Klaus Mattes

Arbeitsvermittlung per OBZ (im Jahr 2004) / 6826


Übrigens ist man beim Arbeitsamt auf die erstaunliche Erkenntnis, dass man mich ein Jahr lang nicht mehr vernommen hat, dann auch noch gekommen. Habe eine Einladung für Montag, den 10. um 9.15 Uhr erhalten. Von wem, weiß ich nicht. Die Arbeitsverwaltung verschickt computergeschriebene „Ich lade Sie für ... ein“-Briefe, die weder eine Unterschrift, noch ein Geschäftszeichen, noch einen Betreff, um was es denn gehen soll, beinhalten. Wahrlich willkommen von Mensch zu Mensch fiebert man seinem Gastgeber entgegen.
Vom 1. Juli bis zum 30. September werde ich on top zu den Bemühungen des Amts von OBZ betreut. OBZ ist eine GmbH, die in der Nähe von Düsseldorf sitzt und in ganz Deutschland Filialen hat. Hier bei uns ist das in der Straße, wo ich kurzzeitig mal Briefträger war. OBZ ist eine Personalvermittlung und hat einen Deal mit dem Arbeitsamt. In einem Zeitraum von drei Monaten suchen sie nach Hunderten von Stellen. Sowohl unbefristet wie sozialversicherungspflichtig müssen die alle sein und wenigstens 16 Stunden Wochenarbeitszeit umfassen, weil man sonst weiterhin in der Arbeitslosenstatistik auftauchen würde.
Zwecks dieses sportlichen Unterfangens stellt OBZ für jeden dieser Hunderte seine individuelle Stellensuchanzeige ins Netz und telefoniert, zumindest angeblich, emsig in die Welt hinaus. Haben sie ein Angebot, rufen sie einen sofort zurück. Ob man dann hingeht, ist allerdings freiwillig. Sensationell. Aus dem Arbeitsamt verschicken sie nämlich „Vorschläge“, auf die man sich dann auch bewerben „muss“ (nicht alle haben studiert und kennen die Semantik des Terminus Vorschlag), andernfalls wird man sanktioniert.
Dieser schöne Spaß kostet den Steuerzahler schon auch was. Das Arbeitsamt übernimmt alles. Die genauen Modalitäten kenne ich nicht. Wenn die nicht meschugge sind, muss das Arbeitsamt darauf bestanden haben, dass keine Pauschale gelöhnt, sondern gegebenenfalls ein Erfolgshonorar auf einen bestimmten Grundbetrag gesattelt wird. Wo unmöglich jeder einzelne Fall (von Hunderten) später nachvollzogen werden kann, würde ich als Vermittlerfirma aus den Profilen gleich mal die erfolgversprechendsten rausziehen für meine Agenten. Den Rest lasse ich liegen.
Ich schätze, ich selbst gehöre zu den schwerst Vermittelbaren. Allerdings beschleichen einen da auch Zweifel, wenn man eine Weile neben der Infotheke vom Arbeitsamt sitzt und Leuten zuhört, die entweder nicht lesen oder zumindest kein Deutsch können oder eher beides nicht.
Wäre ich die Firma OBZ und es würde nur Geld geben, wenn ich einen vermittelt habe, würde ich den Deal in dieser Form nicht akzeptieren. Ich gehe davon aus, dass sie sich aufs gemixte Bezahlmodell verständigt haben. Niemand, der längere Zeit mit der Arbeitsverwaltung zu tun hatte, wird sich deswegen wundern. Schließlich kommt jedes Jahr eine neue Wunderwaffe zum Einsatz, von der im nächsten Jahr auch nur noch ein einziges Wort zu hören wäre.
Basis ihrer Vermittlungsbemühungen ist ein Personalbogen, dessen Informationsgehalt einem gängigen Lebenslauf entspricht. Den soll ich am Montag bei OBZ abgeben. Als Nächstes wirst du dann zur Teilnahme an einer Gruppe von 15 Leuten gebeten. Die Teilnehmerzahl der Einführungsveranstaltung am Donnerstag hatte noch 60 Menschen betragen. Um acht Uhr kamen die ersten 60, um 10 Uhr wieder 60 und um 14 Uhr noch mal 60 andere Arbeitslose. Ob freitags auch was ging, weiß ich nicht. Am Arbeitsamt geht freitags nie was, aber OBZ ist nun privat.
Mein persönlicher Zahlenüberblick sieht derweil so aus: Während 20 Monaten Arbeitslosigkeit habe ich zirka 155 Bewerbungen verschickt und erhielt als Belohnung 0 Einladungen zu Vorstellungsterminen. In denselben 20 Monaten trafen bei mir 0 Vermittlungs-Vorschläge seitens des Amts ein. OBZ hat jetzt 3 Monate, mir Vorschläge zu machen. Die Erwartung wird sein, dass die Zahl der Vorstellungsgespräche die 0 dann übersteigt.
Charakteristisch für die Partnerschaft Arbeitsamt/Arbeitsloser, dass ein Arbeitsloser, der sich in 20 Monaten 155 mal beworben hat und dem 0 Vermittlungsangebote gemacht worden sind, hören muss: „Weil es keine Stellen gibt! Es gibt schon Stellen, aber da sind die Vorgaben vom Arbeitgeber so differenziert, dass ich Sie nicht nicht schicken kann.“
Hätte der Arbeitslose nicht vorweg gleich seine Versuche ins Feld geführt, hätte die Dame unterstellt, er wolle nicht arbeiten. Hätte er seine Zahl von 155 Bewerbungen dagegen erst erwähnt, nachdem sie ihm fehlende Kooperation vorgehalten hat, hätte sie gesagt: „O, Sie tun sogar mehr, als ich dachte. Aber andere tun halt schon auch noch ein bissel mehr.“
So verhielt sich das gerne bei der Dame Weißmann, als ich einst zur Extraklasse der Akademiker zählte.
Wandelt man durch die neue Arbeitsagentur, gewinnt man den Eindruck, das Ei des Kolumbus habe darin bestanden, die konventionellen Tätigkeiten der Vermittler in möglichst kleine Schrittchen zu zergliedern und diese an möglichst viele „externe Kräfte“ zu verschieben, die fürderhin wie die Mitarbeiter von Privatunternehmen funktionieren.
Das beginnt mit der Rezeption und den drei Damen, die jeden abfangen, der einzudringen versucht, auf dass er nicht zum Sachbearbeiter durchdringe und ihn zutexte. An den Zuständigen gerät man nur noch per telefonischer Terminvergabe. Diese erledigt nicht mehr der Zuständige, sondern eine Call-Center-Mitarbeiterin, die jung ist und keine Beamte. Den ganzen Tag am Telefonieren und von routinierter Freundlichkeit, während früher der Mitarbeiter, den man da noch direkt erreichen konnte, stets vergrätzt wirkte, weil es darum ging, dass er bald was für einen arbeiten müsste, er einen aber lange schon kannte und sich ausrechnen konnte, dass er augenblicklich in einer Besprechung steckte und die Antwort in einem zu vereinbarenden Termin erst geben könne.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.10.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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