Steffen Herrmann

Zwielichtige Charaktere

Im hinteren Teil unseres Hofes liegen drei Hanteln herum, eine grosse und zwei kleine. Sie sind aus Plastikeimern (beziehungsweise Wasserflaschen) gefertigt, die mit Beton ausgegossen und einer Metallstange verbunden sind. Ich stemmte das grosse Gerät (das es auf vielleicht fünfundzwanzig Kilo brachte) einige Male und ertüchtigte mich auch mit den einarmigen Hanteln. Mich beeindruckte an diesen Gegenständen der afrikanische Erfindungsgeist: reine Pragmatik auf der Basis von Low-Tech.

Die Hanteln mussten Pa gehören. Pa war fester Mieter in der kleinen Wohnung neben dem Laden bei uns. Er war vielleicht vierzig Jahre alt und arbeitete in einem Nachtclub als Türsteher. Den dafür erforderlichen Körperbau hatte er, seine Oberarme bestanden aus mächtigen Muskelpaketen.

Ich fragte ihn, ob das seine Hanteln waren.

«Oh nein», gab er zurück und lächelte. «Die sind zu leicht für mich.»

Ich fragte ihn, was für Gewichte er stemmen würde.

«Oh, jetzt bin ich alt» erklärte er. «Ich mache nur noch hundertfünfzig Kilo. Früher waren es über zweihundert.»   

Wir kamen ins Gespräch. Ich erfuhr dabei, dass er in seiner Jugend Gambia-Meister im Kraftsport gewesen war. Das beeindruckte mich.

Pa hatte eine Freundin aus den Niederlanden, die sich aber nicht dazu entschliessen konnte, ihn nach Europa zu holen. Immerhin bezahlte sie seine Miete, sodass er trotz seines mageren Lohnes regelmässig ins Fitnessstudio gehen konnte und sogar über ein kleines und überaus betagtes Auto verfügte. Die Beziehung der beiden bekam Risse, als sie ihn einmal mit einer anderen Frau erwischte, aber meines Erachtens hatten sie sich daraufhin nicht getrennt.

Unsere Gespräche verliefen meistens ähnlich. Er machte sein Auto am späten Nachmittag startklar und sagte mir, dass er zur Arbeit fuhr. «I’m a security man», erklärte er dabei häufig. «This is what I do” oder “This is my job”. Pa schien ein einfaches Gemüt zu haben.

Allerdings war er auch nicht über alle Zweifel erhaben. Als ein Freund von mir für eine Woche allein bei uns lebte (wir waren zu dieser Zeit in Europa), um Erfahrungen als Lehrer in einer Grundschule zu sammeln, arbeitete Pa als sein Fahrer. Mein Freund war allerdings bald genervt, weil jeden Tag auf Neue war der Tank wieder leer war. Sie mussten also täglich zur Tankstelle, natürlich auf Kosten meines Freundes.

Zum Eklat führte seine unseriöse Seite allerdings, als er von meiner Frau beauftragt wurde, das Öl in unserem Auto zu wechseln. Sie gab ihm das notwendige Geld, er fuhr in die Stadt und bestätigte anschliessend die Dienstleistung.

Allerdings hatte das Auto bei unserer nächsten Fahrt nach Kafountine Probleme, wir retteten uns in eine Werkstatt. Das erste, was der Mechaniker feststellte, war, dass das Öl sehr alt und verschmutzt war. Es war nie gewechselt worden.

Meine Frau kündigte ihm daraufhin noch im laufenden Monat seine Wohnung.

Pa lebt nicht mehr. Vor zwei Jahren brach er mitten am Tag auf einer Strassenkreuzung zusammen und starb kurz darauf. Ich vermute, dass sein Tod mit dem Übermass an Kraftsport zusammenhing. Vielleicht nahm er Anabolika. Genaueres wird nicht mehr herauszufinden sein.

Die Unwissenheit über Todesursachen ist in Gambia noch weit verbreitet. Häufig wird darüber gesprochen, dass jemand gestorben sei und wenn ich frage, was der Grund war, heisst es häufig nur: «Sie war krank». Allerdings verbreitet sich die moderne Medizin zunehmend, die Betroffenen und ihre Angehörigen wissen dann entsprechend, dass sie etwa an Asthma, Diabetes oder an Krebs leiden.

 

In den mir bekannten westafrikanischen Gesellschaften ist Vertrauen eine sehr grundlegende und doch prekäre Grundlage von sozialen Interaktionen. Es gibt ja kaum funktionierende Institutionen, der Staat glänzt weitgehend durch Abwesenheit. Handlungsketten laufen von Mensch zu Mensch, kaum abgesichert durch organisatorische Strukturen.

Innerhalb von verwandtschaftlichen oder auch nur kameradschaftlichen Verhältnissen kann man Bitten nicht ohne Weiteres abschlagen. Die europäische Egologie, des «Ich kümmere mich um meine Angelegenheiten und du dich um deine» ist in diesem Sinne unafrikanisch.

In dieser viele Handlungen überhaupt erst ermöglichenden Vertrauensbasis lauert aber immer eine mehr oder weniger ausgeprägte Spur des Misstrauens, die häufig auch berechtigt ist. Ich habe es wiederholt, beinahe regelmässig erfahren, dass es irgendwann zu einem Betrug, einem Diebstahl oder einer anderen Art von Vertrauensmissbrauch kam, was in der Regel zu einem persönlichen Bruch führt.

Auch in diesem Zusammenhang habe ich gerade unsere Erfahrungen mit Pa beschrieben.

Ein anderes Beispiel ist Lotti.

 

Ich lernte Lotti vor zwei Jahren kennen. Er hatte sich bei meiner Frau als Helfer für dies und das angedient und erhielt dafür ein mietfreies Zimmer sowie von Zeit zu Zeit ein paar Dalasi Taschengeld.

Lotti war ein junger Kerl, so um die fünfundzwanzig, von schlaksiger Gestalt. Er lachte und grinste viel, blödelte gern herum und war generell nicht die hellste Kerze auf der Torte.

Ich fragte ihn, ob wir zusammen joggen gehen könnten.

«Kein Problem» gab er sogleich zurück.

Meine Frau war etwas skeptisch. «Pass auf, dass der alte Mann nicht unterwegs zusammenbricht» meinte sie zu ihm.

Ich zog mir meine Turnschuhe an, dann ging es los. Wir liefen am Rand von staubigen, doch wenig befahrenen Strassen, weiter und weiter. Es war zwar schon fast Abend, doch die Sonne brannte noch, es war heiss. Lotti lief die kilometerlange Strecke mühelos, galant in seinen Jesuslatschen, mitunter auch barfuss. Schliesslich kamen wir am Meer an. Ich nahm ein Bad im Atlantik, dann liefen wir zurück.

Als wir endlich wieder unser Haus erreichten, war mein Kopf rot, ich schwitzte am ganzen Körper.

«Mein Gott!» rief Christine (meine Frau) und lachte.

«He» sagte Lotti. «Das ist kein alter Mann!»

War doch ein schönes Kompliment.

 

Zu diesem Zeitpunkt war Jan zwei Jahre alt. Lotti betreute unser Kind mit grosser Begeisterung, die beiden hatten viel Spass miteinander. Jan folgte ihm überall hin und wenn er die Wahl hatte, zu mir oder zu ihm zu gehen, war ich meistens nicht der Favorit.

Allerdings hatte er nicht das ungetrübte Vertrauen meiner Frau.

«Pass auf Lotti auf!» schärfte sie mir immer wieder ein «Lass ihn nicht allein in der Wohnung!» oder «Schliess immer ab, wenn du rausgehst!» und so weiter. Ich winkte ab. Lotti war ein einfaches Gemüt und der beste Kamerad meines Jungen. Immer dieses Misstrauen!

Irgendwann erzählte sie mir, dass einmal etwas vorgefallen war.

Es war zwei oder drei Jahre her. Auch zu dieser Zeit half er ihr in vielen Belangen und war häufig zu Gast. Eines Tages bemerkte meine Frau, dass ihr Geld fehlte, das in einer Kiste im Schlafzimmer verwahrt war. Lotti verteidigte sich lautstark und wortreich, schwor heilige Eide. Sie war nicht überzeugt und hiess ihn, in ihr Auto zu steigen. Sie fuhr mit ihm zu einer Art Spezialpolizei und übergab ihn den dortigen Männern mit der Bitte, die Sache aufzuklären. Danach löste sich das Problem schnell. Wir wissen nicht genau, was diese Polizisten gemacht hatten - sie waren dafür bekannt, hart zuzulangen und es gab Gerüchte über Folterpraktiken - jedenfalls tauchte das Geld rasch auf. Er hatte es noch in seiner Hosentasche, immerhin achthundert Euro.

 

Natürlich war er in Ungnade gefallen und verschwand aus ihrem Leben. Später wandte er sich wieder an sie und bat um eine zweite Chance. Christine blieb zunächst skeptisch. «Ich war dumm und schlecht» bekannte Lotti, der Geläuterte. «Aber ich bin nicht mehr so wie damals. Ich bin älter geworden und reifer. Ich habe viel verstanden.»

Irgendwann liess sie sich erweichen. Das war der Zeitpunkt, zu dem ich ihn kennengelernt hatte.

Mit der zweiten Chance ist das so eine Sache, nicht jeder weiss sie zu nutzen. Lotti gehörte nicht dazu. Er war häufig mit Jan allein in unserer Wohnung, weil ich in der oberen Etage in meinem Homeoffice arbeitete und Christine etwas zu erledigen hatte. Diesen Freiraum verwendete er dazu, um haufenweise Dinge (selbst Möbelstücke) herauszutragen und zu versilbern. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis das herauskam, danach waren seine Dienste allerdings nicht mehr gefragt.

 

Diese charakterliche Zwielichtigkeit ist mir bis heute ein Rätsel. Für einen momentanen Gewinn wird dabei eine längerfristige Perspektive zerstört, warum? Gehen sie davon aus, dass es nicht herauskommt? Oder dass die persönlichen Beziehungen ohnehin nicht lange halten?

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.11.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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