Heinrich Baumgarten

Koma

The Windmills Of Your Mind

Er konnte sich nicht mehr entsinnen, wann es begonnen hatte. Warum es angefangen hatte, daß er – wie ihm bewußt war, 45 Jahre alt – sich verjüngte. Nur körperlich, wie er verwundert feststellte. Er wurde gleichsam ein Herabwachsender mit der Lebenserfahrung eines Mannes im besten Alter. Beredt, weltgewandt, eine sympathische Erscheinung, elegant gekleidet, im Besitz eines teuren Automobils, das er gerade in der Tiefgarage eines Hotels geparkt hatte.
Er stieg aus und registrierte, daß der Stellplatz mit dem Nummernschild seines Fahrzeugs gekennzeichnet und offenbar für ihn bestimmt und reserviert war. Er wußte plötzlich eigentlich gar nichts mehr über sich und von seiner seltsamen Verjüngungsvorstellung.
Er folgte den Piktogrammen zur Lobby des „City-Hotel“, wie er einem Logo entnahm, wurde vom diensthabenden Portier freundlich begrüßt und erhielt einen Zimmerschlüssel, dessen Messingschild die Nummer 231 zeigte.
„Ich hoffe, Sie hatten einen erfolgreichen Tag, Herr Gerster!“ sagte der Portier.
Gerster! dachte der Angesprochene und wußte mit diesem Namen nichts anzufangen. Gerster? Gerster… War das sein Name? Er wußte es nicht. Er kannte weder diesen, noch einen anderen Namen, der seiner hätte sein sollen.
„Danke, ja…“, sagte er gedankenverloren, schaute dem Portier aufs Namensschild und fügte hinzu „Lothar“. Er war sicher, den Mann nie vorher gesehen zu haben, doch der kannte ihn offenbar gut, behandelte ihn wie einen Stammgast.
Mit einem leichten Druck hinter den Schläfen bewegte er sich auf die Fahrstuhltür zu, drückte in der Kabine die 2, stieg kurz darauf im zweiten Stock aus und sah sich gegenüber dem Zimmer 228.
229, 230, 231.
231, die Tür zu seinem Schlüssel.
Er öffnete und betrat das Zimmer, das geräumig und aufwendig möbliert war.
Linkerhand befand sich ein großes Doppelbett, ein Tisch mit drei Ledersesseln stand vor einem Fenster mit Tür zum Balkon, die in Kippstellung eingerastet war. Straßenlärm drang ungedämpft herein.
Er öffnete die linke Tür des großen Wandschranks neben dem Bett und fand darin, sauber aufgehängt, eine Reihe teurer Maßanzüge, auf den Borden lagen, sorgfältig übereinander geschichtet, etliche Hemden, Unterwäsche, unten auf dem letzten Regal befanden sich fünf Paar neuer Schuhe.

Er öffnete eine große Reisetasche, die daneben stand, entnahm ihr eine Dokumentenmappe mit Ausweispapieren eines Martin Gerster.
Er schaute, mit dem Reisepaß in der Hand, in den Spiegel über dem Waschbecken im Bad und fand sein Gesicht.
                                                                    II


„Ich war schon mal bei Ihnen?“ Martin Gerster schaute Dr. Schmelte verwirrt an.
„Vor - lassen Sie mich nachschauen - genau einem halben Jahr“, entgegnete der Neurologe und Facharzt für Psychiatrie. „Sie suchten mich auf, weil Sie glaubten, körperliche Veränderungen an sich festzustellen. Sie hatten das Gefühl, sich zu verjüngen. Aber das wissen Sie ja. Wie ist es Ihnen inzwischen ergangen?“
„Ich weiß es nicht. Ich weiß überhaupt nichts mehr. Nicht, wer ich bin, daß ich jemals bei Ihnen war, was ich getan, gemacht habe. Ich fand Ihre Adresse im Organizer eines Martin Gerster, der ich offenbar bin. Nach dem Portier des Hotels, das ich offenbar dauerhaft bewohne, sind Sie der zweite, der mich mit diesem Namen anredet. Ich habe einen Dauer-Stellplatz in der Tiefgarage, an dem meine Autonummer prangt. Ich besitze anscheinend eine Reihe teurer Maßanzüge, Schuhe, eine Reisetasche mit verschiedenen Dokumenten auf diesen Namen, einige Kreditkarten sowie eine ansehnliche Summe Bargeld. Offenbar geht es Martin Gerster nicht schlecht. Aber ich fühle mich nicht gut.“
Dr. Schmelte blickte aus dem Fenster, dann seinem wieder aufgetauchten Patienten ins Gesicht.
„Sie verblüffen mich“, sagte er dann. „Schon bei Ihrem ersten Besuch wurde ich das Gefühl nicht los, daß mit Ihnen etwas ganz und gar nicht stimmte. Die Schilderung Ihrer Vorstellung, physisch zu verjüngen, war für mich etwas völlig Neues. Da Sie nun behaupten, sich an nichts erinnern zu können, wiederhole ich gerne, was ich Ihnen damals aus meiner fachlichen Erfahrung und Sicht dazu sagte. Es gibt in wenigen Fällen die sogenannte Progerie, vorzeitiges Altern, ein Krankheitsbild, das Zehnjährige schon wie Greise aussehen läßt.
Die Forschung ist noch weit von der Klärung der Umstände entfernt, die diese üble Laune der Natur auslösen. Aber der gegenteilige Fall, eine physische Verjüngung, ist weder mir bekannt, noch in der Fachliteratur irgendwann erwähnt worden. Wohlgemerkt, ich spreche nicht von frühzeitigem geistigem Verfall wie etwa Dementia praecox, Alzheimer oder Creutzfeld-Jacob-Syndrom. Sie werden verstehen, daß ich damals ein wenig ratlos war, als Sie beharrlich ignorierten, was ich Ihnen zu erklären versuchte.“
Gerster zuckte mit den Schultern, fixierte einen imaginären Punkt an der gegenüberliegenden Wand und begann, laut zu denken. „Ich weiß nichts über meine Vergangenheit, kann mir daher auch die Gegenwart nicht erklären. Ich habe eine Mischung aus farbigen Bildern und Tönen im Kopf, die nach Synchronisation schreit. Gelegentlich glaube ich, etwas Stimmigkeit zu erleben – etwas wie eine Dia-Schau, die nur ein einziges Bild zeigt. Ein kleiner, gesichtsloser Junge steht im Mittelpunkt einer Welle aus Wasser und hellem Licht vor einem Baum mit grünen Blättern und schaut augenlos auf einen bewaldeten Horizont, als warte er auf etwas. Dazu kommen mir Wort- und Klangfetzen in den Sinn. Sie stammen aus meinem Lieblings-Song. Ich habe den Titel vergessen, ich erinnere mich an keine Zeile, kein Motiv. Ich weiß das Lied, weiß, das es von Rundem erzählt, von Wiederkehr, Verlassen, Erinnerung, Traum, Raum und Zeit, die nicht meßbar ist, aber unermeßlich wirkt – ohne Dauer, ohne Anfang oder Ende. Ich…“


                                                                  III

„Herr Gruber! Herr Gruber! Sie sind wieder bei uns. Sie haben es geschafft! Nach drei Wochen im Koma haben Sie sich fürs Leben entschieden!“  


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.10.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Wenn erst ein laues Lüftchen weht,
das sich naturgemäß dann dreht
und schnelle ganz geschwind,
aus diesem Lüftchen wird ein Wind,
der schließlich dann zum Sturme wird,
und gefahren in sich birgt-
Dann steht der Mensch als Kreatur,
vor den Gewalten der Natur.
Der Mensch wird vielleicht etwas klüger,
seinem Sturmwind gegenüber.


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