Steffen Herrmann

Aufstieg und Fall von Genolution - Die Hypermenschtheit

Aufstieg und Fall von Genolution
 Der Griff nach der Hypermenschheit
      1. Teil
 

Die Geschichte begann, als Alexej Gromky, ein zu dieser Zeit zwanzigjähriger Russe, beschloss, seine Heimat zu verlassen. Alexej war besessen von der Genetik, insbesondere davon, ihr Potential (wie er später immer wieder betonte) «unter die Leute zu bringen».

Zu dieser Zeit waren Eingriffe in die menschliche Keimbahn in den meisten Ländern verboten, zum Teil waren dafür drastische Strafen vorgesehen. Die Schöpfung sollte nicht angetastet werden, die Staaten wachten mit Argusaugen darüber, dass nicht an unserer Erbmasse «herumgepfuscht» wurde.

Es gab einige Länder, die diese Art von regulatorischer Wissenschaftsethik ignorierten. Das wichtigste davon war Südkorea.

Alexej wanderte also nach Südkorea aus. Zu dieser Zeit sprach er nur schlecht Englisch und gar kein Koreanisch, was ihn aber nicht entmutigte.

Im Grossraum Seoul herrschte damals eine Art Goldgräberstimmung in der Branche der reproduktiven Genetiker, wobei Alexej bald zu der Überzeugung kam, dass diese nicht mutig genug seien. Es herrschte eine Art konservativer Konsens, wohl auch unter dem Druck der weithin herrschenden Meinung, dass genetische Manipulationen beim Menschen des Teufels wären und nur in bestimmten Ausnahmesituationen zu rechtfertigen waren. «Dass diese Unternehmer derart mutlos waren und sich vor ihren eigenen Ideen zu fürchten schienen, wunderte mich doch sehr. Es hatte den Anschein, als ob es das Wichtigste sein sollte, auf diese Weise Geld zu verdienen» schrieb er später in seiner Autobiographie zu diesem ersten Eindruck.

Die kommerzielle Genetik war damals darauf ausgerichtet, vererbbare Krankheitsrisiken zu reduzieren. Viele Menschen liessen sich sequenzieren und erhielten auf dieser Grundlage eine persönliche Genkarte. Auf dieser waren die festgestellten Erbkrankheiten und sonstige Defekte eingetragen, sowie die genetischen Dispositionen für spätere Krankheiten. Verantwortungsvolle, zur Sorge neigende Paare, die Nachwuchs planten, beugten sich häufig über diese Karten, suchten nach Matches, also ähnlichen Risikofaktoren auf beiden Seiten und schätzen ab, wie belastet ihr Nachwuchs von ihrem Erbe sein dürfte.

Auf dieses Klientel hatten sich viele der neugegründeten Firmen spezialisiert. Sie ersetzten kranke Gene durch gesunde, reparierten Defekte und sorgten für glückliche Eltern, weil sie ihnen einen genetisch unbelasteten Nachwuchs bescherten. Zukünftige Eltern, die natürlich nur das beste für ihre noch ungezeugten Kinder wollten, reisten aus allen möglichen Ländern an und verbrachten einige Wochen in Korea, wobei sie oft das All Inclusive Angebot der gebuchten Firmen nutzten.

Alexej ging das alles nicht weit genug. Natürlich führte das kommerziell gesehen zu Erfolgen, aber wo war dabei die Inspiration? Welche Strategie stand hinter diesem schlichten Reparieren? Der junge Russe war nun unermüdlich auf der Suche nach Gleichgesinnten in der grossen Stadt. Er ging an die Universitäten, in die Institute, sprach mit Dozenten, Doktoranten und einfachen Studenten. Er lernte rasch, sich auf Englisch zu verständigen, zunächst noch stammelnd, wobei er mit seiner Leidenschaft die kommunikativen Defizite kompensierte.

Im Juni des Jahres 2143 gründete er eine Firma, die er auf den Namen «Genolution» taufte. Es ging ihm darum, die Wörter «Genetics» und «Revolution» zusammenzusetzen, was in dieser etwas seltsamen Wortschöpfung mündete.

Genolution begann als ein traditionelles genetisches Unternehmen, «zur Tarnung», wie Alexej später erklärte. Ein Wolf im Schafspelz sozusagen. Natürlich ging es auch darum, zunächst etwas Geld zu verdienen, sich im Markt zu etablieren. Schliesslich mussten auch die Risikokapitalgeber mit ihren furchtbaren Zinssätzen abgezahlt werden.

Genolution war zunächst eine kleine Firma, die durch ihre Kompetenz und ihre Effizienz aber rasch einen gewissen Ruf erlangte. Das Personal war jugendlich und es waren ausnahmslos sehr gute Leute, die in ihrem Leben Grosses erreichen wollten. Sie waren auf Zukunft programmiert. Unter den Kunden war die Meinung einstimmig: Sie fühlten sich gut beraten, waren zufrieden, mehr als zufrieden. Das Unternehmen konnte den Ansturm an Aufträgen bald nicht mehr bewältigen. Es hätte sich rasch vergrössern können, doch Alexej zögerte. Er wollte nicht wachsen, noch nicht. Er wollte beweglich bleiben und die Kontrolle behalten und nicht von der Trägheit eines rasch aufgeblasenen Unternehmen beherrscht werden.

Er hatte etwas vor.

Im November 2147 liess er die Bombe platzen. Sie hatten eine Schulklasse zu Besuch. Das war in diesem Jahr schon öfter vorgekommen, vor allem wegen des inspirierenden Rufes von Genolution. Alexej akzeptierte solche Anfragen gern, auch wenn sie seine knappe Zeit zusätzlich beschnitten. Aber er hatte sich geschworen, immer am Puls der Zeit zu bleiben und das einfachste Mittel dafür war, mit der Jugend im Gespräch zu bleiben.

Nachdem er die Schulklasse herumgeführt und die einzelnen Arbeitsbereiche erklärt hatte, liessen sie sich im Sitzungszimmer nieder und Alexej hielt eine Rede.

«Vergleichen wir zum Beispiel eine Maus mit einem Elefanten.» sprach er «Unterschiede sind da leicht gefunden. Eine Maus ist klein, ein Elefant ist gross. Aber was ist ihnen gemeinsam? Gut, beides sind Säugetiere, daraus folgt eine ganze Reihe von Gemeinsam­keiten. Aber was ist bei ihnen in Bezug auf ihr Leben gleich? Eine Maus lebt nur ein paar Wochen, ein Elefant viele Jahre. Und trotzdem – hört jetzt genau zu, es wird nun wirklich wichtig – leben beide Arten die gleiche Zahl von Herzschlägen. Jedes Tier lebt, wenn es an natürlicher Alterung sterben darf, ungefähr zwei Milliarden Herzschläge lang. Das Herz der Maus schlägt viel schneller, im gleichen Rhythmus tickt seine Lebensuhr. Warum ist das nun so? Es liegt an den Mitochondrien. Das sind jene kleinen Organellen in unseren Zellen, die die Energie für den Stoffwechsel produzieren, in Form kleiner Moleküle, die ATP heissen. Und diese Mitochondrien sammeln über das Leben hinweg immer mehr Mutationen an, werden also immer schlechter. Bis sie irgendwann ihre Leistungskraft verlieren und die Zellen nicht mehr mit Energie versorgen können. Das Leben neigt sich dem Ende entgegen, der Organismus stirbt. Je mehr der Stoffwechsel beansprucht wird, je schneller das Herz also schlägt, desto rascher vollzieht sich diese mitochondriale Alterung. Das ist, ganz grob skizziert, der Prozess, der in jedem Lebewesen abläuft.

Ich sagte vorhin – alle Lebewesen haben die gleiche Zahl von Herzschlägen. Trifft das wirklich auf alle Lebewesen zu? Nein, ich hatte euch etwas Falsches gesagt.  Denn diese Regel der zwei Milliarden Herzschläge gilt nur für Säugetiere. Vögel leben im Vergleich dazu zehnmal länger. Zehn Mal! Warum ist das so? Im Grunde liegt das daran, dass Vögel fliegen können. Ein Stoffwechsel, der dazu in der Lage ist, einen Körper zum Fliegen zu bringen, muss perfekt getunt sein. Er muss über erstklassige Mitochondrien verfügen, um die Energie für einen solchen Hochleistungsorganismus bereitzustellen. Und solche Premium-Mitochondrien arbeiten nicht nur besser, sie halten auch länger. Zehnmal länger. Gut, was müsst ihr noch wissen? Es gibt noch einen wichtigen Punkt. Nämlich den, dass es in den Mitochondrien nicht viele Gene gibt. Im Zellkern finden sich ungefähr zwanzigtausend Gene in den Mitochondrien nur ein paar Dutzend. Also ungefähr ein Tausendstel. Es ist also eine sehr gut eingrenzbare Aufgabe, hier unser genetisches Material zu verbessern, zumal uns das Modell der Perfektion ja bereits zur Verfügung steht. Das ist die Aufgabe, die wir uns nun stellen: Wir werden uns von der ererbten Minderwertigkeit unserer Mitochondrien befreien.»

Genolution startete nun das, was später als das Vogelprojekt in die Geschichte einging. Sie unternahmen nicht geringeres als ein Re-Design des menschlichen Mitochondriums. Deren Gene werden unabhängig von den Kerngehen vererbt, es handelt sich also um einen kleinen und zudem gut abgegrenzten Bereich. Natürlich erfolgte auf die Ankündigung von Genolution ein lautes Protestgeschrei auf internationaler Ebene. Die Ethikkommissionen vieler Länder versuchten, diese Entwicklung zu unterbinden, doch es gab in Südkorea kein Gesetz, die sie verbot. Und das Land verfügte in dieser Zeit über eine sehr liberale Regierung.  

Schon wenige Jahre später, im Frühjahr des Jahres 2151, war der Neuentwurf des menschlichen Mitochondrium abgeschlossen. Die viele Jahrzehnte dauernde Genolution-Kontroverse war schon in vollem Gange, das Unternehmen galt vielen als ein Werk des Teufels, es erhitzte die Gemüter. Aber es faszinierte natürlich. Weil es ewige Gewissheiten umstiess. Und weil es einen Prozess angestossen hatte, dessen Ende gar nicht abzusehen war.

Trotz der hohen Preise gab es von Anfang an keinen Mangel an Kunden. Schon 2152 wurde der erste sogenannte Vogelmensch geboren, Brian Tusco.

In jedem Fall lässt sich das Projekt als ein grosser Erfolg werten. Noch heute lässt sich, vielleicht weniger als je zuvor, das Ausmass seiner Konsequenzen abschätzen. Über die voraussichtliche Lebenserwartung der Vogelmenschen gibt es eine Vielzahl von Studien, es herrscht ein gewisser Konsens darüber, dass sie bei wenigstens sechshundert Jahren liegt. Manche Autoren gehen auch von mehr als achthundert Jahren aus. Gesicherte Daten lassen sich bisher natürlich nicht geben, weil heute, mehr als 250 Jahre später, die meisten dieser Menschen noch leben. Es ist bekannt, dass auch Zweihundertjährige dieser Subspezies noch sehr jugendlich wirken. Die Alterung, so wird häufig gesagt, kommt bei ihnen einfach nicht vom Fleck.

Genolution war nun in aller Munde. Das Unternehmen wuchs rasch und hatte 2160 bereits mehr als zehntausend Mitarbeiter. Bald stellte sich heraus, dass das Vogelprojekt nicht das Geschäftsmodell von Genolution bleiben würde, sondern nur der erste Schritt einer viel umfassenderen – wahrhaft revolutionären - Strategie war.

 

Fortsetzung folgt  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.09.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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