Loreen Xibalba

Tag 101, 24. September 2022: Das Alte ist im Kasten

Ich schreibe wieder Tagebuch. Das Alte habe ich letzte Woche binden lassen: fast 400 Seiten sind es geworden - einschließlich des Corona-Wörterbuchs. Welche Themen mich dieses Mal beschäftigen werden, kann ich noch nicht einmal erahnen. Ich vermute jedoch, es wird um den wirtschaftlichen Niedergang Europas und die damit verbundenen Wehen für die Bevölkerung gehen. Dieses Mal scheint der Terror uns alle zu treffen. Deshalb finde ich es vernünftig, wenn ich das Medium wechsle. Ich werde also auch für diejenigen schreiben, die über Monate hinweg mit dem Finger auf mich gezeigt haben. Sie ernten, was sie gesät haben, auch wenn sie noch nicht einmal begreifen, dass alles, was sie in den letzten Jahren erleben mussten, eng miteinander verwoben ist - wie verschiedene Wollknäuel, mit denen ein grüner Bundestagsabgeordneter in den Achtzigern an ein und demselben Pullover strickte.

Jetzt lösen sich die Maschen und der bunte Pulli löst sich auf. Der Stoff, der uns jahrzehntelang vor Wind und Wetter bewahrt hat, ist schon jetzt kaum mehr als ein zerschlissenes Stück Textil, das für den Altkleidercontainer zu schäbig ist. Den Nachfahren der Stricktanten und Strickonkels genügt das aber nicht: Sie reißen an den Fäden, damit wir alle fleißig  frieren und Energie sparen. Dabei begreifen die Architekten des Unheils noch nicht einmal, was sie in ihrem Wahn anrichten. Man könnte ihr Handeln mit einem finalen Aderlass vergleichen: Sie töten den geschwächten Patienten, indem sie ihm in seinem Todeskampf auch noch das Blut ablassen. Deshalb wird es wohl kein halbes Jahr mehr dauern, ehe dem letzten Bürger die Zeichen der Zeit zu dämmern beginnen: Wir steuern mit Brettern vor den Köpfen unserer Kapitäne auf eine Hyperinflation und auf die Vernichtung unserer wirtschaftlichen Grundlage zu. Aber immer noch träumen die Schäfchen ihren Traum von einer reichen und gesunden Zukunft. Hätten sie sich früher informiert, hätte es vielleicht nicht ganz so schlimm kommen müssen. Doch was nun geschieht, ist vorgezeichnet, und praktisch nicht mehr aufzuhalten. Dabei können wir froh sein, wenn unser behagliches Zittern und Frösteln am Ende nicht von einem gewaltigen Blitz aufgehellt wird, der einen ästhetischen Pilz an den Horizont zeichnet. Die Zeichen stehen auf Untergang.

Das ist übrigens auch der Grund, weshalb ich Tag 101 meines Tagebuchs gerade heute beginne. Ich möchte meinem apokalyptischen Abgesang auf Europa eine lächerliche Posse voranstellen. Sie hat sich in der letzten Woche auf den Foren der sogenannten Alternativmedien zugetragen: Ein verwirrter Geist postete auf seinem Wasweißich-Kanal ein Video, in dem er eine Rede des CDU Vorsitzenden Friedrich Merz sezierte. Zu Beginn des Beitrags sah man Merz an einem Rednerpult des Bundestags stehen und hörte ihn verkünden, dass der 24. September des Jahres 2022 den Menschen noch lange in Erinnerung bleiben werde. Er garnierte seine Aussage mit Assoziationen an den 11. September 2001 und meinte, jedermann könne sich in Jahren noch erinnern, wo er an diesem Tag – an diesem 24. September 2022 - gewesen sei. Deshalb fürchteten verunsicherte Zeitkritiker allenthalben, wir steuerten an diesem Wochenende auf ein brutales Fiasko zu. Sollte sich dieses Menetekel im Nachhinein bewahrheiten – Asche auf mein Haupt. Die Erklärung für Merzens „Prophezeiung“ war indessen ebenso schnöde wie peinlich: Die Zitate des Blackrock-Lobbyisten stammten vom 27. Februar 2022. Merz sprach seine Warnungen also wenige Tage nach dem Einmarsch Russlands in der Ukraine aus. Muss man dazu weitere Worte verlieren?  

Wie auch immer. Der Tag heute wird vermutlich in ebenso tragischer Langeweile dahindämmern, wie alle anderen Tage in den vergangenen Monaten. Wahrscheinlich werden wir wieder von irgendwelchen Skandälchen hören, die damit zusammenhängen, dass irgendein Prominenter nicht ordentlich gegendert hat. Oder wir erfahren etwas über die jüngsten Eskapaden von Julian Reichelt. Oder man erklärt uns mit erhobenem Zeigefinger, wie das Duschen bei einer Wassertemperatur über 19 Grad die Gesundheit gefährdet. Oder wir hören die nächste hanebüchene Einlassung, auf welche Gründe die Übersterblichkeit zurückzuführen ist, die sich seltsamerweise ausgerechnet nach den letzten Impfkampagnen eingestellt hat. Ich wette, die Begründungen werden etwas mit dem Klimawandel und überhöhtem Fleischkonsum zu tun haben. Und wer weiß? Vielleicht schaltet sich aus dem hohen Norden noch die gute Greta zu und lässt uns wissen, wie böse unsere Holzheizungen sind, und wie das heilige Prachtmädel zur Erwärmung ihrer Villa lieber ein tausende Kilometer tiefes Loch bis zum Mittelpunkt der Erde gebohrt hat. Da darbt jetzt also im Zentrum ihres Wohnzimmers ein kleines Vulkänchen, das ausreicht, ihr gesamtes Anwesen einschließlich der sechzehn Gesindehäuser mit Wärme und einem wohligen Gefühl des Zusammenhalts zu speisen. Wir sollten uns alle ein Beispiel an ihr nehmen. Oder an Annalena Baerbock. Oder an Robert Habeck. Oder an Lisbeth Weinzierl aus der Gartenstraße in Dreiviertelverdrießheim.

Vor Hundert Jahren hat sich in Deutschland übrigens kaum etwas Relevantes zugetragen - vielleicht abgesehen davon, dass die Unabhängigen Sozialisten (USPD) und die Mehrheitssozialisten (MSPD) auf einem gemeinsamen Parteitag die Wiedervereinigung ihrer beiden Parteien beschlossen haben. The Guardian berichtete über den Aufstieg des Faschismus in Italien, wobei sich der verantwortliche Redakteur in seinem Artikel ebenso bewundernd wie kritisch äußerte. Einerseits produziere der Faschismus mit seiner Despotie „gute Resultate“ (welcher Art auch immer), andererseits müsse man sehen, wie sich das Ganze auf Dauer mit der italienischen Verfassung vertrage. Eine Parallele zum heutigen Tag könnte man darin sehen, dass das kommende Unheil auch in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts bereits greifbar war - aber keiner davon sprechen wollte. Es war ein behaglicher und ruhiger Tag – dieser Sonntag, am 24. September 1922.    

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Loreen Xibalba).
Der Beitrag wurde von Loreen Xibalba auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.09.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  • Autorensteckbrief
  • xibalba1gmx.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Loreen Xibalba als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Nicht alltägliche Hausmannspost: Scherzartikel, Wortspüle und Küchenzeilen aus Valencia von Siegfried Fischer



Lehrerin C. wird an die Deutsche Schule Valencia nach Spanien vermittelt. Etwas unvermittelt wird dadurch der mitausreisende Ehegatte S. zum Hausmann und hat nun mit Küche, Haus, Garten, Pool und der spanischen Sprache zu kämpfen.

Eines schönen Vormittags beginnt er seinen ersten Haushaltsbericht zu verfassen und als E-Mail an Freunde und Verwandte zu versenden.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Sonstige" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Loreen Xibalba

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Tag 105, 28.09.2022: Küss meinen Arsch von Loreen Xibalba (Krieg & Frieden)
Omas Pflaumenkuchen von Heideli . (Sonstige)
Die Korpulente von Pit Staub (Lebensgeschichten & Schicksale)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen