Heike Henning

Die Geschichte von Bemselchen


Vor vielen Jahren, wir wohnten damals noch mitten in der Stadt, fanden wir im kleinen Garten hinter dem Haus eine junge, hilflose Amsel. Offensichtlich war sie aus dem Nest gefallen, doch weit und breit war keine Vogelmutter in Sicht.

Wir beobachteten das Vögelchen noch eine ganze Weile, doch nichts regte sich. So legten wir es kurzerhand in ein weiches Tuch und brachten es auf unseren Balkon im zweiten Stock.

Unser alter Wäschekorb aus Weidengeflecht verwandelte sich in ein großes „Amselnest“. Eine weiche Unterlage, Wasser, Apfelstückchen, Rosinen und Haferflocken wurden bereitgestellt. „Bemselchen“, so tauften wir den kleinen Flieger, nahm alles bereitwillig an.

In unserem Garten suchten wir fortan fleißig nach Regenwürmern und Insekten, was im Frühling zum Glück kein Problem war. Unser Plan: Bemselchen sollte seine Vogelmutter vom Balkon aus rufen und diese anlocken. Und – ob ihr’s glaubt, oder nicht – Mama Amsel kam!

Von unserem Balkonfenster aus konnten wir alles genau beobachten: Bemselchen wurde gefüttert, gehegt und gepflegt – so viel Mutterliebe, einfach unglaublich!

Doch dann machte uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Die Meteorologen kündigten eine Hitzewelle an. Was nun? Die Sonne brannte und der Balkon bot kaum Schatten!

Also spannten wir zuerst einmal unseren großen Sonnenschirm auf, damit unser Schützling nicht unter der Hitze zu leiden hatte. Aus Ästen bauten wir zusätzlich einen kleinen schattigen Platz. Bemselchen hechelte etwas und hatte den Schnabel leicht geöffnet. Eine völlig normale Reaktion bei solchen Temperaturen.

Was wird wohl die Amselmutter jetzt tun?“, fragten wir uns. „Ob der knallbunte Sonnenschirm sie abschreckte?“

Eine halbe Stunde Ungewissheit – dann wussten wir es: Sie kam!

Wendig schlüpfte sie unter den tiefgestellten Sonnenschirm, in den Vogel-Wäschekorb. Und Bemselchen begrüßte sie jedes Mal freudig erregt.

Aus dem Vogelkind war inzwischen ein kräftiges Vogelmädchen geworden – wohlgenährt und quietschfidel. Nur die Hitze setzte ihm etwas zu – wir sorgten dafür, dass immer ausreichend frisches Wasser zur Verfügung stand. Und – wir beteten, dass uns kein Gewitter überraschte! Doch Petrus hielt zu uns.

Bemselchen fühlte sich sichtlich wohl, begann immer lauter nach der „Mama“ zu rufen und erkundete unseren Balkon. Seine Sprünge wurden größer, seine Flügelchen immer funktionsfähiger. Eine junge, glückliche Amsel begrüßte uns täglich auf dem Balkon.

Eines Tages merkten wir, dass Mama Amsel versuchte, Bemselchen wegzulocken.
Bibb, bibb, bibb“, rief sie, doch ihr inzwischen großes Vogelkind schaffte es noch nicht aufs Balkongeländer. Oder hatte es Angst?
Mehrere Tage ging das nun so und wir fühlten, dass der Abschied nahte.

Eines Morgens saß Bemselchen auf dem Balkongeländer und sah uns stolz an, als wollte es sagen: „Seht mal her, was ich alles kann!“

Nun wurde unser Vögelchen täglich auf dem Balkongeländer gefüttert, doch immer wieder hüpfte es zurück in seinen kuscheligen Korb.

Die Amselmutter war inzwischen ziemlich zutraulich geworden und hatte kaum Angst vor uns. Ein schönes Bild gaben die beiden ab und wir prägten es uns für immer ein. Doch täglich fragten wir uns: „Wann wird Bemselchen den Sprung wagen?“

Dann, plötzlich, es war an einem Wochentag und wir erinnern uns daran noch sehr genau, war unser Bemselchen verschwunden. Heimlich, als wir aus dem Haus waren, hatte es sich davongemacht und seinen Flug in die Freiheit gewagt.

Leider haben wir es danach nie wieder gesehen, doch jedes Mal, wenn uns an lauen Sommerabenden eine Amsel mit ihrem Gesang erfreut, denken wir an unseren kleinen Schützling – unser Bemselchen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.10.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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