Hans Fritz

Plunitaksee

Alles ändert sich. Das Klima, die Welt in der wir leben. Währenddessen bleibt der Mensch das was er seit Jahrtausenden ist. Aber gerade die Auswirkungen der Klimaänderungen, grossräumig betrachtet oder auf das Stück bepflanzbarer Erde zwischen Häuserblocks bezogen, fordern zum Umdenken auf.

So wurde vor 68 Jahren das Plunitaktal geflutet und eine Staumauer errichtet, als «Turbinenstrom vom Stausee» den steigenden Bedarf an Strom decken sollte.

Nun kommt im Gefolge eines niederschlagsarmen Sommers das was viele befürchtet haben. Der Wasserpegel des ‘Plunitaks’ sinkt beachtlich. Schliesslich bleibt nur das Wasser über der gefluteten bis 170 Meter tiefen Schlucht erhalten. Noch lässt die Wasserqualität das Überleben eines Grossteils des Fischbestands zu. Es gilt weiterhin das strikte Einhalten eines unlängst aktivierten Gewässerschutzes. Für die einst so beliebten Ausflugsdampfer, mit Billigdiesel betriebene Personenschiffe, herrscht Fahrverbot. Törns sind erlaubt.

Eine Attraktion der besonderen Art ist das Gelände der ehemaligen Ziegelei. Die Gebäude waren schon zu Zeiten der Wasserung ungenutzt und dem Verfall nahe. Ein paar Loren stehen herum, die an ein Riesenspielzeug gemahnende und allseits bewunderte Zugmaschine eine damals völlig neuen Bauart ist verschwunden.

Doch was ist das Wahrzeichen des ‘Plunitaks’? Es ist der Kirchturm von Sankt Vicenzo, der mit zwölf Metern aus dem See ragt. Jetzt ist die ganze Kirche freigelegt und erlebt einen solchen Zustrom von Besuchern hat, dass eine Wache den Einlass regulieren muss. Das instandgesetzte, nun mit Solarstrom betriebene Geläute erklingt täglich zur Mittagsstunde. In Nähe der Kirche befindet sich der Friedhof. Ein paar ältere ehemalige Einwohner finden Gräber ihrer Verwandten mit noch lesbaren Namen.

Die einst so berühmte, häufig besuchte Gartenwirtschaft ‘Zum Roten Krug’ lockt auch jetzt viele Besucher an, nach Einschätzung der Seeverwaltung mehr als die Kirche. Ein paar Krüge auf dem Tresen sind zur Hälfte gefüllt – mit Wasser aus dem See. Drei Männer versuchen ein Fass zu öffnen, mit der Hoffnung etwas noch Geniessbares zu finden. Zur Überraschung aller sind die Fässer mit einer undefinierbaren grauen Brühe gefüllt. Die Weinregale mit ihrem nun eingetrockneten Algenbewuchs eignen sich vorzüglich zur schaurigen Kulisse eines Horrorfilms. Das schreibt ein Regisseur, der nach manchen Bürgers Meinung einen Pakt mit diabolischen Kräften geschlossen hat.

Im einst reich dekorierten Gemeindesaal bildet dahinmoderndes Mobiliar eine schaurige Kulisse. Eine Schublade enthält noch gut erhaltene, in Bunt gekleidete Kasperlefiguren. Der Finanzchef in der Form des Kämmerers soll gelegentlich mit den Figuren sehr volksnahe Vorträge getätigt haben. Die älteren Jahrgänge der Besucherscharen mögen sich daran erinnern.

In der Malerwerkstatt Colominitsch muss eine Aufsichtsperson Gruppen rücksichtsloser Heimwerker zurechtweisen, die sich an scheinbar noch intakten weil gut verschlossenen Farbtöpfen bereichern möchten.

Regen Zuspruch finden Überreste der Leinwand der Orpheus-Lichtspiele. Vielleicht lassen sich die Stofffetzen als Billigtaschentücher vermarkten.

Die verwaiste Tankstelle weckt Erinnerungen an die Treibstoffmassen, die nach dem Fluten des Sees von der Wasserfläche abgepumpt werden mussten.

Nach Wochen der Trockenheit setzt ersehnter Regen ein. Das Gelände nimmt fürs Erste keine Feuchtigkeit auf, um dann aufzuweichen und für Schuhwerk oder Fahrzeugbereifung problematisch zu werden. Niemand erwartet ein Auffüllen des Stausees in absehbarer Zeit. Das könnte nur eine Sintflut zustande bringen, wie sie von einigen Zukunftsdeutern vorausgesagt wird. Ein findiger Gemischtwarenhändler befasst sich bereits mit Herstellung und Vertrieb von Tickets für eine Archentour.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.10.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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