Enno Ahrens

Geisterspaziergang mit Karin

Der kühle Ostwind trieb bereits Ende Oktober riesige Schneemassen in unser Tal, viel zu früh, und schon tauten sie wieder ab. Im Stadtwald war ein Geräusch, als wenn tausende Wasserhähne tropften. Vereinzelt lagen Schneeplacken herum wie eine versprengte Schafherde. Und mit der aufkommenden Dämmerung schlichen graue Dunstschwaden umher.

Etwas Luftbewegung kam auf, vertrieb den Nebel. An den Ästen der Bäume klammerten sich noch einige Blätter, in den Wipfeln säuselte ein leichter Wind, und für einen Moment war mir, als hörte ich eine weibliche Stimme meinen Namen rufen:
„Enno, Enno – nono!“ Wanderer hatten immer wieder von einer umhergeisternden Karin berichtet. Es sollte sich um die Mutter von Anne handeln, die unsere Familie oft besucht hatte, um meine kleine Schwester abzuholen in die Disko, und einst in die Stube eintrat, in der ich saß, am PC. Anne blieb einen Schritt schräg hinter mir stehen im Türrahmen. Ich drehte mich dann zu ihr, während sie mir angeregt mitteilte, dass sie sich freut, mich so gesund und munter zu sehen nach meiner schweren Erkrankung.

Da spürte ich, dass da irgendetwas zwischen uns war, eine Zuneigung, die sie versuchte abzuwehren, indem sie meinem Blick ausgewichen war.

Meine Mutter musste das mit uns gemerkt haben, denn sie sagte zu mir, es wäre für mich an der Zeit für eine Freundin, aber ich solle mich hüten, mit einer Lolita wie Anne, etwas anzufangen.

Dabei war sie mir nicht zu jung; ich hätte mich auch nicht mit ihr liiert, wenn ich siebzehn Jahre jünger gewesen wäre. Es fehlten ebenso keine siebzehn erfahrene Jahre der Reife, die sie zu wenig gehabt hätte. Ich ging einfach ungern in die Disko.

Kurz darauf hatte Anne Wolf in der Disco kennengelernt.

Einen Schirm brauchte es nicht, hatte Wolf ihr gesagt. Anne hatte sich umhüllt gehabt mit einem Fell gegen die Furcht, die ihr tief im Nacken saß.

Doch das Fell selbst jagte ihr Furcht ein, tags in dunklen Augenblicken und nächtens im Wald; eine grundlose Furcht vorm bösen Wolf, hatte er Anne beruhigt. Er war Psychologe und wurde später ihr Doktorvater, und wie der Jäger das Rotkäppchen befreit hatte, befreite er Anne, ein märchenhafter Therapeut. Mit diesem zog Anne nun weg von düsteren Wäldern ans Meer, wo die Luft nach Salz schmeckte und befreiender Frische. Hier hatte sie sich mit ihm eine Praxis eingerichtet.

Aber jetzt ist Anne tot. Wolfs Heulen soll in jener Todesnacht weit hörbar gewesen sein und sein Haar war ergraut. Er schloss die Augen, dachte an ihre Küsse, so süß, und daran, wie er ihr die Leber herausgerissen und ihr Herz verspeist hatte, ein Herz ohne Liebe zu ihm.

Karin schob mir und meiner Mutter die Schuld zu, denn wenn wir Anne nicht verstoßen hätten, wo sie mich doch so sehr geliebt hatte, wäre sie nicht dem Wolf in die Fänge geraten. Man munkelte in der Gegend, dass Karin eine Wiedergängerin sei, die Vergeltung wolle für jene, von denen sie glaubte, dass sie ihre Tochter in den Tod getrieben hatten. Karin hatte sich damals das Leben genommen aus Schuldgefühl, weil sie Anne nicht genug beschützt hatte.

Hinter einem verwaisten Hausbrunnen schlenderte ich über eine Wiese, die abschüssig an einem Bachlauf endete. Inzwischen verzauberte der Halbmond mit seinem gedimmten Licht die Landschaft. Bauchhoch versank die Flur in silbernen Nebelschleiern. Wie durch ein Getreidefeld watete ich darin herum, blickte staunend über die dunstende Fläche weit hinauf in einen gigantischen Sternenhimmel, tauchte ein in die Unbegreiflichkeit dieses endlosen Raumes.

In der Feuchtwiese am Waldrand war es still. Zarte Nebelgespinste krochen den Boden entlang, und etwas später hinter einer Anhöhe tauchten in der Ferne verschwommen die Lichter von einem Bauernhof auf. Ruhig und verschlafen lag er da, wohlig an den Süllberg hingeschmiegt. Auf der Bank dort saß Karin, eine engelsgleiche Gestalt. Nach einer Weile stakste sie davon, zog das rechte Bein etwas nach. Über einen verwilderten Pfad quälte sie sich hinauf ins Gebirge.

Mein Atem ging schwer und Greif, mein Hund, ein Kromfohrländer, stellte urplötzlich einem Hasen nach, hetzte einen Moment hinter ihm her, vorbei an einer jämmerlichen Esche, ließ aber genauso schnell wieder ab von seiner Jagd.

Aus Greifs hechelnder Schnauze stoben wie aus einer Dampfpfeife winzige Wolken hervor. Durchs dichte Unterholz von der Anhöhe her brannten sich Karins Augen wie zwei glühende Kohlen in die Nacht, und über uns plötzlich die klagenden Schreie verspäteter Wildgänse, die rasch am Halbmond vorbeiflogen, unwirklich, aneinandergebundene Papierdrachen, die magisch davongezogen wurden.

Wie Geisterfiguren nun die dumpfen Silhouetten der Zaunpfähle, die verschleierten Weidenstümpfe und bizarren Baumskelette am Bach. Begann es jetzt zu spuken? Ein verdorrter Ast erschien mir plötzlich wie der drohende Arm eines Elfen. Unheimliche Stille. Durch meinen Körper schauderte der Ruf eines Kauzes aus einem nahen Buchenhain. Das lichte Wäldchen hatte sich nun in eine schwarze Festung verwandelt. Und ins Gestrüpp davor sah ich gerade noch einen Fuchs davon schnüren.

Greif drängte nach Hause. Unser einsames Gehöft am Rande des Tales erschien vom weitem wie ein riesiger Scherenschnitt. Eine Schleiereule schwebte dicht über uns hinweg, wir schreckten auf, denn ihr leichter Luftzug und ihr Schatten überraschten uns wie ein Schlag aus dem Nichts; sie glitt weiter um den Giebel des Hauses und es hörte sich an, als würde sie meinen Namen rufen: „Enno, Enno – gogo!“
Es war meine Trauma-Eule, meine lichtscheue Angstfresserin, Geliebte, in deren Gefieder ich Schutz suchte, wenn wir in die große Stadt flogen. Sie wohnt in meiner Unterwelt, wie aus einer versteinerten Kuckucksuhr kommt sie nächtens hervor; aus dunkler Augenklappe würgt sie mir das Gewölle ins Bewusstsein, die unbewältigten Fragmente meiner Ängste.

Fröstelnd öffnete ich die Eichentür zu meiner Diele; eine heimelige Wärme strömte uns entgegen. Am Kamin saß Karin, der schmale Körper verschluckt von einem zu groß geratenen, alten Mantel, aus dem dies bleiche zierliche Gesicht hervorlugte, von
seidigen blonden Haaren umfangen. Ich verspürte einen unfehlbaren Instinkt in mir,
und wusste sofort, es wäre sinnlos sich zu wehren.

Mit einem Kartoffelschäler trennte sie mir ein Auge raus, zerhackte blind vor Wut meine Beine. Von Draußen der Ruf meines Kauzes und hier in der Stube Greifs Winseln. Nun beende ich meine Aufzeichnung, lege den Stift beiseite und mich zum Sterben, wie alle sich mitschuldig wähnenden Wanderer im Dunkel ihrer selbst, die Karin früher oder später begegnen und hingemetzelt würden; oder war ich doch in Wirklichkeit nicht von einer umhergeisternden Karin noch von einem Wolf verschlungen worden, sondern von meiner Furcht vor jenen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.10.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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