Klaus Mattes

Es schneit schon wieder / 1590

 


Mein Opa hatte annähernd dasselbe Alter wie sein Jahrhundert. Sehr alt, schon über sechzig Jahre, dennoch stand er jeden Morgen auf, zog einen ordentlichen Anzug an, nahm seine Aktentasche und ging zum Bürogebäude der Schweizerischen Elektrizitätswirtschaft, um für den Rest des Tages Stromrechnungen zu schreiben. Oft, wenn wir mit Mama in die Schweiz einkaufen gingen, den sowohl guten wie billigen Migros-Kaffee, von dem man nur ein Pfund pro Grenzübertritt mitbringen konnte, erklommen wir das Mäuerchen, stampfen drei Mal mit dem Fuß, warteten ein wenig, dann zog im zweiten Obergeschoss eine Hand den Vorhang zur Seite und das weiße Haar meines Großvaters wurde sichtbar. Mit würdigem Winken gab er uns seinen Segen mit auf den Weg.
Der Mann arbeitete sein ganzes Leben für diesen Energieversorger, dem meine Heimatstadt ihr Entstehen und ihr rasches Wachstum verdankte. So verstand es sich von selbst, dass er für geringe Miete in einer geräumigen Werkswohnung in einem gediegenen Zweifamilienhaus mit Garten wohnte. Unser Opa war etwas langsam und sprach bruddelig und schien auch nie viel zu sagen zu haben. Mir fallen keine besonderen Eigenschaften oder Passionen ein, durch die er sich ausgezeichnet hätte. Immer waren sich alle einig, verdächtig schnell, dass Karl Dauer ruhig, charakterfest, ordentlich und herzensgut wäre. Man nannte ihn den guten Onkel Karl in unserer Verwandtschaft, von der wir schon damals keine besonders große hatten.
Trotz der ihm zugebilligten Geradlinigkeit und Güte war diesem Mann einmal in seinem Leben ein grober Schnitzer unterlaufen. In den dreißiger Jahren war er überzeugter Nationalsozialist gewesen und auch Mitglied der Partei. Es existierten Fotos, auf denen man ihn in einer Hakenkreuzuniform sah. Allerdings war er, der im Ersten Weltkrieg noch zu jung gewesen war, für den Zweiten schon wieder zu alt, beziehungsweise, wenn ich darüber nachdenke, den Schweizer Stromversorgern war anscheinend gelungen, ihn für die südbadische Kriegswirtschaft unabkömmlich stellen zu lassen. Es mag eine Volkssturmuniform von Ende des Kriegs gewesen sein. Ich war noch Kind, als ich das Bild sah und längst ist es unerreichbar, höchst wahrscheinlich nicht mehr vorhanden.
Mein Opa lebte in geordneten Verhältnissen. Er wurde nie ausgebombt und musste nicht hungern. Das heißt, in seiner Jugendzeit ging seinem Vater das Hotel in Badenweiler verloren, in der Inflation, auf das die Familie noch lange stolz bleiben sollte. Opa Karl hatte übrigens noch einen Bruder, Kurt, der machte ein Geschäft in Heidelberg auf. Karl mit seiner kaufmännischen Ausbildung ging an die Schweizer Grenze, in die deutsche Zentrale eines Zweigunternehmens der Schweizer Elektrizitätswirtschaft. Dermaßen gut bestellt, dass man sogar eine Hauswirtschafterin, einen Dienstwagen und Fahrer gehabt hätte, war er allerdings auch nie. Es war schon ein sozialer Rückschritt gegenüber dem Hotel. Opa hatte bis ans Lebensende weder einen Führerschein noch irgendeine Art von Kraftfahrzeug, was in jenen Tagen fast noch normal war, wenn man seinen Arbeitsplatz mit einem viertelstündigen Spaziergang durch die Stadtmitte, unter der Bahnlinie hindurch und zur Rheinbrücke hinab erreichen konnte.
Wir dagegen, die nächste und die übernächste Generation, wohnten ein Stückchen entlegener, an einer der zwei großen Ausfallstraßen. Zu Zeiten der Kindheit meiner Mutter war die Stadt dort noch nicht mal angekommen gewesen. Auch in meiner eigenen Kindheit sah es noch stark nach Stadtrand aus. Einzelhandel gab es keinen in unserer Nähe, dafür eine Tankstelle und die Gewerbeschule. Jedoch maß der Weg zum Zentrum keinen vollen Kilometer.
Wenn also vom Spaziergang meiner Eltern an einem stark verschneiten Winterabend berichtet wird, so darf man sich ihren Weg nicht als schwierige, mühevolle Wanderung denken, vielmehr als kleines Dreieck, dass die drei Plätze, die sich um den Rang unserer Stadtmitte streiten durften, mittels einer Linie von nur wenig mehr als zwei Kilometern verband. Mama und Papa brauchten dafür gut zwei Stunden, aber nicht, weil kein Durchkommen gewesen wäre. Natürlich hatten die Anwohner auch am Feiertag ihre Gehwege geräumt, soweit es noch ging. Sie traten auf eine feste, trittsichere Schneedecke. Ihr Vorhaben bestand aber gerade darin, sich viel Zeit zu lassen und die Auslagen der Rheinfelder Kaufleute sorgfältig zu begutachten.
Es war Winter, schon Nacht, es hatte geschneit. Wir schreiben eines der letzten von den sechziger Jahren im zwanzigsten Jahrhundert, wobei klar sein dürfte, dass die Siebziger mit 1971 anfingen, weil der Beginn der Zeitrechnung nicht mit einem Jahr 0, sondern mit der 1 eingesetzt hatte. Bereits in den späten Sechzigern erweckten tief verschneite Nächte eine nostalgische Zufriedenheit. Wirklicher Winterschnee schien allmählich zum Kennzeichen besserer Zeiten zu werden. Wohl wahr, von uns aus musste man nie lange fahren, wenn man Ski laufen wollte, alpin oder Langlauf. Weder war es weit bis zum Hochgebirge, noch blieb der gut zehn Kilometer entfernte Schwarzwald zur Winterzeit auch nur ein einziges Mal braun und ohne Zudecke. Wir allerdings besaßen sowieso kein Auto. Es gab an den Wochenenden einen fahrplanmäßig pendelnden Skibus nach dem Hotzenwälder Ort Wehrhalden. Doch Skier hatten wir ebenfalls keine.
An diesem von innen heraus glimmenden Abend erschien die Welt pelzkappig und reinweiß wie auf dem kleinen, gerahmten Bild in unserem Wohnzimmer. Ich wusste nie, ob die Schwarzweißfotografie eine gekaufte Bildpostkarte oder eine vergrößerte Aufnahme aus der Kamera meines Vaters war. Es war wenig darauf und wieso man das gerahmt und gehängt hatte, blieb mir ziemlich unerfindlich. Schwarze Nacht mit weißem Schnee unter einer Laterne auf dem Inseli. Das Inseli ist ein Kalksteinfelsen im Rhein, der bei uns neben der Schweizer Grenze im Wasser steht und einst eine Burg getragen hat, von der nichts mehr übrig ist.
Man wird sich fragen, warum ich mit unserem Großvater angefangen habe. Das fügt sich hier jetzt zusammen. Denn so ungewöhnlich schneereich war dieser Abend, so historisch die Menge des Schnees, wie auf dem Foto, dass Mama und Papa auf den für ihre Verhältnisse ungewöhnlichen Einfall gekommen waren, nach dem Abendessen noch einmal die Wohnung zu verlassen und zu zweit, also nur zu zweit, ohne Kinder, draußen herumzulaufen. Für dieses Ereignis kleidete Mama sich in den gewichtigen Persianermantel, den sie von ihrem Vater vor etlichen Monaten geschenkt bekommen hatte.
Mein Opa war im allmählich auslaufenden Jahrzehnt in den Ruhestand versetzt worden. Unbedingt im Zusammenhang damit muss die Gabe dieses Mantels aus dem Fell ungeborener Lämmer gesehen werden. Wie auch mit der Information versehen werden, dass seine Gattin Hermine zugleich einen Mantel aus dunkelbraunem Nerz bekommen hatte. Es war vielleicht ein Kassensturz veranstaltet worden, ob, bei allen Eventualitäten, für die die Ersparnisse noch zu reichen hätten, an diesem Punkt seines Lebens möglich wäre, nach außen hin zu zeigen, wohin man es in Jahrzehnten ehrlicher Arbeit bringen kann. Ob Opa seinerzeit erlöst war, jetzt mehr Zeit für sich und seinen Garten zu bekommen, ob er dem fortwährenden Zusammensein mit seiner dominanten Ehefrau eher besorgt entgegen sah, weiß ich nicht. Bekannt war nur, aber auch dies niemals mit allen Einzelheiten, dass Opa, noch in Arbeit, einen dramatischen gesundheitlichen Rückschlag erlitten hatte. Ob es sich um eine Geschwulst an der Prostata oder am Darm gehandelt hatte, wurde auch nicht erzählt, bekannt war, dass es ernst gewesen war und eine Ausnahmegenehmigung für die kostenintensive Behandlung durch Basler Spezialisten hatte erwirkt werden können. Ein verwischte Kindheitserinnerung sieht mich ein oder zwei Mal an der Hand meiner Mutter das Bürgerspital betreten, einen riesenhaften Komplex. Basel, eine Stadt, die Opa, nachdem er es dann noch einmal aus ihr heraus geschafft hatte, nie wieder betreten wollte. Wenn ich drüber nachdenke: Fast zwanzig Jahre hat er nach diesen Wochen im Spital noch gelebt, aber in Basel, fünfzehn Kilometer entfernt, war er wohl wirklich kein einziges Mal mehr.
Die Oma bekam einen Nerz, Mama den cremeweißen Afghanenpelz. Beide Frauen kriegten noch einen Deckel dazu, aus demselben Material, sowie einen Muff zum Warmhalten ihrer Hände. Diese Gerätschaften wurden von da ab hin und wieder gekämmt oder gebürstet, eingesprüht und mit Lavendelsäckchen und Insektenvergäller umlegt. Getragen wurden sie nahezu nie. Was, meines Erachtens, schon auch besser war. Sowohl Mama wie die Oma machten den Eindruck von Apfelfrauen vom Markt, sobald sie ihre Geschenke tatsächlich mal anzogen.
Die Oma ging schon damals abends nicht mehr aus dem Haus. Ausnahmsweise vielleicht zu Freundinnen, bei denen geknabbert und Rotwein getrunken wurde. Übrigens besuchten diese beiden katholischen Südbadnerinnen auch so gut wie nie die ein Stück exzentrisch zur Stadtmitte gelegene Josefskirche, eine der geräumigsten des Erzbistums. Die Mutter, weil sie jeden Sonntag zwischen zehn und zwölf Uhr das beste Mahl der Woche zubereitete. Oma, die man nur selten größer kochen sah, es schien im Allgemeinem fürs Aufwärmen noch was übrig geblieben zu sein, weil zu dieser Zeit ihre drei Enkel, denen der Gottesdienstbesuch seinerzeit noch abverlangt wurde, auf dem Heimweg hereinschauten.
Da die Oma recht forsch und laut war und nicht wirklich aufnahmebereit in ihrem Umgang mit Kindern und weil zwischen ihr und Opa immer wieder eine Art unerklärter, aber deutlich fühlbarer Kriegszustand züngelte, wären wir Enkel oft lieber nicht hingegangen. Jedoch bestand Mama darauf und die Oma zeigte sich dann erkenntlich, indem sie jedem Kind seinen Wochenbatzen in die Hand drückte. Ob diese Großmutter in all ihren Ehejahren an mehr Veranstaltungen des Theaters, der Kunst oder Musik teilgenommen hat, als auf die Finger zweier Hände gehen, wage ich ernsthaft in Frage zu stellen. Zu den Tanzschulabschlussbällen der Enkel ging sie jedenfalls nicht und bei Opas Beerdigung trug sie den Pelzmantel natürlich auch nicht. Es gab zwar Fotos, da sah man sie lachend, singend, zuprostend auf Fasnachtsveranstaltungen von den Schweizerischen Elektrizitätswerken. Das allerdings war längst vergangen, war in den fünfziger Jahren gewesen.
An dem Abend mit dem vielen Schnee, dabei war es nicht kalt, schlüpfte Mama in ihren Persianer. Papa zog seinen dunkelblauen Wollmantel über, dazu kamen lederne Fingerhandschuhe und ein weicher Hut mit einer kleinen Eichelhäherfeder hinterm Band.
Licht waberte zaghaft durch die gelben Butzenscheiben hinter einem handgeschmiedeten Gitter. Bis vor wenigen Jahren war dort eine Weinstube gewesen, eine Art Lokal, wie es sie in der Stadt jetzt nicht mehr gab. Sie bogen nach links ab. Auch da war es nur eine Handvoll Jahre her, seit das windschiefe Gemäuer des Eichamts gefallen war. Das Gelände war planiert. Beim Eichamt hatten die Landwirte, Handwerksmeister und Marktfrauen unserer Gegend ihre Messinstrumente überprüfen lassen müssen. Die sonst noch original vorhandenen Häuschen der kleinen Straße wiesen das Aussehen der Gründerjahre auf, die bei uns nur ein halbes Jahrhundert zurücklagen. Geschwungene Dächer mit hellroten Ziegeln. Die Werkstatt eines Glasbläsers, der sich mit den Jahren mehr aufs Kunsthandwerk verlegt hatte. Gegenüber der Friseur von Papa. Die Fenster des Hauses dunkel, aber vor dem Vorhang des Salons ein leuchtender Bogen mit elektrischen Kerzen, dazu eine Kadus-Reklame mit Tuben und Sprays.
Sie sind jetzt beim Marktplatz; eigentlich ist das ein Kirchplatz. Die evangelische Christuskirche steht dahinter, schmucklos, sachlich, schneebedeckt. Ein Bau der frühen Nazizeit, der es schafft, gleichzeitig nach Heimatstil wie nach der modernen Sachlichkeit der zwanziger Jahre auszusehen. Von diesem Platz weg zieht sich die Perlenschnur abzubummelnder Geschäfte durch die Mitte unserer Stadt.
Drüben gleich ein erster Höhepunkt: Foto Isele. Zwar werden hier tatsächlich Fotokameras verkauft, vor allem billige Kodaks, aber es locken einen eher die farbigen Fotos aus Iseles Porträtgalerie. Immer ist irgendwer darunter, den man halbwegs kennt. Und hat man einen, wenn auch nur fernen Bezug, prickelt es mehr, wenn sie blöd, verdruckst und hysterisch grinsen. Unsere Eltern lassen sich nie von einem Fotografen fotografieren (oder noch extra ausstellen, weil's dann Rabatt gibt). Manche Paare tun so was aber. Bei uns werden nur die Kinder fotografiert, wenn sie den Personalausweis brauchen oder anlässlich der Ersten Heiligen Kommunion; die erreichen sie aber erst in der nahen Zukunft.

 

Mama und Papa biegen beim Schuhhaus Jehle, wo es Nord-West Schuhe gibt, obwohl wir uns weit im Südwesten befinden, in eine kleine, menschenleere Seitenstraße. Man könnte sie für eine Sackgasse oder Hinterhofzufahrt halten. Es geht, obwohl die Stadt sonst fast eben ist, in eine Mulde hinunter; dort steht das Möbelhaus Laule. Hell erleuchtet, ob Schaufensterbummler zugegen sind, kann man von fern nicht erkennen, denn bei Laule geht ein Gang ins Haus hinein und verzweigt sich am Ende noch. Alles ist aus Glas, hinter dem Glas sind Küchen und Schlafzimmer wie im Traum. Mama und Papa haben ihre Möbel von einem großen Möbelspezialisten in Freiburg. Sie finden, dass sie den Neuheiten noch standhalten.

Zurück bei Jehle biegen sie rechts ein und erreichen mit sanft gefederten Schritten die große Avenue, die Großherzog-Friedrich-Straße. Alles scheint ein wenig verhuschter zu sein. Die Lichter schwächeln. Man hat die überhängenden Straßenlampen durch dunkelgrüne Sterne ersetzt, von denen milde Glühlampen schummern. Menschen sieht man keine, dafür meterhohe Schneeberge, die die Anwohner und die Stadtreinigung zwischen die Gehwege und die Fahrstreifen geschoben haben.

Papa probiert zum zweiten Mal, Mama seinen Arm um den Rücken zu legen, gibt aber auch dieses Mal schnell auf. Der vierschrötige Mantel buchtet ihren Körper aus. Papas Arm rutscht auf der glatten Karakulwolle. Beim Herren Wunderle gibt es dunkelblaue und dunkelblau, dunkelrot gestreifte Krawatten sowie rote und grüne Christbaumkugeln und Tannenzweige. Außerdem himmelblaue Schurwollpullover mit V-Ausschnitt, fürs Büro oder zu Hause. Papa hat früher bei Wunderle eingekauft. Ist eine Weile her. Die kleineren Sachen holt Mama in letzter Zeit von der Migros, für den Großeinkauf, einmal im Jahr, fahren sie entweder zu Groß und Hammer nach Säckingen, der Kreisstadt, oder zu Kilian nach Lörrach, dessen Landkreis wir in den siebziger Jahren dann zugeschlagen werden.

Sie gehen wortlos. Selbst in der Hauptstraße sind die meisten Wohnungsfenster dunkel. Die Stadt ist so still, dass man das nie endende Sirren der Industrie von Oberrheinfelden hört. Ganz zart setzt wieder Schneefall ein. Wenn Papa und Mama jemand begegnen, weiß Mama fast jedes Mal, wer das in etwa ist. Alle rufen: „En guede Rutsch!“ Manche bleiben stehen und geben ihnen die Hand. Papa mag das nicht so ganz. Die Leute sehen ihn an und scheinen zu denken, aha, das ist jetzt mal der Mann zu dieser Frau. Jetzt, da sie ihn auch sehen, geht ihnen auf, dass sie ihn sonst fast nie gesehen haben.
Mama geht täglich einkaufen. Sechs Tage in der Woche. Jahrzehnte später, Papa wird tot sein und sie nicht mehr fahren können, sie wird Rheuma haben und einen Rollator schieben, einige Hundert Meter bis zur ein Stück weiter hinaus gerückten Stadtgrenze, wo nun Norma steht, wird sie sagen: „Wenn du auch alleine bist, dann weißt du jetzt, dass man nicht mehr so viel braucht.“ Allerdings werde ich es nicht „jetzt“ wissen und vorher nicht gewusst haben, denn ich werde mein ganzes Leben für einen einkaufen. Auf einmal wird mir aufgehen, welche Volumen von verderblichen und verzehrbaren Waren Mama mit ihrer Einkaufstasche und dem Korb, den sie hinten aufs Rad geschnallt hatte, von einem zum anderen Ort bewegt hat. In die Schweiz hinüber und zur Migros hinaus, woher einige Zeit doch sogar das Allermeiste gekommen war, bis man es sich in Folge der Währungskursverschiebungen nicht mehr leisten konnte, war es doch nie der nächste Weg! Als Kinder dachten wir, das meiste kommt vom Markt neben der evangelischen Kirche, weil sie dort jeden Vormittag war. Aber das stimmt nicht, Gemüse und Obst waren nicht das Meiste.
Bei Mama konnte man nie so genau wissen, ob sie wirklich jeden einzelnen Tag einkaufen gehen musste. Ob sie sich nicht ihre persönlichen Routinen geschaffen hatte, die ihr ein paar Freiräume ließen. Wenn Mama einkauft, fallen längere Gespräche mit Bekannten, nahezu immer Frauen, an. Viele der Bauern vom Markt neben der Christuskirche kennt sie schon Jahre. An den Kassen von Gottlieb und Migros jobben Freundinnen und Nachbarinnen. Vollends undurchschaubar wird die Sache, seit sie, mit anwachsender Tendenz, auch ständig zu ihren Eltern geht, um das Geschehen dort im Auge zu behalten. Das wird bei uns draußen nicht erörtert, aber seit Opa nicht mehr arbeitet, ist Oma, die immer schon die Königin spielte, nicht mehr willig, ihn ewig zu verwöhnen. Was diese Frau am liebsten tut, ist, zwischen ihren Kanarienkäfigen sitzen und frei von der Leber weg den Klatsch noch mal zu erzählen, den ihr die älteren, katholischen Frauen zugetragen haben, die sich, im Gegensatz zu ihr, vor ihren Abendandachten und bei der Friedhofspflege ständig draußen über den Weg laufen.
Auf die recht zurückhaltende Herrenmode vom Wunderle folgen die opulenteren Brillen von Hirthle, als Nächstes kommt dann Drogerie Hörrle. Mama und Papa stehen und staunen. Operngläser, schildpattbesetzte Damenbrillen, Geschenke-Sets von 4711 Mühlhens. Dazwischen Wogen aus Watte, Bäumchen, echte, schneebestäubt, mit Wachskerzchen, die schon gebrannt haben, aber heute nicht. Teller, gefüllt mit Mandeln, getrockneten Pflaumen, Bananen aus Plastik. Pappaufsteller zeigen das verschneite Salzburg, die Kirche Maria Gern oder die Stille-Nacht-Kapelle von Oberndorf am Heiligabend.
Mit einem mahlenden Geräusch schiebt eine Maschine sich rücklings an sie heran, ein Kaffeebohnenmahlwerk, klingt jedenfalls so. Nein, es ist ein dunkelbeiger VW Variant, im Schritttempo. Die Straßen sind im Winter im Allgemeinen eis- und schneefrei. Früh morgens schwärmen Laster los und kippen Salz und Splitt aufs Gefallene. In diesem Winter ist es zu viel geworden. Trotz des Verkehrs bleiben gut fünf Zentimeter liegen. Allmählich wird es hellbraun und pappig. Die ohne Schneeketten müssen tuckern. Abends fährt sowieso fast keiner. Nur mehr Fußgänger als heute würde man treffen. Die Handvoll Gasstätten sind dann offen. Natürlich gehen Mama und Papa und Mama nie in diese Gaststätten. Das ist für junge Leute oder Biertrinker. Höchstens mal mittags oder ins Café zum Kuchenessen.
Den gepressten Löckchen von Mamas gelblich weißem Mantel sitzen Wassertropfen auf und strahlen. Aber der Muff ist ihr so leid. Am liebsten würde sie ihn fallen lassen und verlieren im unendlichen Schnee. Hätte sie doch die hellbraune Straußenledertasche mit der Goldkette von Goldpfeil mitgenommen, die sie von Papa bekam, nachdem Opa den Pelz gekauft hatte.
Vorne erscheint das größte Einzelhandelsgeschäft, Kaufhaus Blümle. Blümle steht an der Ecke zum Postplatz und sieht erst mal nicht viel anders aus als die sonstigen kleinteiligen Häuschen, bis man merkt, dass Blümle um die Ecke herumreicht, rückwärtig einen modernen Anbau hat, noch zwei ganze Häuser lang, welcher stufig bin in die Senke zu Möbel Laule hinabreicht. Im vorderen Teil sind im Keller auch noch Verkaufsräume, außerdem ein Obergeschoss, in das man per Rolltreppe auffährt. Abwärts geht es nur über die Treppe.
Auch der Fichtenbaum auf dem Postplatz hat einen Stern mit Glühbirnen. Und andere, kleinere Sterne mit Lämpchen hängen dran. Die Kugeln sind in Rot, Gelb und Grün, den Stadtfarben. Heute ist alles überzuckdert und leuchtet orange, weil der Betonkandelaber inmitten der Verkehrsinsel schmutzig oranges Licht verbreitet. Musik liegt in der Luft. Sie kommt von einem einzelnen Mann auf der Insel, gleich unter dem Baum. Er schunkelt und bläst auf einer Posaune.
Sie gehen vorsichtig auf dem zerfurchten Schnee. Der Verrückte trägt weder Mütze, Schal, Handschuhe, noch einen Mantel, nur eine dünne, schwarze Stoffhose und einen grauen Rollkragenpullover. Er sieht ganz manierlich aus, hat glattes, angebatschtes Haar und eine Drahtgestellbrille. Ein englischer Musikant, der im ersten Haus am Platz abgestiegen ist, Hotel Danner. Die Zimmerdecke ist ihm auf auf den Kopf gefallen. Auch das Restaurant vom Danner ist heute Abend dunkel.
Der Engländer zieht an seiner Posaune und swingt:
Wenn I say ice cream news cream
Everybody wants ice cream.
Rock, oh rock my baby roll!
And when them cotton bolls get rotten
You can't pick very much cotton
In them old cottonfields back home.
When I was a little bitty baby
My mama would rock me in the cradle,
Oh rock my baby roll!
Mama stößt Papa an und zischt: „Chris Barber.“ Weil sie fürchtet, den könnte er auch nicht kennen, nicht einmal Chris Barber. Papa mag keinen Jazz.
„Ja ja“, knurrt Papa. Sie und die Lieblinge, die sie so hat. Der erkältet sich gerade. Mama und Papa gehen weiter. Chris Barber hat sie gesehen und freundlich genickt.
Kurz lassen sie Blicke über die Preisschilder des Schuhhauses Böhnle gleiten. Auf seine Art auch das erste Haus vom Platz. Jetzt biegen sie zum Rückweg ein und erreichen nach wenig mehr als zweihundert Metern noch einen Platz mit wieder einem Weihnachtsbaum. Hier befindet sich das Fischgeschäft Bächle, zu dem man früher auch noch ging. Mittlerweile nimmt man fast alles in den Supermärkten mit, Gottlieb und Migros. Fisch mochte Papa nie so besonders. Papa ist der große Fleischesser, wobei es die einfacheren Sachen tun, Schweinerüssel, Leber, Kutteln, Suppenfleisch und Haxen. Inzwischen sind sie bei TV Hifi Öchsle, unser Blaupunkt ist von dort. Der Rolf ist ein fleißiger und gescheiter Kerl, immer schnell in unserem Wohnzimmer, wenn das Bild sich durch den kleinen Punkt in der Mitte verabschiedet hat.
Was für eine Nacht, denke ich, während wir daheim sitzen. Es kommt selten vor, dass Mama und Papa, nur sie allein, nach sieben Uhr noch die Wohnung verlassen und wir ganz alleine sind. Dass sie einfach nur gehen, Arm in Arm, und über alles sprechen.
Sonst ist Papa die meiste Zeit beschäftigt und abends sieht er fern. Sonntagvormittag, wenn wir in die Kirche und zur Oma müssen, guckt er den Internationalen Frühschoppen. Da darf man nicht dazwischen sprechen. Nach dem Essen legt er sich hin. Wir helfen Mama in der Küche beim Aufräumen. Dann muss man noch raus an die frische Luft, weil Sonntag ist. Am Sonntag ist das so Sitte. Da rennen wir voraus und zotteln hinten nach. Die drei, vier Wege, die man in der Rheinebene hat, bieten einem keine Überraschungen. Noch langweiliger, zumindest für mich, wären die Schaufenster dieses Rundgangs. Nur Sachen, die man weder braucht oder halt die ganze Zeit, obwohl sie immer viel Geld kosten. Erwachsene bleiben ständig stehen, obwohl sie es doch nicht kaufen. Papa würde keine weinrote Fliege von Wunderle tragen oder diese überaus teuren, handgefertigten Löcherschuhe vom Böhnle. Mama will keine himmelblaue Plastiksonnenbrille von Hirthle und sie entkalkt ihr Suppen- und Kaffeewasser nicht in Spezialfiltern. Heute Abend dürfen sie stehen bleiben und es in aller Ruhe durchkauen. Wir vermissen sie nicht.
Wer es kennt, fünf Personen auf 90 Quadratmetern Mietwohnung, drei Zimmer, Küche, Bad, nach halb acht abends kann man nie mehr weg, weil es absolut keinen Anlass gibt, von Mahlzeit zu Mahlzeit lebt man, bis man endlich schlafen muss, wer das kennt, weiß, dass die überraschenden Hohlstunden schön sind.
Das zweite oder dritte Taxi brettert an Mama und Papa vorüber. Helle Mercedes-Limousinen in etwa ihrer Mantelfarbe. Die fahren immer noch im Affenzahn. Im Taxi sind Mama und Papa praktisch nie unterwegs. Es sei denn, es ginge um die Koffer, die man wegen den Sommerferien zum Bahnhof bringt. Oder einer müsste schnell ins Krankenhaus, nach Lörrach, Basel oder Säckingen. Das hiesige Krankenhaus ist vorerst noch ein ehrgeiziges Vorhaben des Stadtrats. Zum Glück bleibt diese Familie von Unglücksfällen verschont. Möge es immer so bleiben!
Es schneit immer mehr. Mama und Papa, die den Gottlieb Markt links liegen ließen, halten vor Mamas Lieblingsladen, dem Handarbeitsbedarfladen von Elsbeth Rütschle, einer vormaligen Klassenkameradin meiner Mutter, als sie noch in der Volksschule war. Dort ist ein Aufgang aus ein paar Stufen und sind Ziersteinfassungen um die Fenster, aber ein Schutzdach gibt es keines. Bei Elsbeth steht in etwa dieselbe Musikkapelle aus Holzengeln wie bei uns auf dem Klavier. Drumrum geflochtene Körbe mit Bällen aus flauschiger Wolle. Von Elsbeth holt Mama sich öfter was. Papa interessiert diese Auslage eher nicht. Wie zur Belohnung geht’s kurz auf die andere Straßenseite, wo bei Spielwaren Rühle eine Arnold-Rapido-Bahn den zwerghohen Weihnachtsbaum umzirkelt.
Für Papa, der mal eine alte Märklin-Bahn mit gigantischen Loks und Güterwagen hatte, die es immer noch gibt, in Kisten verpackt auf dem Speicher, ist die N-Spur eine ewige Lockung. Klein, wie sie ist, könnte er eine anspruchsvolle Anlage so nach und nach, Eile mit Weile, in unser Wohnzimmer einbauen. Arnold-Rapido-Loks fahren vorwärts und rückwärts und hängen ihre Waggons selbsttätig ein. Zu Weihnachten hatte er überlegt, ob er einen der Basiskästen seinen Buben schenken soll. Mama hat ihr Veto eingelegt, denn im nächsten Jahr werden sie ein zweites Bundesbahnhaus auf der Brache neben unserem errichten, dann könnten wir eine größere Wohnung mit einem Zimmer für meine Schwester kriegen. Soll er, falls überhaupt, die Modelleisenbahn bitte erst planen, wenn das Wohnzimmer vollständig eingerichtet ist.
Das Band der Schaufenster läuft hier aus. Die Innenstadt liegt hinter ihnen. Menschenleere Nacht. Aber gleich sind sie bei der Einmündung zur Eichamtstraße, ab hier vielleicht noch dreihundert Meter. Schnee, Unmengen von sauberem und pulvrigem Schnee. In solchen Stunden haben sich alle versteckt.
Die Kinder lümmeln auf der Couch und haben den neuen Farbfernseher an. Wenn ein Tag zu Ende geht und man zu nicht viel noch Laune hat, ist es gut, einen neuen Blaupunkt zu haben. An einem Tag wie diesem würde mein Bruder sich nur langweilen. Er würde anfangen, den anderen vorzuwerfen, wie langweilig sie beide sind. Selbst würde er auch nur Streit anfangen. Beim Streiten kann sich mein Bruder blendend amüsieren. Das hat er mir voraus, weil ich mich rein steigere, wütend werde, die Kontrolle verliere, am Ende meistens dumm aussehe und mir leid tue. Die Schwester würde in der Tat ziemlich langweilig werden, vielleicht indem sie die Heiligabendeinkäufe bei der Migros noch einmal nacherzählt und mit der Liste vergleicht, die sie für morgen Gottlieb vorbereitet. Man kauft Käse in der Schweiz, obwohl er teuer ist, aber auch besser. Weder Wurst noch Fleisch kann man in der Schweiz kaufen, weil viel, viel zu teuer. Man kauft Kaffee und Gewürze grundsätzlich in der Schweiz, weil sie dort drüben („dört ähne“) sowohl billiger wie sogar noch besser sind.
Das Fernsehen bringt viel Unterhaltung, wenn auch meist Amerikanisches. In Amerika sagen sich die Leute laufend, dass sie sich lieb haben. Sie tragen Schusswaffen und schießen einander nieder. Am Ende wird immer Gott gedankt. Die Hälfte aller Serien sind mit Tieren. Unsere Familie hat kein Verhältnis zu irgendeiner Art von Tier. Zum Glück hat keiner hier im Haus eines. Dennoch haben wir sie gesehen: Lassie, Fury, Flipper, Daktari, Barry, den Bernhardiner. Die hiesigen Serien sind besser. Echte Krimispannung und elegante Herren wie Claus Wilcke als Percy Stuart, Hellmut Lange als John Kling oder Lukas Ammann als Graf Yoster. Der soll aus Basel sein, also praktisch um die Ecke. Durch seinen Erfolg ist er jetzt in München, wo diese Leute immer sind.
Das Türschloss räuspert sich. Mama und Papa sind da. Mama reißt die Riffelglastüre auf, schaut herein und ruft: „S'schneit scho widder. Des isch de Wahn.“

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Klaus Mattes).
Der Beitrag wurde von Klaus Mattes auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.09.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Klaus Mattes als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Tambara: Oh Stadt, oh meine Stadt von Heike M. Major



Tambara ist unser Traum von einer perfekten Stadt, einer Stadt, in der die Wirtschaft floriert, nachwachsende Organe und eine optimale medizinische Versorgung Gesundheit und ein langes Leben garantieren und ein breites Freizeitangebot die unterschiedlichsten Bedürfnisse der Bürger befriedigt. Doch einigen Städtern ist dies nicht genug. Sie ahnen, dass ihnen etwas vorenthalten wird, etwas, von dem sie instinktiv spüren, dass es ein Teil von ihnen ist. Sie stöbern in der Vergangenheit und entdecken ... die Natur. Doch Nachforschungen sind nicht gern gesehen in der Stadt Tambara. Informationen verschwinden aus dem »Net«, und auf eine rätselhafte Weise verschwinden auch die Bürger, die sich dafür interessieren. Auf der Suche nach ihren spurlos verschwundenen Eltern entdeckt Soul den Getreidekonzern, ein Reservat, das von drei Klonen geleitet wird. Mit ihrem Bruder Reb und den Freunden Mortues und Botoja will sie das Geheimnis der Klonbrüder erkunden. Doch Geduld ist nicht gerade Souls Stärke. Noch bevor die anderen ihre Vorbereitungen beendet haben, ist sie schon auf dem Weg ins Reservat […]

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Kindheit" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Klaus Mattes

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Ich habe auch einen Roman geschrieben / 0020 von Klaus Mattes (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Schnell wird man ein Ewald von Rainer Tiemann (Kindheit)
Meine Bergmannsjahre (zwölfter Teil) von Karl-Heinz Fricke (Autobiografisches)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen