Loreen Xibalba

Tag 104, 27.09.2022: Bremsen, Gas geben, Kurven fahren

Gestern Morgen hat es mir gerade mal gereicht, eine halbe Seite Tagebuch zu schreiben. Das Thema dieser halben Seite waren Kopfschmerzen und Unverständnis. Ich brauche das nicht unbedingt nachreichen, weil ich wenig schrieb, was sich zu lesen lohnte. Der Kopschmerztag begann so harmlos, dass ich trotz der Schmerzen ins Geschäft ging. Ich hoffte auf Besserung, zumal ich ohnehin bloß ein Fahrsicherheitstraining zu absolvieren hatte. Gegen acht fuhr ich also mit meiner Freundin Leni zum Übungsplatz und nach ein paar einführenden Worten begann das Training. Natürlich reizte das viele Kurvenfahren und scharfe Bremsen meine angeschlagene Konstitution, zumal solche Übungen gerne gegen den Nacken schlagen.

Um kurz vor elf baten uns die beiden Trainer auszusteigen und spielten mit uns ein paar Rechenexempel durch. „Was meint ihr, mit welcher Geschwindigkeit ihr mit einer Ausgangsgeschwindigkeit von sechzig auf ein Kind aufprallen würdet, vor dem ihr mit fünfzig gerade noch anhalten könntet?“ Alle Teilnehmer kannten solche Fragen. Aber keiner konnte sich genau erinnern, wie die Antworten lauteten. Bei der erwähnte Frage schätzte und sagte ich „dreißig“, worauf mich der Trainer mit einem trockenen „Vierzig“ übertrumpfte.

Draußen war es kalt und windig. Wie immer bei solchen Bedingungen zog ich die Schultern hoch und hoffte, dass ich bald wieder ins Warme durfte. Das Trainingsgelände befindet sich ein paar Kilometer von unserer Dienststelle entfernt in einer verlassenen Kiesgrube. Bevor wir uns in uns in die Autos setzten, meinte der Trainer Klaus, von der Grube kenne er nur zwei Temperaturen: arschkalt oder schweineheiß! Kein Zweifel, für gestern galt: arschkalt. Dazu sorgte ein feiner Nieselregen für eine deprimierende Novemberstimmung, durch die nur wenige Sonnenstrahlen stachen. Ich stierte mit angespannter Nackenmuskulatur auf den Kiesboden und entdeckte auf den Grundblättern einer Wilden Möhre zwei Schwalbenschwanzraupen, die da tapfer vor sich hin froren. Eine davon stand kurz vor der Verpuppung, die andere war etwa halb so groß und trug eine ungesund weiße Grundfarbe. Entweder würde das Räupchen bald verenden oder es war im Begriff sich zu häuten. Für die Tiere in der Natur gab es eben keine Autos, in die sie sich retten konnten, wenn ihnen das Wetter zu grob kam. Die Zeit verstrich eisig, während meine Gedanken sich leise vom Training entfernten.

Nach etlichen Minuten des Herumstehens gewahrte ich, wie sich die Gruppe wieder in Bewegung setzte. Besorgt beobachtete ich das Scharren und Stampfen von Schuhpaaren, die meinen Räupchen bedrohlich nahe kamen. Glücklicherweise entfernten sich die meisten Stampfer in Richtung Trainingsplatz, so dass meinen Schützlingen der finale Tritte erspart blieb. Wie durch einen Wattebausch registrierte ich im Hintergrund die Anweisungen der beiden Trainer. Weil ich meine Aufmerksamkeit nach wie vor auf die Raupen fokussierte, verstand ich nicht, was sie sagten. Ich registrierte jedoch, dass meine Begleiter wieder den Weg zu unseren warmen Autos einschlugen. Ich folgte ihnen, wie sich das für eine anständige Lehrgangsteilnehmer/-in gehörte.

Bei meinem Erwachen aus dem Raupenschlummer verschlechterte sich mein Gesundheitszustand schlagartig. Von einer Sekunde zur anderen, verwandelte sich mein sanft pochender Kopfschmerz in eine handfeste Migräneattacke. Wie auf einer Wetterkarte der Tagesschau überfielen mich dunkelrot gefärbte Schmerzzonen und schlugen mich mit geballten Fäusten reif fürs Bett. Mir wurde hundeübel. Ich sagte Leni, wie es mir erging, worauf sie mich halb besorgt, halb argwöhnisch anschaute. Dann legte sie die Hände ums Lenkrad, beschleunigte bis zur Regenplatte und legte dort eine satte Vollbremsung hin. Wir sollten nämlich nunmehr lernen, wie sich das Bremsverhalten auf nassen und glatten Oberflächen veränderte. Das Auto schoss beinahe ungebremst – nackenschonend und behaglich - über die Platte, ohne das übliche Ruckeln und Stottern des ABS-Systems und ohne dass uns das Blut vom Genick gegen die Stirn prallte.  Als wir endlich standen, schaute mir Leni besorgt ins Gesicht und sagte: „Das hat doch keinen Wert!“ Also winkte sie einen der Trainer herbei und sagte, sie fahre mich gleich zurück, weil ich Kopfschmerzen hätte. „Ja, in solchen Fällen ist Sicherheitstraining natürlich nicht förderlich“, sagte der Trainer und bedeutete Leni mit einer Handbewegung, dass sie zufahren konnte.  

Gegen elf kam ich nach Hause und legte mich umgehend ins Bett. Mir war schlecht, in meinem Gehirn tobte eine Gewitter und mein Nacken war Steif vor Schmerz. Solche Tage kannte ich nur zu gut. Wahrscheinlich würde das Wetter in den nächsten Tagen umschlagen und der Sommer demnächst sein letztes Gastspiel geben. Mein Tag endete also im Liegen und ich verschlief praktisch die ganze Zeit von meiner Ankunft zu Hause bis zum Abendessen. Das Pochen in meinem Schädel und die Übelkeit bekam ich nur zu spüren, wenn ich auf die Toilette musste und als ich zwischendurch einmal eine Suppe aß. Migräne ist eine seltsame Krankheit. Sie ruft dich zur Ordnung, zwingt dich zu Bett und solange du brav ihren Anweisungen folgst, lässt sie dich in Ruhe. Das war mein Tag gestern: Bremsen, Gas geben, Kurven fahren… und leiden.

Das Wetter am 27. September 1922 war übrigens ziemlich gleich wie das Wetter am 27. September 2022. Wahrscheinlich gab es auch damals Menschen, die Migräne hatten und womöglich fand der eine oder andere Schmetterlingsfreund um diese Zeit noch eine Schwalbenschwanzraupe an Wilder Möhre. Weil das Deutsche Zeitungsportal für das Datum 27.09.1922 keine Ergebnisse ausspuckt, vermag ich ansonsten nichts Interessantes zu berichten. Nur eines habe ich gefunden: Die Vereinigung der MSPD und der USPD (ich berichtete) hat offenbar nicht allen Sozialdemokraten der Weimarer Republik gefallen. So fanden zum Beispiel Karl Liebknecht und Georg Ledebour, die MSPD sei für eine Vereinigung beider Parteien bereits zu bürgerlich geworden. Deshalb gründeten sie am 27.09.1922 eine zweite Auflage der USPD. Liebknecht und Ledebour wäre vermutlich der Atem stillgestanden, wenn sie gesehen hätten, was aus den Sozialdemokraten im Jahr 2022 geworden ist: Im Vergleich zur heutigen SPD dürfte die damalige MSPD so etwas wie ein Stoßtrupp radikaler Sozialreformer gewesen sein.    

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