Steffen Herrmann

Aufstieg und Fall von Genolution, Schluss

In den 2230er Jahre begann eine Epoche der radikalen Liberalisierung. Die schon seit langem in Rückzugsgefechten verstrickten Ethikkommissionen schienen keine Energie mehr zu haben, die Verbote für Eingriffe in die menschliche Keimbahn wurden in immer mehr Ländern aufgehoben.

Zu dieser Zeit wurde Genolution erstmals von ernstzunehmenden Konkurrenten herausgefordert. Natürlich waren diese Unternehmen geradezu winzig gegenüber dem unangefochtenen Primus der Branche der Erbgutoptimierung - doch sie waren agil und selbstbewusst. Sie strebten nach Grösserem, wie Genolution ein knappes Jahrhundert zuvor. Und sie waren radikal, so radikal, dass Genolution, das ehemalige Enfant terrible der Szene dagegen geradezu zahm und konservativ wirkte.

 

Die neue Ära wurde durch Han Han eingeläutet, der 2234 eine Firma gründete, die der auf den Namen Hyper taufte. Sie entwickelte sich, damals noch ganz im Fahrwasser von Genolution, so kraftvoll, dass ihr Gründer bereits 2237 ein Interview in der "Perspectives of China", der damals am weitesten verbreiteten Zeitung weltweit, geben durfte.

 Auf die Frage nach seinen Zielen antwortete er dabei folgendes: "’Ich wäre sehr stolz, dem Komitee anzugehören, das das Genom von E. coli entworfen hat. Die Mitwirkung beim Komitee für das menschliche Genom hingegen würde ich schamvoll verschweigen. Nicht einmal ein Universitätsausschuss hätte einen solchen Mist produzieren können.’

Diese Sätze haben mich schon als Kind inspiriert. Sie stammen nicht von mir, natürlich nicht, sondern von einem Genetiker aus dem fernen zwanzigsten Jahrhundert. Noch immer wissen viele nicht – welch Skandal! – dass nur wenige Prozent unserer Erbmasse überhaupt eine Funktion erfüllen, der weitaus grösste Teil ist einfach nur für nichts da. Unser Genom ist eine riesige Müllhalde, vollgestopft mit unbrauchbarer Information."

Auf die Frage des Journalisten, wie er sich diese schlechte Qualität erkläre - immerhin seien wir Menschen doch die Krone der Schöpfung - antwortete er: "Gewiss doch sind wir die Krone, noch sind wir es. Das heisst aber nicht, dass unser Bauplan auch solide ist.

Warum sind unsere aufgeblähten Genome qualitativ schlechter als die der Bakterien? Gehen wir in jede ferne Vergangenheit zurück, als komplexe Zellen entstanden sind. Eine kernlose Zelle frass ein Bakterium, das es aber nicht verdaute, sondern versklavte. So entstanden die Mitochondrien, die Organellen der Zelle, die uns die Energie liefern. Eine Zeitlang gab es also zwei volle Genome in der Zelle und noch keinen geschützten Kern. Wenn die Mitochondrien-Bakterien starben und sich auflösten, borbardierten unzählige Genfragmente das frei herumschwimmende zentrale Chromosom, das sich gegen diesen Ansturm nicht wehren konnte und diese Trümmer massenhaft in sich einbauen musste. Später kamen noch die repetitiven Sequenzen dazu, dieser ganze ALU-Schrott, eine Art Krebs der Chromosomen, parasitäre Gene, die weiter nichts tun, als sich selbst zu kopieren und diese Kopien im Zellkern unterzubringen.  Und dann gibt es noch die unzähligen kaputten Gene, die weiter munter von Generation vererbt werden. Wir Menschen tragen tausende funktionsunfähige Gene allein für die Kodierung von Geruchsrezeptoren mit uns herum, die munter von Generation zu Generation vererbt werden. Es kann mir niemand sagen, dass das eine überzeugende Lösung ist. Wir können das heute viel besser machen."

Der Journalist war nicht überzeugt: "Gut, es ist nicht optimal. Aber es ist unsere Natur."

Han Han wurde nun lebhaft. "Es ist dieses resignative Bekenntnis zu einer Natur, die mich schon seit langen nervt! ", rief er aus "schauen Sie doch, was Genolution macht. Sie wählen bloss etwas aus einem Pool von Lösungen aus, die es schon gibt. Sie kombinieren das Bekannte neu. Was ist das für eine Wissenschaft, was für eine Technologie? Das ist Steinzeit! Sehen Sie, wenn ich neues Auto möchte: Führe ich dann einen Kunden auf einen Parkplatz, auf dem lauter alte Autos stehen und sage ihm: ‘Oh, suchen Sie sich von den rumstehenden Autos die Teile zusammen, die Ihnen gefallen, wir bauen daraus dann ein Neues’? Da ist überhaupt keine Vision dahinter!

Wie hätte auf diese Weise ein Flugzeug erfunden werden können?"

 

Was Hyper vorhatte, war nichts Geringeres, als ein Neuentwurf des menschlichen Genoms, wobei sich bald alle einig waren, dass die dabei entstehenden Wesen nicht mehr als Menschen bezeichnet werden konnten.

Die erste von Hyper entwickelte Serie beruhte auf der stattlichen Zahl von sechzig Chromosomen, wobei das Genom insgesamt vierhundert Megabasen fast zehnmal kleiner war als das menschliche. Das Ziel des Unternehmens war, die Anpassungen des Stoffwechsels an die jeweils aktuellen Anforderungen sehr schnell und robust zu machen. Deshalb sahen sie viele kleine Hochleistungschromosomen vor, die in kürzester Zeit die Transkription der jeweils benötigten Gene starten und vollenden konnten.

Interessanterweise verfügten die Hypers (so wurden die neu designten Wesen genannt) weder über ein X, noch über ein Y-Chromosom. Sie waren also geschlechtslos und konnten sich auch nicht fortpflanzen. Die Firma begründete diese seltsam anmutende Entscheidung damit, dass die Föten von menschlichen Frauen ausgetragen werden sollten, deren Dienste das Unternehmen zu mieten beabsichtigte. Ausserdem sei abzusehen, dass in baldiger Zukunft auch externe Gebärmütter zur Verfügung stehen würden. Die Entwicklung derartiger Cyborgs war bereits fortgeschritten.

"Wir sind ohnehin dabei, uns von der Biologie zu emanzipieren ", erklärte Gregorius Satter, der Leiter der Forschungsabteilung "Wozu sich also noch mit der ganzen geschlechtlichen Problematik belasten? Wir gehen davon aus, dass wir in dreissig Jahren viel bessere Genome zu entwickeln vermögen, als wir das jetzt können. Unser Spektrum wird sich dabei nicht nur weiterentwickeln, sondern auch variieren und diversifizieren. Wir treten in eine Phase der Innovation und der Kreativität. Der Begriff der biologischen Art, natürlich zunächst vor allem der der menschlichen Spezies ist dabei, überholt zu werden. Es ist eine Hypermenschheit am Entstehen. Die Hypermenschheit ist aber nicht eine fortgeschrittenere Spezies, die uns folgt, sondern sie ist der Formenraum, der genetischen Technologie, den wir auszureizen gedenken. Der genetische Code ist vor allem ein zwar spezifisches, dabei aber recht allgemeines Konstruktionsprinzip zur Erzeugung biologischer Systeme. Der Mensch ist dabei nur eine von vielen Realisierungen, die bisher als die fortgeschrittenste, die intelligenteste angesehen wird. Aber es steckt noch mehr drin in diesem Code. Was wir tun, ist das an sich Naheliegendste überhaupt: Wir ersetzen die blinden Wege der Evolution durch bewusste Planung und Forschung."

Derartige kernige Ansagen waren in dieser Zeit häufig zu hören. Sie riefen bei manchen ein "wohliges Gruseln" hervor, bei anderen aber echte Bestürzung. Der politische und juristische Kampf allerdings hatte aufgehört, die Ethikkommissionen waren zermürbt von ihrer strategischen Erfolglosigkeit, den eingeschlagenen Weg einer zunehmenden Manipulation der menschlichen Natur zu unterbinden oder auch nur zu verzögern. In dieser Welt mit ihren zehn Milliarden Menschen und den zweihundertfünfzig Staaten gab es immer Schlupflöcher für die technologische Avantgarde.

 

Die ersten Hypers wurden 2052 geboren. Sie waren schon noch wie Menschen, wenn sie ziemlich fremdartig wirkten. Sie waren ausserordentlich klein und drahtig, sie bewegten sich wieselflink und sie sprachen sehr schnell. Sie verstanden alles sofort und sie vergassen nie etwas. Sie hatten keine Launen.

Schon bald war klar, dass sie auch die besten menschlichen Exemplare des genetischen Designs in allem übertreffen würden und zwar um Grössenordnungen. Diese überaus zierlichen Menschenartigen mit den stechenden Blicken und den nervös wirkenden Bewegungen kündigten sich also früh an als die zukünftigen Herrscher der Welt. Noch waren sie kleine Kinder, Kinder die schon als Zweijährige seltsamerweise nicht ‘süss’ wirkten, doch nahezu jeder war überzeugt, dass sie in nicht allzulanger Zeit an den wichtigen Schaltstellen der Gesellschaft sitzen würden, den Schalthebeln der Macht, der Wissenschaft und der Wirtschaft.

 

In dieser Zeit verschwand Genolution aus den Schlagzeilen. Was sie machten, war inzwischen zu Old School geworden. Gewiss, sie waren zögernd dazu übergegangen, nicht nur neue Allele, sondern auch einige neue Gene zu entwickeln, aber das brachte niemanden mehr auf. Sie waren langweilig, herkömmliche genetische Optimierer.

Aber sie dominierten nach wie vor die Branche, hatten noch immer mehr zwei Millionen Angestellte und sie designten mehr als dreissig Millionen Babys pro Jahr. Sie waren nach wie vor mächtig und unermesslich reich.

Dagegen waren Hyper und die anderen Unternehmen aus der Szene der Wilden Forscher, die bald wie Pilze aus dem Boden zu spriessen begannen, sehr, sehr klein. Hyper war eine Art institutionalisierte Kontroverse und auf eine Weise umstritten, wie es Genolution nie gewesen war. Es gab nicht nur Anfeindungen, sondern gezielte Anschläge, das Unternehmen stand im Fadenkreuz eines organisierten Terrorismus mit vielen Anhängern und noch mehr Sympathisanten.

Der Niedergang von Genolution war letztlich nicht von der radikalen Konkurrenz verursacht, sondern von dem schleichenden Verlust an Innovationskraft. Die herkömmliche genetische Optimierung war weitgehend ausgereizt, es kam nicht mehr viel Neues hinzu. Genolution wurde zu einem erstarrenden Riesen, das Unternehmen begann sklerotisch zu werden und von innen heraus abzusterben. Denn inzwischen war das, was Genolution betrieb, zu einer Art Allgemeingut geworden. Es brauchte nur ein Team von zwanzig oder dreissig motivierten Leuten, um dieselben Dienste zu erbringen, häufig frischer, tatkräftiger und sympathischer als dies durch den ehemaligen Monopolisten geschah.

Der Niedergang von Genolution beschleunigte sich etwa ab 2280, kurz vor der Jahrhundertwende zerfiel das Imperium in eine Reihe von Nachfolgeunternehmen und löste sich auf.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.09.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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