Fred Lang

Von Tauben, Falken und Granaten

Selbstreproduzierende Kleinflugkörper. Horror-Vision einer neuen Wunderwaffe.

Ausgerechnet die Brieftaube, seit urdenklichen Zeiten ein Symbol des Friedens
und der Liebe, soll in naher Zukunft zu militärischen Zwecken eingesetzt werden.
Wie aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen zu hören ist, plant ein Staat, der
in Bezug auf die Anwendung von Massenvernichtungswaffen zur Durchsetzung seiner
Machtansprüche noch nie Skrupel gekannt hat, künftig in großem Stil den Einsatz
von Brieftauben. Hinter vorgehaltener Hand wird von zunächst eintausend so genannten
"Kleinkalibrigen Marschflugkörpern" gemunkelt. Oder KM, wie es im Militärjargon
knapp und bündig heißt.
Normalerweise kehren Brieftauben nach ihren Ausflügen immer zu ihren heimischen
Verschlägen zurück. Fieberhaft wird nun in geheimen Forschungslabors daran
gearbeitet, dieses Verhalten zu eliminieren, weil aus bestimmten Gründen eine
Rückkehr nicht wünschenswert ist und im Falle einer Zündverzögerung fatale
Folgen für die eigenen Streitkräfte zu erwarten wären.
Extrahierte und entsprechend aufbereitete Gene japanischer Kamikaze-Piloten, die
sich im Zweiten Weltkrieg in selbstmörderischer Absicht auf amerikanische
Kriegsschiffe stürzten, sollen übrigens bei der Züchtung dieser neuen
Wunderwaffe eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben.
Ein Kampfverband von entsprechend programmierten Vögeln soll nämlich bald in der
Lage sein, militärische und zivile Ziele auszuspionieren, anzugreifen und zu
vernichten. Nach dem Motto: „Gemeinsam sind wir stark!“, schließen sich die Tiere kurz vor
dem Ziel eng zusammen und nach einem Sturzflug aus geringer Höhe ist alles
vorbei. Vorher hat eine sogenannte „fliegende Vorhut“, die eine spezielle
Ausbildung erhielt, eine genaue Zielansprache, bzw. Zielerkennung ermöglicht.
Pro KM reichen ja nur wenige Gramm Nitroglyzerin oder einige Tropfen der
neuesten Nervengifte völlig aus. Sie befinden sich in speziellen Kapseln am
Körper der tierischen Bomber. Beim Aufprall im Zielgebiet verstreuen sie
augenblicklich ihren Tod und Verderben bringenden furchbaren Inhalt.
Aus militärischer Sicht liegen die Vorteile der neuen Waffe allerdings klar auf
der Hand. Die Betriebskosten pro KM sind äußerst gering. An Verpflegung reichen
etwa 35 Gramm Körnerfutter pro Tag völlig aus. Kosten, z.B. für Uniformen und
Sold, entfallen natürlich.
Weitere Vorteile, die für ihren Einsatz sprechen: Eine Ortung durch gegnerisches
Radar ist nicht möglich. Es gibt auch keine Befehlsverweigerungen. Verluste
werden leicht durch Neuzugänge aus Massenzucht ersetzt, da voll taugliche Tiere
im Gegensatz zu menschlichen Soldaten schon in wenigen Monaten zum Einsatz
gebracht werden können - als selbstreproduzierende Kleinflugkörper im wahrsten
Sinn des Wortes!
Im Vergleich zu ihren Waffenbrüdern, den hinreichend bekannten so genannten
Großkalibrigen Marschflugkörpern, wie z.B. Raketen, ist daher bei einem Einsatz
der KM von phänomenal niedrigen Stück- und Betriebskosten auszugehen.
Doch es gibt keine Angriffswaffe, die nicht in kurzer Zeit durch eine
entsprechende Verteidigung neutralisiert wird.
Ausgerechnet der Falke, seit urdenklichen Zeiten ein Symbol für kriegerisches
Verhalten und ein von den Tauben schon immer gefürchteter Feind, soll in Zukunft
als "Leichter Kleinflugkörper", kurz LK genannt, zum Einsatz kommen. Da bei
einem Falken keine komplizierten und aufwendigen Umprogrammierungen nötig sind -
er darf einfach so sein, wie er ist - kann schon bald seine Produktion auf eine
zur erfolgreichen Abwehr der KM unbedingt erforderliche Höhe gefahren werden.
Man spricht fürs erste von fünfhundert LK.
Allerdings sind bei ihnen die zu erwartenden Stück- und Betriebskosten etwas
höher zu veranschlagen. Falken fressen mehr und sind auch bei der Aufzucht ihrer
Jungen etwas eigensinnig. Im Hinblick auf den Jagderfolg ist dies aber als
zweitrangig anzusehen; zumal für einen Falken die Eliminierung von 4 bis 5
Tauben schon in der Luft - weit vor dem Angriffsziel - kein Problem bedeutet.
Einschlägige Erfahrungen liegen bereits vor, und wunderschöne
Videoaufzeichnungen belegen eindrucksvoll die Leistungskraft und elegante

Kampfweise dieser „Ritter der Lüfte“.
Ein kleines Problem am Rande ist allerdings noch nicht befriedigend gelöst. Die
sorglose Entsorgung der nicht zum Einsatz gekommenen oder verirrten
kleinkalibrigen Marschflugkörper mit ihren todbringenden Kapseln ist noch nicht
gewährleistet. Doch in Bezug auf den Schutz der Umwelt wurde schon immer
gesündigt und auch Militärs machen sich nur selten über die Folgen ihrer Taten
Gedanken.
Für den schon erwähnten Staat wäre das alles natürlich auch ein Verkaufsschlager
ersten Ranges, der aber im Hinblick auf die Erhaltung eines „Gleichgewichts des
Schreckens“ immer nur im Doppelpack angeboten werden sollte!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.09.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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