J. Hackbart

Nuancen

Ich hatte immer eine Schwäche für Augen. Für das Fenster zur Seele wie es so schön heißt. Deine Augen haben grüne Gardinen vor den Fenstern. 

Ein Grün, das im Kerzenschein seine Farbe wechselt und hinter jeder Farbe etwas verbirgt. Nicht jeder kann diese Nuancen sehen und was sich hinter jeder von ihnen verbirgt. Ich sehe die Nuancen. 

Was sich hinter ihnen verbirgt gibst du nicht preis. Oder versuchst es zumindest. Es gelingt dir nicht, wenn man genau hin schaut. Hinter den hellen Grüntönen steckt so viel Freude und Lebenslust. Dagegen steckt hinter den dunkelgrünen fast ins bräunliche grenzend eine Unsicherheit und Verdrängtes. Es ist als sei das Dunkelgrün der Wächter zu deinem Herzen, zu deinem Innersten und zu deiner verletzlichen Seite. Es scheint wie der Schatten einer Mauer um deine Gefühle. Und niemand kann diese Mauer einreißen. Man kann sie nur entfernt betrachten und auch nur, wenn man genau hinsieht. Ich betrachte diese Mauer nun schon eine Weile. Nur aus der Ferne. Du erlaubst mir nicht, sie genauer zu begutachten, um ihre Schwächen ausfindig zu machen. 

Du weißt, dass ich es könnte. So wie du meine Mauer eingerissen hast. Du hast meine Wächter manipuliert und ganz ruhig Stein für Stein abgenommen. Sodass gerade genug Platz für dich ist, hindurch zu sehen. Du hast dir sogar die Mühe gemacht ein Tor zu bauen. Mit einem Schlüssel, den nur du besitzt. Und ich sitze von deinen Wächtern mit Waffen umzingelt zehn Meter vor deiner Mauer. Ich darf mich in dem hellgrün tummeln und ein paar Nuancen weitergehen, aber du achtest akribisch auf die Sicherheit deiner dunkelgrünen Welt hinter Steinen. Und das wo du doch den Schlüssel in meine dunkelblaue Welt längst hast.

Ich sitze nun schon seit einiger Zeit an der Grenze zu den dunklen Nuancen und wünsche mir nichts sehnlicheres als einen Schritt näher kommen zu dürfen. Manchmal lädst zu mich zu zwei kleinen Zentimetern ein. Zwei Zentimeter Dunkelgrün. Ich genieße den Farbwechsel ins dunklere bis zu mich am nächsten Morgen wieder vier Zentimeter zurück schiebst. Als hättest du Angst ich würde mich in das dunkle Moosgrün legen und für immer dort bleiben wollen. Wenn ich zu lange auf meinen dunklen Zentimetern lag, beginnst du die Steine, die du aus meiner Mauer genommen hast, umzudrehen. Du setzt mich außer Gefecht, um mich dann ohne Gegenwehr wieder in deine helle Nuance zu tragen. So schnell, dass man in dem Moosgrün keine Abdrücke von mir sieht.

Ich habe mich an das Grün gewöhnt, in dem ich schon so lange sitze. Ich habe mich auch daran gewöhnt einige Zentimeter zu bekommen und sie dann wieder herzugeben. Ich habe schon oft über einen Farbwechsel nachgedacht. All die grünen Nuancen hinter mir zu lassen und nach neuen Farben zu suchen. Aber du hast einen Schlüssel. Meinen Schlüssel.

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