Bernd Behrendt

Die vergessene Spezies

Auf der Erde, Anfang des 22. Jahrhunderts nach christlicher Zeitrechnung. Es war vorhersehbar und nicht mehr aufzuhalten: Die unvollkommenen Klimaschutzmaßnahmen mit der Folge, dass riesige Küstenstreifen größerer Länder und ganze Inselgruppen im Meer versunken waren; die vielen ungeklärten Probleme mit einer weltweiten, nicht beherrschbaren Flüchtlingswelle, die riesige Ausmaße angenommen hatte; unvorstellbare Machtansprüche größenwahnsinniger Politiker, welche nur das optimale Gewinnstreben vieler Unternehmen forcierten; all das leitete den Exitus der Spezies Mensch auf diesem blauen Planeten ein. Ja, bereits Jahrzehnte vorher hatte sich eine kleine Gruppe Wissenschaftler und reiche Großindustrielle aus allen Erdteilen in einem kleinen westafrikanischen Staat zusammengefunden, um ein gigantisches Generationenraumschiff, als riesige Raumstation im Orbit getarnt, fertigzustellen. Sie erahnten das Ende ihrer Welt, denn nicht nur das Klima tötete, auch die Menschen unter sich mordeten per Krieg oder Kriminalität sogenannter Todesschwadronen.

Dieses Schiff sollte die Erde für immer verlassen und hatte zur Aufgabe den Weiterbestand humanitären Lebens zu garantieren.

Im Jahre 2112 war es schließlich soweit. Nur von handwerklichen Robotern und menschenähnlichen Androiden, die ausführlich mit umfassenden Wissen der Technik oder Medizin programmiert waren, wurde das Raumschiff INCEPTIO gesteuert und startete mit einem völlig neuen Photonenantrieb in die dunkle Tiefe des Alls. Von der Erde aus erkannten die verbliebenen Menschen viel zu spät die wahre Existenz und Eigenschaft der „Raumstation“. Dass es sich um ein riesiges Raumschiff handelte, bemerkten sie erst, als es sich flugs von der Erde entfernte. Viele menschliche Organe, vorrangig Gehirne von jungen Menschen, waren in den vergangenen Jahren heimlich den Kryokonkammern zugeführt worden und einige 100 menschliche Klone, die auf einer etwaigen jahrtausendlangen Reise sich fortzupflanzen imstande waren, begleiteten dieses Unternehmen. Dass der noch immer weitgehend unbekannte Prozess der Kryostase bei maximal nur jedem vierten Menschen in der Stickstoffkammer gelingen würde, war den Teilnehmern bewusst. Aber ob man sich einem sicheren Tod auf der Erde oder einer kleinen Überlebenschance in einer eventuellen, defekten Kältekammer auslieferte, war auserwählten Beteiligten am Projekt einerlei. Für sie gab es ja keine Alternative.

Kurz vor Beginn des Jahres 2120, knapp 8 Jahre nach dem das Generationenraumschiff INCEPTIO die Erde verlassen hatte, begann der globale Vernichtungskampf der Menschheit, wobei bereits nach gut zwei Jahren totalem Weltkrieg sämtliche technologische Ressourcen der Fertigungsstätten aller Waffenarsenale auf der Welt in Ost und West erschöpft waren.

Niemals zu Lebzeiten der Menschheit hatte der Tod in Kriegen so konsequent zugegriffen. Der verhältnismäßig geringe Rest von nicht einmal zweihundert Millionen Menschen besaß nur geringe Chancen auf ein Überleben an der Oberfläche ihres Planeten. Abgesehen vom mörderischen Klima, begannen automatisch aus dem Orbit die galaktischen Kampfsatelliten der einst führenden Weltmächte mit dem Dauerbeschuss der Erdoberfläche mittels gigantischer Photonenlaser. Von der Erde aus vermochte keiner der Kriegsüberlebenden diese tödlichen Vernichtungsautomaten abzuschalten, denn alle diese Maschinen handelten autonom, sie erfüllten getreu ihrer Programmierung die Aufgaben zur täglichen Vernichtung vermeintlicher Gegner in West und Ost. Aufgrund ihres Energiebedarfs absolvierten sie immer ein Dauerfeuer bei Vorhandensein der Sonne, befanden sie sich jedoch auf der lichtabgewandten Seite des Erdplaneten schwiegen sie, als würden sie sich vom befohlenen Vernichtungstrakt erholen. Die pylonenförmigen Laserwerfer rissen so fast zwei Jahre lang unentwegt die Erdkruste in den Ländereien der vermeintlichen Feinde auf, sie aktivierten dabei gigantische Flutwellen und Vulkanausbrüche und legten dem Erdmantel ein dunkelgraues Totengewand um.

Eines Tages schwiegen plötzlich alle diese so furchtbaren Konstruktionen des Todes. Denn sie hatten die Menschheit und damit auch ihre eigenen Konstrukteure durchweg ausgerottet, abgesehen von primitiven Lebensarten in den großen Regenwaldgebieten. Nur gewisse Arten spezieller Insekten und Reptilien überlebten diese Zeit der menschlichen Apokalypse.

***

Anuk stand vor dem großen holografischen Screen und schaute in die Tiefe des Alls. In dem Hologramm schwebte vor seinen Augen fast majestätisch der blaugrüne Planet, nur noch rund zwei Millionen Meilen von seinem Raumschiff entfernt. Die dahinter in tiefer Ferne stehende Sonne schickte ein warmes Licht auf seine Oberfläche. Er warf einen kurzen Blick auf seine Gefährtin Naira. Sie stand unmittelbar neben ihm und deutete mit dem Kopf auf die Geschwindigkeitsanzeige, die ein Ende der jahrelang andauernden negativen Beschleunigung dokumentierte. Digitale Lichtzeichen bewegten sich im langsamen Takt und waren so programmiert, dass die relative Geschwindigkeit zum Stillstand kommen sollte, wenn die Anzeige die Zahl 1000 erreicht. Dieser Wert zeigte die Dimension km/h an, mit dem sich der immerhin rund vier Kilometer messende Raumgleiter mit seinem riesigen Antimaterienantrieb durch die Schwärze des Alls bewegte. Bis zur Ankunft am Zielplaneten sollte diese Geschwindigkeit erreicht werden.

Das stand nun unmittelbar bevor. Anuk las deshalb die Zeit ab und gab den Sternzeitwert 5048521.5652800 in das digitale Logbuch ein. Diese Zeitangabe schloss Ort, Jahres-, Monats- und Tageszahl sowie die Uhrzeit ein. Es dauerte nicht mehr lange, dann schwebte die EXHORTUS rund 23.000 Meilen über dem Ziel und passte sich langsam der Erdumdrehung des Planeten auf Höhe des Äquators an. Die Gesichtszüge seiner ledern wirkenden Haut spiegelten das Deckenlicht wider, als er Valea in die Zentrale eintreten sah. Sie war die oberste Instanz auf diesem Schiff. Valea, Anuk, Yahari und Naira waren die einzigen humanoiden Cyborgs auf der Exhortus.  Während Naira genau 220 wissenschaftliche Androiden und Gynoiden kommandierte, zeichnete sich Yahari an Bord für den Maschinenpark verantwortlich. Dazu gehörten mehr als 500 Arbeitsroboter unterschiedlichster Bauart und diverse maschinelle Betriebssysteme. Anuk, der die Steuerungsbereiche der Exhortus verwaltete, wartete bis Valea neben ihm stand. Sie schaute mit bewegungslosen Augen auf die sich friedlich im Raum drehende Erde. Ihr mattweißes Gesicht wirkte frigide und gefühlslos, ihr haarloser Kopf strahlte Kälte aus.

Anuk sandte ihr eine Nachricht direkt in das Wahrnehmungs-zentrum, denn untereinander tauschten Cyborgs Dialoge schon seit Beginn ihres Bestehens nur per Telekommunikation aus. Zwar verfügten sie über ein Sprachzentrum und konnten formell auch akustisch Worte wechseln, aber das taten sie nur bei Dialogen mit ihren Schöpfern, die sie seinerzeit Primen nannten. Woher diese viele tausend Jahre alte Kurzbezeichnung kam, war nicht genau nachvollziehbar, sollte aber aus den Begriffen ursächlich, früh und Mensch abgeleitet worden sein. Doch seit einem Jahrhundert nach der Zeitrechnung ihrer einstigen Schöpfer auf den beiden Heimat-planeten der Novaeten innerhalb der habitablen Zone des Gestirns von Trappist Eins, existierten keine menschlichen Primen mehr. Die Cyborgs besaßen im Gegensatz zu den Androiden und den Gynoiden ein Gehirn, das künstlich produziert wurde, aber in den wesentlichsten Bauteilen eines menschlichen Hirns entsprach. Spezielle Lehrcomputer züchteten in den Entwicklungsjahren die Zellen und formten aus diesem Gehirn ein perfektes Zentrum der Logik ohne jede emotionelle Abhängigkeit. Bereiche emotioneller Charaktere wurden rigoros durch Deaktivieren bereinigt. Das geschah aber schon auf der Grundlage der verfassungsrechtlichen Bestimmungen, die nach der Besiedlung von Novaete 1 und 2 durch die Primen vor vielen Jahrzehnten beschlossen wurden. Der Körper eines Cyborgs bestand weitgehend aus einer silikonartigen Zellstruktur, war also völlig synthetisch. Die Biosynthese wurde entwickelt, um die genetischen Programme von Zellen gezielt neuzugestalten und diese mit ganz neuen Eigenschaften und Fähigkeiten auszustatten, die der Natur fremd sind. Ferner ersetzten Implantate sämtliche Knochenteile. Auf derselben Basis waren auch die Androiden aufgebaut, diese verfügten aber über eine vom Wissen her gebietsbezogene Hirnplatine mit Betriebssysteme ähnlich intelligenter Elektronenhirne.

Als die letzten Primen starben, wurde die akustische Kommunikation zwischen den Cyborgs, Androiden, Gynoiden und Maschinenrobotern überflüssig. Was einzig nachhaltig übernommen wurde und an die alte Rasse der Primen in ihrer Mensch-heitsform erinnerte, war die Zeitrechnung. Neben der ursächlichen Startzeit ihrer Schöpfer, dem Julian-Date, nutzten die Cyborgs bis heute einen in Jahre, Monate, Tage, Stunden, Minuten und Sekunden unterteilten Kalender, den sie in den Nullpunkt der eigenen Sternzeit auf Novaete übertrugen. Der urzeitliche Julian-Tag war von ihren Schöpfern auf den 1. Januar 4712 vor Christus gelegt worden. Nach dieser Zeitrechnung schrieb man heute zum Tag ihrer Ankunft in diesem Sonnensystem den Mittwoch, 14. April des Jahres 9110, 10 Uhr und 12 Minuten.

Kurz nach dem Aussterben der Primen forschten speziell darauf programmierte Cyborgs nach der Entstehung des Alls und den Schöpfern ihrer eigenen Art, obwohl die letzten der Primen alle Unterlagen in den Systemen aus unbekannten Gründen vernichteten. Sie hinterließen einzig den Befehl, dass sich Cyborgs und Androiden als Nachkommen ihrer intelligenter Rasse Hominis zu nennen haben, was weitgehend einer unbekannten Sprache der Primen im Zeitintervall ihrer Entstehung entnommen wurde. Ihr Vorhaben, sämtliche Unterlagen über ihre Vergangenheit vor mehr als 7000 Jahren zu eliminieren, ist aber den letzten Menschen vor ihrem Aussterben nicht gelungen. Denn die Primen hatten bald festgestellt, dass auch eine intelligente Lebensform von kybernetischen Organismen einer Hierarchie bedarf. So erschufen sie ein gigantisches, fest in ein Felsplateau installiertes Gehirn auf Novaete-1 mit allen logischen Machtbefugnissen und nannten es simpel „Die Eins“. Allerdings besiegelten sie damit ihr eigenes Schicksal. Denn dieses unangreifbar und nicht abzuschaltende Gehirn „Nr. 1“ stellte fest, dass eine Existenz in der Form eines natürlichen Menschseins aus emotionell verankerten Gründen niemals auf Dauer eine friedvolle Existenz in der Gemeinschaft garantierten kann. Und da nunmehr von Nr.1 alle Regeln und Bestimmungen ausgingen, wurde selbst ihr endgültiger Tod mit ihrem Ahnenhintergrund Menschheit durch Aussterben von dem Superhirn nicht verhindert. Das soziale Empfinden dieser Spezies untereinander war für Nr.1 ungenügend und eher hinderlich für den Eintritt in eine neue Zukunft friedlicher Koexistenz allen intelligenten Lebens auf höherem Niveau. Es war der Wissensdurst des abgeschotteten, unsterblichen Hirns Nr.1, welches offensichtlich alte Unterlagen von den Urvätern der Primen, also der Menschheit in ihrer Urform besaß. Sie waren aber unvollständig und teilweise auch falsch interpretiert. So konnte Nr.1 mit der Erzählung, dass ein hingerichtetes Menschenkind namens Christus der Sohn eines Allmächtigen war und vom Tod zum Leben auferstanden sei, rein gar nichts anfangen. Deshalb erteilte das Superhirn Nr.1 einen eindeutigen Nachforschungsauftrag. Mit der Exhortus, einem ihrer gewaltigsten Sternenschiffe, sollte nach jenem allmächtigen Wesen gesucht werden, das für die Erschaffung der eigenen ausgestorbenen Schöpfer verantwortlich zeichnete und auch Urheber von Geboten war, welche seinerzeit von der Menschheit nicht erfüllt wurde und vielleicht deshalb auch ihre Vernichtung selbst provozierte. Ferner wollte Nr.1 wissen, wer ein solcher Schöpfer mit Bezeichnung „unsterblicher Gott“ ist. Das ist für die Nr.1 unerklärlich, denn selbst Nr.1 als Gehirn war keinesfalls unsterblich.

   Anuk hatte Valea mitgeteilt, nach der alten Zeitrechnung wären nun 86 Jahre seit ihrem Start von Novaete bis zum heutigen Tag vergangen, was sie dahingehend beantwortete, dass es ein kleiner Zeitraum im Vergleich zu den ersten Primen wäre, die von hier bis zu den Novaeten mit ihrem kleinen Raumschiff fast 5000 Jahre benötigten. Zu einem Lächeln darüber war Anuk nicht fähig, Cyborgs fehlten emotionelle Wiedergabefähigkeiten.

Er teilte ihr so nur die lakonische Feststellung mit, dass seinen Aufzeichnungen nach vier Fünftel der noch bei Abflug lebenden Organismen die lange Zeit nicht überstanden hatten. Ihre Antwort war schlüssig: »Aber es reichte zum Überleben der Menschheit, ohne sie gäbe es die Primen und ohne diese gäbe es uns nicht!«

Anuk blieb unbeweglich und wandte seinen Blick nicht vom Planeten ab, nahm ihre zweifelnde Frage ohne Muskelzucken zur Kenntnis. »Das soll der Planet namens Erde sein, auf dem ein Allmächtiger gewirkt hat? Liegt wirklich kein Fehler in unseren Zielkoordinaten vor?«

Anuk nahm Blickkontakt zu Valea auf. »Nein! Das ist das benannte Sonnensystem mit der Erde, ihrem Trabanten und allen anderen Planeten. Die uns von Nr.1 übermittelten Koordinaten zwischen den drei Pulsaren lassen keine Zweifel zu. Und wie in unserem System auch, ist die Erde der dritte Planet.«

Valea antwortete nicht, ihre Aufmerksamkeit richtete sich auf einige den Planeten umkreisende Objekte von minimaler Größe. Sie bat um Aufklärung, indem sie diese Anordnung sofort Yahari übermittelte. Ein Identifikationsroboter war sofort zur Stelle und bezeichnete die Objekte als kleinere Kampfsterne der nicht als besonders stark geltenden Kategorie 4. Dennoch hatte wohl das maschinelle Abwehrzentrum der Exhortus rein funktionell diese ehemaligen menschlichen Kampf-Satelliten unterschätzt. Kaum, dass die Gravitation ihr mächtiges Sternenschiff in den sonnenbeschienenden Erdbereich hineinschob, öffneten einige dieser besonders nah gekommenen Objekte ihre Luken, fuhren schnell die Photonenfaser aus und eröffneten sofort ohne jede Unter-brechung das Feuer. Das automatische Abwehrzentrum auf der Exhortus reagierte ebenfalls sehr schnell und aktivierte wieder den ausgeschalteten Energieschirm, der eigentlich nur der Abwehr von Meteoriten diente. Trotzdem erschütterten unerwartete Treffer das Raumschiff, beschädigten es sogar in den beiden äußeren Hüllen, da die Schutzschirmaktivierung hier zu spät reagierte.

Ein Resümee der hinzugekommenen Naira klang trotz ihrer Gefühlslosigkeit überrascht und verärgert zugleich.

»Unerwartete Eigenschaft! Unsere Schöpfer waren ja waffen-technisch weiter, als bei uns in den Daten aufgezeichnet. Bitte um Bestätigung, dem Führungsstab der Androiden ein DEFCON 3 zu übermitteln!«

   Valea bestätigte das sofort mit einem positiven Kürzel als Frequenzton. Sofort lösten sich von der Oberfläche der Exhortus viele kleinere Flugobjekte. Sie wurden Dubiosen genannt, weil sie sich tarnen konnten. Sie scannten stetig den Hintergrund ihrer Rückseite und projizierten dieses Bild auf ihre Vorderseite. Für Angreifer, die sie frontal anflogen, waren sie nicht zu erkennen. In Sekundenschnelle gab es die zu nahe an der Exhortus stehenden Kampfsterne als Satelliten nicht mehr. Die gesamte Vernichtung hingegen dauerte mehrere Erdumkreisungen. Dann hatte eine knappe Hundertschaft von Dubiosen sämtliche 7800 Kampfsterne fixiert und beseitigt, im Orbit kehrte wieder Ruhe ein. Nur zwei der Satelliten wurden nicht vernichtet, sondern nur deaktiviert. Sie sollten Teil für Teil auseinandergenommen werden. Ausdruckslos nahmen das die Cyborgs zur Kenntnis und vervollständigten ihre Logbücher.

   Während fleißige Reparaturroboter die beschädigten Deck-hüllen am Raumschiff instandsetzen, wurde die gesamte Erdoberfläche Quadrant für Quadrant gescannt und auf Lebewesen untersucht. Das Scannen dauerte einige Tage, die Auswertung hingegen durch die Androiden benötigte nur wenig Zeit. Spezielle Identifikationsgeräte definierten erkannte Lebensformen sehr präzise und gaben Details zu Protokoll. Das Ergebnis war fatal. Selbst die vier Cyborgs waren nicht imstande nachzuvollziehen, welches Verhalten einer ihrer menschlichen Schöpfer an den Tag legen würde, hätte er jetzt als Zeuge dieser Analyse beiwohnen dürfen. Es gab kaum mehr Leben auf dem Land, sieht man von einigen wenigen Insektenarten und rattenähnlichen Lebewesen ab, die in größeren Mengen die Oberfläche bevölkerten. Dazu gehörten kleinere, flugfähige Lebewesen, insbesondere Krähenvögel, die ganz bestimmte Zonen der Erde bewohnten. Das Leben in den Ozeanen hingegen war zahlreicher, wenn auch lange nicht so vielfältig, wie es in den Daten der Primen abgelegt war. Ein Allmächtiger, den die Besatzung zu finden gedachte, hatte die Apokalypse nicht auf den Erdball selbst, sondern scheinbar nur auf seine Brut, die Primen, ausgedehnt. Naira genügte das nicht. Sie wies die zuständigen Androiden an, mehrmals das Scannen in bestimmten geometrischen Feldern zu wiederholen und abzuarbeiten. Ihre Anordnung wurde vom Erfolg belohnt, drei kleinere und zwei größere Siedlungen existierten tatsächlich noch unterhalb der Erdoberfläche in tiefen Felsgrotten oder Wald-höhlen. Die Auswertungen wiesen den Lebewesen einwandfrei humanoide Anzeichen zu, viele Eigenschaften bestätigten sogar eine Verwandtschaft mit den ausgestorbenen Primen aufgrund einiger menschlicher Charakteristiken. Als sie das Resultat im Infozentrum veröffentlichte, ordnete Valea sofort ein gemeinsames Brainstorming an.

Hier wurde insbesondere die Frage zu klären versucht, warum sich so wenig neues Leben auf dem Land entwickelt hat? Aufgrund ihrer Dokumentationen hatte sich die heutige Lebens-vielfalt gegenüber jener von damals milliardenfach verkleinert. Es gab neben den kargen Fels- und Wüstenlandschaften durchaus große Wald- und Wiesenflächen, die gegen eine solche Entwicklung der letzten 7000 Jahre sprachen. Dennoch wurde die Ursache schnell gefunden: Die Scanner der Kampfsterne. Sie hatten alle nach bestimmten Voraussetzungen bewegende Objekte größer eines Adlers fixiert und bei positivem Kalkül menschlichen Lebens ihre todbringenden, unfehlbaren Photonenlaser aktiviert. Diesem Umstand war durch die Vernichtung aller Kampfsatelliten nunmehr auf ewig Einhalt geboten worden.   

Bereits am nächsten Tag landeten auf der Erde zwei der kleineren Crocodilli, flinke Shuttles mit einer Länge von knapp zwanzig Metern und einer Crew von nur sechs Personen. Die ausgewählten Standorte mit der Möglichkeit zu ungefährdetem Landen waren jene, wo Lebensformen intelligenter Herkunft ausgemacht wurden. Flat-14, eines dieser beiden Crocodilli, landete direkt auf einem weißen Sandstrand, der an beiden Seiten von Felsformationen begrenzt wurde und mittig den Zugang zum Meer einerseits und einem Wald andererseits ermöglichte. Hinter der südlichen Felserhebung mündete ein Fluss in den Ozean, insofern schuf die ganze Gegend hervorragende Lebensvoraussetzungen. Flat-6, das zweite Shuffle, landete nur unweit entfernt inmitten einer unübersichtlichen Waldlichtung.

Das hatte nur strategische Gründe, die nur auf Notwendigkeit möglicher Unterstützung und Hilfeleistung basierten. Deshalb wurde zuerst Flat-14 aktiv, während sich Flat-6 ohne Bewegung abwartend verhielt. 

 Zwei technische Maschinenroboter sowie je ein Android und Gynoid verließen das Shuffle, ein weiterer Android verblieb mit dem Navirobot im Shuffle-Cockpit. Alle waren auf dieselbe Kommunikationsplattform geschaltet, damit sämtliche Dialoge von allen verfolgt werden konnten. Die ersten Lebensformen huschten dicht über ihre Köpfe, der Identifikationsspeicher des Maschinen-roboters analysierte sie namentlich als Cyanocorax und orderte den Vogel als Grünhäher in die Familie der kleineren Rabenvögel. Die zweite Lebensform lag vor ihnen direkt am Grotteneingang, der Robotermonolog umschrieb sie wissenschaftlich als eine spezielle Schildkröte.

Inzwischen analysierte das Ortungsgerät in der Felsengrotte in genau 34 Meter Tiefe existentes Leben. Insbesondere zeigten die Parameter höhere Intelligenzvolumina an, die charakteristisch denen der Primen ähnelten. Ein deutlicher Hinweis auf menschliches Leben? Der befehlshabende Android verharrte vor dem Eingang zum Abstieg in die Grotte, Unübersichtlichkeit zwang ihn zum diesbezüglichen Nachfragen.

In der Kommandozentrale der Exhortus befahl Naira nach Erhalt der Zustimmung durch Valea ein weiteres Vorstoßen im Ermessen vorsichtiger Handhabung. Jeweils zwei Androiden und technische Roboter mit Analysier- und Messgeräten drangen in den Höhleneingang ein und bewegten sich auf die Ortungsstelle zu. Sie kamen nur wenige Meter weit, dann traten ihnen drei Gestalten entgegen. Sie waren riesig und einem normalen Menschen wäre der totale Schreck in die Glieder gefahren. Die Analyse nebst gleichzeitigem Bildtransfer zur Exhortus lag sehr schnell vor. Es waren Menschenaffen, die der sogenannten Gattung des Gigantopithecus angehörten, eine allerdings schon seit mehr als 100.000 Jahren ausgestorbene Rasse. Wiedergeburt und Entwicklung in 7000 Jahren oder gar eine mutierte Affenart der jüngsten Vergangenheit? Von der gut drei Meter messenden Größe der beiden Menschenaffen ließ sich der Android nicht beeindrucken. Von der Exhortus kam aber der Befehl zum sofortigen Rückzug, denn ein Angriff dieser Riesen hätte unweigerlich die Waffen beim Navirobot aktiviert. Gegen die Laser hätte zwar keine noch so starke Muskelkraft genutzt, aber Valea wollte auf der Erde keine Tötungsdelikte ihrer Hominis hinterlassen. Die gigantischen Affen nahmen auch keine Verfolgung auf, offensichtlich hatten sie Angst die Höhle tagsüber zu verlassen und vermieden konsequent ein Betreten der Freiflächen. Dabei schauten sie ängstlich in die Wolken am Himmel, ihnen waren die todbringenden Blitze von oben wohl sehr genau bekannt. Da die von Flat-6 vorgenommene Ortungsanalyse von Erbinformationen der DNA-Chips bei den Affen dieselben Ergebnisse zeigten, wurde somit auch das zweite Shuffle zurückgerufen.

»Nein, diese Erdenwelt beherbergt kein menschliches Leben mehr von jener Art, wie es einst die Primen darstellten, als ihr Raumschiff namens Inceptio vor 7000 Jahren diese Welt mit fast zwölf Milliarden Menschen zurückließ.«

Das war der erste Satz von Valea in das zentrale, digitale Logbuch. »Die Mehrzahl der Erdenmenschen besaßen eine Fehl-funktion in ihrem Sozialempfinden, ihre Wesensart oblag oft wohl tierischem Niveau, so dass sie sich mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst vernichtet haben.« So lautete ihr zweiter Satz im Logbuch.

»Wenn es also tatsächlich etwas Allmächtiges gegeben hat, das im Ursprung einer höher entwickelten Lebensform von vielleicht geistig-energetischer Art angehörte, welches bei der Erschaffung der Menschheit wesentlichen Einfluss besaß, dann hat diese allmächtige Wesensart bewusst diese Fehlentwicklung mit einer konsequenten Eliminierung korrigiert.«

Valeas letzter Satz im digitalen Logbuch.

*****

Die Untersuchungen und Aufzeichnungen, insbesondere die Erdschicht-Scannungen, dauerten knapp vier Jahre. Danach waren die Erdteile vermessen und in Lage und Größe aus dem Jahr 2110 mit denen von der heutigen Zeit im Jahr 9110 verglichen. Viele der Bauwerksreste aus der Zeit der Existenz gigantischer Großstädte wurden in tiefen Schichten erkannt und katalogisiert, für menschliche Augen war rein optisch kein einziges, einst künstlich erschaffenes Bauwerk auf der Oberfläche erkennbar.

Als alle Expertisen der vorliegenden Sollstellung in den Istzustand umgewandelt waren, standen die Cyborgs unter der Führung von Valea vor der endgültigen Entscheidung. Diese hing ausschließlich vom Zustand der Erde zum Ankunftszeitpunkt der Exhortus in diesem Sonnensystem ab und hatte laut Vorgabe-anweisung von Nr.1 nur zwei Alternativen:

Die Entscheidung sollte nach logischem Ermessen nur den Cyborgs unterliegen. Das erste Plansoll verlangte die Montage von ‚Mormatas‘ auf dem Erdtrabanten. Sie hatten nur zur Aufgabe die Erde zu überwachen und konnten erkennen, wenn auf der Erde künstlich nukleare Explosionen herbeigeführt wurden. In einem solchen Fall waren sie in der Lage, selbst per Antimaterie den Mond auseinanderzureißen, was die Erde sofort vernichten würde.

Mormata bedeutete „Mutters Tod“.

Das zweite Plansoll waren die ‚Vimatas‘. Auch sie wurden wie die Mormatas auf dem Mond hinterlegt. Sie zu finden und öffnen verlangte erheblichen Intelligenzaufwand. Sie beinhalteten exakte Unterlagen über Kontaktmöglichkeiten zu ihren beiden Planeten Novaete 1 und 2. Vimata bedeutete „Mutters Leben“.

Die Zusammenschaltung ihrer Gehirne diente bei den vier Cyborgs der Entscheidungsfindung. Sie endete mit zwei Mormata und zwei Vimata. In diesem Fall aber zählte die Stimme der Kommandantin Valea doppelt. Eine Woche später war ihr Befehl zur Installation der Vimatas vollzogen: Die Chance auf Neues!

Die Exhortus verließ das Sonnensystem nach vier Jahren und drei Monaten. Anuk stand wieder vor dem großen holografischen Screen. Wie bei der Ankunft schaute er auf die Erde. Ein blauer Planet, den ein Hauch schwebender Wolkenschleier umzog. Da leuchtete er im satten Waldgrün, hier im heißen Sandgelb und dort im tristen Felsengrau. Die von statten gehende Vergrößerung der Pole erinnerte an schneeweiße Schalen, die wie sanfte Hände eine Kugel im Gleichgewicht halten.

Eigentlich wunderschön anzusehen.

Für Anuk nicht.

Er konnte Schönheit definieren, aber nicht verstehen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.11.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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