Lena Kelm

Glücksmoment

Nichts zu machen, Salben helfen nicht mehr gegen meine Arthrose. Ich muss zum Orthopäden. Wer geht schon gerne zum Arzt, besonders in Zeiten herrschender Pandemie? Mein Lieblings-Orthopäde ist in Rente gegangen. Vor Monaten versicherte er noch, er habe nicht vor, sich zur Ruhe zu setzen.

„Der Doktor hat wegen Corona aufgehört“ – „Wurde er krank?“ frage ich verblüfft.– „Nein, er wollte sich hier nicht anstecken“, sagt die Sprechstundenassistentin. Angesichts des überfüllten Wartezimmers sehe ich das ein. Untröstlich bin ich über den Verlust meines langjährigen, kompetenten Arztes. In Gedanken wünsche ich ihm Gesundheit, möge er seine verdiente Rente genießen.

Ungewohnt schnell werde ich aufgerufen. Den Raum betritt federnden Schrittes ein junger Mann im weißen Kittel. Jung und flott, aber wenig Erfahrung, denke ich. Auf sein kurzes „Hallo“ folgt die Standardfrage wie im Einzelhandel: „Was kann ich für Sie tun?“ – „Ich hoffe, Sie können mir alten von Arthrose geplagten Frau helfen.“ Es klingt fast kokett, nur nicht jammern! Mit dem Alter nimmt die Tonlage „ist halb so schlimm“ zu, damit der Arzt nicht entscheidet: „Sie müssen sofort in die Klinik.“

„Sie sind doch nicht alt!“, sagt er schlagfertig. Ich bin baff. „Ach, Herr Doktor, Sie haben Humor! Danke für das Kompliment.“

Dann begreife ich, es liegt an der Modulation meiner Stimme. Eine Stimme kann wie eine Trompete, Flöte, Fanfare wie ein Kontrabass klingen. Es kommt auf Dehnung, Akzentuierung, Wohlklang an. Mit Babys und Müttern spricht man in unterschiedlichen Tonlagen.

Der Arzt beginnt mir sympathisch zu werden. Nach der Anamnese und Untersuchung, verordnet er mir eine Therapie. Ich bin zufrieden. Er verrät mir, er habe in einer Klinik gearbeitet. Von wegen, keine Erfahrung! Ich bedanke mich überschwänglich, übrigens auch eine Macke von mir, dieses tausendmal Danke-Sagen. Dabei möchte ich nicht, dass der Eindruck entsteht, ich wäre tatsächlich eine schrullige Alte.

Als ich das Wartezimmer verlasse, die CO2-belastete Luft ohne Mund-Schutz einatme, muss ich an sein Kompliment denken. Wollte er mir schmeicheln? Nein, das hat er nicht nötig. Mir wird mit einem Mal bewusst, diesen Glücksmoment verdanke ich der Pandemie und der verhassten Maske. Sie verdeckt Falten. Unglaublich! Das versöhnt mich etwas mit der Maske. Bis jetzt habe ich nur Schrecken und Abscheu bis zum Ersticken empfunden. Ob ich sie ab und zu unter der Nase tragen sollte, was eigentlich verboten und gefährlich ist? Dafür kann ich besser atmen und die Nase hat ja zum Glück keine Falten. Besser nicht! Corona verschont auch alte eitle Frauen nicht.

 

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Lena Kelm).
Der Beitrag wurde von Lena Kelm auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.11.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  Lena Kelm als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Gottes Zelt: Glaubens- und Liebesgedichte von Patrick Rabe



Die Glaubens-und Liebesgedichte von Patrick Rabe sind mutig, innig, streitbar, vertrauens- und humorvoll, sie klammern auch Zweifel, Anfechtungen und Prüfungen nicht aus, stellen manchmal gewohnte Glaubensmuster auf den Kopf und eröffnen dem Leser den weiten Raum Gottes. Tief und kathartisch sind seine Gedichte von Tod und seelischer Wiederauferstehung, es finden sich Poeme der Suche, des Trostes, der Klage und der Freude. Abgerundet wird das Buch von einigen ungewöhnlichen theologischen Betrachtungen. Kein Happy-Clappy-Lobpreis, sondern ein Buch mit Ecken und Kanten, das einen Blick aufs Christentum eröffnet, der fern konservativer Traditionen liegt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Autobiografisches" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Lena Kelm

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Was macht er? von Lena Kelm (Wie das Leben so spielt)
WIR HABEN HERZLICH GELACHT von Christine Wolny (Autobiografisches)
BURKA von Christiane Mielck-Retzdorff (Lebensgeschichten & Schicksale)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen