Thomas Klassen

Höhepunkt einer Invasion

Höhepunkt einer Invasion

von ThKl


 

Myriam hörte eigenartige Geräusche. Es war dunkel. Zumindest konnte sie nichts sehen. Naja, soweit OK, sie erinnerte sich, sich wegen Migräne ihre Kabine absolut abgedunkelt zu haben, als sie sich hinlegte.

„Schiff!“ rief sie, aber nichts passierte. „Hey, Schiff, hör auf mit dem Quatsch, mach das Licht an!“

Sie überlegte. Sie kam gerade von einem Update ihrer Implantate, inclusive einer leistungsfähigen neuralen KI und war gerade auf dem Weg in eine kürzlich entdeckte Kolonie am hintersten Winkel der Milchstraße, weitab des kartierten Raums. Eins der ersten Kolonieprojekte, verloren und über 250 Jahre abgeschnitten vom Rest der Menschheit. Ein Freund hatte die kleine Kolonie zufällig entdeckt, und sie wollte mal hinfliegen um sich dort umzusehen und die Leute vor den Schmeißfliegen großer Konzerne warnen. Naja, und ihren eigenen guten Schnitt dabei machen, natürlich. „Streng genommen gilt die Schutzregel ja nicht, es sind ja Menschen.“ dachte sie sich.

Sie flog ins System ein und flog einen Taucher durch den nächsten Gasriesen, um ihre Tanks zu füllen. Ihre Schirme fluktuierten untypisch, hielten aber. Und sie bekam eine handfeste Migräne, die auch ihre KI nicht wegregulieren konnte. „Irgendwann lese ich die Bedienungsanleitung doch noch.“ dachte sie bei sich. Dann legte sie sich hin.

Sie vernahm nur unartikulierte, dumpfe Laute. Aufsetzen… geht nicht?! Sie war irgendwie gefesselt, und auch wieder nicht. Dann kam sie auf die Idee, ihre Retinaimplantate voll zu aktivieren, mit voller erweiterter Empfindlichkeit. Und im Rande der Wahrnehmungsfähigkeit, also jenseits der 1,5µm Wellenlängen, konnte sie Schemen wahrnehmen. Unscharf, mit Rauschen und geringer Auflösung. Ihre organische KI formte ein Falschfarbenbild.

Und dann kamen die ersten Worte aus der Translatorroutinen. Nur Bruchstücke, aber das würde irgendwann besser. „Untersuchung“, „Nervensignale“ „Nicht…Konzept…“

Vorsorglich versetzte sie alle ihre Abwehr-Implantate in Alarmbereitschaft, ließ deren Hauptfunktionen aber noch deaktiviert. Sie waren so fast nicht auffindbar.

Sie machte einen Selbstcheck, aber alles war OK, nur fühlte sie sich ein wenig wie in Watte. Sie hatte einen Traum, das war auch das Ergebnis ihrer KI-Analyse. Also beschloss sie, diesen ungewöhnlich intensiven Traum aktiv zu erleben und begann, drauflos zu reden.

Sie erwachte wieder, saß dabei an einem Tisch, ihr gegenüber ein irgendwie schräg aussehender Typ, der vorsichtig ihre Hand hielt. „Na, wieder da?“

Myriam blickte sich verwirrt um.

Wahrscheinlichkeit für ein neues Kapitel in dem Traum: 79% gab ihre KI an.

Sie blinzelte irritiert und zog ihre Hand weg. „War war das denn, wo bin ich hier?“ fragte sie.

„… in einem Restaurant?“ kam die Antwort.

Drei Fragen weiter wurde es wieder dunkel um sie.

Aufwachen. Sie war nackt, und lag neben einem Mann. Einen Augenblick dachte sie an ihren Traum, hob die Decke, und… nee, der hier sah in Ordnung aus. Ein Blick auf sich selbst…. ‘Alles noch am richtigen Platz’ dachte sie. Sie fragte ihre Uhr ab, dann die in ihrer KI. Anscheinend war alles OK, die Zeit passte bis auf ein paar Stunden.

Selbstcheck, Umgebungscheck… auch alles OK. Abfrage, wie sie hierher kam… Ihre KI würgte ihr einige Bruchstückhafte Bilder ins Bewusstsein. Andocken an ein anderes Schiff, größer als ihres, sie sah Bruchstücke von Bildern, von ihr am Tisch mit dem Kerl, wildes Knutschen, aufblitzende Szenen von ihnen beiden nackt im Null-G Raum des Schiffs… Sie hob die Decke nochmal und sah genauer hin. Ja, das sah ganz interessant aus.

Nur… warum der Filmriss?

Er rührte sich. „Lust auf etwas Frühsport?“ fragte er mit einem Grinsen.

„Erst ein Frühstück“ meinte sie. Nochmal Selbstcheck, aber das sah immer noch gut aus. Ein Ping an ihr Schiff wurde auch beantwortet, es war alles OK.

Eine Stunde später ließ sie sich nochmal verführen. Während dem Frühstück, unter Zuhilfenahme von süßen und leicht klebrigen Sirups.

Sie wusste keinen Namen, konnte sich nicht erinnern, und fragte auch nicht nach. Er berührte sie auf eine eigenartige, aber sehr angenehme Art und Weise. Sie fühlte sich erregt, und die Stimulation war nahezu perfekt. Er berührte sie hier, und da, streichelte sie, umgarnte sie. Jede Berührung wirkte.

‘Warum nicht, ich bin ja ein einem Traum!‘ dachte sie sich und ließ sich gehen.

Es war eine ganz und gar unglaubliche Erfahrung, derer Myriam sich hingab, und irgendwann war sie in ihrer Lust gefangen und ihr bewusstes Denken verlor immer weiter gegen ihre Erregung. Jede Bewegung war perfekt, jede Empfindung war wunderbar, alle ihre Sinne waren entzückt und beglückt. Ihre KI sendete eine Warnung, irgendwas über Körperkontrolle, aber das wolle Myriam jetzt gar nicht hören, und so versetzte sie sie in den Ruhemodus.

Er trieb sie ganz langsam zu einem Höhepunkt von ungeahnter Intensität. Ihr Denken setzte letztendlich völlig aus, sie verlor nun doch noch die Kontrolle über ihren Körper. Und damit über ihre Implantate, die in etwa so gewöhnlich waren wie der Sex, den sie gerade hatte.

Anders gesagt: Ihr Orgasmus war wahrlich eine gewaltige Eruption, als sich mitsamt ihrer angestauten Erregung auch alle Waffensysteme in ihrem Körper – von jeglicher Steuerung entblößt - innerhalb der gleichen Millisekunde entluden.

Ihr wurde schwarz vor Augen, und kurz bevor sie das Bewusstsein verlor bemerkte sie noch die Notfallicons ihrer neurlen KI aufpoppen, und dass diese aktiv wurde.


 

Was lange zuvor geschah, an Bord eines Explorationsschiffs der Tram-Sar:

„Berater T-Kon, was halten sie nun von diesen <Menschen>, auf deren Kolonie wir hier gestoßen sind?“ fragte der Kir-Cham, der die Expedition leitete.

„Vielversprechend, technisch guter Stand, die könnten unsere Heimat über einige Jahrzehnte mit Rohstoffen versorgen. Und noch viel länger mit billigen Arbeitskräften.“

„Dann setzen wir die Erforschung fort!“

Blende in die nähere Vergangenheit, ins Äquivalent eines Besprechungsraums auf dem Explorationsschiff.

„Kir-Cham, wir haben viel Material über die Menschen zusammengetragen. Einige Dinge sind uns allerdings noch unklar.“ meldete der Forschungsleiter.

„Und das wären?“

„Die Ursache für extrem viele Handlungen der Menschen sind die Interaktionen der Menschen untereinander.“

„Das kennen wir doch auch von uns selbst.“ meinte der Heimatberater Juh-Trok.

„Schon, aber hier kommt noch in einem sehr hohen Maße etwas dazu, dass die Menschen ‚sexuelle Begierde‘ nennen.“ meinte er mit einem leichten Fragen in der Stimme.

„Um was handelt es sich?“ fragte Juh-Trok.

Der Berater blinzelte unsicher „Wir haben hierzu kein Äquivalent bei uns oder den beiden anderen bisher getroffenen Rassen. Es scheint sich um etwas zu handeln, was zwischen zwei, ab und zu drei, aber auch mehreren Exemplaren stattfindet. Im Grunde geht es um Fortpflanzung…“

„Das kenne wir doch alle, was ist daran rätselhaft?“ unterbrach ihn Kir-Cham. „Wenn sich die Notwendigkeit ergibt, wird ein Ei zweier passender Eltern befruchtet und ausgebrütet. Oder ausgetragen, wie bei den Korriki.“

„Nunja, das ist hier etwas anders.“ T-Kon hob drei seiner Hände, um die aufkommenden Fragen abzuwehren, während er schon die Präsentationen und Videos menschlicher Akte auf den Holoschirm holte. „Bei den Menschen wird die Befruchtung in einem körperlichen Akt vollzogen.“ Er blickte in die Runde.

„Hier sind einige empfangene Beispiele davon. Es gibt viele Spielarten. Aber das Interessanteste ist, dass dieser Akt in den allermeisten Fällen nur zum Vergnügen vollzogen wird. Und die Auswahl der Partner geschieht nur selten aufgrund logischer Methoden.“

Das erschien allen als äußerst seltsam und unlogisch, hielt sowas doch die Rasse davon ab, ihren Genpool zu optimieren. Die weitere Erforschung wurde beschlossen.

Unmittelbar vor den oben beschriebenen Ereignissen um Myriam kam die Expeditionsleitung wieder zusammen.

„Nun, wir sind einen großen Schritt weiter gekommen,was es mit dieser ‚Lust‘ auf sich hat.“ meinte T-Kon. „Es scheint, als ob die Evolution bei den Menschen ein Belohnungssystem in die Fortpflanzung eingebaut hätte.“

„Wie funktioniert das?“ fragte der Heimatberater. „Kann ich mir das vorstellen wie bei einer gewonnenen Runde Trichka?“

„Nein, ganz anders, eher wie ein gewonnenes Drei-Planeten-Turnier Trichka. Und noch mehr, eine Belohnung auf einer viel tieferen Ebene des Bewusstseins. Die Menschen nennen es ‚Orgasmus‘, das ist eine Art eruptiver Effekt im Bewusstsein, der den gesamten Körper erfasst und auch das Hormonsystem stark beeinflusst. Wir kennen dafür keine Entsprechung. Von einer korrekten Erklärung ganz zu schweigen. Allerdings liegt hier offenbar eine der Hauptursachen für menschliches Handeln. Das könnte der Hebel sein, um die Menschen leicht zu unseren Dienern zu machen.“

„Können uns daraus Probleme entstehen?“ fragte der militärische Berater Juk-Mch, der bisher eher ruhig geblieben war.

„Die Menschen haben viele vermutliche reale Geschichten, und noch viel mehr Fiktionen, in denen Kämpfe und ganze Kriege wegen dieser Art der Interaktionen geführt wurden. Meine Gruppe denkt, dass wir das nicht ignorieren dürfen.“

Sie waren verwirrt, erstaunt und neugierig und beschlossen, das weiter zu untersuchen. Ihre Analysen ergaben schon früh, dass ihre Technik nach einiger Anpassung vermutlich mühelos in der Lage war, die Nervenreaktionen zu analysieren und zu auszulösen. Zuerst schnappten sie sich einen <Mann>, danach eine <Frau>, damit kalibrierten sie ihre Sensoren und Routinen und brachten diese wieder zurück.

Nun sollte ihre Schiffs-KI menschliche Reaktionen empfangen, interpretieren und mit einem Menschen interagieren können.

Aufgrund der höheren Komplexität beschloss die Gruppe von Berater T-Kon eine Frau einzufangen, um das Phänomen der ‚Lust‘ zu erforschen. Zufällig orteten sie ein einzelnes kleines Raumfahrzeug, als es in der oberen Atmosphäre des hiesigen Gasriesen eintauchte. Sie wollten es einfangen, kamen aber nicht gegen die beim Eintauchen überraschend aufgebauten Schilde und deren Interaktionen mit dem planetaren Magnetfeld an. Sie wunderten sich, da sie diese Technik zuvor nicht beobachtet hatten, aber sie dachten sich nichts dabei.

Nun war das Schiff zum bewohnten Planeten unterwegs und seine Schilde wieder auf normaler Anti-Kollisions-Konfiguration. Mit ihrer überlegenen Technik versetzten sie die Pilotin in Tiefschlaf, brachten sie an Bord und in einen Umweltsimulationsraum. Ihr Schiff ließen sie in sicherer Entfernung.

Sie stellten perfekt angepasste Stimulatoren her, die die körperlichen Reaktionen herbeizuführen. T-Kon weckte die Frau auf, um die Schiffs-KI mit ihr zu verbinden. Verschiedene Parameter wurden in einer Art Halbwachstadium getestet, bis sie die Reaktionen analysiert und korrekt in ihr Simulationssystem integriert hatten. Dann starteten sie das Experiment. Sie sahen die Reaktionen der Frau vor ihr. Die Reaktionen ihres Körpers, der sich in einer gänzlich anderen Umgebung wähnte. Die Reaktionen entsprachen denen in weiten Teilen der menschlichen Wissensdatenbanken beschriebenen.

In ihrer Neugier wiesen sie ihre Schiffs-KI an, die Frau sehr langsam langsam bis zur gewünschten Reaktion zu führen, um auch wirklich den Prozess in aller Gänze zu erfassen.

Es war unklug, dass sie sich auf ihre früheren Untersuchungen verließen und auf Tiefenscans verzichteten.

Es war Pech, dass sie gerade auf dieses spezielle Exemplar stießen.

Immerhin erfuhren sie, was es mit einem wirklich intensiven weiblichen Orgasmus auf sich hat. Für etwas weniger als eine Millisekunden wurden ihnen diese drei Dinge bewusst.


 

Etwas später. Myriam erwachte.

„Oh shit, der geilste Trip im Multiversum, und dann war das eine Alien-Falle!“ sagte sie laut in die Stille ihrer Schildblase. Sie tastete sich ab. Nackt mit einigen Artefakten an ihr, Und in ihr, stellte sie stirnrunzelnd fest. Ihre neurele KI informierte sie über die Geschehnisse nach ihrer Ohnmacht.

Sie rief ihr Schiff, das unversehrt und unbeeindruckt hinter dem ausglühenden Wrack herflog. Myriam aktivierte ihre Implantate, schnitt sich einen Weg nach außen und flog nach einer Weile mit guter Laune und einem Riesenhaufen Alienschrott im Schlepptau ziemlich entspannt weiter zur Kolonie, um sich ewiger Dankbarkeit zu versichern und das Geschäft ihres Lebens zu machen.

Im kleinen Laderaum lag der Rechenkern des Alienschiffs. Ihre aufgerüstete Level-8 Gauss KI fraß sich gerade durch das fremde System, auf der Suche nach den Bauplänen und der Konfiguration dieser überaus interessanten Stimulations-Artefakte.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.10.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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