Steffen Herrmann

Aufstieg und Fall von Genolution, Fortsetzung

"Die Vogelmenschen sind eine Legende: es gibt sie gar nicht!" Dieser Satz war des Öfteren zu hören, wobei nicht immer klar war, wie ernst die Betreffenden ihn meinten.

Jedenfalls kam die angekündigte Revolution auf leisen Sohlen. Die neuen Menschen, denen eine Lebenserwartung von mehreren Jahrhunderten vorausgesagt wurde, waren ja zunächst ganz normale Kinder. Gut, sie galten als sehr wach und auch sportlich, aber sie waren nicht so besonders.

Die Irritationen kamen erst Jahrzehnte später. Ein Fünfzigjähriger, der aussah wie zwanzig, später dann ein Neunzigjähriger, der immer noch aussah wie zwanzig -  das beunruhigte die Menschen. Die noch kleine Klasse der Langlebigen wurde beäugt wie eine fremde Spezies, und sie wurde beneidet.

Sie wurde zum Gegenstand einer lange dauernden, mitunter gehässigen, doch häufig auch philosophischen Kontroverse.

"Was würde aus der Menschheit werden", so schrieb die Vorsitzende der iranischen Ethikkommission in einem Leitartikel, "wenn diese Mode sich durchsetzen würde? Die Menschheit wäre nicht mehr dieselbe, mehr noch, sie stünde vor ihrer baldigen Auflösung. Der Tod gehört zum Leben und nicht ohne Grund hat die Natur für uns eine Lebensspanne von einem knappen Jahrhundert vorgesehen. Wenn das Sterben in eine so unbestimmte Zukunft verschoben und durch weitere genetische Manipulationen vielleicht schliesslich ganz abgeschafft wird, führt das zur Erstarrung und schliesslich zum Absterben unserer Menschheit. Entweder kommt es zu einer noch nie dagewesenen Bevölkerungsexplosion, zu einer demographischen Katastrophe ohnegleichen oder aber Kinder werden aus unserem Alltag nahezu verschwinden. Die Aufgaben von Eltern und Lehrern verlieren an Bedeutung, die Freude, Kinder und Jugendliche heranwachsen zu sehen, wird seltener und seltener. Stattdessen die immer gleichen Personen, die jahrhundertelang ihren Gewohnheiten folgen und kaum noch etwas Neues wagen. Menschen, die ihren Platz nicht für andere freimachen. Es wird immer weniger lebendig zugehen unter uns, die Gesellschaft erstarrt."  

"Ich kann dieser pessimistischen Logik nicht folgen." entgegnete Nadine Tusco von Genolution. "Halten wir zuerst fest, dass der Tod ein Skandal ist und wir seine Unausweichlichkeit nicht akzeptieren. Natürlich ist es immer möglich, sein Leben selbstbestimmt zu beenden, sollte man zum Schluss kommen, irgendwann genug gelebt zu haben. Aber der Zwang zu sterben, in und mit einem Körper zu leben, der hinfällig wird wie ein altes Auto, das ist doch keine Errungenschaft, sondern eine Schande. Natürlich wird es immer reaktionäre Romantiker geben, die den Blick zurückwenden und das Vergangene im goldenen Licht sehen, aber ihre Einwände halten einer genaueren Analyse nicht stand. Auch der nicht, dass langlebige Menschen notwendigerweise in ihrem Gemüt erstarren. Das gilt umso weniger, weil ein Schwerpunkt unserer Arbeit nun darin besteht, Menschen mit einem besseren Design zu schaffen. "  

Tatsächlich hatte Genolution den Schwerpunkt seiner Arbeit schon längst vom Mitochondrien-Projekt auf die allgemeine Entfaltung des menschlichen Potentials verlegt. Es ging nun darum, bessere Menschen möglich zu machen.

Das war ein aufwendiges Vorhaben, in das das Unternehmen viel Energie steckte. Es ist ja nicht so, dass sich einfach bestimmte Gene einsetzen liessen und fertig ist der Supermensch. Ein paar spezielle Gene für Intelligenz, für Schönheit, für Sportlichkeit, abgerundet durch eine Batterie moralischer Gene – so geht das nicht. Das Gen-Set ist kein Baukasten, aus dem man sich beliebig bedienen und Individuen nach Wunsch erzeugen könnte.  Ein Gen ist ja weiter nichts als ein Stück Information, das für ein Protein kodiert, welches wiederum irgendeine Reaktion im Stoffwechsel katalysiert. Und dieser Stoffwechsel besteht aus Reaktionsketten, die sich zu grossen Netzwerken zusammenfügen und zwischen verschiedenen Gleichgewichtszuständen hin und her bewegen.  An fast jeder Eigenschaft, die nach aussen wirksam ist, ist also eine ganze Reihe von Genen beteiligt und jedes Gen beeinflusst wiederum mehrere Eigenschaften.

Genolution besass bald eine grosse Wissenschaftsabteilung, die mit mathematischen Modellen berechnete, was für Menschen überhaupt möglich sind, welche Genvarianten voraussichtlich zu welchen Charakteren führen würden.

Schneller noch als das Personal für die Forschung wuchs das für die Kundenbetreuung, der die werdenden Eltern vom Design des geplanten Kindes bis zu dessen Geburt und manchmal darüber hinaus begleitete.

 

"Haben Sie unser Handbuch durchgelesen?" fragte die Kundenberaterin und lächelte dabei freundlich.

"Das Wichtigste schon, hoffentlich", antwortete der Mann etwas unsicher. Seine Frau nickte.

"Na ja, es ist schon sehr voluminös." Die Kundenberaterin lächelte auf Neue. Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: "Gut, dann kennen Sie ja den Ablauf. Sie werden mit der Version 1.16 arbeiten. "

"Wie oft gibt es denn neue Versionen? " fragte die Frau, etwas irritiert.

"Nun ja, unsere Disziplin entwickelt sich sehr rasch. Noch immer haben wir wenigstens eine neue Version pro Jahr. Aber keine Angst. Das Niveau, das wir inzwischen erreicht haben, ist recht stabil.

Sie werden gleich ein Login erhalten und Sie haben Zugang zu mehreren tausend Videos, jedes ist etwa drei Minuten lang. Unser Algorithmus präsentiert Ihnen die Stücke, Sie müssen und dürfen nicht selber wählen. Zu sehen sind jeweils Kinder unserer Kunden im Alter von einem Jahr bis zu neun Jahren. Sie können sehen, wie sie mit anderen Kindern spielen, sich gegenüber Erwachsenen verhalten oder sich auch allein mit etwas beschäftigen, also kleine Szenen des Alltags. Danach werden Sie zu jedem Video verschiedene Klassifizierungen vornehmen. Sie werden das Kind in verschiedenen Hinsichten bewerten, also zu Beispiel, wie clever es auf sie wirkte und ausserdem für wie wichtig sie diese Eigenschaft im gegeben Kontext halten. Wir gehen dann gleich zusammen ein paar Beispiele durch, ich erkläre dabei dann konkret, was wichtig ist, worauf es ankommt. Die zu bewertenden Eigenschaften selbst werden von uns ausgewählt, die Punktzahlen kommen von Ihnen. Sie können nach einem Video etwa sagen, das Mädchen habe sich nicht so geschickt angestellt, also etwa drei Punkte geben, aber sie empfinden Geschicklichkeit persönlich auch nicht als eine so wichtige Eigenschaft für einen Menschen und geben hier vier Punkte. Sie sollten vor allem nicht der Versuchung erliegen, die Werte hier unnötig hoch zu kalibrieren, also etwa jede irgendwie positiv besetzte Eigenschaft in ihrer Bedeutsamkeit immer auf zehn zu setzen.  Dann kann unser Algorithmus nichts Sinnvolles herausbekommen. Sie sollten mindestens hundert Videos auf diese Weise durchgehen, besser dreihundert. Und lassen Sie sich etwas Zeit mit den Bewertungen, sie sind tatsächlich wichtig."

"Das haben wir soweit verstanden" wandte die Frau ein "Aber wozu dieser ganze Aufwand? Können wir nicht besser in Gesprächen klären, was in unserem Sinne das beste ist? "

"So haben wir in der ersten Phase unseres Unternehmens gearbeitet" erklärte die Kundenberaterin "und glauben Sie, unser jetziges System ist um Längen besser. Sehen Sie, es wird nicht weniger getan, als Ihr Wertesystem zu berechnen. Wertesysteme sind ja sehr individuell. Ein Verhalten, das auf den einen keck wirkt, findet der andere frech, oder was jemand als selbstbewusst beurteilt, bewertet ein anderer als vorlaut. Es geht also darum, wo für Sie die Trennlinien verlaufen, welche die positive Seite von der negativen trennen. Weiter geht es auch darum, was Sie an einem Kind überhaupt wichtig finden. Wir verobjektivieren gewissermassen ihre Wünsche und können auf diesem Wege einen Match auf das Setting der zu implementierenden Gene finden."

"Unsere objektiven Wünsche" Der Mann nickte leicht, doch sah etwas zweifelnd aus "Immerhin sind wir zwei. "

"Eben" rief die Kundenberaterin aus, nun lebhafter geworden. Die Rede zuvor hatte sie etwas heruntergeleiert, offenbar hatte sie sie schon oft gehalten. "Wenn wir mit dieser Prozedur fertig sind, müssen wir die Differenzen Ihrer Wünsche aufarbeiten und das wird auch ein sehr interessanter Teil der Arbeit. Es wird ja am Ende ein Kind und jeder Elternteil hat seine eigenen Vorstellungen, die nicht immer miteinander übereinstimmen. Es wird also zu längeren Gesprächen kommen, in denen Sie sich über den zu erwartenden zukünftigen Charakter Ihres Kindes einigen. Dieser Teil des Projektes lässt sich nicht in einem Algorithmus automatisieren. Noch nicht." Wieder lächelte sie, diesmal etwas maliziös, wie ihre Kunden später befanden.

 

Genolution befand sich seit langem in einem nahezu exponentiellen Wachstum, 2190 hatte es mehr als drei Millionen direkte Angestellte und einen Umsatz, der grösser als das Bruttosozialprodukt Frankreichs war. Nie zuvor hatte es ein Unternehmen gegeben, das dermassen mächtig und reich war.

Mittlerweile waren Eingriffe in die Keimbahn nicht nur in Südkorea, sondern auch einigen anderen Ländern gestattet, so in Japan, China, Brasilien, in einigen afrikanischen Ländern. Europa und Nordamerika hielten die Schotten dicht, genetische Manipulationen am Menschen blieben ein No-Go. Das änderte allerdings kaum etwas am Lauf der Geschichte.

Die Entwicklung nahm eine spektakuläre Pointe, als Genolution um die Jahrhundertwende im Westen von Mali ein fünfzigtausend Quadratkilometer grosses Gebiet kaufte und einen eigenen Staat gründeten. Der Unternehmens-Staat errichtete eine gewaltige Entsalzungsanlage am Atlantik, verlegte mächtige Rohre durch die Sahara und schuf auf seinem Gebiet eine riesige Oase.

 

Die Genolution-Kinder – die Optimierten, wie sie häufig genannt wurden, wuchsen heran. Sie waren tatsächlich intelligent, sportlich, attraktiv und dabei meist bescheiden und hilfsbereit. Sie waren gewinnende Menschen. Sie sprachen mit zwei, sie lasen mit fünf und mit fünfzehn begannen sie, sich mit Quantenphysik zu beschäftigen, nicht alle natürlich. Sie versteckten ihre Begabungen nicht, aber sie gaben auch nicht damit an, sondern zeigten sich vor allem freundlich und unterhaltsam. Kurz gesagt, sie bekamen die besten Jobs und führten in aller Regel ein glückliches Leben.

Ihre schiere Existenz war die beste Werbung, die Genolution bekommen konnte.

 

In den zwanziger Jahren des 23. Jahrhunderts deutete sich eine neue Phase der Entwicklung an, die zunächst zu einem weiteren Aufschwung des Unternehmens führte, aber bald schon seinen Niedergang einläutete. Zu dieser Zeit hatten sich im genetischen Design verschiedene genetische Optima herauskristallisiert, also unterschiedliche Typen der menschlichen Perfektion. Man sprach von den Optimalen, von denen es mehrere Formen gab: der Kreative, der Wissenschaftliche, der Abenteuerlustige etc. Das Problem dabei war, dass die jeweiligen Optimalen einer Klasse sich einander sehr ähnelten (sie waren somit Exemplare der eher spärlichen grossen lokalen Optima des menschlichen Genoms). Die genetische Optimierung drohte in eine gewisse Eintönigkeit der Charaktere zu münden.

Aus dem Menschen schien sich nicht mehr herauszuholen, als in den grossen erfolgreichen Serien zu Beginn des Jahrhunderts steckte.

Schliesslich kam es zu einem Vorstoss, hin zu neuen Allelen - zunächst waren es die so genannten SCSNPs (Synthetic Candidats for Single Nucleotide Polymorphisms). Das war ein Tabubruch, allerdings nicht der letzte des noch jungen Jahrhunderts.

Genolution schuf nun Genvarianten, welche die Evolution nicht hervorgebracht hatte. Ein weiterer Schritt weg von der menschlichen Natur war getan. Die Öffentlichkeit war jedoch inzwischen bereits so an den so fortgesetzten Prozess gewöhnt, dass es zwar zu lautstarken Protesten kam, die jedoch ohne grosse Wirkung verhallten.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.09.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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