Wolfgang Scholmanns

Morgen im Oktober

Es ist schon spät und der Morgen will nur zaghaft erwachen. Trübe Luft liegt über Wald und Weiden. Ein kalter nur schwach auflebender Wind bewegt die Blätter,die das Loslassen scheinbar ignoriert haben. Zuweilen hört man den Ruf des Käuzchens oder auch mal den zaghaften Versuch eines Waldvogels ein Lied anzustimmen. Aus dem Dorf ertönt die Kirchturmglocke und verkündet die neunte Stunde. Doch der Morgen bleibt müde, hüllt sich in blasse Nebelwölkchen. Auch das Rauschen des nahen Flusses, dessen keuchender Atem sich schwebend in den Himmel hebt, klingt an diesem Morgen müde. Er trauert bestimmt um den farbenfrohen Schmuck der zahlreichen Blumenarten, der zur Frühlings- und Sommerzeit seine Ufer zierte. Das Fortschreiten des Herbstes lässt diese nun kahl und trostlos erscheinen.
Der Mittag naht und von den Weiden her hört man das Geschrei einiger Rinder, die bestimmt darauf warten, bald in den warmen Stall geführt zu werden.
Langsam löst sich der Hochnebel auf und schon bald bietet sich dem Naturfreund ein freundlicher Anblick. Mit der Kraft die ihr der Herbst noch ließ, übergießt die Sonne die Landschaft mit ihrem wunderschönen Lachen. Fröhlich leuchtend spiegelt der regungslose See ihren Glanz wieder und die auf dem welken Schilf perlende Feuchtigkeit erscheint unter ihren Strahlen wie milder Silberhauch. Hier und da sieht man nun Kinder, die damit beschäftigt sind, die späten Früchte des Waldes zu sammeln. Kastanien, Eicheln und Bucheckern sind auch noch heute beliebte Bastelobjekte an Kindergärten und Schulen. Hoch in den Bäumen vernimmt man jetzt Stimmen der unterschiedlichsten Vogelarten und nichts deutet mehr auf den grauen verschlafenden Morgen hin, der noch vor einigen Stunden die Natur in ein trübes Gewand gehüllt hatte.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.10.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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