Loreen Xibalba

Tag 102, 25.09.2022: Toxische Männlichkeit

Wie ich es schon geahnt habe: gestern ist absolut nichts Bemerkenswertes geschehen. Wir werden uns also in der historischen Rückschau nicht an „diesen 24. September 2022“ erinnern. Stattdessen wird in ein paar Wochen keiner mehr eine Ahnung haben, wo er gestern gewesen ist und was er erlebt hat. Persönliche Schicksalsschläge sind von meiner Einschätzung natürlich ausgenommen. Doch die wird Friedrich Merz in seiner ergreifenden Bundestagsrede vom siebzehnten Februar wohl kaum gemeint haben.

Mein Sohn Lars hat am Freitagabend noch eine Veranstaltung an der hiesigen Volkshochschule technisch betreut. Das Event war mit dem Titel „Toxische Männlichkeit“ überschrieben und sollte sein Publikum aufrütteln, was die patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft anbelangt. Lars hatte die Aufgabe, den Online-Part zu überwachen und kassierte für diesen Beitrag dreißig Euro pro Stunde auf Minijob-Basis. Ausgeschrieben war die Veranstaltung für zehn bis hundertfünfzig Teilnehmer und jeder, der sich dafür interessierte, hatte für den politischen Bildungserguss acht Euro zu berappen. Das Event kam letztlich auf ganze vier Teilnehmer/-innen, die allesamt wie erschlagen den Ausführungen des Meisters lauschten. Darunter drei alte Damen und ein junger Mann. Lars döste hinter der Kamera vor sich hin und verschlief beinahe die Hälfte des ersten Vortragsteils, da weckten ihn die Ausführungen des Dozenten zu den männlichen Kleidungskonventionen der Gegenwart. Noch vom Dösen benommen, rieb sich mein neunzehnjähriger Sohn die Augen und bekam zu hören, dass die Mode junger Männer nicht bunt genug sei. Plötzlich hingen seine blauen Jeans, seine türkisen Sneakers und sein dunkler Hoodie wie eine bleischwere Anklage an seinem Körper. Der Analyst hielt Lars einen Spiegel vor. Er offenbarte ihm, dass er sein Leben lang auf heiklen bis rechtsextremen Pfaden gewandelt war und sich den Konventionen „mittelalterlicher weißer Männer“ untergeordnet hatte. Das Publikum sah Lars zwar nicht vor sich, denn die Veranstaltung lief aus Sicherheitsgründen online. Aber hinter der Kulisse fühlte sich mein Sohn dennoch wie von einer Nadel aufgespießt, die der Meister vor seinem Publikum unter eine Lupe hin und her drehte und von allen Seiten beleuchtete. Da saß er also – Lars, der Toxische – und musste sich von dem hochgebildeten Erwachsenenbeschuler sezieren lassen.  

„Schauen Sie doch einmal mit offenen Augen in die Auslagen der Bekleidungsabteilung eines Kaufhauses ihrer Wahl“, mäkelte der Dozent. „Da finden sie bei den Damen eine Vielzahl bunter Röcke, blumenumrankter Tops und farbiger Hosen, während bei den Männern ausschließlich Hemden und Anzüge in dunklen Tönen dominieren. Das ist toxische Ödnis. Das ist in Textilien gegossene Gefühlskälte. Wie sollen aus unseren Jungs da jemals  empfindsame Zeitgenossen werden? Wie sollen sie ihre Mitmenschen achten und Erbarmen für die geplagte Kreatur entwickeln? Welcher Mann trägt im Sommer einen Rock oder hüllt sich in eine  Blümchenbluse? Selbst Farben wie rosa und rot sind bei den Jungs verpönt. Und keiner der Nachwuchspatriarchen kleidet sich in Tüll und bunte Tücher. Diese Farblosigkeit des persönlichen Ausdrucks beruht auf einer latent rechtsradikalen Gesinnung, die die Geister unseres männlichen Nachwuchses verwirrt und die jungen Männern auf die Verhaltenskonventionen ihrer Vorfahren festlegt. Dabei wären unsere Jungs von Haus aus zu stimmen wie die Saiten einer Viola. Man könnte diese Saiten in den köstlichsten Tönen temperieren und unseren Nachwuchs in Sachen Empfindsamkeit und Sensibilität neue Höhen erklimmen lassen. Stattdessen schränken wir die Entwicklungsmöglichkeiten unserer männlichen Jugend ein, verweigern den Buben Schminke und Puppenkrimskrams und zwingen ihnen Verhaltensweisen auf, die sich im Erwachsenenalter als ebenso fremdzerstörerisch wie selbstzersetzend erweisen. Wo bleibt da die fruchtbare Weiblichkeit? Was wird da aus dem Gefühlsleben unserer Kleinen? Wie sollen sie sich unter solchen Umständen zu liebenden und aufmerksamen Geschöpfen entwickeln?“

Als Lars das hörte, schoss ihm ein frevelhafter Gedanke durch den Kopf: Er stellte sich vor, wie er am Abend mit Rock und Tüllbluse bekleidet den dunklen Weg zu unserem Haus einschlüge. Spontan fielen ihm da ein paar Stellen ein, die er nur ungern in solcher Kleidung passieren würde. Abends sammeln sich dort immer diejenigen, denen kein anständiger Mensch bei Dunkelheit alleine begegnen möchte: Doch natürlich handelt es sich bei den jungen Männern, die da pöbeln, rauben, vergewaltigen und um sich schlagen in Wahrheit bloß um verirrte Schäflein, die noch auf der Suche nach sich selbst sind. Sie sammeln sich in Gruppen, weil die Mehrheitsgesellschaft sie ausgestoßen hat. Dafür finanziert ihnen die Schar der Anständigen und Werktätigen ein Auskommen frei von Arbeit und moralischer Verantwortung. Frieren werden die Guten im Winter nicht, und falls sie versehentlich einmal jemanden umbringen oder jemanden auf der Straße zum Krüppel schlagen sollten, findet sich gewiss ein feminines Mägdelein, das sich ihrer Tragik annimmt und die Buben mit viel Liebe und Aufopferung auf den rechten Weg zurückführt. Der rechte Weg ist den Jungs zwar sch(…)egal. Sie haben aber gelernt, dass sie – wenn sie so tun, als würden sie sich dafür interessieren – praktisch immer straffrei bleiben und ihr deviantes Lotterleben ungestört weiterführen dürfen. Weil die meisten dieser Buben aus Kulturkreisen stammen, die ungleich bunter und vielfältiger sind als unserer, verzeiht man ihnen ihre Verfehlungen und belässt es im Zweifel bei einem erhobenen Zeigefinger und einem strengen Blick, der nahtlos in ein verständnisvollen Lächeln umschlägt. Schließlich sind die Armen Opfer toxisch männlicher Gesellschaften, die sie so geprägt haben, wie sie jetzt eben sind: toxisch männlich.

Als Lars solchen Gedanken nachhing, riss ihn der Meister mit einem Mal zurück in die Realität: „Wer muss Angst haben, wenn er nachts alleine durch dunkle Viertel spaziert? Sind es die Männer? Nein, es sind die Frauen, denen außerhalb ihrer Wohnungen ein Schicksal der Schändung und Gewalt droht“, empörte sich der Dozent. „Männer tun einander nichts, weil sie denselben Idealen verpflichtet sind. Sie üben ihre Männlichkeit zu Lasten des Weiblichen aus und dominieren mit ihrer Körperkraft, während sie alles Einfühlsame und Intellektuelle ablehnen. Für sie ist Bildung Mädchenkram und sie glauben, dass nur derjenige in unserer Gesellschaft besteht, der andere zu beherrschen und zu unterdrücken gelernt hat.“ Tatsächlich stellt die Wissenschaft derzeit laut einem Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung acht Bewältigungsprinzipien des Mannseins heraus, die die Ausführungen des Dozenten zu stützen scheinen. Diese lauten: Externalisierung, Gewalt, Benutzung, Stummheit, Alleinsein, Körperferne, Rationalität, Kontrolle – was auch immer im Einzelnen damit gemeint sein mag. In der Soziologie gilt es schon seit Jahren als unumstößliche Tatsache, dass für Jungen und junge Männer ein deutlich höheres Risiko besteht, das Opfer von Jungen und jungen Männern zu werden, als das für Mädchen und junge Frauen der Fall ist. Lars ärgerte sich daher nicht schlecht, als der Meister des Toxischen via Skype verkündete, Männer müssten sich nicht fürchten, wenn sie bei Nacht durch eine dunkle Gasse gingen. Tatsächlich gab es in meiner Heimatstadt in den letzten Jahrzehnten etliche Messerattacken von jungen Männern gegen junge Männer, die teilweise sogar tödlich endeten. Und da sollten sich die anständigen Jungs nicht fürchten.

Nach einigem einführenden Geplänkel der beschriebenen Art, arbeitete der Dozent gegen Ende seines Vortrags Punkte heraus, bei denen er Frauen von der patriarchalen Gesellschaft unterdrückt sah. Lars blutete das Herz, als der Meister des Toxischen ihn für diese Missstände sensibilisierte. Man stelle sich nur vor, was sich da vor den Augen meines Sohnes an Ungerechtigkeiten auftürmte: So sollten Frauen häufiger nach der Wintersaison über Knieprobleme klagen, weil männliche Patriarchen bei der Produktion von Skistiefeln angeblich allein die männliche Physiognomie im Blick haben. Darüber hinaus eigneten sich Autositze nicht für weibliche Proportionen und bei neun von zehn Videospielen seien die Heldenrollen von Männern belegt. „Von diesen neun männlichen Hauptrollen“, empörte sich der Dozent, „pflegen wiederum sechs Rituale der toxischen Männlichkeit und tragen so das mittelalterliche Männerbild weiter, unter dem schon zahlreiche Generationen vor uns gelitten haben.“ Um wie viel wohler wäre es mir da, wenn ich die Gewissheit hätte, dass in Zukunft alle Menschen sich so mütterlich fürsorglich und verantwortungsbewusst gebärdeten wie zum Beispiel Annalena Baerbock, Angela Merkel und Ursula von der Leyen. Wir sehen: seit die Weiblichkeit in die Politik Einzug gehalten hat, ist die Welt viel besser geworden. So viel besser, dass einem beinahe die Worte fehlen, um diesen qualitativen Unterschied angemessen zu beschreiben.

So besonnen sich der Dozent bis zur Verkündung dieser Punkte auch gehalten hat. Am Schluss konnte er der Versuchung nicht widerstehen, die Welt schnöde in Schwarzweiß zu packen: Der Vortrag gipfelte in einer Art Warnung an die Teilnehmer. Wir müssten uns in Acht nehmen, so der Meister, dass sich in unserer Gesellschaft nicht das „Putinsche Modells“  verfestige. Deses Modell sei nämlich von Homophobie, Aggressivität und Dominanzverhalten durchdrungen. Stattdessen plädierte der Beschuler – ach Wunder! - für eine nachhaltige Männlichkeit. Unsere Söhne müssten diese Art der Männlichkeit erlernen, weil der Planet ansonsten nicht mehr zu retten wäre. Die Gesellschaft solle sich also bemühen, traditionelle Männlichkeitskorsette aufzubrechen und den Männern eine Chance für ihre eigene Emanzipation bieten.

Na dann. Prost!

Der 25. September 1922 verlief weitestgehend ereignislos. In Breslau beriet der Zentralvorstand der Deutschen Volksparte DVP über notwendige Maßnahmen gegen die sich rasch verschlechternde Lage der Wirtschaft. Diesen Beratungen waren einige Ereignisse vorangegangen, die im besten Deutschland aller Zeiten schon bald ebenfalls anstehen könnten. So änderten einige offizielle Stellen am 15.09.1922 die Zahlungsmodalitäten für lebensnotwendige Güter drastisch ab: Schulgeld, Elektrizität, Gas und Arzthonorare durften nunmehr in Naturalien bezahlt werden, weil das Vertrauen in die Währung in den Wochen vor dieser Entscheidung rapide dahingeschwunden war. Beinahe ebenso vertraut dürfte uns heutzutage eine Meldung vom 18.09.1922 erscheinen, wonach der Hannoveraner Zoo aus finanziellen Gründen geschlossen werden musste.            

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