Steffen Herrmann

Touristen und andere Toubabs

Es war ein heisser Nachmittag, die Sonne stand fast senkrecht vom Himmel und brannte mit voller Kraft. Mit der Arbeit war ich fertig, unser Kind schlief. Es war nichts zu tun. Ich entschloss mich, zum Strand zu gehen, im milden Wasser des Atlantik ein Bad zu nehmen, seine mächtigen Wellen zu geniessen. Vielleicht ein Bier trinken.

Unterwegs wurde ich angesprochen. Von einem nicht mehr so jungen Mann, der am Strassenrand herumlungerte. Ein Rastamann.

«Hallo mein Freund» rief er mir zu und fand sich neben mir ein.

Er hatte mich als Tubab identifiziert, als eine Geldbörse auf Beinen. Ich bereitete mich auf eine Lehrstunde vor und begrüsste ihn ebenfalls.

Er fragte mich, wohin ich wolle. Ich meinte, dass ich zum Strand ginge.

«Oh, da haben wir dieselbe Richtung.» entgegnete er. «Ich wohne da in der Nähe und muss etwas zu meiner Frau bringen.»

Wir liefen also nebeneinander her und unterhielten uns. Ich erzählte ihm, dass ich mit meiner Frau und unserem zweijährigen Kind für zwei Monate in Gambia lebte. Er erzählte mir, dass er erst seit ein paar Monaten hier war, das Leben sei nicht einfach, aber es gefiel ihm.

Schliesslich kamen wir an seinem Haus an. Er sagte, dass er zweihundert Dalasi holen würde, weil er noch Fisch und Brot kaufen müsse. Ich wartete draussen. Er kam rasch zurück und meinte, dass seine Frau gerade weggegangen wäre und fragte mich, ob ich ihm das Geld für den Einkauf borgen könnte. Wenn wir zurückkehrten, würde er es mir zurückgeben. Ich gab ihm zweihundert Dalasi.

«Dreihundert», sagte er. Also legte ich noch hundert drauf.

Das Geld schrieb ich ab, natürlich. Wir gingen zum Strand, ich vertraute ihm meine Schuhe, mein T-Shirt und mein Portemonnaie an, während ich baden ging.

Bald danach trennten wir uns. Er wollte zum Fischmarkt, ich nach Hause. Er versprach mir sehr lebhaft, dass er sich seiner Schulden wohl bewusst sei und sie mir bei der nächsten Gelegenheit zurückzahlen würde. Natürlich.

Schon am nächsten Tag begegnete ich ihm wieder. Er kam direkt auf mich zu.

«Ich habe es nicht vergessen» begrüsste er mich. «Komm, ich will meine Schulden begleichen». Ich war überrascht.

Er meinte, dass er das Geld in einem kleinen Laden habe, der auf meinem Heimweg liegen würde. Dort angekommen, fragte er mich, ob ich ihm zweihundert Dalasi zum Wechseln geben könne. Das war eine seltsame Anfrage, aber ich gab ihm das Geld. Als er wieder herauskam, meinte er, dass er einem Kollegen begegnet sei, dem er etwas schuldete. Aber wir könnten zu ihm nach Hause gehen, wo er mir das Geld zurückzahlen würde.

Ich lehnte ab. «Das nächste Mal», sagte ich.

Ich war beeindruckt von diesem Rastamann. Mit welcher Leichtigkeit, ja fast Eleganz er Lüge auf Lüge schichten konnte, ohne dabei die geringste Verlegenheit zu empfinden! Ich konnte nicht mal sagen, ob er wirklich eine Frau hier hatte, ob wir gestern tatsächlich an seinem Haus gewesen waren. Ich hatte fünfhundert Dalasi (etwa acht Euro) in diese Lektion investiert und beschloss, dass es nun genug war.

Einige Tage später traf ich ihn erneut. Er sah erbarmenswürdig aus. Einen Arm hatte er vor dem Bauch gebunden, sein Gesicht war blutverkrustet. Er humpelte. Wir begrüssten uns. Er erzählte mir, was passiert war. Er sass auf dem Rücksitz eines Motorrads, das beim Überqueren einer Kreuzung von einem Auto erfasst worden war. Es war ein schlimmer Unfall, sein Arm war gebrochen und er hatte schreckliche Schmerzen. 

Nachdem ich mir seine Geschichte angehört hatte, verabschiedete ich mich und machte mich auf den Heimweg.

«Warte» rief er. «Ich muss auch in diese Richtung. Ich will in die Apotheke, ein paar Medikamente kaufen».  Als wir an der Apotheke vorbeikamen, verabschiedete ich mich wieder, woraufhin er mich wie erwartet um Geld bat.

Ich sagte, dass ich keines dabeihätte, was nicht stimmte. Wir trennten uns.

 

Gambia ist ein Land mit einer gewissen touristischen Infrastruktur und wird jedes Jahr von mehr als hunderttausend Europäern besucht. Das ist nicht besonders viel, aber auch keine zu vernachlässigende Zahl.

Das touristische Zentrum des Landes ist das Senegambia, ein weitläufiger Hotelkomplex mit vielen bungalowartigen Häusern, muschelverzierten Sandwegen, Bäumen, auf denen Affen spielen, einer grossen Strandbar mit Pool und einem Restaurant. Elegant gekleidete Kellner bewegen sich diskret in diesem Reich und erfüllen jeden Wunsch. Urlauber dösen auf den Liegestühlen, viele lesen etwas, manche lassen sich bloss von der Sonne bescheinen.

Man kann hier also einen komfortablen Urlaub verbringen, in grösster Entspanntheit. Viele, die hier landen, verlassen diese Zone kaum einmal. Geht man hinaus, wird es laut und dreckig. Den meisten gefällt das nicht und nach kurzen Ausflügen in die Umwelt ziehen sie es vor, dort zu bleiben, wo es schön ist. Dagegen ist natürlich nichts zu sagen, ausser dass man dabei nicht wirklich in Gambia war. Bei dieser Art von Strandurlaub in einem Hotelkomplex sind die Reiseziele ja weitgehend austauschbar.

Natürlich gibt es auch Touristen mit anderen Ansprüchen. So ist Gambia etwa ein Pendant zu Destinationen wie Thailand. Es gibt hier eine erhebliche Zahl von alleinreisenden reiferen Frauen. Man trifft sie händchenhaltend mit auffallend gutaussehenden jungen muskulösen Männern am Strand, auf den Strassen, in den Bars.

 

Für uns Toubabs gibt es hier also grob gesagt drei Ebenen, auf denen wir uns aufhalten können. Die oberste besteht in den erwähnten Zentren des Tourismus. Wer dort bleibt, wird später sagen, dass er «in Gambia Urlaub gemacht» hat, aber sonst nicht viel erzählen zu haben, ausser «wie arm sie dort sind».

Wer diese Zone des Komforts verlässt, kommt oft in einen Bereich, der etwas ungemütlich ist. Man kann sich dann leicht gejagt, übervorteilt, ausgenutzt vorkommen. Während einer meiner ersten Weisen stand ich einmal an einer Kreuzung in Banjul, weil ich auf meine Frau warten musste, die etwas kaufen wollte. Als ich da so unschlüssig dastand, sind innerhalb von wenigen Minuten mehrere Männer auf mich zugekommen: Einer wollte Zigaretten verkaufen, der zweite meine Schuhe putzen, der dritte Geld für mich wechseln. Es war mir unangenehm.

Diejenigen, die sich in diese Zone der Konfrontation mit dem lokalen Leben wagen, gelangen zu einem komplexeren Bild, häufig aber zu einem negativen. Es sind dann diejenigen, die sagen: «Nie wieder in dieses Land!»

Bleibt noch die dritte Ebene. Das ist die des wirklichen Lebens. Wer in der Community selbst lebt, zwar nicht wie und mit den Einheimischen, aber bei ihnen, der erfährt einen tiefen Frieden. Dann hörst du den Esel und die Hühner vor dem Haus, du siehst die Kinder spielen und wirst wahrgenommen wie jemand, der dazugehört. Natürlich hast du einen grösseren Komfort (denn du hast Geld), du kannst Taxis nehmen, dir Essen kochen und deine Wäsche waschen lassen. Aber du bist kein Fremdkörper mehr. Du bleibst ein Toubab, ein Ausländer, natürlich.

Ein erfahrener Reisender wird also sehen, dass er seine Basis auf dieser Ebene hat.

 

Wir haben ein Gästehaus mit mehreren Wohnungen und auch einzelnen Zimmern, die aber meistens von Mietern bewohnt werden. Europäer kommen nur selten, schon weil wir nicht zur touristischen Infrastruktur gehören.

Dieses Jahr allerdings fand Jeff zu uns, ein übergewichtiger Engländer in den Sechszigern. Er liess sich alles zeigen und entschied sich dann für die billigste Wohnung zwischen dem Lebensmittelladen und der Aussentoilette. Er bezahlte im Voraus drei Monate und machte es sich dann gemütlich.

Es gefiel ihm offenbar sehr gut. Wir sahen ihn nur wenig. Er ging am späten Vormittag aus dem Haus und kehrte erst in der Nacht zurück.  Meist wurde er in einem lokalen Taxi zurückgebracht, sein Fahrer begleitete ihn jeweils bis zum Haus, wechselte ein paar Worte mit ihm und ging dann.

Einmal (nur einmal!) unterhielt ich mich mit ihm. Ich eröffnete das Gespräch, indem ich ihm sagte, dass er hier einen sehr beschäftigten Eindruck mache.

«Oh ja», gab er zurück «Beach!»

Er verbrachte seine Tage am Strand und genoss so sein Dasein als Rentner. Er sagte mir, dass es ihm bei uns sehr gut gefiele. Vor allem die Kinder, die überall spielten.

Man kann also ein ungestörtes, einfaches und entspanntes Leben inmitten der afrikanischen Gemeinschaft führen.

 

Was aber nicht heisst, dass man nicht beobachtet wird.

An einem Sonntag war mir langweilig und ich entschied mich, eine Wanderung zu machen. Ich wollte immerzu in eine Richtung gehen und dabei sehen, wohin ich kam. Ich schaute auf Google-Maps und sah, dass einige Kilometer von uns entfernt ein Wald eingezeichnet war. Da wollte ich hin. Ich war allerdings nicht sicher, ob ich auch reingehen würde, Gerüchten zufolge hausten dort Banditen.

Jedenfalls lief ich ziemlich lange, es kamen immer neue Wohngegenden, wobei es immer dörflicher wurde. Ein Wald kam allerdings nicht. Ich war schon ziemlich weit an der Peripherie angekommen, Kinder spielten überall.

Jemand rief «John!» ich schaute mich um, nichts Spezielles. Mehrere Male wurde noch nach «John» gerufen, von Kindern.

Dann eine laute Männerstimme: «Hey!». Ich wandte mich um, ein junger Mann kam auf mich zu.

«Wo willst du hin?»

Ich sagte dass hier irgendwo ein Wald sein müsse und ich dahin wollte.

«Hier ist kein Wald.» sagte der Mann und erklärte dann, wo sich die nächsten Wälder befinden würden. Kilometer weit weg.

«Was willst du da?» fragte er.

Ich wusste nichts Richtiges darauf zu antworten. Er lud mich zu sich ein, ich folgte ihm.

Wir gingen in einen Hof, er zeigte auf den Stuhl, auf den ich mich setzen konnte. Zwei Frauen waren draussen und kochten, ein junger Mann sass auf einem Holzstuhl und kochte Tee, Kinder waren auch da. Ich fragte, wo ich hier war.

«Hier ist California» sagte mein neuer Freund. Ich fand den Namen ein bisschen komisch. Dann erwähnte ich, dass hier ein paarmal nach «John» gerufen wurde.

«Ach ja, sie dachten, du bist John. John ist ein Engländer, der hier lebt.»

Sie boten mir von dem Tee an, gaben mir Orangen und Mandarinen. Ich wollte wissen, wovon sie hier in der Gegend lebten. Viele hatten kleine Gärten oder betrieben anderweitig Landwirtschaft, einige waren Fischer, andere gingen in die benachbarten Städte und bauten Häuser.

Es war ein angenehmes Gespräch.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.10.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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