich nötig ist. Ich weiß, ich unterliege, was ich jedoch frohen Mutes und aus Überzeugung verschmerze!

 

Ricarda Huch schreibt:

Was für ein Feuer, o was für ein Feuer
Warf in den Busen mir die liebe Hand!
Und wächst in deiner Brust doch ungeheuer.
Zwei Fackeln lodern nun in eins zusammen:
Die Augen, die mich anschaun {sic}, sind zwei Kerzen,
Die Lippen, die mich küssen, sind zwei Flammen,
Die Sonne selbst halt ich an meinem Herzen.

 

Bericht eines Freundes

 

Ja, meine verehrten Leser, wer kennt es nicht, dieses Feuer trunken machender Sehnsucht?

Ich berichte von einem anderen Feuer, einem brennenden, lodernden Feuer, in derselben Brust, weit entfernt jedoch von jeglicher Sehnsucht.

 

Die Tage davor habe ich es schon bemerkt. Fliegt wieder etwas Allergisches durch die Luft, dachte ich und beachtete es nicht weiter.

Es kam wieder.

 

Mein Hund lief voraus, wie er es immer tut, Ausschau haltend nach Spielgefährten. Es war wenig los an diesem Tag.

Ich verlangsamte meine Schritte, atmete tief durch, ein brennendes Stechen, ich krümme mich etwas, bleibe schließlich stehen, atme rhythmisch langsam ein und aus, es wird besser.

 

Der Abend verläuft normal und ich vergesse den Zwischenfall.

 

Die nächsten zwei, drei Tage wiederholt sich der Vorgang, exakt, wenn ich mit meinem Hund unterwegs bin. Wir gehen zügigen Schrittes. Schließlich soll er und ich etwas davon haben.

 

Bis zum Sonntag keine Veränderung. Dann, am Nachmittag, ich stehe auf, um etwas zu holen und verspüre, wie Feuer meinen Brustkorb einschnürt, mich gekrümmt auf einen Stuhl wirft und mir das Atmen schier unmöglich macht.

 

Rhythmisches Atmen, minutenlang. Das Feuer scheint gelöscht.

 

Am Sonntagabend schließlich Wiederholung vom Nachmittag. Es wird mir leicht mulmig und beschließe, am Montag die Vertretung meines urlaubsreifen Hausarztes anzurufen. Meine Frau fragt, warum ich nicht schon früher etwas gesagt hätte.

 

Am Montag früh, die Uhr zeigt halb fünf, ist es kaum mehr zu ertragen, eine Mischung des gestrigen Tages und aller vorangegangenen Tage zugleich.

 

Ich rufe die Ärztin an, meine Frau bringt mich in die Praxis. Verdacht auf Angina Pectoris. Ich sitze auf einem Stuhl und darf mich nicht mehr bewegen. Ein paar Minuten nur, die Ärztin telefoniert mit dem Herzzentrum, wenig später ist der Notarzt zur Stelle.

 

Eine jungen Notfallsanitäterin setzt mir eine Nadel am rechten Handrücken. Ein Beutel tropft eine klare Flüssigkeit in meine Vene. Ein Spray bekomme ich unter die Zunge.

 

Gut festgezurrt bin ich, denn diese Kiste - ja, von innen sieht das Fahrzeug aus wie eine Kiste mit allerlei Schränken und Fächern diversen Inhaltes - schaukelt und rumpelt recht passabel, als es mit Getöse dahin geht.

 

Gut organisiert, warten bei der Notaufnahme Personen, die sich weiter um mich kümmern. Wie in einem Film schieben sie mich irgendwo hin, wobei der einliefernde Notarzt einem Arzt der Klinik das Nötige erklärt.

 

Am ersten Ziel meiner Reise schildere ich das oben Beschriebene, muss noch Angaben zu meiner Person, Krankheitsgeschehen etc. machen. Schwierig, wenn du ein gewisses Alter erreicht hast, dich ad hoc an das Wichtigste zu erinnern. Gezielte Fragen helfen dir dabei. Mit sonstigen Formalitäten wirst du verschont. Die Krankenkassenkarte hatte ich bereits dem Notarzt ausgehändigt, der sie jemandem in die Hand drückt.

 

Eine weitere Nadel wird am linken Arm gesetzt. Tut mir leid, sagt der Arzt, ich muss Sie nochmals stechen, denn es kommt nichts. Und er sticht. Vom ersten Versuch trage ich heute noch, als sichtbares Zeichen des Misserfolgs, einen beachtlichen Bluterguss am Unterarm. Sieht aus wie ein Tattoo, meinte die Freundin meines Sohnes.

 

Verschiedene Medikamente werden über die Kanülen gespritzt, mein Blutdruck ist noch stabil. Ich fühle mich auch ruhig. Später rast er dann beständig nach oben.

 

Mein eigenes Hemd ist dem typischen Krankenhaushemd gewichen, hinten gebunden, vorne Knöpfe, die jedoch geöffnet sind, damit unzählige Elektroden angebracht werden können für EKG und Langzeit-EKG, das ich in einer Art Kindergartentäschen um den Hals trage.

 

So ausgestattet rolle ich in ein Behandlungswartezimmer mit zwei Patienten. Ich bin der dritte. Anschluss an eine Überwachungseinheit, die permanent alles misst, einschließlich Blutdruck, Puls und Sauerstoff im Blut.

 

Wenn Sie dran sind, holen wir Sie und schieben sie rüber in den OP, erklärt mir ein Pfleger.

 

Der zweimal stechende Arzt hatte mich bereits eingehend und geduldig darüber informiert, was auf mich zukäme. Herzkatheder und, falls nötig, setzen eines Stents.

 

Der Stent ist gesetzt. Ein zweiter folgt in 6 Wochen.

Die Diagnose lautet: Herzinfarkt

 

Dank der schnell und besonnen handelnden Hausärztin und der gut organisierten Klinikbetreuung habe ich es gut überstanden. Wenig hilfreich war mein eigens Verhalten zu Beginn der Körpersignale.

 

Die meisten der zahlreichen Tabletten sind weiß, rund oder länglich. Auch rosafarbene sind darunter. Manche davon muss ich sehr lange einnehmen, einige mein Leben lang.

 

Ich verspüre ein erhebliches Energiedefizit. In etwa sechs Monaten, sagt man mir, ist alles beinahe wieder beim Alten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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