Brigitte Waldner

Das FAS-Kind ist ein Schreikind


Das Kind hat viele Wutanfälle,
und schreit wie am Spieß,
es reagiert auf Berührungen so sensibel,
als würde es jederzeit geschlachtet.
Sobald es etwas will, ein Spielzeug oder Aufmerksamkeit,
und von seinen Halbgeschwistern leicht berührt wird,
dann schreit es ebenso,
es kann weder nachgeben noch warten.
Es schreit am meisten,
wenn es mit seinen Halbgeschwistern
im Garten spielen sollte.
Es spielt nicht alleine,
es muss animiert werden.
Am häufigsten rennt es mit seinem Laufrad.
Es rennt wie verrückt mit sehr hohem Tempo
die Einfahrt vom Gartentor bis zur Garage,
fast täglich mehrfach gute dreißig Meter,
zum Sich-Entladen viele Male hin- und her
und kommt dabei nur selten zu Sturz,
wo es dann wieder schreit wie am Spieß.

Bei Zuzug der Nachbarn war es ein Baby,
und jetzt ist es vier.
Ich kenne es als Schreikind von Baby an.
Ich habe mir meine Gedanken gemacht:
Erst dachte ich, das Kind ist im Dauertrotz,
oder es wird massiv attackiert von Halbgeschwistern.
Doch dann fand ich eine mögliche Diagnose,
die ich als Nichtarzt natürlich nicht zu stellen wage.
Ich habe sie halt so im Hinterkopf mal durchgegangen:

Das Kind ist mutmaßlich FAS behindert.
Von FAS-Merkmalen im Gesicht sind ein paar da,
gleich wie bei seinem wesentlich älteren Halbbruder,
wo mir das zuerst aufgefallen ist,
der sich seit Sommer einbildet,
dass ich ihn umbringen würde wollen.
Die FAS-Kinder können für ihre Behinderung nicht dafür,
dass ihre Eltern Alkohol konsumieren,
der ihr Gehirn und ihre Organe
während ihrer Reifung im Mutterleib
erheblich schädigt.
Der Nikotinkonsum trägt auch nicht wenig dazu bei,
noch mehr Gift in die Zellen einzubringen.
Der Alkohol kann in der Leber des Föten
nicht schnell genug abgebaut werden
und schädigt daher Gehirn und alle Organe,
nicht nur das Herz.

Ein dermaßen gehirngeschädigtes Kind in unmittelbarer Nachbarschaft
zu haben, ist auf Dauer sehr anstrengend,
insbesondere, wenn man das bisher nicht gewohnt war.
Ich habe mich oft gewundert,
warum die Eltern des Kindes zu mir sagen,
ich sei „gehirngeschädigt und psychisch nicht ganz geistig“.
Woher haben sie das Vokabular?
Natürlich aus ihrem eigenen Umfeld.
Wahrscheinlich haben sie diese Diagnose für ihre eigenen Kinder erhalten.
Sie haben selber geistig und psychisch beeinträchtigte Kinder
und tun gerade so, als ob alle anderen behindert wären,
die damit nicht klar kommen, dass ihre Kinder im Dauerschreizustand sind
und Attacken aus der Luft greifen und Nachbarn mobben.

Das muss man ja wissen,
dann wird man das Problem auch verstehen.
Wenn man es nicht gesagt bekommt,
und keine Erfahrung damit hat,
muss man erst mühsam draufkommen,
warum die Kinder die ganze Zeit so viel schreien.
Ein normales, gesundes, intelligentes Kind schreit nicht
die ganze Zeit, so lange es im Garten ist, wie am Spieß
und rennt nicht dauernd und immer wieder wie verrückt hin und her.
Das weiß sich eine intelligentere, kreativere und sinnvollere Beschäftigung.
Das beschäftigt sich selber und verhält sich dabei ruhig.

Seit die Familie vor vier Jahren zugezogen ist,
und deren fünf Patchwork-Kinder sich so auffällig laut verhalten,
und mir der Alkoholkonsum der Eltern aufgefallen ist,
war mir schon klar, dass eine Alkoholschädigung vorliegen könnte,
aber ich wusste den Namen der Diagnose bisher nicht:

Das „Fetale Alkoholsyndrom (FAS) ist
die häufigste Ursache geistiger Behinderungen
in der westlichen Welt“ laut WHO.

Ich glaube, zumindest für mich geklärt zu haben,
warum die Nachbarskinder dauernd so laut schreien.

© Brigitte Waldner
 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Brigitte Waldner).
Der Beitrag wurde von Brigitte Waldner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.11.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  • Autorensteckbrief
  • 1und1melodieeclipso.at (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)
  • 2 Leserinnen/Leser folgen Brigitte Waldner

  Brigitte Waldner als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Ein erotisches Experiment und andere amüsante Geschichten von Werner Pfelling



Der Autor erzählt in ernsten und heiteren Geschichten von der Suche nach dem richtigen Partner, von der Kurzlebigkeit mancher Ehen, vom Ausleben sexueller Freiheit, von Verhaltensstörungen in der stressigen Gesellschaft und der Zunahme krimineller Energien. Die amüsanten und originellen Kurzgeschichten versprechen eine spannende und kurzweilige Lektüre.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Leben mit Kindern" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Brigitte Waldner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Gibt es einen Tierhimmel? von Brigitte Waldner (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Klein Martin möcht Sankt Martin sein von Christa Astl (Leben mit Kindern)
Meine vergeudeten Lehrjahre von Karl-Heinz Fricke (Autobiografisches)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen