Christa Astl

Das gelbe Daunenfederchen

 

 

Klein, blass und mager liegt Moritz in dem großen weißen Krankenhausbett. Das einzig Bunte im Zimmer ist das Mobile aus bunten Federn, das die Klasse für ihn gebastelt hat und das knapp über seinem Bett hängt.

Zwei Monate ist es nun schon so, er hat keine Kraft mehr sich zu bewegen, sich aufzusetzen. Und dass er mit anderen Kindern laufen, lachen und spielen konnte, ist schon fast ein Jahr her und wird nie mehr so sein. Doch musste er auch vorher schon immer wieder mal zu Hause bleiben, sogar manchmal Tage im Krankenhaus verbringen. Wie freute er sich dann jedes Mal, wenn er wieder heim durfte. Doch nun, … es weiß es selber, diesmal wird er nicht mehr heim dürfen. Niemand hatte ihm dies gesagt, er spürt es selber. Er hätte auch gar keine Kraft mehr heim zu kommen. Nicht einmal mehr die Kraft, herum zu schauen, wie er es sonst immer gemacht hatte. Die kleinsten Veränderungen waren ihm aufgefallen, ob frische Blumen in der Vase standen, eine andere Tischdecke auf dem Tisch lag, oder eine neue Kerze in der Mitte des Tisches stand. Wenn Moritz im Krankenhaus war, zündete Mama immer beim Essen eine Kerze an und betete, dass er bald wieder zurück käme und doch noch gesund würde.

Blumen stehen auch hier auf seinem Nachttisch, viele bunte Blumen, jetzt sieht er sie kaum mehr. Seit ein paar Tagen sieht er etwas anderes: Er geht einen langen Gang entlang, in dem es immer heller wird, drüben wartet eine weiß gekleidete Gestalt, ein Engel, auf ihn. Moritz geht und geht, aber er kommt nicht weiter. Der helle Schein und die Gestalt sind so schön, dass er sie immer anschauen muss, auch wenn seine Augen geschlossen sind. Nur er allein weiß es, nur er allein sieht es.

Heute sitzen Papa und Mama bei ihm. Links und rechts von seinem Bett sitzen sie auf ihren Stühlen, jedes hält eine Hand von Moritz, eine kleine, schmale, kalte Hand, die sie wärmen wollen. Leicht wie ein kleines Vöglein liegt sie in je einer warmen, starken Elternhand.

Ganz still atmet er heute, sonst hat er oft so schwer Luft bekommen. Ob das ein gutes Zeichen ist? Fragend schauen die Eltern einander an. Durch das Fenster lacht ein sonniger Frühlingstag. Sie wünschen nichts sehnlicher, als mit ihrem Jungen hinaus zu gehen, oder wenigstens zu fahren. Anderen Gedanken wollen sie keinen Raum geben.

Die Sonne vor dem Fenster wandert weiter, nur noch die Ecke, in der Moritz‘ Bett steht, erleuchtet sie, das bunte Mobile blinkt grell auf. Die Zeit ist also doch vergangen, obwohl man in der Stille glauben konnte, sie steht. Plötzlich lässt Moritz die Hände seiner Eltern los. Stumm blicken die Eltern auf ihr regloses Kind.

In dem Moment kommt Schwester Ottilie, die ihren ersten Nachmittagsdienst allein versieht, ins Zimmer. Ein Blick sagt ihr alles. Sie drückt auf die Notrufklingel.

Eilige Schritte am Gang, der Oberarzt, jüngere Ärzte, Praktikanten, Schwestern, alle stürmen herein, doch nahezu lautlos, als ob sie niemanden wecken wollten. Sie umstehen das Bett, ein Arzt versucht, die Herztöne aufzuspüren, sieht in die geschlossenen Augen, tritt hoffnungslos zurück.

„Da, die Feder!“, ruft plötzlich Schwester Ottilie, „sie bewegt sich!“ – Die kleine gelbe Feder. Das Mobile haben die Kinder in Werken für Moritz gebastelt. Die kleine gelbe Feder aber kam erst später dazu. Lilli, die nur zwei Häuser von Moritz entfernt wohnte, war an diesem Tag krank. So brachte sie dann ihre gelbe Daunenfeder zur Mama von Moritz und bat, diese auch noch dran zu stecken, ganz unten, fast über der Nase des Knaben. Damals freute er sich noch sehr, blies hinauf, dass sich die Federn bewegten. Lange konnte er sich so die Zeit vertreiben.

„Jetzt wieder!“, schreit die Schwester plötzlich, und nun sehen es alle. „Er lebt! Er atmet!“

Vor dem Fenster beginnt in diesem Moment der erste Frühlingsvogel zaghaft zu singen. Und drinnen beginnt ein Kind wieder zaghaft und selber zu atmen. Das gut eingespielte Ärzteteam nimmt seine intensiven Bemühungen, dem Jungen die Wiederkehr ins Leben zu erleichtern, auf und fährt ihn in einen anderen Raum. Glückliche Eltern, die das Wunder noch gar nicht glauben können, finden sich plötzlich allein im Zimmer, und noch einmal zwitschert, diesmal schon kräftiger, der Vogel.

 

 

ChA 21.09.22

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.09.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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