Marion W.

Hilfe, meine Cousine hat Magersucht!

Vorgeschichte

„Was soll ich machen? Soll ich sie darauf ansprechen oder lieber die Klappe halten? Was, wenn sie mich nur auslacht und für bescheuert erklärt? Nein, ich sollte lieber nichts sagen und mich raushalten!“

So oder so ähnlich rattern die Gedanken in meinem Kopf, wenn ich den Namen meiner Cousine höre oder an sie denke. Sie ist nun 17 Jahre alt und seit mindestens zwei Jahren an Magersucht erkrankt.

Laura war nie „dick“, sondern hatte (sofern ich mich erinnern kann) eine normale Figur, wie es für Jugendliche nicht unüblich ist. Sie war aufgeschlossen, lustig, herzlich und unternehmungslustig, aber auch sportlich. Aber eben in Maßen.

Tja und dann nahm das Schicksal vor ca. einem oder zwei Jahren seinen Lauf. Laura war das vermutlich erste Mal verliebt, in einen Mitschüler aus ihrer Jahrgangsstufe. Ich glaube, sein Name war Tim. Er war das, was man in der heutigen Zeit nicht mehr nur als „Macho“, sondern schon eher als eine Art „F*ckboy“ bezeichnen würde. Diese „Romanze“ hielt nicht sonderlich lange an, bis er sich die nächste Freundin suchte.

Laura schien das nach außen so weit gut wegzustecken. Als sie in der Abschlussklasse war, lernte sie beim Tanzkurs einen Jungen namens Felix kennen. Eventuell verliebte sie sich in diesen Felix und naja, er war leider so ein Idiot, der nach kürzester Zeit wieder mit seiner Ex-Freundin anbandelte. Wieder wurde Laura also auf blöddeutsch ausgedrückt nur benutzt, warmgehalten und dann fallengelassen.

 

Familie

Auch im familiären Umfeld gab es sicherlich die ein oder andere Baustelle. Da wäre zunächst ihre Mutter/meine Tante Gisela. Sie ist eine sehr gewöhnungsbedürftige, anstrengende, ja, fast schon unangenehme Person. Alles und jeder muss auf ihr Regime hören, sonst wird es ungemütlich. Nicht umsonst ist Papa mit seiner Schwester schon seit einigen Jahren zerstritten. Laura träumte immer davon, eine Ausbildung bei der Polizei zu machen, allerdings hätte sie für diese Ausbildung das heimische Dorf verlassen müssen. Das hat ihrer Mutter jedoch gar nicht in den Kram gepasst, da sie sich sonst ja allein um die Pferde hätte kümmern müssen.

Ich mag mir nicht mal ansatzweise vorstellen, wie schwer das für eine 16-Jährige sein muss, auf die Traumausbildung verzichten zu müssen, weil die eigene Mutter einem diesen Traum verwehrt. Stattdessen absolvierte Laura eine Ausbildung im Gesundheitswesen.

Vermutlich war dieser Einschnitt in puncto Ausbildung so gravierend, dass Laura auf ihre eigene Art begann, zu rebellieren. Nicht auf die laute, aufbrausende Art, nein, sie hörte nach und nach auf zu essen. Erst hörte sie auf, Süßigkeiten zu essen, dann aß sie auch kein Fleisch mehr bzw. am Ende gar keine tierischen Produkte mehr. Schnell verlor sie sichtbar an Gewicht, wurde immer schmaler. Wenn man sie drauf ansprach, so lautete die Antwort sowohl von ihr als auch ihrer Mutter sinngemäß, dass reiten ja schließlich schlank mache und jeder Mensch gefälligst vor seiner eigenen Türe zu kehren habe.

Die Erkrankung meiner Cousine war ein stetiger Begleiter bei Familienfeiern. Leider kann ich mich nicht mehr an alles so genau erinnern, aber ein paar wenige Momente sind mir im Gedächtnis geblieben.

Es war der Geburtstag von Lauras Mama. Meine Familie und ich waren eingeladen. So weit so gut. Wir kamen an, gratulierten, überreichten das Geschenk und die Erwachsenen unterhielten sich. Ich ging in die Küche, um mir etwas zu trinken zu holen. Laura saß teilnahmslos und mit sehr betrübtem Gesichtsausdruck am Tisch und es machte den Anschein, als würde sie sich vom Anblick der Speisen schon so dermaßen ekeln, dass ihr übel zu sein schien.

„Ob Laura heute überhaupt schon etwas gegessen oder getrunken hat? Wie hält ihr Kreislauf das bloß aus? Irgendwann klappt sie noch zusammen, wenn das so weitergeht“, schossen mir die Gedanken durch den Kopf.

Sie sah sehr zerbrechlich und bleich aus, als ob sie ein Gespenst gesehen hätte. Damals war ich ca. 13 oder 14 Jahre alt, dachte mir nicht unbedingt so viel dabei. Es kam mir alles etwa seltsam vor, aber ich konnte ja eh nichts ausrichten. Später am Abend bot ich ihr ein paar Chips an, jedoch lehnt sie ab. Den restlichen Abend über wurde ich das Gefühl nicht los, als stünde ich unter permanenter Beobachtung. Kein schönes Gefühl. Schon gar nicht, wenn man selber mitten in der Pubertät steckt und die ersten Konflikte mit sich selbst führt. Das steht jedoch auf einem anderen Blatt.

Ich fing an, meine Cousine aufmerksam zu beobachten. Ihre Jeans schlabberte ihr um die dünnen Beinchen, an den Handgelenken waren die Knochen deutlich zu sehen. Das Gesicht wirkte fahl und eingefallen, die Haare schütter und ausgetrocknet. Unter den Augen zeichneten sich dunkle Schatten ab. Je länger ich sie betrachtete, desto unwohler fühlte ich mich.

Wenige Tage nach Giselas Geburtstag stand der Geburtstag meiner Geschwister an. Ich freute mich darauf, wieder ein bisschen Quatsch mit meiner Cousine veranstalten zu könne, doch Laura ließ sich durch ihre Eltern entschuldigen. Das machte mich etwas traurig. Vielleicht streikte ihr Kreislauf oder sie wollte die Konfrontation mit Essen umgehen, das waren jedoch nur schwammige Vermutungen meinerseits.

 

 

 

Freundschaften

Schon einige Zeit zuvor hatte Laura sich abfällig über eine Freundin geäußert. Wir waren draußen im Garten unterwegs. Sina und ich versuchten, auf einen Apfelbaum unterhalb der Pferdekoppel zu klettern, jedoch stellte Sina sich etwas ungestüm an. Laura gab Sina einen Klaps auf den Hintern und sagte: „Mit so einem fetten Arsch ist es halt nicht so einfach, gegen die Schwerkraft anzukommen! Versuchs doch auch mal mit einer Diät!“. Sina schaute nur etwas irritiert, lachte und versuchte, Laura durch den Garten zu jagen, als ob sie fangen spielen wollte.

Damals verbrachten Laura und ich viel Zeit zusammen, ich war öfter bei ihr und ihrer Familie, ich durfte sporadisch Reitstunden nehmen, Laura und ich alberten viel herum und hatten Spaß, jedoch hatte ich Sina seit dem eben geschilderten Vorfall nicht mehr dort gesehen. Vermutlich war das nicht der erste Vorfall dieser Art und Sina hat Laura die Freundschaft gekündigt. Rückwirkend betrachtet kann ich das auch sehr gut verstehen. Gut, ich muss zu meiner Verteidigung sagen, dass mir damals der Ernst der Lage nicht bewusst war und ich das alles als eine „Phase“ abtat.

 

Erschreckende Erkenntnis

Mir fällt wieder eine weitere Situation ein, die ich heute, als junge Erwachsene, als höchst alarmierend einstufen würde.

Im Sommer 2010 machten Laura und ich einen Ausflug ins Einkaufszentrum in der Nachbarstadt. Wir wollten uns ein paar neue T-Shirts kaufen, eventuell auch Schwimmsachen, Hauptsache raus daheim, ein bisschen bummeln gehen. Zuerst drehten wir eine Runde durch das Einkaufszentrum, um uns einen groben Überblick zu verschaffen, welche Geschäfte wir ansteuern wollten und welche Läden uns eher nicht ansprachen. Anschließend betraten wir gut gelaunt den ersten Laden und entschieden uns schnell für eine kleine Auswahl an Shirts mit lustigen, bunten Aufdrucken, welche wir schleunigst mit in die Umkleidekabinen nahmen. Zu diesem Zeitpunkt machte ich mir über BMI, Kleidergrößen, etc keine relevanten Gedanken. Ich selbst war als Kind schon etwas pummelig, nicht gravierend, aber eben auch nie dünn. Solang ich mich mit mir selbst wohlfühlte, interessierte mich das alles nicht. Laura trat in einem zartrosa Top aus der Umkleidekabine. Laut ihrer Aussage war es eine Größe S, es schlabberte an ihr jedoch herum, als wäre es ein Zelt. In gleichem Maße meines Schreckens, machte sich bei meiner Cousine Freude breit. Ihr Strahlen und Lachen sprach Bände, Laura triumphierte, als hätte sie gerade etwas gewonnen. Vergeblich versuchte ich, die Unannehmlichkeit dieser Situation herunterzuspielen und wegzulächeln, aber es gelang mir nicht, mein besorgtes Gesicht zu vertuschen. Scheinbar wusste meine Cousine ganz genau, was in meinem Kopf gerade abging. Leider schien sie meine Sorge fälschlicherweise für Neid oder Missgunst zu halten, die Stimmung drohte zu kippen, daher endete unser Shoppingtag früher, als es uns lieb war.

 

Wie ich damit umging

An manchen Tagen mache ich mir derartig Sorgen um Laura, dass mir davon schon regelrecht der Kopf brummt.

Wenige Tage später unterhielt ich mich in der Pause mit einer befreundeten Mitschülerin, ich nenne sie hier einfach mal „Bianca“. Mit ihr konnte ich über solche Themen recht gut reden, denn Bianca hatte damals wohl auch einen Fall von Essstörung im näheren Bekanntenkreis. Es war mal wieder an der Zeit, dass ich Bianca in der Pause meinen Kummer erzählte. Eventuell habe ich meine Freundin damals auf dem falschen Fuß ertappt oder ich war schlecht gelaunt, jedenfalls störte ich mich an Biancas Aussagen. „Oh du Arme, Wenn man so etwas hört, bekommt man ja direkt Mitleid!“. Noch bevor ich meinen Groll zum Ausdruck bringen konnte, schien Bianca zu verstehen, was Sache ist. „Du denkst jetzt bestimmt, dass ich ja keinerlei Ahnung von Essstörungen und deren Folgen habe und einfach nur leeres Geschwafel von mir gebe, damit du eine Antwort auf deine Aussagen hast. Ich verstehe, dass das für dich so klingt. Was ich dir jedoch bisher nicht erzählt habe: Auch ich habe Berührungen mit dem Thema Magersucht im Bekanntenkreis. Meine gute Freundin Sandra litt jahrelang an dieser teuflischen Erkrankung. Sandra war insgesamt gute vier Jahre lang in verschiedenen Spezialkliniken untergebracht, wurde zwangsernährt, bekam Flüssigkeit und Nährstoffe per Infusion zugeführt, etc. Nach diesen fast vier Jahren hat Sandra langsam begriffen, dass sie sich helfen lassen muss, wenn sie leben will. Da hat es scheinbar langsam ‚klick‘ bei ihr gemacht und sie hat die Therapien angenommen und Hilfe bzw. Unterstützung angenommen.“

„Und wie geht es Sandra heute?“, fragte ich erstaunt. „Was soll ich sagen? Sie war nicht mal ein ganzes Jahr zuhause bei ihrer Familie und nun scheint sie rückfällig zu werden. Ihre Mutter hat mir erzählt, dass Sandra erneut beginnt, wie besessen Sport zu treiben, oft meckert, dass sie zu dick sei und immer wieder neue Marotten an den Tag legt.“

Bianca hat mich mit dieser Erzählung über ihre Freundin sehr schockiert. In meinem Kopf wurden Bilder sichtbar, die mir in gewisser Weise Angst bereiteten. Mein Kopf spielte mir Bilder von Laura vor, wie sie im Krankenbett fixiert liegt, eine transnasale Sonde für die künstliche Ernährung gelegt bekommt und vergeblich versucht, sich zu befreien, es jedoch nicht schafft. Ich habe schon einige Bücher von verschieden Autoren zum Thema Magersucht gelesen, deswegen habe ich schnell solche realen, lebhaften Bilder vor Augen.

 

 

 

 

 

 

 

Meine Gedanken kreisen

In besagten Büchern wurde auch oft beschrieben, dass wohl einige Magersuchtpatienten mit Tricks arbeiten, um Lebensmittel verschwinden zu lassen. Beispielsweise werden wohl in unbeobachteten Momenten kleinere Mengen Nahrung in Servietten eingewickelt und weggeworfen, es werden Lebensmittel in Jacken- oder Hosentaschen versteckt, usw. Natürlich trifft das nicht auf alle Patienten zu. Einige haben wohl auch gewissen Angewohnheiten, zum Beispiel werden sogenannte „Farbtage“ oder „Zahlentage“ festgelegt, was unter anderem bedeutet, dass an einem grünen Tag nur Lebensmittel mit grüner Farbe gegessen werden dürfen, also sowas wie Gurken, Zucchini, Paprika, etc. während an einem Tag, dem z. B. die Zahl sieben zugeordnet wurde, alle Lebensmittel in sieben Stücke geteilt und jedes Stück davon genau sieben Mal gekaut gekaut werden müssen.

Vermutlich befand sich Laura damals bereits in so einem Zustand, in dem sie solche Tage festlegte und sich das Essen somit „erleichtern“ wollte.

Auch wurde in einigen Büchern erwähnt, dass es wohl häufig einen fast fließenden Übergang zwischen Magersucht und Bulimie gibt.

Zwischenzeitlich bereitete auch ich meiner Mutter ab und an Sorgen. Selten stellte ich mich auf die Waage, jedoch wurde ich ab und zu dabei erwischt. „Jetzt fang du fei bloß nicht auch noch mit dem Quatsch an!“, ertönte die Stimme meiner Mutter dann bedrohlich nahe hinter mir. „Boah Mama, nur weil ich alle paar Monate mal aus Neugier auf die Waage steige, heißt das doch noch lange nicht, dass du dir da jetzt Gedanken drum machen musst!“, lautete meine Antwort darauf. Nur, weil ich etwas pummelig bin und mir unnötiges Naschen schrittweise abgewöhnen möchte, ist das doch kein Grund zur Sorge, oder?

Hin und wieder sehe ich Laura morgens an der Bushaltestelle stehen. Oft habe ich den Eindruck, als ob sie unbedingt eine glücklich wirkende Fassade aufrechterhalten möchte, was ihr nicht sonderlich gut gelingt. Ein Blick in ihre traurigen Augen sagt genug darüber aus, dass es ihr in Wahrheit so gar nicht gut zu gehen vermag. Zumal sie es nun nicht mehr verheimlichen und verstecken kann, wie dünn sie inzwischen tatsächlich ist.

Sowohl meine Eltern als auch ich haben uns schon mehrfach die Frage gestellt, warum das wohl alles so kommen musste, aber eine Antwort darauf fanden wir bislang nicht. Sicherlich gab es da zahlreiche Ursachen im Hintergrund, die nie thematisiert wurden. Wie bereits erwähnt, ist das familiäre Umfeld von Laura „toxisch“, wie man es in der modernen Jugendsprache nun nennen würde.

Wenig später erfuhr ich, dass Laura und Gisela oft stritten, denn wenn es nach Gisela ginge, dann müsste Laura sich sofort in ärztliche Obhut begeben, worauf diese natürlich absolut keine Lust hat.

 

 

 

Weitere unschöne Erinnerungen

Und so nahm die Geschichte weiter ihren Lauf. Es folgten Arztbesuche, Therapiestunden, etc, bis meine Cousine dann endlich in einer speziellen Klinik für psychosomatische Erkrankungen und Essstörungen aufgenommen wurde.

Ich kann mich leider an nicht mehr so viel erinnern, jedoch weiß ich, dass Laura in verschiedenen Einrichtungen war, um ihrer Erkrankung den Kampf anzusagen. Es ging mit Besuchen beim Hausarzt los, dieser war aber schier machtlos, denn Allgemeinärzte sind nicht für solche Angelegenheiten ausgebildet. Kurze Zeit später folgte dann der erste stationäre Aufenthalt in einem Krankenhaus in unserem Landkreis.

Es war ein sonniger Tag am Wochenende, der Herbst begann, die ersten bunten Blätter fielen von den Bäumen, als meine Eltern und ich bei Laura zu Besuch in diesem Krankenhaus waren. Wir holten Laura am Eingang ab, gingen im Park, der zur Klinik gehörte, spazieren, unterhielten uns ganz gut. Der Anblick von Laura schockierte mich. Sie war sehr schwach, schlacksig, dünn und sah verloren aus. Wie ein Reh, welches soeben aufgescheucht wurde und erstmal wieder zur Orientierung kommen muss.

Was sofort auffiel, war die Sonde, welche in Lauras Gesicht prangte. Vermutlich wehrte Laura sich gegen die Nahrungsaufnahme, weshalb sie nun per Sondennahrung zwangsernährt wurde. Der Anblick machte mich sehr traurig, aber ich war bemüht, mir nicht so viel davon anmerken zu lassen.

Nach dem Spaziergang folgte ein Abstecher in die Cafeteria der Klinik. Laura zögerte etwas, dann aber traute sie sich und bestellte sich einen Kakao und ein Stück Kuchen. Wir saßen gemütlich beisammen, unterhielten uns und aßen unseren Kuchen, tranken Kaffee bzw. Kakao und hatten eine schöne Zeit, bevor Laura wieder zurück auf die Station musste.

Dieser Klinikaufenthalt sollte jedoch nicht von langer Dauer sein, denn dann entließ sie sich auf eigene Verantwortung selbst und war wieder zuhause bei ihren Eltern. Gisela spielte weiterhin alles nur herunter, tat die Anorexie von Laura als Mischung aus Diät und viel Reitsport ab, wollte nichts davon hören, dass Laura dringend Hilfe benötigt.

Schnell bekam meine Cousine die Auswirkungen ihrer Erkrankung in Bezug auf ihre Ausbildung zu spüren. Während der ersten beiden Ausbildungsjahre fehlte sie oft im Unterricht und auf der Arbeit, weshalb sie mit dem Lernstoff schwer hinterherkam, so folgte eine Ehrenrunde auf die Nächste, schlussendlich verdoppelte sich Lauras Ausbildungszeit sich fast. Ihre Chefin war sehr geduldig, einfühlsam und verständnisvoll, das war ein großer Vorteil für Laura, denn so wurde ihr die Ausbildung wesentlich erleichtert.

Nach einiger Zeit wurde meine Cousine in einer Spezialklinik im Süden Bayerns aufgenommen und behandelt. Da die Klinik aber mehrere hundert Kilometer entfernt lag, konnte ich Laura nicht dort besuchen. Stattdessen telefonierten wir ab und zu, schickten uns SMS oder schrieben uns ganz altmodisch Briefe. Anfangs war ich etwas betrübt darüber, dass ich Laura nicht besuchen konnte, jedoch war es rückblickend möglicherweise besser so. Die Zeit verstrich, sie kam wieder mit einem jungen Mann namens Ben in Kontakt, der dort scheinbar ebenfalls Patient war. Die Beiden näherten sich an, es entwickelte sich eine Beziehung zwischen ihnen. Als Laura für ein Wochenende nach Hause durfte, verabredeten wir uns für einen Kinobesuch. Doch überraschenderweise war sie nicht allein, sie hatte Ben im Gepäck. Ich konnte ihn nicht leiden, er strahlte eine gewissen Überheblichkeit und Arroganz aus, mit der ich nicht umzugehen wusste.

Nach einigen Wochen wurde meine Cousine entlassen, sie schien auf dem Weg der Besserung zu sein. Wie lang das anhielt, weiß ich nicht mehr.

 

Es folgt der nächste Schreck

Was ich ebenfalls noch genau weiß, ist, dass sie eines Tages wohl in der Kinderklinik des Landkreises landete, weil ihr Zustand sich rapide verschlechterte. Ich kam von der Schule nach Hause und wurde bei den Hausaufgaben gestört. „Ich habe gute Neuigkeiten für dich!“, platzte meine Mama ins Zimmer. „Ach ja? Und diese Neuigkeiten wären was?“, entgegnete ich ihr etwas gereizt. „Laura ist seit vorgestern in der Kinderklinik und wird dort betreut und aufgepäppelt.“

„Ist das jetzt dein scheiß Ernst, dass du mir das zwei Tage später erst erzählst?“, fauchte ich meine Mutter an.

Einen Moment später mischte sich auch Oma Frieda, die mit im Haus lebte, in das hitzige Gespräch ein. „Gisela hat mich heute angerufen und mir erzählt, dass sie die Laura eingewiesen haben, weil sie sich rigoros gegen Essen gesträubt hat und sich keiner mehr den Zirkus und das Elend anschauen wollte. Die krepiert doch, wenn da nicht endlich mal jemand durchgreift!“, polterte Oma. Stunden später erfuhr ich, dass man meiner Cousine wohl sofort bei Ankunft in der Klinik eine Infusion gelegt hat, damit sie etwas zu Kräften kommt und der Körper wenigstens mit Flüssigkeit und Mineralstoffen versorgt wird.

 

Horrorvorstellungen, Klappe die zweite

Erneut schossen mir Horrorszenarien durch den Kopf, Bilder, wie Laura sich versucht, von den Infusionen, Sonden, etc. zu befreien, es aber nicht schafft und immer wütender wird. Ebenso waren da Bilder, die eine zerbrechliche, junge Frau zeigen, die betrübt im Krankenbett liegt und angewidert und hasserfüllt die Infusionen beäugt, es fallen die Worte „Ich will nicht so fett werden, wie die Anderen es sind. Ich bin doch nicht krank, nur weil ich schlank sein will!“

Urplötzlich wurde ich von einem Geräusch wieder aus meinen Gedanken gerissen und merkte, dass ich wieder im Hier und Jetzt ankam. Meine Fantasie und Gedanken waren erneut mit mir durchgegangen. Das geschieht in letzter Zeit häufiger.

Ein weiteres Szenario aus meiner Gedankenwelt sieht wie folgt aus:

Es ist ein trister Herbsttag. Draußen ist es grau und neblig, es regnet leicht. Laura sitzt in ihrem Krankenzimmer und versucht sich von der Infusionsnadel in ihrem linken Arm zu befreien. Gerade noch rechtzeitig fliegt die Tür auf und eine junge Krankenpflegerin betritt lächelnd das Zimmer. Sie hat ein Tablett in der Hand, auf welchem sich das Mittagessen befindet. „Na na na, was hast du denn da vor? Die Nadel brauchst du noch, wie sollen wir dir denn sonst Infusionen bei Bedarf zuführen?“, fragte die Pflegerin, bevor sie sich vorstellte. Laura brummelte etwas vor sich hin, was zu unverständlich war, um es wiedergeben zu können. „Übrigens bin ich Schwester Belinda, du musst Laura sein. Freut mich, dich kennenzulernen, ich bin neu auf dieser Station zugeteilt worden. Hier ist dein Mittagessen, vegetarisches Gericht.“

„Nein danke, ich habe keinen Hunger, mir reicht das da“, schimpfte Laura und zeigte grimmig auf den Infusionsständer, der neben ihr stand. „Aber Mädchen, du musst doch auch mal selbstständig was zu dir nehmen, dein Körper braucht doch auch mal wieder feste Nahrung.“

Recht viel weiter kam ich mit diesem Tag-Albtraum nicht, denn wieder flog meine Zimmertür auf und meine Mutter platzte (wie immer ohne anzuklopfen) in mein Zimmer.

„Spinnst du? Ich habe mich fast zu Tode erschreckt! Kannst du nicht anklopfen oder rufen?“, schimpfte ich mit Mama. Sie lachte nur und erwiderte: „So schlimm war das ja nun auch wieder nicht. Und leben tust du ja offensichtlich auch noch, also hab dich nicht so. Das Essen ist fertig, kommst du?“ Widerwillig folge ich Mama in die Küche, obwohl ich keinen großen Appetit habe, esse ich zumindest eine Portion Nudeln mit Hackfleischsoße.

Wie es letzten Endes mit Laura weiterging, wie der Behandlungsweg verlief oder wie oft und lange sie noch in Kliniken untergebracht wurde, weiß ich leider nicht. Unser Kontakt schlief Schritt für Schritt ein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aussicht auf ein Happy End?

Was ich erfuhr, ist, dass Laura nach der Ausbildung wegzog, sie wohnte in einem anderen Landkreis, baute sich ihr eigenes Leben auf, es schien ihr besser zu gehen. Leider riss der Kontakt endgültig ab, was ich sehr schade fand, denn meiner Ansicht nach hatten Laura und ich ein gutes Verhältnis zueinander. Phasenweise waren wir wie Schwestern, leider aber nicht immer, denn sie ließ sich für meinen Geschmack zu sehr von Mutter Gisela beeinflussen. Aber gut, so ist das Leben nun mal.

Jedenfalls lernte Laura nun wieder einen jungen Mann namens Jan kennen. Über ihn weiß ich leider nichts, außer seinem Namen, jedoch scheint Jan der Richtige für Laura zu sein. Zuletzt habe ich erfahren, dass Laura und Jan geheiratet haben, sie leben am anderen Ende Deutschlands, vermutlich in der Nähe seiner Familie. Die Beiden sind auch Eltern eines kleinen Sohns namens Stefan geworden.

Seither erscheint es so, als ginge es mit Laure stetig bergauf, sie sieht wesentlich gesünder, fröhlicher und glücklicher aus, wirkt nicht mehr so zerbrechlich. Schlank und schmal sieht sie immer noch aus, aber eben auf eine natürlichere Weise, als es in der Vergangenheit der Fall war.

Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich sehr stolz auf meine Cousine bin, sie hat ihr Leben in den Griff bekommen, viele Hürden überwunden und zahlreiche Herausforderungen geschafft, ich freue mich von ganzem Herzen für sie, dass sie augenscheinlich wieder gesund geworden ist und sich alles zum Guten gewandt hat.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.10.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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