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ZIT 4400

 

Der ZIT 4400

 

Prof. Dr. Karl Walther Goldhammer hatte die Präsentation sehr groß angekündigt. Presse aus aller Herren Länder, jede Menge Fotografen, allerlei Prominente und sogar einige Politiker hatten sich eingefunden, um dem großen Ereignis im besten Hotel der Stadt beiwohnen zu können.

 

Der ZIT 4400 sollte vorgestellt werden. Der Professor räusperte sich kurz und sprach dann in die erwartungsvoll angespannten Gesichter:

 

„Meine sehr verehrten Anwesenden, Frau Oberbürgermeisterin, geehrte Damen und Herren von der Presse. Heute und hier soll der Weltöffentlichkeit mein >ZIT 4400< vorgestellt werden. Es ist der ultimative Zuneigungs-Intensitäts-Tester der neuesten Generation. Ich hatte die Testphase in den Jahren 2021 und 2022 erfolgreich abgeschlossen, und nun, endlich, kann das Gerät in die Serien- Produktion gehen. Lassen Sie mich das Gerät nunmehr enthüllen!“

 

Spricht‘s und hebt den Vorhang. Ein eher kleines, unscheinbar wirkendes Gerät erschien auf einer Präsentations-Scheibe. Optisch wirkte das Gerät wie ein Blutdruckmesser. Es machte nicht viel her. Dem Namen Goldhammer angepasst, war der kleine Tester ganz in Gold gefertigt worden. Applaus.

 

Der Professor deutete mehrere Male, wie ein Magier auf die hübsche Assistentin, mit einer deutlich übertrieben wirkenden, sehr ausladenden Handbewegung, auf seinen ZIT 4400. Dann sagte er, ohne Zweifel sehr stolz:

 

„Dieses Gerät misst in äußerst komplizierter Art und Weise 6 diverse Körperreaktionszeichen. Dies exakt zu übermitteln, dürfte hier eine gute Stunde dauern. Ich möchte Sie alle nicht mit langweilig einwirkenden, nahezu einschläfernden Details überfordern, die rein technischer Natur sind. Daher nur dies: Das Herz, die Haut, einige Nerven, die Transpiration – und möge sie auch noch so gering ausfallen – und die direkten Reaktionen der Hand sind betroffen. Über diese Parameter wird dann die Intensität der Gefühlspalette gemessen. Glauben Sie mir, dies muss hier nicht weiter erläutert werden, lassen Sie uns lieber direkt an einem Test-Pärchen aufzeigen, wie das Gerät funktioniert.

Welches Paar meldet sich freiwillig?“

 

Der Professor schaut in die Runde. Etwas schüchtern meldet sich ein Paar um die 30. „Wie lange sind Sie schon zusammen?“ fragt Goldhammer. Die Frau antwortet: „Wir sind seit letztem Jahr verheiratet, und wir kennen uns seit fast 3 Jahren.“

 

„Nun“, spricht der Wissenschaftler, „dann dürften wir hier ja eine recht heftige Zuneigungsintensität feststellen. Legen wir los.“ Er nimmt das ZIT 4400 und legt es dem männlichen Probanden an. Sehr bedeutsam schaltet er das Gerät ein, es gibt einen kurzen Piepton von sich. „Sehen Sie jetzt Ihre Gattin an. Und nun denken Sie intensiv an Ihre liebe Frau. Verleihen Sie Ihren innersten Gedanken Ausdruck, vermitteln Sie auf telepathischem Weg Ihrer Lebensgefährtin all Ihre Liebe. Starten Sie bitte JETZT! Zuneigung ab!!“

 

Das Gerät blinkt, der Mann hat die Augen geschlossen und wirkt glücklich. Der Professor lässt etwa 3 Minuten verstreichen, dann stoppt er die Aktion. Der Mann sieht seine Frau an und lächelt. Auch sie lächelt. Sie ist sich seiner Liebe sehr sicher. Der Wissenschaftler liest vom Display ab und dann verkündet er laut: „Eine Intensität von 84 %. Das ist sehr, sehr ordentlich. Der Honeymoon ist zwar vorbei, aber alles über 80 %, das zeigte meine Testreihe in 2 Jahren, ist nachhaltig positiv.“ Die Frau ist‘s zufrieden, strahlt aber nicht. Dann ist sie an der Reihe. Das Gerät zeigte imposante 93 %. Die junge Gattin warf dem Ehemann einen Blick zu, der wohl besagen sollte: „So sollte es auch bei dir aussehen, Bursche!“ Dabei lief im Hintergrund der Song von den Bee Gees: How deep is your love.

 

Ein Pressevertreter rief: „Ihre werte Gemahlin ist ja auch anwesend, Herr Professor. Wollen Sie uns nicht einmal Ihre persönlichen Werte offenbaren? Ein Selbstversuch, was meinen Sie?“

 

Die Ehefrau des Professors betrat sofort die Bühne, umarmte ihren Gatten, und setzte sich, ziemlich forsch und auffordernd, an den Tisch mit den beiden Stühlen. „Nun denn, warum eigentlich nicht?“ Goldhammer hatte durchaus nichts dagegen. Das Ehepaar war im 17. Jahr verheiratet. Eine Routine hatte sich zwar eingeschlichen, aber man war sich herzlich zugetan.

 

Die Ehefrau wurde zuerst getestet. Das Ergebnis konnte sich, nach über 16 Jahren Ehe, sehen lassen und wurde mit lang anhaltendem Applaus bedacht: 79 %. Nun streifte der Professor den Messfinger über und schaltete das Gerät ein. Nach 3 Minuten dann das Ergebnis: 14 %. Hochroten Kopfes hatte der Wissenschaftler den Messfinger abgestreift und das Gerät ausgeschaltet. Er stotterte: „In dieser Häufigkeit darf das Gerät nicht genutzt werden, ich meine, hintereinander. Es braucht eine gewisse Pause nach jeder Messung. Das letzte Ergebnis ist nicht aussagekräftig. Das ist so nicht stimmig…“

 

Der Pressemensch rief: „Wenn es nach dem 4. Test bereits versagt, ist es aber nicht viel wert!“ Die Gattin des Herrn Goldhammer fixierte ihren Mann mit einem Blick, den man kaum in Worte zu kleiden wüsste. Sie sagte keinen Ton, stand aber, deutlich indigniert, abrupt auf und verließ dann die Bühne. Der Professor sah ihr entsetzt hinterher, stammelte dann, in Richtung Presse: „Dies ist ein hochsensibles Mess-Gerät. Da kann es durchaus zu gewissen kleineren Schwankungen kommen, wenn es zu häufig hintereinander genutzt wird. Ich hatte vergessen zu erwähnen, dass es nach jeder Messung gute 20 Minuten Pause braucht, um sich zu stabilisieren. Das ist wie bei einer erlesenen Weinverkostung. Da braucht es auch eine Pause nach jeder Verkostung, mittels Käsehappen. Diese Pause hatten wir jedoch überhaupt nicht eingehalten…“ Er ruderte wild mit den Armen.

 

Es wurde gebuht und gepfiffen. Unter den Buh-Rufern auch die Gattin des Professors. Letztlich baute der Wissenschaftler den Präsentationstisch ab und entfloh in Richtung seines Autos. Ohne seine Ehefrau mitzunehmen, flüchtete er in überhöhter Geschwindigkeit – und wurde prompt auch noch geblitzt. Die Versammlung löste sich alsbald auf. Die Diskussionen zeigten eine deutliche und klare Tendenz: Das Gerät sorgt bei unsicherer Gefühlslage für sehr viel Krach unter den Pärchen. Wer wollte sich da schon testen lassen? Lieber Gefühle vorspielen und munter sorglos weiterleben, aber bloß keinen ZIT 4400-Zoff! Die Ehe der Goldhammers wurde im Herbst 2023 geschieden. Der ZIT 4400 wurde allerdings nie auf den Markt gebracht und geriet alsbald in Vergessenheit. Heute verstaubt er in der Garage des geschiedenen, allein lebenden Professors.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.10.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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