Marco hasste den Dienst in der Akademie der weissen Künste. Es lag wohl
an der Magie selbst, dass alle Praktizierenden komische Käuze waren. Das
waren sie alle ausnahmslos! Die angehenden Magier waren allesamt arrogant und
ihre Lehrer ständig abwesend. Doch nichts hasste er mehr als herunter in
die Katakomben zu steigen. Nicht nur, dass die Magier hier untern besonders
merkwürdig waren, hierher wurden auch alle Toten gebracht. Hier wurden sie
für die Bestattung vorbereitet. Ständig lagen hier mehrere aufgebahrte
Leichen mit Münzen über ihren Augen. Der Schatten unter diesen
Münzen gab Marco stets das Gefühl, sie würden ihn beobachten. Zum
Glück war er schon wieder auf dem Weg nach oben. Die Gläser auf dem
Tablett klirrten leise, als er mit zitternden Händen die Leichenhalle
durchquerte. Plötzlich hörte er ein Geräusch aus dem Gang vor
sich. Ein Schlurfen und ein Klopfen drang an seine Ohren. Schnell versteckte er
sich hinter einer der Bahren. Er versuchte nicht daran zu denken, was da
über ihm lag.
Das Geräusch kam näher. Ein Licht
begleitete die schlurfenden Schritte, wie er nun erkannte. Aus dem Gang trat
Meister Wilgefurt, der älteste aller Magier der Akademie. Er soll schon
über 100 Jahre alt sein. Marco grämte sich für seine
Ängstlichkeit und wollte bereits aufstehen, als die Stimme Wilgefurt ihn
verharren liess.
«Narren und Taugenichtse! Allesamt! Sie
feiern ihre Feste, die gekrönten Häupter! Doch noch keiner konnte
seine Titel und Reichtümer in die Anderswelt mitnehmen!»
Irgendetwas in der Stimme des Magiers liess Marco innehalten.
«Die Zeit! Sie rinnt mir wie Sand durch die Finger. Humbug! Magie der
weissen Künste! Pah!» Marco hört den Magier geräuschvoll
rausrotzen und überspitzt weiterfahren:
«Gratuliere
werter Kollege zum beeindruckenden Feuerball, leider habe ich noch nie
vernommen, dass ein Magier sich in den Gefilden der Anderswelt seiner Kunst
hätte bedienen können! Unwissende Nachthemdträger!»
Marco wollte dem Gebrabbel dieses senilen Magiers ein Ende bereiten, doch
irgendetwas tief in ihm, ein Urinstinkt, liess ihn erstarrt in der Hocke
verweilen. Die Stimme des Magiers troff nun vor Gift als er fortfuhr:
«Und dann diese elenden Spitzohren! Feiglinge allesamt! Sie mögen
Jahrhunderte leben, doch am Ende müssen auch sie die Waage der Götter
erdulden. Doch wie verbringen sie ihre kostbare Zeit? Mit Architektur und
Gedichte! Pfui Teufel! Unsterblichkeit! Das ist es! Das einzige Ziel! Wie vielen
Gerüchten muss ich noch nachgehen, bis ich das Geheimnis ewigen Lebens mein
nennen kann?»
Marco schauderte. Hatte er richtig gehört?
Für diese Worte alleine verdiente der Meister das Läuterfeuer. Die
Stimme des Magiers schwand indessen fast zu einem Flüstern als er weiter
sprach:
«Vielleicht finde ich ja doch im Untot die
Lösung?»
Alle Farbe wich aus Marcos Gesicht. Was redete
der alte Mann da? Er fand nun doch den Mut, um die Ecke seines Versteckes zu
spähen. Meister Wilgefurt stand an einer der Bahren und breitete seine Arme
über die darauf liegende Leiche aus. In der rechten Hand hielt er seinen
Stab über den Kopf der Leiche und die linke Hand schwebte offen über
dem Bauch. Es schloss seine Augen und murmelte etwas Unverständliches mit
tiefer Stimme. Marco fühlte eine unnatürliche Kälte in seine
Knochen dringen. Ein widernatürlich, fahles grünes Leuchten senkte
sich aus der Hand und dem Stab des Magiers und floss wie zäher Nebel
über die Leiche und auf den Boden. Von dort verteilte sich das Leuchten im
ganzen Gewölbe. Ein mehrstimmiges, metallisches Klimpern liess Marco
zusammenzucken. Da er die Ursache nicht finden konnte, schweifte sein Blick
zurück zum Magier. Dieser schien wie zu einer Statue erstarrt. Marcos Blick
folgte einer letzten grünen Schwade aus dem Stab des Magiers und schaute
ihr zu, wie sie sich langsam auf die Leiche senkte. Ein erstickter Laut entwich
Marcos Kehle. Der Kopf der Leiche war in seine Richtung gedreht. Die Augen waren
offen und in ihnen leuchtete dasselbe kränkliche Grün, das den ganzen
Raum zu erfüllen schien. Die Hand der Leiche begann sich langsam zu
bewegen.
Marco hatte genug gesehen. Nekromantie! Die dunkle Gabe!
Er musste dem Zirkel melden, was er gesehen hat. Noch besser sollte er direkt
zum Tempel der Götter gehen! Er wollte sich gerade erheben, als eine Hand
seine Schulter berührte. Als wäre er im Winter ins Hafenbecken
gefallen, schnappte er nach Luft und drehte sich langsam um. Die Hand
gehörte zu einem Arm, welcher über den Rand der Bahre über ihm
ragte. Als er seinen Kopf in den Nacken legte, starrten ihn unheilvolle
grüne Augen über den Rand der Liege an.
«Weisst du,
mein junger Freund, im Alter mögen die Sinne schwinden, ein Magier weiss
sich jedoch stets zu helfen.» Die Stimme des Magiers schnitt durch die
Kälte wie ein Wurfmesser auf dem Jahrmarkt. Marco sprang hoch und drehte
sich zu dem alten Mann herum. Dieser stand noch am gleichen Ort und stützte
sich schwer atmend auf seinen Stab. Schweiss ran über sein Gesicht und eben
löste sich ein Schweisstropfen von der Nasenspitze und fiel auf die nun
leere Bahre vor ihm. Noch bevor es Marco richtig dämmern wollte, fuhr der
Magier fort:
«Meine Augen mögen leblose Objekte nicht
mehr wahrnehmen. Ein Zauber erlaubt es mir jedoch lebende Materie so klar zu
sehen wie ein Adler seine Beute. So stosse ich mir zwar jeden Morgen meinen Zeh
am Bett, deine Lebenskraft jedoch, leuchtet für mich wie tausend Sonnen! So
jung und kräftig!»
Marco lief ein Schauer über den
Rücken. Er wollte sich umdrehen und wegrennen. Doch hinter ihm standen vier
der Leichen und versperrten ihm den Weg. Still standen sie da, nackt und mit
leuchtenden grünen Augen starrten sie atemlos Marco an. Hinter ihm fuhr der
Meister mit ruhiger Stimme fort:
«Du hast noch kaum etwas
gesehen vom Leben, nicht war mein Lieber? Ich habe Jahrzehnte gesehen und ich
bin noch nicht bereit etwas zu vergessen! Ich brauche diese Lebensenergie, deine
Energie! Fürchte dich nicht! Es heisst, unschuldigen Seelen sei ein Platz
bei den Göttern gewiss.»
Ein irres Lachen entfuhr dem
Magier und als Marco sich umdrehte, streckte der Magier gerade die Hand nach ihm
aus. Eine schwarze Wolke bildete sich an seinen Fingerspitzen und bewegte sich
schnell auf Marco zu. Wie tausend gierige Hände griff die Wolke nach Marco.
Sie zerrte an ihm und liess ihn gelähmt zurück. Das Zerren wurde
stärker. Doch zog es nicht an seinem physischen Körper. Etwas tief in
ihm wurde aus seinem Körper herausgezogen. Mit Schreck geweiteten Augen
starrte Marco auf seine Hand, die langsam faltig und knochig wurde.
Altersflecken erschienen auf seiner Hand, als er vom Gewicht des
plötzlichen hohen Alters auf die Knie gezwungen wurde. Das Letzte, was
Marco sah, bevor sein Augenlicht schwand, war ein nun jugendlicher Wilgefurt der
irre lachend die Wolke an sich zog. Das Letzte, was Marco hörte, bevor
seine Ohren taub wurden, war die sich überschlagende Stimme eines jungen
Mannes:
«Ja genau! Exakt dieses Leben gilt es zu erschaffen!
Leben! Ewiges Leben!»
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.09.2022.
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