Bernd Behrendt

Der Ruf der Lerche

Es war einmal ein alter Mann, dessen Zeit zur Ewigkeit nahte. Er ahnte das zwar, aber es störte ihn nicht. Zu schön war sein Leben. Jede Sekunde hatte er genossen und fürchtete sich nicht davor die Augen für immer zu schließen. Es gab nur wenig, was ihn sein Leben hat missen lassen, so dankte er seinem Herrgott und wartete auf seine leise Abberufung. In den letzten zehn Jahren nach dem frühen Tod seiner Frau und dem schlimmen Autounfall seiner Tochter hatte er sich angewöhnt die erste Stunde jeden Morgens in den nahen Wald zu gehen. Allerdings tat er das nur vom Frühling bis Herbst. Im Winter ging er nur selten nach draußen und besuchte entweder im Krankenhaus seine im Wachkoma liegende Tochter oder verbrachte die Zeit lieber am heimischen Herd, abends am Kaminfeuer, wo er Bücher über Vögel studierte. Früher hatte er für Vögel nicht sehr viel übrig, jedoch seine Tochter. Diese mochte schon als kleines Kind sämtliche Vogelarten und konnte die meisten Vögel sogar im Gesang imitieren. Mehr und mehr hatte er sich in den letzten Jahren mit der Vogelwelt beschäftigt, weil er in ihnen ein Leben in totaler Freiheit und gleichzeitig das völlige Loslösen von Zwängen da oben am Himmel sah. Und noch einen Grund gab es. Seine Tochter, die seit Jahren nicht aus der tiefen Bewusstlosigkeit erwacht war. Sie liebte die Vögel, beherrschte den Gesang aller Singvögel, so versuchte er schon lange Zeit es ihr nachzutun. Er lernte den Gesang vieler Vogelarten und pfiff sein Können regelmäßig der Tochter im Krankenzimmer vor. Aber die Hoffnung, dass sie von seinem Vogelgesang erwachen könnte, erfüllte sich nicht. Bald beherrschte er das Tirilieren von allen Singvögeln.

Aller? – Nein, eine Spezies vermochte er trotz vieler Versuche nicht nachzuahmen. Er hörte sie jeden Morgen bei seinen Spaziergängen in der Frühe, denn sein Weg war stets derselbe und bestand aus einem schmalen Pfad über ein Wiesenfeld, der schließlich direkt am Waldrand endete. Als er an diesem Tag gerade wieder den Waldesrand erreicht hatte, sah er sie steil aufsteigen, hörte dabei ihren unverkennbaren und ununterbrochenen Gesang unter schnellen Flügelschlägen. Er schaute ihr in die Lüfte hoch nach und seufzte lang.

Ja, ich kann die Amsel nachahmen, die Drossel, den Fink und den Star. Mir gelingt es viele Vögel haargenau zu imitieren, aber diese wunderschöne Melodie der Feldlerche dort mit diesem rhythmischen Trillern, die vermag ich nicht zu kopieren. Fast schwermütig blickte er ihr nach, bis sie seinen Augen entschwand. Er ließ sich am Stamm einer Buche nieder und setzte sich auf eine ihrer weit am Boden austragenden Wurzel. Dabei erinnerte er sich an die Zeit mit Bobby, seinem wachsamen und ganz treuen Hütehund, der vor einigen Jahren verstorben war. Damals besaß er eine Trillerpfeife, die, wenn man sie ganz geschickt blies, einen melodischen Pfeifton produzierte. Den kannte seinen Hund. War er weiter entfernt und drang der Ton an sein Ohr, kam er sofort zu ihm zurück. Doch eines Tages entschwand Bobby so einfach und rannte weit weg über die Wiese. Des Rätsels Lösung war einfach, aber dennoch kaum glaubhaft. Die Lerche hatte perfekt den Pfeifton imitiert und seinen Hund Bobby förmlich an der Nase herum und verwirrt in die Wiesen geführt.

Plötzlich hörte er wieder den Gesang dieser Feldlerche, sämtliches Schwermütige ließ von ihm ab. Es wuchsen Kräfte in ihm und es schien, als hätte er ein Glas Heilwasser aus einem märchenhaften Jungbrunnen getrunken. Diesen Zustand von einem Insichgehen erlebte er oft, dann genoss er das freie und unberührte Leben in den lieblichen Wäldern. Die Natur liebte offensichtlich den Ruf der Lerchen, denn immer, wenn er sich zur Ruhe unter seinem Baum niederließ, präsentierte sie ihm in der Umgebung eine optische und akustische Glückseligkeit.

Diesmal jedoch nicht! Im Gegenteil, um ihn herum schien jeder Laut erloschen zu sein. Deshalb erschrak er und ließ seine Seele nicht wie sonst befreit baumeln. Er bemerkte angespannt, dass sich direkt auf dem Boden vor seinen Füßen zwischen Sand und Wiese etwas bewegte. Es war die Feldlerche. Er erblickte sie nur aufgrund ihrer Bewegungen, denn ihre Gefiederfärbung tarnte sie im unbewegten Zustand gewöhnlich sehr gut, weil die Oberseite ihrer Federn der Bodenfarbe entsprach. Als er aufzustehen versuchte, um sich dem Vogel zu nähern, lief die Lerche gleichmäßig ohne jedes Hüpfen zur Seite. Während des Laufens legte sich ein Sternenband um den Vogelkörper, es umschloss ihn völlig. Er hielt neugierig die Augen auf, ihm war aber nicht klar, was gerade mit der Lerche geschah. So erkannte er, wie sich der Vogel in eine hübsche, junge rothaarige Frau mit hellgrünen Augen verwandelte. Ihre Kleidung, ein knöchellanges Kleid, war einfach und drückte nichts an Großartigem aus, denn es trug die einfache Musterung des Gefieders der Lerche. Erstaunt und entzückt zugleich sprach er sie an und bat darum mit ihr spazieren zu gehen.

Er wusste nicht genau, warum er diese Bitte ausgesprochen hatte, seine Worte drangen so einfach aus ihm heraus. Er fragte sie nach ihrem Namen, worauf ihre Antwort lautete, er solle sie einfach ‚Lerche‘ nennen. Sodann stimmte sie seinem Wunsche zum Spaziergang zu und ging ein paar Schritte voraus. Als er sich erhoben, ihr langsam gefolgt und sie eingeholt hatte, drehte sie ihr Gesicht zu ihm hin. Sofort spürte er behagliche Wärme, welche tief in die Adern seines Körpers vordrang. Als sie die Weggabelung erreichten, wollte er die Richtung in den Wald einschlagen. Aber sie lehnte ab, da sie als Lerche immer einen Wald mied. Dabei beklagte sie sich, dass die menschliche Landwirtschaft der letzten Jahre riesige Maisfelder errichtet habe, die ihr den Lebensraum nehmen. Für sie ist dieser hohe Mais wie ein großer Wald, den sie fürchtete. Das verstand er. Sie teilte ihm traurig mit, dass viele ihrer Artgenossen auf dieselbe Art starben wie die Wildkräuter auf dem Feld. Irgendetwas würden die Menschen auf den Boden spritzen, was ihr die Luft zum Leben nimmt. Riesige Äcker würden die Menschen mit einem seltsamen Schlamm belegen, klagte sie und er wusste, sie meinte die Gülle. Viele von uns leben oft in Städten, an Flughäfen oder Bahnhöfen, statt in der grünen Natur. Das verstand er auch. Er kannte das alles und konnte trotzdem nur die Schultern zucken, denn etwas zu ändern vermochte er nicht. Sie unterhielten sich noch längere Zeit über die Natur in seiner umgebenden Heimat, bis er ihr schließlich von seiner Tochter im Krankenhaus und deren Liebe zu den Vogelarten erzählte. Sie hörte ihm genau zu als er berichtete, wie er seiner Tochter den imitierten Vogelgesang in der Hoffnung ihres Erwachens beim Hören vortrug. Das schien sie zu interessieren. Als sie dann vernahm, dass er ihren Gesang nicht vorzutragen imstande sei, sah sie ihn ernst an und löste sich wieder in einem Sternenband auf. Er schaute sich um und stellte gleichzeitig fest, dass er noch immer unter der Buche saß und nie aufgestanden war. Ein Traum? Und so realistisch?

Vor ihm, allerdings nunmehr einige Meter weiter, hockte noch immer diese Lerche auf dem Feldboden. Sie war offensichtlich nicht ängstlich und pickte friedlich in den Boden. Plötzlich hob sie ihren Kopf und öffnete ihre Flügel. Steil schoss sie in die Höhe. Er hörte ihren lieblichen Gesang. Fortan kam er jeden Morgen zu dieser Buche und setzte sich unter das Blätterkleid auf die Wurzelstämme. Die Lerche kam jeden Tag in der Frühe und landete auf dem Boden. Sie sah ihn erst an und startete dann ihren Steilflug, wobei sie nach Erreichen einer gewissen Höhe in einen kreisenden, singenden Schauflug überging und längere Zeit ohne Veränderung von Flügelschlag oder Gesang auf gleicher Höhe verharrte. Er war der Ansicht, sie schaute zu ihm hinab. Das geschah monatelang und immer summte er beim Heimweg vor sich hin, was er am frühen Morgen mit der wunderschönen Melodie der Lerche hatte singen gehört. Sein Trillern wurde mit jedem Tag besser.

Eines Tages war es soweit. Er beherrschte erstmals den Gesang dieser Lerche. Als er sie in der Frühe erblickte und sie auf dem Boden landete, erhob er selbst zum ersten Mal den Gesang. Diesmal startete sie nicht gleich, blickte ihn nur an und schien ihm zuzuhören. Als er seine Melodie beendet hatte und seine Augen schloss, wurde es still um ihn herum. Er sah sie nicht, hörte aber diesen Lerchenruf. Er wusste nicht, ob es der seinige oder der ihrige war. Noch am selben Tag trug er diesen Gesang vor den Ohren seiner im Koma liegenden Tochter im Krankenzimmer vor. Es klang wunderschön.

Knapp ein Jahr später starb er friedlich zu Hause und wurde zu Grabe getragen. Nach den Worten des Pfarrers erschall das wunderschöne Tirilieren der Lerche, als der Sarg in die Grube gelassen wurde. Es war der Gesang seiner am Grab stehenden Tochter, die ihm die Melodie der Lerche in die Ewigkeit mitgab.

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