Brigitte Waldner

Unser bester Moment im November 2022


Der Mann, wo unsere Mama zuerst lebte, war schon sehr alt, wurde krank und ist am 31. Oktober verstorben. Deshalb musste sich unsere Mama schon einige Zeit selber durchbringen.

Wir wurden Ende August oder Anfang September geboren. Zum Glück war der Herbst heuer recht warm. Soweit wir uns zurückerinnern können, sonnten wir uns nachmittags in einem verwilderten Garten, während unsere alleinerziehende Mutter auf der Suche nach Essen war. Was sie uns bieten konnte, war ihre Muttermilch. Immer, wenn sie zurückkam, säugte sie uns. Dabei hat sie uns gewaschen, so dass wir sehr sauber aussahen. Wenn es dunkel wurde, zog sie mit uns in ein sicheres Versteck.

Wir waren immer so hungrig. Eines Tages, als wir uns wieder im Garten nahe der Straße sonnten, erblickte uns eine liebe Frau. Sie kaufte uns etwas zu essen und stellte es in ihren Garten, dort wo wir uns aufhielten. Unsere Mama war so ausgehungert und abgemagert, dass sie dreimal so viel gegessen hat als normal von dem Essen, was weich und saftig war. So blieb uns das, was hart und trocken war, so eine Art Körnchen. Wir Kleinen haben es gegessen.

Der Wetterbericht hat angekündigt, dass das Wetter umschlagen wird und dass es in der Nacht bald frostig werden wird, weil es auf die Berge herunterschneien wird. Die liebe Frau, die uns gefüttert hat, hat dann irgendwo angerufen, ob sie uns abholen könnten. Aber sie sagten, sie sind voll und holen nicht ab. Dann hat sie woanders angerufen, dasselbe. Keiner wollte uns abholen, aber zustellen hätte die Frau uns schon können. Dann hat sie bei einer Frau angerufen, was sie meint. Sie hat gesagt, sie kommt nächste Woche mal vorbei und schaut uns an. Es war aber schon Gefahr in Verzug, weil das Wetter bald umschlug. Dann hat die Gartenbesitzerin bei noch einer Frau angerufen, ob sie uns vielleicht in eines der Heime für Obdachlose bringen könnte, die uns nicht abholen konnten.  Aber die hat gesagt, das bringt sie nicht übers Herz. Dann kam sie mit einer Lebendfalle. Aber wir waren viel schlauer und einfacher. Wir sind über die Straße gelaufen und zu der Gartenbesitzerin ins Haus gelaufen, unserer Mama hinterher. Dort haben wir gewartet, voller Hunger und voller Angst, was jetzt auf uns zukommen würde. Wir hatten ja keine Ahnung, dass unser freies Leben im Garten am ersten Novembertag um 15.30 h plötzlich enden sollte. Es war alles so schön und so ruhig. Wir hörten ja nicht einmal die Autos vorbeifahren.

Plötzlich ging die Tür auf und dann ging alles ruckzuck. Ich saß auf dem Heizkörper. Zuerst wurde ich mit bloßen Händen von der neuen Frau eingefangen. Ich habe mich natürlich gewehrt und die Hand dieser Frau verletzt, dass das Blut heraustropfte. Meine Brüder wurden dann mit weißen Lederhandschuhen eingefangen vom Neffen der ersten Frau. Unsere Mama machte keine Umstände. Wir kamen in zwei Containern unter. Zwei meiner Geschwister waren bei Mama in einem größeren Container und ich alleine in einem kleinen Container. Wir wurden in den Kofferraum eines Autos gestellt und zugedeckt. Dann ging es ein paar Minuten bergab dahin und schon lud man uns wieder aus und trug die Container in ein Haus.

Hier ist es sehr warm. Auf einmal hatten wir ein Zuhause und regelmäßig Futter. Alles ist sauber. Unsere Augen von meinem Bruder und mir haben sich in der ersten Woche im neuen Haus von blau auf grün gefärbt und beim zweiten Bruder auf braun. Alle zwei Stunden haben wir etwas zum Essen bekommen. Die beiden Klos haben wir dankbar angenommen und sofort benutzt.

Wir wurden gleich am nächsten Tag zum Arzt gebracht. Das war dort vielleicht eine Tortur. Der hat uns Wasser in die Ohren geschüttet und sie mit einem Wattepausch am Stiel ausgeputzt. Den meisten schwarzen Schmutz hatte der langhaarige Bruder drinnen. Seine Ohren waren komplett verstopft. Der Arzt hat gesagt: „Kein Wunder, wenn die Mama solche Ohren hat, da können die Babys nicht anders sein." Dann hat er uns auch noch was ins Genick getropft, was giftig war, um uns von Parasiten zu befreien.

Die liebe Frau, die uns bei sich aufgenommen hat, hat uns eine ganze Woche lang jeden Morgen Wasser in die Ohren gespritzt. Das war so eine saure Flüssigkeit vom Arzt verordnet. Das hat uns überhaupt nicht gefallen. Einer von uns hat ihr in den Fingernagel gebissen, dass er heute noch blau ist. Und als wir den Hund gesehen haben, der groß und schwarz ist, haben wir uns so geschreckt, dass mein Bruder die Frau im Gesicht verletzt hat, dass sie geblutet hat. Nach einer Woche mussten wir wieder zum Arzt. Noch einmal die gleiche Tortur. Seither können wir Geräusche hören. Das war früher nicht möglich, weil unsere Ohren so verstopft waren.

Vor einer Woche wurde unsere Mama schon sterilisiert, damit es nie wieder passiert, dass sie Babys aufziehen muss. Wir alle vier genießen unser neues Leben. Es ist warm, es gibt genug zu essen. Fisch, Huhn frisch gegart und Weiches und Saftiges.  Wir haben weiche Betten. Wir spielen mit Mäusen, die piepsen und bei einer Maus leuchten sogar die Augen rot. Wir haben noch mehr neue Betten und neue Toiletten mit Schwingdeckeltüren bekommen, die wir mit Freude benutzen. Wir schaukeln auf den Vorhängen und Gardinen, dass wir schon richtige Löcher hineingerissen haben.

Wir freuen uns über unser neues Zuhause, wo wir erst einmal den Winter im Warmen verbringen werden und dann sehen wir weiter. Vielleicht können wir ja hier bleiben. Unsere ausgehungerte Mama hat inzwischen schon zugenommen, und wir Kleinen sind sehr gewachsen und noch schöner geworden. Die zwei Frauen haben Namen für uns ausgesucht. Unsere Mama heißt jetzt Mia, die Dankbare, und wir sind Franzi, der Langhaarige, Fredi, der Sanfte, und ich bin Frieda, die Vorsichtige.

Das Beste, was uns passieren konnte, war, dass wir rechtzeitig entdeckt wurden. Wir haben zwar unsere Freiheit in der Wildnis verloren, aber wir haben so viel Glück gehabt, dass uns wer aufgenommen hat, wo wir gut versorgt werden.

Text und Foto: © Brigitte Waldner

 

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