Francois Loeb

STIMMEN

Stimmen die Stimmen immer? Zu erlesen in der neuen Wochengeschichte aus meiner Feder:

STIMMEN

Ich bin stolz auf meinen Flügel. Schwarz und von ausgesuchter Qualität. Bereits meine Urgrossmutter väterlicherseits entlockte ihm so die Familiensaga, herrlichste Töne. Ich bin da bescheidener, schon nur weil ich das Wort herrlichst verabscheue. Das könnte doch auch als fraulichst bezeichnet werden. Da hätte ich bei meinen Kenntnissen keine Schwierigkeiten, diese so zu apostrophieren. Immerhin habe ich Piano an der hiesigen Musikhochschule studiert und mit einem Konzertdiplom abgeschlossen. Gebe auch Konzerte. Nicht in der Albert- oder Carnegie-Hall, doch immerhin in Provinz Konzertsälen bei begeisterungsfähigem Publikum. Standig Ovations sind da keine Seltenheit und streicheln mein nicht besonders entwickeltes Ego. Extra achte ich darauf, genügend zu üben. Täglich an die fünf bis sechs Stunden. Seit gestern fällt mir auf, dass mein so von mir geschätztes Instrument verstimmt ist. Mein absolutes Gehör dadurch beleidigt wird. Unbedingt muss ich den Stimmer aufbieten. Setze mich an meinen Rechner, um ihn zu bestellen. Oh jeeh, abwesend. Jahresurlaub. Für die nächsten 3 Wochen. Das halte ich nicht aus. Nicht zu erleben. Muss Ersatz aufbieten. Gebe eine Google Suche ein. Werde fündig. Welch Glück! Morgen um sieben Uhr früh will er bereits kommen.
Bestätige. Gehe voller positiver Emotionen zu Bett. Schlafe beinahe traumlos durch. Obwohl die Wissenschaft behauptet, es gebe keine Nacht ohne Traum. Man erinnere sich nur nicht daran. Einerlei, ich stehe um 6 Uhr auf. Fühle mich wie neugeboren. Sehne mich nach den klaren, reinen Klängen, die ich ab neun Uhr meinem Instrument entlocken werde. Mich selbst in den musikalischen Himmel dabei heben kann!
Bereite mich vor. Morgentoilette. Schnellschminken gelernt ist gelernt. Vor Auftritten eingeübt, applizieren. Blick auf die Wanduhr geheftet. Bin ich mir gewohnt. Pünktlichkeit in meinem Beruf mehr als eine Zier. Schmunzle bei diesem Gedanken. Eine Minute vor sieben ertönt der Haustürgong, den ich mir habe musikalisch einrichten lassen. Kein Fehlton dabei, der mein Ohr in Wutwallung bringen kann. Schlüpfe in meine Hausschuhe. Treppe in Expressschritten überwinden. Schlüssel drehen. Türe öffnen. Vor mir stehen zwei Riesen. Betrachte, das eine halbe Berufskrankheit, deren Hände. So grob. So dicke Finger! Wie sollen diese den Tasten Töne herauskitzeln, Saiten spannen und alles, was es beim Stimmen noch zu tun gibt. Begrüsse sie trotzdem freundlich. Es soll ja Wunder geben. Dickste Finger, die zartestens tupfen können. Aber weshalb sind die Stimmer zu zweit? Einer von ihnen ein Lehrling? Ein Praktikant? Aber auch so klobig. Stämmig. Nun, gleich und gleich gesellt sich gern.

Da öffnet der Ältere dem Mund: „Was und wo gibt es etwas zu stemmen bei Ihnen? Wir sind bereit! Führen Sie uns hin. Time is Money. Wir haben noch andere Aufträge auszuführen!“ Da fällt mein Herz ein Stockwerk tiefer. Schlägt jetzt im Magen statt in der Brust. Um Himmels willen habe ich gestern einen Buchstaben verwechselt bei der Onlinebestellung? Stemmen statt Stimmen eingegeben …?


Und als Bonus ein weiterer verstimmter DREISATZROMAN aus meiner Feder:

D I E S T I M M E

Wimmle ab
Die Stimme
Die wimmelnd
In meinem Inneren
Deutlich laut erklingend
Zurechtweisen mich stets will.

Ach schweige
Ich bin derjenige
Der leidet
als Bestimmer.

Gewiss gewiss
Das Gewissen
Will alles wissen
Doch ich wisch es ständig
Unters gute harte Ruhekissen.


Herzlichst
François Loeb

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.09.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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