Günter Weschke

Abschied nehmen

Das Letzte von dem was einst war.

Wir Wissen es, unserem Leben ist auch ein Ende gesetzt.
Unausweichlich Steuern wir darauf zu, es gibt kein Entkommen.

Aber eigenartiger Weise versuchen wir, dieses Thema zu Umgehen, nicht darüber zu Sprechen, wollen es Vergessen.

Jeder von uns hat es schon erlebt, oder hat es noch vor sich, das Abschiednehmen von einen geliebten Menschen.

Ein schwarzer Wagen fährt vor, zwei, in dunkle Anzüge gekleidete Herren steigen aus, Läuten an der Tür.
Sie stellen sich kurz vor und sprechen mir ihr Beileid aus. 
Im Zimmer sagen sie mir, was sie tun müssen, ich nicke mit den Kopf, einer der Männer geht hinaus und kommt kurz darauf mit einer Trage zurück. 
Ich bleibe an der Zimmertür stehen.
Keiner redet, mit gekonnten Handgriffen legt man die Verstorbene auf die Trage, deckt das Gesicht mit einem lilafarbenen Seidentuch ab, so geschieht es auch mit dem Körper, der wird fixiert.
Die Trage wird abgedeckt.
Die Männer nehmen vorn und hinten die Trage auf, ich öffne ihnen die Tür und sie gehen gemessenen Schrittes in das helle Sonnenlicht, eines sonnigen Vorfrühlingstages.
Als der Wagen anfährt, möchte ich hinterher Laufen, möchte Schreien Halt, Stopp.
Während mir die Tränen über das Gesicht rinnen, verharre ich stumm, obwohl ich in meinem Innersten laut schreie.

Plötzlich ist das Haus kalt, leer und stumm,
Kein Lachen mehr, ist stehe in der Mitte des Raumes, das Bett ist aufgewühlt, Pantoffel ohne jeden Sinn, das Nachthemd liegt achtlos über einen Stuhl geworfen, die Fenster weit geöffnet.

Nach zwei Wochen beginne ich aufzuräumen.
Den Kleiderschrank mit ihren Kostbarkeiten, jedes Teil lege ich in bereitgestellte, blaue Plastiksäcke, jedes Teil fällt mir sehr schwer.
Sachen, die sie in Australien trug, ich küsse sie.
Am Ende werden es zwanzig Säcke, die ich dann abholen lasse.
Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass es sich um bestens erhaltene Bekleidung handelt.
Aufgehoben habe ich nur einen Seidenschal, den ich für sie selbst gebatikt hatte und ihre Handtasche, sie steht noch unangetastet im Schrank.

So ist es also, wenn man plötzlich allein ist.
Natürlich hätte ich mit dem Aufräumen noch lange Zeit Warten können,
Aber wozu?
Jedes Mal wenn ich das Zimmer betrat, sah ich ihre wunderschönen Sachen, und jedes Mal hat es mich wieder überwältigt.

Abschied, nehmen heißt ja nicht Vergessen.

Warum ich das Schreibe?
Eben, weil ich nicht Vergessen kann.






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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.10.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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