Gherkin

DIE ZERMÜRBTEN

 

Verstörender als die Missing 411 Fälle, mysteriöser als der Roswell Vorfall, sicherlich auch sehr viel geheimnisvoller als die Geschehnisse im Bermuda Dreieck – die Geschichte rund um das Dörfchen Schwarckenbörchel an den Pfengsthoden. Doch den Schwarckenbörchelern ist der Zusatz „An den Pfengsthoden“ so peinlich, dass in allen Atlanten und auf sämtlichen Karten nur dies zu sehen ist: „Schwarckenbörchel an den Pfengsth.“ Aber leugnen lässt sich nun einmal die Tatsache nicht, dass die Erhebung neben dem Örtchen von oben gesehen wie Testikel auf den Betrachter einwirken. Und den Beinamen hat der Ort bereits seit 1191, als Bischof Rudolf von Verden die Burg Rotenburg an der Wümme gründete. Die Besiedlung hatte man dem Rillenstein von Borchel zu verdanken, einem Menhir, der zwischen 3500 und 2800 v. d. Zeitrechnung gefunden worden war. Zu jener Zeit, rund um 1190, siedelte man sich immer gern in der Nähe von gewaltigen Menhiren an. Sie sollten Kraft und Stärke symbolisieren, in ihrer Gegenwart fühlte man sich nahezu unbesiegbar.

 

Rotenburg an der Wümme liegt in Sichtweite zu Schwarckenbörchel. Von dort aus kann man die Spitze des Minaretts der islamischen Moscheegemeinde mit Sitz in der Küçük-Ayasofya-Moschee, sie befindet sich in der Fuhrenstraße, hervorragend sehen.

 

An einem milden Tag im Mai 2023 nun begab es sich, dass Wennrich Beuthel, 49, Lehrer in der Hauptschule zu Schwarckenbörchel, an sich eine Veränderung bemerkte. Sein linker Arm schwoll an, hernach der rechte. Die Konsistenz veränderte sich drastisch. Und es duftete plötzlich lecker in seiner Nähe. Die Arme, die Hände, wirkten bröckelig. Aus dem Handballen konnte er ganz einfach ein Stück entfernen, völlig schmerzlos. Er kostete. Wie Omas Mürbteig Plätzchenteig. Schmeckte exakt so, wie früher dieser Plätzchenteig, von dem er so häufig genascht hatte. Oma musste sehr oft sogar schimpfen, weil er ständig um sie herum war und immer wieder Teig naschte. Viel zu viel.

 

Er sah auf das Loch im Handballen. Hatte er soeben einen Teil davon gegessen? Und – hatte es ihm sogar gemundet? Verwirrt sah er an sich herab. In der Hose, unter dem Hemd, ja sogar in Unterhose und Socken veränderte sich alles radikal. Er wurde zum Mürbeteigmann. Der Pädagoge konnte sich das nicht erklären. Nichts fiel von ihm ab, auch wenn er die Hand schüttelte. Aber wenn er nun sein Hemd aufknöpfte, um rund um den Speckgürtel ein Bröckchen Teig zu entnehmen, dann war das ohne Weiteres möglich, gänzlich schmerzfrei. Beuthel wunderte sich sehr. Es überraschte und es verblüffte ihn. Sofort sah er sich um. Und siehe da, auch andere bemerkten dies Phänomen an sich. Überall erstaunte und fassungslose Gesichter. Rings um ihn waren nach und nach alle Menschen zu Mürbeteig-Personen geworden, die an sich herab blickten und Stücke ihres Körpers verzehrten, ganz offensichtlich verzückter Miene. Diese Kindheitserinnerung hatte nicht nur er, Beuthel. Sein Instinkt aber sagte ihm, dies sei in höchstem Maße Besorgnis erregend. Er strebte der Heimstatt zu. Er konnte jedoch deutlich sehen, dass nur die Männer davon betroffen waren. Frauen, die bereits leichte, offene Mäntel trugen, veränderten sich nicht. Warum nur die Männer, fragte sich Beuthel, während er beunruhigt nach Hause ging. Unterwegs ziemlich viele Männer, die unwillig den Kopf schüttelten. Beuthel fragte sich, ob der Handballen wieder nachwachsen würde.

 

Zuhause war sein liebend Weib geradezu entsetzt. So kannte sie den Gatten überhaupt nicht. So hatte sie ihn noch nie zuvor gesehen. Das Gesicht teigig und leicht bröselig, eine Art Keksteigduft versprühend, irgendwie reichlich zermürbt auf sie wirkend. „Höre, Weib“, sprach der Gatte, wieder biss er mit Wucht in seinen anderen Handballen, verschlang den Keksteig beglückt, „die Dinge haben sich grundlegend geändert. Ob und wie wir noch Geschlechtsverkehr auszuüben in der Lage sein werden, bleibt dahingestellt. Unser Zusammenleben wird sich ab sofort völlig anders und in jedem Fall drastisch unterschiedlich zum vorherigen Status gestalten. Was machst du da?“ Leicht entsetzt musste er mit ansehen, wie sie dem Ehemann in die Wange kniff – und ihm ein ziemlich großes Stück Keksteig vom Gesicht löste, herzhaft hinein biss und den Teig dann verschlang. Das war ein starkes Stück! Das Telefon klingelte. Er war durchaus noch in der Lage, das Festnetz-Tel. abzunehmen und ans Ohr zu halten: „Beuthel?“ Es war sein Arbeitgeber. Lehrer Beuthel fehlte das große Stück Wangenpartie jetzt doch sehr, er vermisste es heftig. Wütend sah er während des langen Gesprächs seine Gattin an, die immer noch kaute. „Hören Sie, Beuthel“, bellte der Rektor in sein rechtes Ohr, „ich bin irgendwie seit vorhin eine Mürbeteig-Persönlichkeit. Dies missfällt mir in nicht zu benennendem Maße. Während die olle Federlein aus der 6 a noch immer ist, was sie stets war, eine fürchterliche Schabracke, faltig und ledrig, haben sich alle Männer aus dem Kollegium in Kekse verwandelt. Was ist mit Ihnen?“ Beuthel bestätigte den Status quo. Dies widersprach seinem und auch des Rektors Symmetrie-Empfinden. Wo bleibt da die ausgleichende Gerechtigkeit? „Ich hab die Gesamtschule in Rotenburg an der Wümme angerufen, Beuthel. Dort ist nichts bekannt in Sachen Zermürbung. Die haben das Problem dort nicht. Scheint nur hier zu existieren. Und, tja, es betrifft nur Männer. Hatte bereits ein Telefonat mit dem Bürgermeister. Auch der besteht nur noch aus Keksteig. Weiß nicht, ob ich ihn wiederwählen werde…“

 

Als Beuthel aufgelegt hatte, warf er seiner Frau noch einen missmutigen Blick zu, schüttete sich einen doppelten Cognac ein und trank diesen fast wütend aus. Irgendwie schmeckte alles teigig, mürbeteigmäßig, sogar dieser Braastad Cognac X. O. Seine Laune sank beträchtlich, auf so eine Art Permanent-Tief. Der belustigte Blick der Gattin, das offensichtliche Feixen und Grienen, mochte noch zusätzlich dafür sorgen, dass er wieder auf die Straße flüchtete. Er lief Jasper Truebsahl in die Teig-Arme, einem Nachbarn, der gerade versuchte, eine Zigarette zu rauchen, was ihm nicht gelang. „Jasper, olle Gurke, was für‘n Dilemma, nich?“ bröselte und bröckelte es aus ihm heraus. Truebsahl sah deutlich löchriger aus als Wennrich. Beuthel deutete auf die Kraterlandschaft in seinem Gesicht. „War das Carola?“ Jasper bejahte. „Die Mistbiene… Aber das zahle ich ihr noch heim. Die Weiber werden auch noch zermürbt, glaub mir, nur eben n‘ büschen später…“ Jeder wusste, dass Carola, Jaspers Frau, Doppel-D trug. DIESE Rache konnte sich Wennrich bildhaft ausmalen. Und er hatte gute 3 Minuten mit dieser Fantasie zu tun. Teig fürs ganze Kollegium! „Verlass dich da nicht drauf, Jasper. Die Weiber haben doch immer Glück. Werden älter als wir, sind im Alter noch attraktiv und kriegen keine Glatze! Das ist ungerecht. Ich wette drauf, dass die auch nicht zu Keksteig werden…“

 

Da bog ein Polizeiwagen um die Ecke. Durchsage aus dem Mund einer Polizistin, die, völlig normal aussehend, neben sich eine etwas zusammengesunkene Mürbeteig-Person sitzen hatte, die wirklich sehr unglücklich aussah. Ihr fehlte ein großes Stück am Kinn. „Achtung, Achtung – die Zermürbung hat im gesamten Ort um sich gegriffen. Es betrifft nur die männlichen Bürger, leider auch, wie wir feststellen mussten, alle männlichen Kinder. Es sind Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Bitte, finden Sie sich im Gemeindezentrum ein, sofern Sie männlich sind. Wir werden dort die Sachlage mit dem Bürgermeister, der ebenfalls aus Teig besteht, besprechen. Beißen Sie nicht von sich selbst ab! Und die Frauen bitten wir, dem Drang nicht nachzugeben, von den Männern abzubeißen! Vielen Dank! Sie alle sollten sich strikt versagen, Ihre Kinder zu essen!“

 

Die Zermürbten fanden sich im Gemeindezentrum ein. Insgesamt hatte Schwarckenbörchel an den Pfengsthoden gute 600 männliche Bürger. Bis auf die bettlägerig Kranken und die Kleinkinder sind alle gekommen. Der Bürgermeister trat ans Mikro: „Ruhe bitte! Das bringt doch nichts, wenn wir alle durcheinander reden! Ruhe!! Lassen Sie mich bitte etwas sagen. Etwas fundamental Wichtiges! Dankeschön!“ Es trat langsam Ruhe ein. Erwartungsvolle Gesichter starrten den Teigmann nun an.

 

„Unsere fähigsten Wissenschaftler, hier in der Person von Randy Marsh aus dem Stadtteil Süd-Park, ein Geologe, haben Positives zu berichten! Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass diese unsere Missbildung, die Zermürbung, auch wieder abklingt. Wie Ihr alle wisst, hat Randy einen Doktortitel und ist somit mehr als qualifiziert, uns allen Hoffnung zu machen. Er begründet seine Theorie mit Nachdruck darauf, dass Heiner Gpfettner, der Droschken-Verleiher, am rechten Knie eine Art von Knorpel zu verspüren glaubt. Offensichtlich wächst dort etwas zurück, was sich schon zuvor dort befunden hatte. Auch Jockel Dreikant, der Apotheker, teilte Dr. Marsh mit, dass bei Gebrauch von Kernseife und Mundwasser in jedoch exzessivem Umfang beobachtet werden könne, dass sich in der Paukenhöhle mit dem Gehörknöchelchen im Mittelohr eine deutlich knorpelartige Substanz zu verfestigen in der Lage ist. Wir bejubeln diese hervorragenden Aussichten und wollen unserem überwältigend guten Wissenschaftler, Dr. Randy Marsh, hierfür einen Eintrag ins Goldene Buch unseres Örtchens gönnen, ihm zudem 10.000 Euro zukommen lassen, und ihm die Ehrennadel des Wissenschaftsgremiums des Rillensteins von Borchel überreichen. Wenn DAS keine wirklich sehr guten Nachrichten sind, meine sehr verehrten anwesenden Herren, dann weiß ich auch nicht. Dr. Marsh, kommen Sie bitte nach vorn.“

 

Unter tosendem, wenngleich auch leicht dumpfem Applaus trat der Süd-Park-Wissenschaftler, Dr. Randy Marsh ans Rednerpult und wurde dort gefeiert. Vereinzelt hörte man auch Hoch- und Bravo- Rufe. Das Bad in der Menge tat dem Geologen ganz offensichtlich sehr gut, denn herzhaft biss er in seinen linken Handballen, entriss diesem ein größeres Stück, und fraß es vor aller Augen auf, wohl wissend, dass er damit ein Zeichen setzte: „Seht her, die Zermürbung ist nicht von Dauer!“

 

Wennrich ging trunken vor Freude nach Hause. Seine Frau war mit 2 Koffern und natürlich all ihren Habseligkeiten verschwunden. „So eine feige Ratte!“ Das dachte Beuthel. Loyalität sieht sicherlich anders aus. Trotzig brüllte er ins leere Heim: „Mir doch egal. Mach dich ruhig vom Acker, dumme Pute! In Kürze bin ich wieder der Mann, der ich früher mal war, teiglos! Und dann nehme ich dich ganz bestimmt nicht mehr zurück! Ha!“

 

Er trank eine Mürbeteig-Limo, rauchte eine merkwürdig nach Mürbeteig schmeckende Zigarre, aß Mürbeteig-Pizza und trank dazu Mürbeteig-Pilsener. Auch im Spätherbst des Jahres 2023 hatte sich nichts am Status der Männer von Schwarckenbörchel geändert. Die waren immer noch total und arg zermürbt. Und, leider, auch die abgebissenen Stücke wuchsen nicht wieder nach. Fast alle Frauen in Schwarckenbörchel an den Pfengsthoden hatten ihre Männer verlassen, nur Carola war bei Jasper, dem Glücklichen, verblieben. Dr. Marsh wurde alsbald während der Zusammenkünfte der Männer im Gemeindezentrum ausgepfiffen. Es tat sich nichts. Alle Zermürbten blieben zermürbt. Und diese Herren hatten keinerlei Erklärung für diesen Schicksalsschlag. Dieses Phänomen trat niemals auch nur im Ansatz außerhalb von Schwarckenbörchel auf. Kein Wissenschaftler traute sich, dieses so befremdliche Mysterium zu untersuchen. Alle hatten die Befürchtung, „angesteckt“ zu werden und ebenfalls zu Teigmännern zu werden. Also blieb Randy Marsh der einzige Wissenschaftler im Ort. Ärzte konnten nicht helfen und auch das Militär nicht, von welchem zwei Vertreter in jenem recht winzigen Örtchen Schwarckenbörchel vor sich hin vegetierten, äußerst teigig und schlecht gelaunt.

 

Kernseife und Mundwasser wurden in exzessivem Umfang gekauft. Diese Produkte waren bald ausverkauft und mussten für viel Geld sogar aus dem Ausland eingeflogen werden. Doch wie sehr Kernseife und Mundwasser auch genutzt wurden, es bildeten sich keinerlei Knorpel, vor allem da nicht, wo sie besonders bei den bislang zeugungsfähigen Vertretern der männlichen Spezies mit allem Nachdruck eingefordert worden waren. Nichts, da war nur Keksteig, dort, wo sich früher einmal das pralle Lustzentrum des Mannes unter der Unterhose verborgen hatte.

 

Die männlichen Einwohner wurden nur noch „Die Zermürbten“ genannt. Alle schmeckten lecker, aber geholfen werden konnte ihnen nicht, auch nicht nach etlichen Jahren. „Das ungelöste Rätsel von Schwarckenbörchel an den Pfengsthoden“ sollte niemals gelöst werden. Das ist wahrlich zermürbend!

 

 

 

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Gherkin).
Der Beitrag wurde von Gherkin auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.11.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Gherkin als Lieblingsautor markieren

Buch von Gherkin:

cover

Der Verschollene oder >AMERIKA<< von Gherkin



Das ist die Fortsetzung und die Beendigung des Romanfragmentes des Dr. Franz Kafka: Amerika

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Groteske" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Gherkin

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

MANIFESTOPHELES, Chapter 2 von Gherkin . (Groteske)
Krankheiten von Norbert Wittke (Glossen)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen