Chris Hamburg

Ruhestörung einmal anders.

Das gibt’s doch nicht. Sonntagmorgen 5.30 Uhr. Schnarch-Geräusche krabbeln durch meine Ohren, hinein in mein schlafendes Hirn. Augen öffnen sich langsam und suchen nach der Quelle. Zorn weckt den Blutdruck aus seinem Schlaf.
Wer, zum Teufel, raubt mir an einem Sonntagmorgen mit seinem scheiß Geschnarche den Schlaf? Einer von den Nachbarn kann es nicht sein. Ich kenne die Geräuschkulisse hier, sie ist mir vertraut. Besuch! Vielleicht Verwandtschaft? Oder ein Mitbringsel der Nacht, ein ONS (One- Night-Stand)? Schnarchern sollte es grundsätzlich verboten werden, außerhalb ihrer eigenen vier Wände zu nächtigen. Nicht in fremden Wohnungen, nicht in Hotels, nicht auf dem Campingplatz und nicht auf Langstreckenflügen.

Ich stehe am geöffneten Fenster und überlasse die Ortung dieses nervtötenden Geräuschs meinen Ohren.
Geschnarcht wird weder von links noch von rechts, es schnarcht von vorne. „Wahrscheinlich ein sturzbesoffener Jüngling, der es nicht mehr bis zur elterlichen Villa um die Ecke geschafft hat und seinen Rausch, eingenässt und in seinem Erbrochenen liegend, auf dem Gehweg hinter meiner Hecke eingeschlafen ist oder sich unter einem der zahlreich parkenden großen, dicken SUV bequem gemacht hat, mit denen kleine, dünne Mütter ihre Gören tagtäglich von einem Termin zum nächsten Chauffieren“, so meine Gedanken. Und weiter: „Dem werde ich zeigen, was es heißt, meinen sonntäglichen Schlaf in aller Herrgottsfrühe zu stören.“
Ich greife wütend mein Handy (Beweissicherung) und stopfe mich umständlich in meinen Bademantel, während ich überlege, einen Eimer mit kaltem Wasser mitzunehmen, um dem Jüngling eine Lektion zu erteilen. Die Wirkungsweise ist durch zahlreiche Filmszenen belegt.
Ich habe keinen Eimer.
Niemand liegt auf dem Gehweg vor meiner Hecke und auch nicht unter irgendwelchen SUV. Nichts liegt irgendwo herum. Noch nicht einmal Müll. Doch das Schnarchen bleibt. Es kommt geradewegs aus dem Park, der unmittelbar hinter unserer kleinen Einbahnstraße beginnt.
Mit dem Gedanken >Liegt der Dreckskerl doch tatsächlich besoffen im Gebüsch<, setze ich meine Suche fort. Ohne Ergebnis. Ich folge weiter dem Geräusch und komme unter einer riesigen alten Eiche zum Stehen. Hier ist es. Ohne Zweifel, das Geräusch kommt von oben, irgendwo aus dem massiven Geäst.
„Wie gelangt ein sturzbesoffener Jüngling so hoch in ein Astwerk? Und warum?“, fragte ich mich.
„Oder ist es jemand mit suizidaler Absicht? Sollte hier ein Leben beendet werden durch den Strang, das aufgrund der anstrengenden Kraxelei vorübergehend eingeschlafen ist, wie ein Leopard nach ausgiebiger Völlerei? Habe ich ein Menschenleben gerettet? Soll ich unverzüglich die Feuerwehr benachrichtigen?“
Ein junger Mann unterbrach sein Jogging als er den alten Mann im Bademantel unter der wesentlich älteren Eiche erblickte und fragte mich, ob er helfen könne. „Nein, besten Dank“, gab ich zur Antwort, „ich gehe nur einem Schnarchen nach.“ „Ach“, winkte dieser freundliche und hilfsbereite Jüngling ab, der soeben aus der elterlichen Ville zum Frühsport aufgebrochen war und seinen Lauf nun fortsetze, „Die Schleiereule“.
Häh? Schleiereule? Ich googelte >Schleiereule schnarchen<. Ein Video wurde gezeigt. Und tatsächlich, das Schnarchen aus dem Video war identisch mit dem, das ich höre, ganz oben aus dem Geäst.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.09.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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