Wolfgang Hoor

Der Aprilscherz

Der Aprilscherz

Ich bin jetzt eine alte Frau, habe eine kleine Wohnung am Stadtrand. Viele meiner Verwandten und meiner besten Freundinnen und Freunde sind nicht mehr. Zu denen, die mich heute noch besuchen, gehört Dr. Ludwig Hart, ein pensionierter Studiendirektor, der die Fächer Latein, Deutsch und Geschichte unterrichtete. Er hat in seinen jungen Jahren um mich geworben, obwohl ich damals in Scheidung lebte, „nur“ Krankenschwester war und einen unehelichen Sohn hatte, meinen Max nämlich.

Nach seiner Meinung erzog ich den Max viel zu nachsichtig. Dass Max trotzdem die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium schaffte und dann als Gymnasiast gute Noten schrieb, war für ihn ein Wunder, das nicht lange andauern werde. „Deine Großzügigkeit wird letzten Endes sein Elend sein“, pflegte er zu sagen, und er sagte es gerne und oft, weil er mich mit einer solchen Äußerung richtig zornig machte und dann alle seine Künste aufbieten musste, um mich wieder gut zu stimmen, und das konnte er großartig. Wenn ich dann endlich in seinen Armen lag und er mich küsste, sollte ich ihm versprechen, den Max wenigstens einmal übers Knie zu legen, denn ein Junge in seinem Alter habe immer was auf dem Kerbholz und eine ordentliche Tracht Prügel werde ihm gewiss nützen. Das hätten schon die Verfasser des Alten Testaments gewusst. Ich sagte ihm dann, er verstehe vielleicht was von der Bibel, aber nichts von meinem Max.

Überzeugt hat er mich mit solchen Reden also nie, dafür war das Verhältnis zwischen mir und Max zu innig. Aber irgendwie steckte Ludwig immer auch mit einem seiner Lehrerzeigefinger in meinem Kopf. Wenn Max jetzt „Scheiße“ sagte wie viele in seinem Alter oder nach dem Fußballspielen eine halbe Stunde zu spät nach Hause gehetzt kam oder beim Geschirrabtrocknen eine Tasse fallen ließ, weil er sich zu eifrig über einen seinen Lehrer aufgeregt hatte, dann fiel mir doch – eher belustig als wirklich ernsthaft - das Rezept von Ludwig ein: Dafür hätte man den Max doch wirklich übers Knie legen können. Aber dieser Gedanke war nur ein Stäubchen, das man wegpustet. Einen Jungen wie Max verhaut man nicht, selbst wenn um einen herum die Kinder in seinem Alter überall den Hintern versohlt bekommen.

Dann kam der erste April 1951. Man musste nicht mehr hungern, es war nicht mehr alles nur Plackerei, ein kleiner Wohlstand war auch bei mir eingezogen, und ich freute mich darauf, Max in den April zu schicken. Ich wollte ihm erzählen, dass ich vielleicht meine Stelle im Krankenhaus verlieren würde, weil ich über einen Professor eine freche Bemerkung gemacht hätte. Und dann würde mir Max um den Hals fallen und mich küssen und mir sagen, dass niemand es wagen werde, seine Mama zu feuern, und dann wollte ich ihm sagen, dass es noch viel schlimmer sei als er denke und dass ich das Entlassungsschreiben schon hätte. Dann würde er in Tränen ausbrechen und ich würde „April April“ sagen. Wenn ich es mir recht überlege, hatte ich mir einen fiesen Aprilscherz ausgedacht.

Max kam nach der Schule ganz gebrochen und traurig nach Hause. Also musste ich meinen Aprilscherz zurückstellen, ER brauchte Trost. „Was hast du denn?“ Er senkte den Kopf. „In Mathe ne Fünf.“ Ich schüttelte den Kopf. Das war doch ganz unmöglich. „Der Lehrer hat mir extra noch ne Bemerkung ins Heft geschrieben. Er sagt, er zweifelt, dass ich das Schuljahr packe.“

Da regte sich Ludwigs Zeigefinger in meinem Kopf. „Verdammt“, rief ich, „was ist mit dir los?“ Und ich zählte ihm all die Dinge auf, die zuletzt passiert waren: Das verbotene Wort, die Verspätung, die zerbrochene Tasse, und plötzlich dachte ich, ich weiß, was ich jetzt tun muss. „Ich leg dich übers Knie“, sagte ich. „Das hat mir ein Freund schon lange geraten. O, dein frecher Po wird ein Tänzchen erleben wie er noch keins erlebt hat“, und ich schnappte ihn am Arm und schleppte ihn zum Sofa. Und da sagte er: „Bevor du mich verhaust, könntest du noch meine Mathearbeit unterschreiben, damit du mit eigenen Augen sehen kannst, dass ich es verdient habe.“

Also lasse ich ihn los, wir setzen uns an den Tisch, er holt sein Schreibzeug heraus, gibt mir seinen Füller, zieht sein Matheheft heraus. „Ich kann es nicht aufschlagen“, sagt er. „Das kann ich nicht. Mach du’s!“ Ich schlage das Heft auf, schlage eine Arbeit nach der anderen auf, sechs müssen es sein. Alle Eins oder Zwei – und nun vielleicht alles umsonst? Und als ich endlich bei der Nummer sechs bin, lese ich „Zwei plus“ und neben mir höre ich „April – April.“

Versteht jemand, wie das ist, wenn man zwischen Freude und Wut hin- und hergerissen ist? War das noch ein Scherz – oder war das eine bodenlose Frechheit? Max schaut mich mit glänzenden Augen an. Meine Augen glänzen jetzt vor Zorn. „April April“ sagt er noch einmal, diesmal mit gar nicht mehr so glänzenden Augen. Er merkt, dass etwas schief gelaufen ist. Und Ludwigs Zeigefinger in meinem Kopf wippt und ich höre ihn sagen: Nun mach endlich. Was lässt du dir denn noch alles gefallen?

Also werde ich es tun. Das erste Mal. Max war damals ein schmächtiges Bürschchen, 11 Jahre, ein bisschen kleiner als seine Altersgenossen, immer ein lieber, gehorsamer Junge. Er hatte mir nichts entgegenzusetzen, als ich ihn zum Sofa zog, mich da hinsetzte und ihn über meine Beine legte. „Mama, April, April!“ stöhnte er. „Hast du denn noch nie jemand in den April geschickt?“ Ich hatte schon seine Hose stramm gezogen und die Hand gehoben, ich hörte Ludwig schon lachen und sah ihn mir freundlich zuwinken, da sagte Max mit einer ganz anderen Stimme, einer tief enttäuschten: „Du bist ungerecht.“

„Mach endlich“, hörte ich Ludwig in meinem Kopf. „Du bist ungerecht“, sagte Max ein zweites Mal, und in diesem Augenblick wusste ich plötzlich, dass Max mehr als recht hatte. Der Aprilscherz, den ich mir für ihn ausgedacht hatte, war viel weniger harmlos gewesen. Da hätte ich nicht von einem auf den anderen Augenblick beweisen können, dass ich nicht vor der Entlassung aus dem Krankenhaus stand. Und jetzt hob ich die Hand so hoch ich konnte, und Max hob den Oberkörper und sah es und rief: „Nicht Mama!“ und ich rief „April April“ und schloss ihn in meine Arme.

Dieser erste April war der einzige Tag in meinem Leben, an dem ich bereit war, mein Kind durch Schläge zur Vernunft zu bringen. Später gab es eine Menge von Situationen, die viel eher als dieser erste April geeignet gewesen wären, den Max streng zu erziehen. Wenn mir das in den Sinn kam, kam mir auch mein widerlicher Aprilscherz in den Sinn, der mir deutlich machte, dass die Pubertät auch bei Erwachsenen nie abgeschlossen ist.

Ludwig habe ich die Geschichte vom ersten April nie erzählt. Heute wird er mich besuchen. Er ist ein anhänglicher guter Freund geblieben, den ich immer mehr schätzen gelernt habe. Seine Ratschläge, was die Erziehung von Kindern betrifft, haben sich nicht geändert. Dass Max eine sehr angesehene psychotherapeutische Praxis betreibt, hält er noch immer, nach so einer nachlässigen Erziehung, für ein Wunder. Und dass man Kinder nicht schlagen darf, um sie zu erziehen, ist für ihn eine Fehlentwicklung, die direkt in die Katastrophe führt.

„Komm rein“, sage ich zu Max, als er am 1. April 2017 mit einem Blumenstrauß vor meiner Tür steht.“ Wir umarmen uns, wir setzen uns und erzählen uns von der Vergangenheit und vom Dr. Ludwig Hart und ich erzähle zum ersten Mal von dem Aprilscherz, den ich damals 1951 vorbereitet hatte. Da wird es eine ganze Weile still, bis er sagt:

„April, April, das hast du dir jetzt ausgedacht“, und er lacht, wie er damals, 1951, hätte lachen sollen, mit glänzenden Augen, als gehe neben mir nach einer Katastrophenmeldung die Sonne auf.

Ich habe seinen Irrtum nicht korrigiert. Ich werde die dümmste Lüge meines Lebens ungelogen mit ins Grab nehmen.

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.10.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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