Klaus Mattes

CRINCH: Von 12 Uhr mittags bis in die Verblendung

 

Über das Rasensprengen

Beim Wort Rasensprenger erhoffte ich zu Beginn noch, dass hinterher auch von dem ganzen Ausmaß der Explosion berichtet werden würde. Besonders eine sehr, sehr leise und nach Möglichkeit verlangsamte, also irgendwie langwierige Explosion hätte mir gefallen. Nur selten berichten die Medien sämtliche Details dieser Vorfälle. Kaum ist die schreckliche Flut der schlagartig eintreffenden Information zusammengerafft, scheinen die Dimensionen des sich ergebenden Artikels auch schon wieder gesprengt zu sein.
 

Panini und MTB

Es gibt tatsächlich allerdings schon auch Existenzen, die berühren einen überhaupt nicht, wie beständig ihr Dasein auch gewesen sein mag! So mich die von den Panini-Fußballalben.

Oder, dass letztlich alle Fußwanderer irgendwann ausgestorben sind und nur die Mountainbiker überlebt haben, die sie tot fuhren. Verzweifelt kommt man auf den Gedanken, der Sozialist Darwin habe schließlich eben doch Recht behalten. Dass die besser angepasste Sorte sich am Markt klar durchsetzt - wie der Tesla im Dschungel!

 

Von zwölf Uhr mittags bis in die Verblendung

Wenn von etwas Wirklichem erzählt wird und wenn entschieden werden muss, was als Nächstes geschehen sollte, werden sich nie alle schnell einig. Am plausibelsten erscheinen Gründe, sich herauszuhalten, weder dagegen noch dafür.

In „Zwölf Uhr mittags“ entscheidet Marshall Will Kane, in der Stadt zu bleiben, wo um die Mittagszeit der Zug mit dem Revolverhelden Frank Miller einlaufen wird. Amy, die frisch angetraute Ehefrau, eine Quäkerin, somit eine entschiedene Gegnerin von Gewaltanwendung, stellt ihn vor die Wahl: sie oder das Duell mit diesem Gangster. Und noch einmal wählt Marshall Kane die Stadt und seine Pflicht zur Verteidigung. Wieder stellt er sich gegen seine Liebe und das private Glück in der Partnerschaft. Als er aber die Bürger um Unterstützung bittet, letztlich, um ihnen den berüchtigten Verbrecher vom Hals zu schaffen, hat jeder seinen vernünftigen Grund, sich hinter einer Tür zu verschanzen. Am Ende geht alles gut, weil wir in einem Film sind. Frank Miller ist tot. Will Kane reißt sich den Stern vom Leib, wirft ihn den Bürgern vor die Füße, die jetzt alle wieder da sind, um einsam die Stadt zu verlassen.

Regisseur des Films war ein emigrierter österreichischer Jude namens Fred Zinnemann. Das Drehbuch schrieb Carl Foreman. Ihn hatte man 1951 vors antikommunistische Komitee gegen Unamerikanische Umtriebe geladen. Von 1938 bis 1942 war er in der Amerikanischen Kommunistischen Partei gewesen. 1953 verließ er seine Heimat, die USA, und wanderte nach England aus. Das Komitee gegen Unamerikanische Umtriebe existierte dann noch mehrere Jahre. Aber der fanatische Senators Joseph McCarthy wurde 1955 entlassen, zur Zeit der Entstehung des Films. Währenddessen regierte in Moskau der Diktator Stalin. Der Korea-Krieg, mit dem ums Haar noch mal ein Land den Roten in den Schoß gefallen wäre, war 1953 zu Ende gegangen.

Für ein gewisses natürliches Misstrauen gegenüber Kommunisten lagen in den USA somit auch gute Gründe vor. Hätte man die Themen Gesinnungsschnüffelei und Berufsverbote zum Thema eines Unterhaltungsfilms gemacht, wären die Menschen nicht ins Kino gegangen. Also drehten Foreman und Zinnemann den Spieß um und zwangen das Publikum, also eine Mehrheit aus Passiven, in die Sichtweise des Einzelgängers, dieses Verlorenen mit seiner ehrenhaften Moral. Nichts war so falsch wie das gemäßigte Mittelmaß. Jeder konnte es sehen, dass sie ihren Kopf in den Sand steckten.

Erzählt man diese Geschichte mit dem Gewissenskonflikt so, dem Opfermut, dem Kampf und dem Sieg am Ende, finden alle, dass sie ständig auf dieser Seite gestanden hätten. Würde es ernst im richtigen Leben, würden sie buckeln und Kratzfüße machen vor der Macht des Bösen.

Besser diese Geschichte mit ihrer guten Absicht als die Wahrheit. Das Wahre beleidigt den Menschen immer wieder gründlich. Das edel Beabsichtigte wählt er sich zur Kunst. Es gibt das Böse zwar, aber nie genau dort, wo die Leute gerade stehen.

Über den westdeutschen Film „Anders als du und ich (§ 175)“ aus dem Jahr 1957 lesen wir in Wikipedia:

Über die enge Beziehung zu seinem Schulfreund Manfred gelangt der 17-jährige Gymnasiast Klaus Teichmann in homosexuelle Kreise. Beim Antiquitätenhändler Dr. Boris Winkler werden junge Männer freigehalten und mit elektronischer Musik bekanntgemacht. Klaus Teichmanns Eltern machen sich Sorgen und zeigen Dr. Winkler ab. Es liegt nichts gegen ihn vor. Unsittliche Vergehen konnten nie nachgewiesen werden. Das Verfahren wird eingestellt. Frau Teichmann möchte Klaus mit der hübschen Haustocher Gerda verbandeln. Und wirklich keimt Liebe in Klaus. Vom eifersüchtigen Manfred bekommt Dr. Winkler es erzählt. Er zeigt Frau Teichmann wegen Kuppelei an. Das Gericht bezeugt Verständnis für die Motive der Mutter und verurteilt sie zu sechs Monaten auf Bewährung.

Über den schwedischen Film „Verblendung“ aus dem Jahr 2009 lesen wir:

Zeitgleich treffen sich Mitarbeiter der Sicherheitspolizei (SiPo), um die Affäre zu vertuschen. Zalatschenko will, dass Lisbeth ermordet wird, oder er verrät die Sektion. Die sogenannte Sektion der SiPo will erreichen, dass Lisbeth auf unbegrenzte Zeit in der Psychiatrie verschwindet. Dr. Teleborian, der für ihre Entmündigung gesorgt hat, steht zu Diensten. Die Sektion bricht in Mikaels Wohnung ein und deponiert dort Kokain und Bargeld. Als Lisbeth aus dem Krankenhaus kommt, muss sie vor Gericht. Der Staatsanwalt und Gutachter Dr. Teleborian unterstellen ihr eine paranoide Verwirrung. Lisbeths Verteidigung kann eine Krankenakte mir Angaben über frühere Misshandlungen in der Psychiatrie und durch ihren Vormund Bjurman vorlegen. Ein Vergewaltigungsvideo wird gezeigt. Auf Teleborians Rechner ist kinderpornografisches Material. Er wird im Gerichtssaal verhaftet. Lisbeth ist frei und erbt Zalatschenkos Grundstücke mit einer stillgelegten Ziegelei. Ihr Halbbruder Niedermann, auf der Fahndungsliste wegen Polizistenmord, hält sich dort versteckt. Dann der Showdown: Lisbeth nagelt Niedermann mit einem Druckluftnagler am Boden fest.

Nie und niemals haben sich solche Geschichten mit all ihren Details im wirklichen Leben so abgespielt. Das wissen wir aber schon auch. Doch schlimme Geschichten faszinieren uns. Ein gutes Herz wollen wir aber auch alle haben und immer behalten.

Zwar ist es Kitsch.

Aber wenigstens gut gemeint, nämlich für eine endlich bessere Welt.

 

Der blaubärtige Karbunkelstein

Zwischen Lebezow und dem Plützelsee erstreckt sich seit unvordenklichen Zeiten das düstere Moor des Blödin. Als aber einst, auf seiner Rückkehr vom Heiligen Land, Wenzeslaus, der Gütige von Hohenstein mit den wenigen verbliebenen Getreuen, gehetzt von den Scharen des Erzbischofs von Magdeburg in etwa zur Zeit des Zwielichts in den Blödin einschwenkte, stand plötzlich ein original blaubärtiger Karbunkelstein in seinem Weg und richtete solcherart das Wort an ihn: „Weiche, denn es taugt nicht und hat keinen Zweck, etc., etc.“ Alle waren sie nie mehr gesehen. Der Ort bleibt ewig verflucht.

 

Passivformen der Verben im Partizip

Transitiv sind die meisten Verben. Und können im Passiv vorkommen.

Ich wasche den Teller ab. Der Teller wird abgewaschen. Es ist ein abwaschbarer Teller. Ich fege den Keller. Der Keller wird gefegt. Es handelt sich um einen fegbaren Keller. Er bestaunt den Feger. Der Feger wird heute auch mal bestaunt. So ein Feger ist ehrlich bestaunbar. Sie suchte einen impotenten Mann fürs Leben. Ein impotenter Mann ist gesucht worden. Er war impotent, aber gesucht und besuchbar.

Manchmal klingt sie allerdings unsauber, diese Partizipialform des Passivs.

Es schüttelte sie, ihn auch nur anzusehen. Hart durchgeschüttelt fühlte sie sich, wenn sie ihn ansah. Eingestandenermaßen ist diese Frau allerdings immer schon ziemlich durchschüttelbar gewesen.

 

Fürs Lesen gehalten

Gott, ist das witzlos!

Hab’s zwar nicht alles gelesen. Bedeutet es am Ende auch noch was?

Gestelzt, der Humor. Bricht früher oder später ab und fängt an, destruktiv zu stänkern.

Ist irgendwer sicher, dass das von mir stammt? Nicht doch von Yoshi Moschi oder Horst M. Pelzig, dem Theoretiker der Vertraulichkeit?

Es ist und bleibt weiterhin irrelevant. Hab’s immerhin gerne gelesen. Allerdings ein Stück gewählt entfernt von mir habe ich's gehalten fürs Lesen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.10.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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