Paul Theobald

Was ist das für eine Welt

Als ich noch ein kleiner Junge war, zeigte mir mein Vater die Ruinen, die früher
stattliche Gebäude waren und in denen Menschen gewohnt hatten. In der
Bombennacht am 23. September 1943 wurde die Innenstadt der Stadt Frankenthal
(Pfalz) zu 90 Prozent zerstört und damit auch diese Häuser. Er sprach zu mir:
„Was ist das für eine Welt. Anstatt friedlich zusammenzuleben, schlagen sich die
Menschen gegenseitig die Köpfe ein. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Menschen
gelernt haben, denn in einem Krieg gibt es nur Verlierer. Jede Mutter trauert um
ihr Kind in jedem Land der Welt. Krieg ist kein Naturereignis, denn er wird von
Menschen gemacht. Deshalb kann er auch von Menschen verhindert werden.“
Weil es damals kaum Wohnungen gab, lebten wir als Familie mit zehn Personen in
einer Wohnung mit zwei Zimmern, einem Abstellraum und einer Küche. Wir haben zu
Dritt in einem Bett geschlafen. Die Toilette befand sich auf dem Flur für
mehrere Familien. Toilettenpapier kannten wir nicht. Dafür mussten die alten
Zeitungen herhalten. Meine Mutter schimpfte oft, wenn die weißen Unterhosen
durch die Druckerschwärze schwarz waren. Zum Baden wurde im Frühjahr die
Zinkwanne in den Hof gestellt und mit Wasser gefüllt, während in der kalten
Jahreszeit die Städtische Badeanstalt aufgesucht wurde. Heizungsprobleme kannten
wir nicht. In der Wohnung gab es zwei Öfen, die mit Holz, Kohle und Briketts
befeuert wurden und für genügend Wärme sorgten. In mancher Wohnung wird heute
der alte Ofen wieder Einzug halten, um über den kalten Winter zu kommen. Dass
dies dem Klimaschutz abträglich ist, wird die Familien, die auf den Ofen nicht
verzichten können, wenig kümmern.
Wie kann man dies den Familien verübeln, die monatlich 85 € Abschlag für Gas
bezahlten und jetzt ein Mehrfaches monatlich berappen sollen? Denen helfen die
300 €, die sie vom Staat bekommen, sehr wenig.
Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war eine sehr arme Zeit. Ich kann mich noch
sehr gut daran erinnern, dass wir den Pfennig dreimal umdrehen mussten, bevor er
ausgegeben wurde. Wir Kinder waren froh, wenn es Mittag- und Abendessen gab, das
oft aus Suppe, geröstete Kartoffeln und Salat bestand. Fleisch kam nur sonntags
auf den Tisch. Eine Tafel gab es damals nicht, die Lebensmittel an Bedürftige
verteilte, wie dies heute der Fall ist.
Aus dem Osten waren nach dem Zweiten Weltkrieg viele Flüchtlinge zu uns in den
Westen gekommen, die vertrieben worden waren oder sich auf der Flucht befanden,
die untergebracht und versorgt werden mussten. Wenn heute Flüchtlinge aus aller
Welt zu uns kommen, weil sie durch Armut, Hunger, Verfolgung und Krieg dazu
veranlasst wurden, dann soll es für uns eine selbstverständliche Pflicht sein,
diesen Menschen zu helfen. Niemand verlässt gerne sein Heimatland.
Die Deutschen werden als Urlaubsweltmeister bezeichnet. Sie fahren gerne ins
Ausland, um fremde Länder, Kulturen und Menschen kennenzulernen. Kehren sie aus
dem Urlaub zurück, erzählen sie begeistert, was sie erlebt und gesehen haben.
Aber hier, in ihrem eigenen Land, haben die Deutschen vor den fremden Menschen
Angst.
Meine Oma, Maria Müller geb. Federkiel, führte nach dem Zweiten Weltkrieg die
Haussammlungen für die Arbeiterwohlfahrt und den Arbeiter-Samariter-Bund in der
Stadt Frankenthal (Pfalz) durch. Und wenn sie über ihre Sammlungen sprach, kam
immer ein Satz über ihre Lippen: „Die Reichen geben sehr wenig, denn sonst wären
sie nicht reich geworden, wenn sie hergegeben hätten!“ Genauso verhalten sich
die reichen Industriestaaten gegenüber den armen Ländern.
Während in den reichen Industriestaaten die meisten Menschen schon mehrfach
gegen Corona geimpft wurden, haben in den armen Entwicklungsländern viele
Menschen noch keine Impfung erhalten.
Dieselben Staaten verursachen den meisten CO2- Ausstoß, was für die
Klimaveränderung die wesentliche Ursache ist. Aber die armen Länder der Erde
leiden hauptsächlich unter deren Folgen.
Die Ostpolitik von Willy Brandt ebnete den Weg für die Wiedervereinigung
Deutschlands. Als diese erreicht war, an deren Entstehung Michail Gorbatschow
wesentlich mitgewirkt hat, dachten wir, dass der Ost-West-Konflikt der
Vergangenheit angehört und man nun seine ganze Kraft für den Aufbau einer
friedlichen Welt verwenden kann. Doch wir wurden eines Besseren belehrt. Der
von Russland begonnene Krieg gegen die Ukraine lässt den Ost-West-Konflikt
wieder neu aufleben.
Aber auch die Kriege an den anderen Orten dieser Welt tragen dazu bei, dass man
seine ganze Kraft nicht zur Bekämpfung von Armut, Hunger, der Corona-Seuche und
der Klima-Veränderung verwendet, sondern mit einer Verschlimmerung der Situation
zu rechnen ist.
Warum können die Länder der Welt keinen Krieg ohne Waffen führen? Gegen Armut
und Krankheit, für sauberes Wasser und menschliche Wohnungen, für Schulen und
gegen Hunger, gegen Ignoranz und Intoleranz, damit die gesamte Menschheit zu den
Siegern gehört.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.10.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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