Brigitte Waldner

Nichts für schwache Nerven (1/3)

Eine Ziege stand am Schlachthof.
Ein Metzger kam,
nahm sich einen Fleischhaken,
so groß wie die Hand des Metzgers,
holte die Ziege
und stach ihr gleich mit der spitzen Seite
des Fleischhakens in den Hals.
Die Ziege zwillte vor Schmerz,
das heißt, sie schrie so schrill
und so laut sie konnte und
so lange sie noch konnte.
Es geschah vor längerer Zeit.
Geht man so mit einem Tier um?

Ein Metzger ging von Haus zu Haus,
und schlachtete die Tiere.
Er war gerufen worden.
Es gab früher viele Nebenerwerbsbauern,
die nur ein paar Stück Tiere hatten.
Die Kinder durften nicht zuschauen,
aber man hörte die Tiere zwillen.
Als Kind fühlte man das,
dass es sehr, sehr schlimm war
und man lief an solchen Tagen immer weg,
wenn man weglaufen konnte,
dass man es nicht hören musste.

Bei uns kam der Metzger,
nahm sich die Babyziege aus dem Stall,
die drei Monate alt war,
ging mit ihr hinters Haus,
wo sie direkt in den Abgrund blickte,
schnitt ihr mit dem Messer die Kehle durch,
hing sie dann mit den Hinterbeinen
auf die Stadeltüre zum Ausbluten
und zog dem warmen Kitz das Fell sofort ab,
während es im Sterben war.
Es war noch gar nicht tot,
riss er dem Böckchen das Fell vom Körper.
Die Muskeln zuckten noch.

Ich durfte natürlich nicht zuschauen.
Das Zwillen hörte ich bis ins Haus
bei geschlossenen Fenstern.
Die Oma hat dann immer geweint.
Als ich schon größer war, habe ich mich versteckt
und bei eingeschränkter Sicht teilweise gesehen.
Nicht weil ich es sehen wollte,
sondern weil ich es beklagen wollte
und mich nicht mehr anlügen lassen wollte.
Ich habe es für das Kitz getan.
Danach habe ich mich übergeben.
Das Kitz haben wir nie selber gegessen,
sondern verkauft.

Dann habe ich es meinen Angehörigen gesagt,
die auch nie zugeschaut hatten.
Von da an haben wir das Kitz lebend und liebevoll
zum Fleischer in die Stadt getragen.
Mein Opa ist zu Fuß mit dem lebenden Kitz im Rucksack
5 km in die Stadt gegangen, über den Berg,
und wer weiß, wie tragisch es dort
geschlachtet wurde.

© Brigitte Waldner

Fortsetzung folgt.

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