Klaus Mattes

Meine Lesung / 6585

 

Mit etwas Mühe kann man in der deutschsprachigen Wikipedia meinen Namen entdecken, an einer einzigen Stelle. Zugetragen haben sich diese Dinge vor rund zwanzig Jahren. Einschließlich der einzigen öffentlichen Lesung, die ich jemals hatte.

Zwar hatte die Traumexistenz eines Schriftstellers lange durch meinen Kopf gespukt, seit der Pubertät, aber im Gegensatz zu Millionen anderer verfasste ich keine literarischen Werke. Nicht ein Liebes- oder Herbstgedicht! Während des Studiums verdiente ich nie bei einer Regionalzeitung was dazu, etwa als freier Mitarbeiter für Vereinsberichterstattung oder die kleineren Anlässe der Kultur. Eines Tages würde mein Roman schon kommen, aber anfangen tat ich nie damit.

Anfang der neunziger Jahre hatte ein nach Stuttgart verzogener Kamerad aus der Schwulengruppe meines damaligen Wohnorts sich gemeldet und mich gebeten, meine Talente einem in der Landeshauptstadt kostenlos verteilten Szeneblättchen beizumengen, bei welchem er neuerdings ehrenamtlich aktiv sei. Dort machte ich dann auch ein paar Jahre mit, obwohl der erwähnte Freund den bei Schwulen mit ihrem sozialen Aufstieg öfters verbundenen Umzug nach Berlin recht bald vollzogen hatte. Nicht ihm, vielmehr einem anderen Bekannten, einem Freiburger, den ich in der seinerzeitigen Männergruppe der Universitätsstadt kennen gelernt hatte, schickte ich manchmal das kleine, nur alle Vierteljahre erscheinende, durchweg schwarzweiß gedruckte Heft. Arrivierte Schwulenzeitschriften, wie man sie am Kiosk kaufte, las ich keine mehr. Hätte jener Freiburger mich nicht ins Bild gesetzt, hätte ich wahrscheinlich nie erfahren, dass eines dieser Magazine, beziehungsweise dessen in Berlin ansässiger Verlag, Aufrufe erlassen hatte, Amateure könnten sich an einem Geschichtenbuch beteiligen, das die Thematik „Bad Sex“ behandeln würde.

Wir gingen stracks auf die Jahrtausendwende zu und ich befand mich näher an meinem vierzigsten als noch beim dreißigsten Geburtstag, als ich, der Anregung dieses Freundes folgend, mich zum ersten Mal im Leben hinsetzte, um eine erfundene Geschichte zu schreiben.

Ausgerechnet am späten Abend des Samstags, wenn zumindest die ungebundenen schwulen Männer meiner Stadt sich für den Start auf die Piste vorbereiteten, um in der Nacht in den Clubs von Stuttgart und Mannheim, welche ein Einzugsgebiet zwischen Bodensee und Mittelrhein abdeckten, den Mann ihres Lebens kennen zu lernen oder sonst etwas Spaß zu finden, klingelte das Telefon bei mir daheim. Ein vom Berliner Homo-Verlag beauftragter Lektor für „Bad Sex“ rief mich an. Meinen Text fände er grandios. Ob ich in dieser Art nicht mehr zu bieten hätte? Das kleine Stück wäre fast schon wieder zu gut für einen ausschließlich von Laien bestückten Band. Wenn ich ihm einen Strauß solcher Blüten liefern könne, wollte er mir die Chance eines Buches unterm eigenen Namen verschaffen.

Da war ich baff. Zwei Jahrzehnte sich selbst als Autor fantasiert und noch nie etwas fabriziert, dann eine einzige Story und schon bekommt man ein Buch unter dem eigenem Namen aufgeschwätzt! Während ich stotterte, nein, leider hätte ich nichts, fand ich es mit einem Mal irgendwie komisch, dass der Mann samstags um 22 Uhr anfragte. Wen konnte man um diese Zeit zu Hause antreffen? Ich selbst würde nicht bis Ende der Nacht sitzen bleiben, sondern nach Mitternacht in den Park überwechseln, wo die Schwulen und vor allem die Bisexuellen (da es doch Samstag war, der Wegfahrtag der schwulen Ungebundenen) sich für Sex versammelten. „Und du arbeitest jetzt noch?“, fragte ich. „Ich arbeite immer“, knurrte er.

Während der folgenden drei Monate hämmerte ich, besudelt von Tippfehlern und Tipp-Ex-Weiß, eine Handvoll jugendbetonter Geschichten auf die Walze meiner mechanischen Schreibmaschine. Nachdem er sie erhalten hatte, rief der Berliner mich noch einmal an. Es sei vorweg gesagt, dieser zweite war zugleich schon unser letzter Kontakt auf Jahrzehnte hinaus. Er schwärmte, meine Texte würden sein spontanes Vertrauen vollkommen rechtfertigen. Klipp und klar könne er zusagen, dass sie mein Buch ins Programm bringen würden. Als Nächstes werde der Vorvertrag ausgearbeitet, da sollte ich mich gedulden, den würden sie mit der Post in zweifacher Ausfertigung schicken. Es kam aber nichts. Ich warf mir selber vor, ich sollte mich mal auf die Hinterbeine stellen, meinerseits anklingeln und nachhaken. Aber ich machte das nicht, bis es mir entschieden zu lange gedauert hatte, ich schlagartig und vergrätzt erkannte, dass ich offenbar verladen worden war.

Nun muss gesagt werden, dass es nicht jene erste Geschichte gewesen ist, die ich für „Bad Sex“ verfasst hatte, welche ich am Ende bei meiner einzigen Lesung in Stuttgart vorgelesen habe. Aber der Zusammenhang von Sex und schlechten Gefühlen in meiner Story leitete sich noch immer von diesem ersten Projekt her. Fürs Buch hatte ich dann noch andere Geschichten in dieser Art angefertigt; sie waren nie abgeholt worden, warteten also immer noch auf ihre Veröffentlichung. Erwähnt werden kann auch, dass es ein Buch namens „Bad Sex“, zusammengestellt aus den Einsendungen schreibender Amateure, dann nie mehr gegeben hat. In diesem Buch drin hätte ich also auch nicht in Erscheinung treten können. Was es gab, war, einige Zeit später, ein Buch ähnlichen Titels, dessen Texte ausschließlich von dem Literaten stammten, der mich samstags angerufen hatte. Ich las sein Buch zwar nie, kriegte aber schon noch mit, dass der Erfolg ihm versagt blieb, was sich schon auf Grund der scheußlichen grafischen Aufmachung des Buchumschlags zur Genüge begründen ließ.

Bei anderer Gelegenheit kamen mein Freiburger Bekannter und ich noch einmal auf die damalige „Bad Sex“-Pleite zurück und wieder machte er mich auf eine öffentliche Ausschreibung aufmerksam. Dieses Mal handelte es sich um den Literaturpreis der schwulen Buchhändler, eine Auszeichnung, die in ihrem relativ kurzen Leben überhaupt nur sechs Mal vergeben worden ist. Den ersten Preis gab es 1993. Das hatte mich nicht erreicht. Den letzten gab es dann im Jahr 2004. Da war ich schon nicht mehr dabei. Gestartet war man mit jährlicher Vergabe, ziemlich bald aber zur Biennale-Form übergegangen.

Auch dieses Unternehmen wurde mit Artikeln und Anzeigen in schwulen Zeitschriften beworben, sodass von Mal zu Mal immer mehr Einsendungen eintrudelten. Am Ende wurden es über 150. Erstmals hatte der Frauenanteil, zur allgemeinen Überraschung, 25 Prozent betragen, obwohl nur schwule Buchhändler in schwulen Magazinen nach Texten gefragt hatten. Die Inhaber der schwulen Buchläden Deutschlands, von denen es in den neunziger Jahren noch sechs oder sieben gab, heute existieren nurmehr zwei, die Österreicher und Schweizer sind nie dabei gewesen, beauftragten jeweils drei Juroren, sogenannte Experten in Sachen schwuler Kultur, wie der Bad-Sex-Mann wohl einer gewesen war. Er selber war allerdings nie dabei. Diese Drei benannten aus der Masse der Einsendungen jeweils ihren persönlichen Favoriten, wobei es nie vorkam, dass ein und derselbe Titel doppelt oder dreifach nominiert worden wäre. Beim allerletzten Mal war aber dann auch eine Frau darunter. Den Literaturpreis der schwulen Buchhändler hat allerdings immer ein einzelner Mann bekommen, nämlich der, den die Buchhändler von jenen drei Vorgeschlagenen schließlich kürten.

Im Jahr nach der Preisverleihung erschien immer ein kartonierter Band mit der Siegerstory, den beiden weiteren nominierten Texten sowie etwa zwölf bis fünfzehn Arbeiten aus der Schar der übrigen Bewerber. Diese Sammlungen erschienen im Verlag des Chefs vom Hamburger Buchladen, den es heute auch nicht mehr gibt, den Buchladen, den Verlag gibt es weiterhin. Seinerzeit war der schwule Buchhändler in Hamburg mit dem Verleger noch identisch, allerdings stellte er nicht alle sechs Anthologien selbst zusammen. In dem Jahr, als ich dabei war, war es aber mal so. Nominiert worden bin ich nie. Ich verdankte mein Glück dem Hamburger Verleger, der, wenn man sich anschaut, welche neuen Autoren er in den nächsten Jahren ins Programm holte, den Laienschreiber-Pool offenbar als Spielplatz künftiger Sterne verstand.

Für den Sieger belief die Preissumme sich auf zweitausend D-Mark. Die anderen zwei Nominierten wurden als Gäste bei der Preisübergabe-Veranstaltung in Hamburg freigehalten und in der Berichterstattung auch noch mal erwähnt. Das Gros der Einsender und Einsenderinnen ging immer leer aus. Wer wie ich der Ehre teilhaftig wurde, seine paar Seiten, die Teilnahmebedingungen hatten knappe Texte verordnet, gedruckt zu sehen, wurde mit einer Pauschale von 500 DM für die Abtretung der Urheberrechte entlohnt. Ich nehme an, der Sieger erhielt diese Summe zusätzlich zum Preisgeld.

Irgendwann zwischen 2004 und der Gegenwart hat sich jemand die Mühe gemacht, alle Preisträger, alle Nominierten, alle Juroren, die Titel und Herausgeber dieser sechs Sammelbände und jeweils eine Handvoll der darin präsentierten Autoren zu recherchieren und mit einen Wikipedia-Artikel der literarischen Welt zu überliefern. Einzig aus diesem Grund kommt mein Name in Wikipedia noch vor. Aber keiner hat mich davon verständigt. Jahre verstrichen, bevor ich es irgendwann auch noch merkte. Auch hat mich nie einer angesprochen, dass ich anscheinend einen Text in einem Literaturpreis-Buch gehabt hätte, welches er gekauft, geschenkt bekommen, dann auch gelesen und meinen Text so oder so gefunden habe. Wegen der im Zusammenhang mit der Stuttgarter CSD-Kultur-Woche veranstalteten Lesung tauchte mein Name damals auch noch in der Stuttgarter Zeitung auf, was ich auch wieder nur per Zufall mitkriegte. Allerdings wohnte ich nicht in Stuttgart und hatte, von den Machern des Szeneblättles abgesehen, nur wenige Kontakte, die mir hätten Bescheid geben können.

Die Auflage der Anthologie betrug 2000 Stück. Auf den Büchern, auch zuvor schon in den Aufrufen, mit denen man Schreiber gesucht hatte, war vermerkt, dass der Literaturpreis der schwulen Buchhändler nur möglich geworden sei durch großzügige finanzielle Unterstützung seitens des Kaffeerösters Jacobs und des Hamburger Kulturbürgermeisters. Was der sich über Jahre streckende Buchverkauf an barer Münze schließlich doch noch einspielte, kann ich nicht schätzen. Aber gut 20 Mark für ein besseres, kartoniertes 230-Seiten-Taschenbuch waren zu jener Zeit ein üppiger Verkaufspreis. Sämtliche Exemplare haben sich dann auch nie verkauft. Einige der sechs Titel sind bis heute als sogenannte Neuexemplare im Buchhandel noch gelistet. Der Rest wurde zuerst erbarmungslos auf einen Ladenpreis von 5 Euro geschrumpft und anschließend als Restauflagen exklusiv von den schwulen Buchläden vertrieben.

Solche wirtschaftlichen Aspekte konnten einem als beteiligtem Autoren fast egal sein. Man hatte einen Vertrag unterzeichnet, die 500 Märker eingestrichen, seine fünf kostenlosen Belegexemplare erhalten und es war von vornherein klar, dass das nie übersetzt, verfilmt oder als Hörbuch verbreitet, geschweige später noch mal aufgelegt werden würde. Eines Tages entdeckte ich den vollständigen Text meiner Story bei einer russischen Internet-Domain, die ich nach ein, zwei Jahren, als ich noch einmal danach suchte, nicht wiederfand. Es waren wohl die russischen Piraten oder Hacker. Bei der Gelegenheit fällt mir ein, dass der Herausgeber meine biografischen Angaben so farblos gefunden hatte, dass er ins Buch gesetzt hatte, ich hätte längere Zeit in Kasachstan und Mittelasien gelebt, während die Wahrheit gewesen war, dass ich Baden-Württemberg nie verlassen habe, allerdings eine Zeitlang Menschen aus Kasachstan und Mittelasien in die deutschen Sprache eingewiesen hatte.

Genau in dem Jahr, in dem ich meine Lesung schließlich halten konnte, nicht in dem, in dem ich meinen kleinen Text verfasst und verschickt hatte, das lag schon wieder anderthalb Jahre zurück, war ich als ordentlicher Angestellter einer Werbeagentur mit vierzig Stunden Schreibarbeit pro Woche tätig, für die ich zwar nicht fürstlich, aber so gut entlohnt wurde, dass es nebensächlich geworden war, dass ich für meine Lesung noch mal ein Honorar einstreichen würde.

Eine komische Phase meines Daseins. Fast wirkte das, als finge alles doch noch an. Ich war über vierzig und die letzten Jahre ein Dauerarbeitsloser mit verschiedenen abgebrochenen Ausbildungen gewesen. Auf einmal hatte ich einen unbefristeten 40-Stunden-Arbeitsplatz in einer Agentur, einen gedruckten Text im kürzlich erschienenen Buch und diesen Stuttgarter Lesetermin an der Hand. All dies würde eine Namensnennung in Wikipedia zeitigen, was ich aber nicht wissen konnte. Vielmehr erscheint fraglich, ob ich überhaupt ahnte, was Wikipedia ist. Die deutsche Wikipedia existierte zwar schon, war aber noch ganz neu. Einen eigenen PC besaß ich nicht. Ich saß fünf Tage in der Woche in meinem Büro an einem PC und verzapfte Sprachmüll von der Sorte: „Genießen Sie jetzt!“ und „Machen Sie mit!“ Mein Leben im Imperativ, möchte ich meinen.

Die Wahrheit war, nur wusste das noch niemand, dass ich mit meiner Produktion literarischer Werke gerade eben aufgehört hatte. Sicher hatte ich vage noch vor, für den Literaturpreis, zum Einsendeschluss am 31. Dezember, wieder etwas abzuliefern. Andere Sachen, außer sehr vielen Mails, schrieb ich schon geraume Zeit nicht mehr. Von internen Querelen befeuert befand ich mich außerdem auf dem Rückzug vom Stuttgarter Blättle. Zwei Buchprojekte waren angedacht gewesen und hatten sich zerschlagen. (Denn ich hatte im Jahr nach „Bad Sex“ noch mal eine Sammlung von Kurzgeschichten produziert und an einige Verlage geschickt, darunter auch den Hamburger Verlag – von allen war mir abgesagt worden.) Unterdessen schlauchte mich die Arbeit in der Agentur. Jeden Abend kurz vor sechs wankte ich wie ein Gebrochener nach Hause.

In der Agentur herrschte allerdings die Meinung, im Großen und Ganzen hätte ich den easy Job. Im Texterbüro gab es zwei Arbeitsplätze, einer davon war leer. Zu den ungeschriebenen Gesetzen unserer kleinen Firma gehörte, dass nur die beiden Chefs ihre Türen fest zumachen konnten. Also sah man alle Kolleginnen im Gang vorbeigehen und sie sahen einen alleine hocken, wenn sie zur Toilette gingen, zu Kollegen, um den Fortgang ihrer Jobs zu besprechen, zu Fax und Kopierer oder um Kaffee zu fassen. Peinlich bewusst war mir, wie oft ich vom Gang her wie ein Müßiggänger erschien. Sogar wenn ich manisch Textmassen einhackte, denn so sah die Arbeit eines Werbetexters nun mal nicht aus. Launig pflegte man sich nach dem Fortgang meines Romans zu erkundigen. Aber es waren nur Privatmails, die man mir dann stillschweigend durchgehen ließ.

Vom Geschäftszimmer kam manchmal jemand herüber, um mich mit Kleinkram zu bewerfen. Woche für Woche waren die Sonderangebote der Stammkundschaft zu lektorieren. Da stand schon alles fertig getippt, war auch als Textdatei entstanden, konnte aus mysteriösen Gründen aber meist nicht gemailt werden, weswegen ich andauernd Faxe abzuschreiben hatte, die aus Artikelnamen, Artikelnummern, Gebindemengen und Preisen bestanden und in Form der von mir erzeugten Text-Dokument-Attachments weiter zur Grafik wanderten. In aller Regel gab es für jede Woche auch einen allerneusten Anreißerspruch, aber den hatte der Kunde bereits festgelegt. Allenfalls unsere Art Directorin konnte was daran ändern, wenn es mit dem Umbruch nicht hinhaute oder wenn Schriftmenge und Bebilderung sich visuell irgendwie bissen.

Ich wähnte mich dauerüberlastet. Oberflächlich betrachtet hatte ich ungefähr fünfzig Prozent meiner Wochenarbeitszeit keine wirklichen Texter-Jobs zu erledigen. Das Verhängnis lag aber darin, dass es nur diesen einen Texterarbeitsplatz gab, obwohl man irgendwann in der Vergangenheit mit zweien gerechnet haben musste. Wir hatten vier oder fünf Grafiker, beziehungsweise Art Directoren, wir hatten zwei Geschäftsführer, drei kaufmännische Mitarbeiterinnen und vier studierte Betriebswirtschaftlerinnen für Konzept und Kontakt. Seit Jahren verhielt es sich so. Mein Vorgänger, der jünger als ich war und, wie ich, keine geregelte Texterausbildung absolviert hatte, schien die längste Zeit eine flapsige und leutselige Miene zum zweifelhaften Spiel gezogen zu haben, irgendwann hatte er dann hingeworfen und die Branche gewechselt. Er war zum Berufsjugendlichen draußen auf dem Land avanciert.

Nicht in den Fachzeitschriften, was üblich gewesen wäre, hatten die zwei Chefs gesucht, sondern mit einer Stellenanzeige in der örtlichen Tageszeitung, einen Texter und einen Junior Texter. Als Junior Texter war ich engagiert worden. Vielleicht hätte ich mich als Texter bewerben sollen, aber wie sollte man das wissen, wenn man die Hintergründe nicht kannte! Das Gehalt war schon okay, aber doch bescheiden. Für die Seite des Unternehmens ging damit der süße Vorzug einher, dass während zwölf Monaten das Arbeitsamt mehr als die Hälfte dieser Personalkosten zuschoss. Denen ging es darum, einen hängen gebliebenen Langzeitarbeitslosen von der Halde weg zu kriegen.

Es mag die mir eignende Dünnhäutigkeit gewesen sein, aber was mich schließlich noch ärger quälte als die regelmäßigen Superstress-Orkane, waren sprachliche, stilistische und intellektuelle Fühllosigkeiten, Wurstigkeiten und Stümpereien meiner bisweilen analphabetischen Kollegen wie auch Vorgesetzten. Mit dickem Fell und verschmitzter Lässigkeit konnten sie sich auf die normative Kraft des Faktischen ihrer jeweiligen Positionen innerhalb der Firmenhierarchie oder im üblichen Ablaufschema unserer Jobs verlassen. Anlässlich eines Texterworkshops erfuhr ich von Kollegen aus anderen Agenturen: Allgemein ging über Werbetexter die Mär, sie wären die einzig intelligenten Menschen in der Werbung, würden dem Alkohol zuneigen und hätten von allen im Team am wenigstens zu sagen. Dafür gab es ein Wort: die Textersklaven.

Wie bereits angedeutet, die Art Directorin war die Erste und Letzte, die eine Anzeige genau so sah, wie der Kunde sie dann demnächst sehen würde. Faktisch verfügte sie somit über ein ihr eigenes letztes Wort, das hingegen bei mir im Texterbüro nimmer fallen konnte. Nach ihr kamen vielleicht noch die Reinzeichnerinnen, deren Chefin sie allerdings war. Sobald jemand mit dem Rang einer Art Directorin an den Rechtschreibkenntnissen, dem Humor oder dem Bildungsstand eines Texters Zweifel hegte, textete sie dessen Sachen noch einmal etwas um. Niemand hielt dann für nötig, es dem Texter noch mal zu zeigen. Der sah das, wenn er die zugefaxten Belegexemplare ausschnitt, aufklebte, fürs Kopieren mit Datum versah; dieses zählte auch zu meinen Aufgaben.

Noch schlimmer waren die Chefs, der Senior, dem alles noch gehörte, der Junior, dem es eines schönen Tages schon noch gehören würde. Mit dem Senior hatte ich wenig zu tun, denn dieser begriff sich als Selfmade- und Allroundman und pflegte meist nur mit der Art Directorin und den jungen Damen des Geschäftszimmers zu scherzen. Der Firmengründer schrieb immer noch alles allein, wobei seine Tage dennoch ruhig vergingen, weil er nur die wichtigsten Kunden und jene Jobs annahm, die ihm Lustgefühle versprachen. Das Verhängnis lief aber an, falls dieser Senior mich überraschend doch mal hinzuzog, mir sein Konzept erläuterte und seine Anregungen mitgab. Dem Alten eignete zur Kommunikation mit den Konsumenten-Schafen eine, will mal sagen, Dampframmen-Anmache, sodass er, was der Junior bei der Besprechung der mir übertragenen Jobs anfangs zumeist „sehr charmant“ zu nennen pflegte, mit der Begründung abschmetterte, das sei zu hochgestochen, zu kompliziert, zu weitschweifig. Werbung war doch Dreck. Man musste sich dumm und schmutzig machen, wenn man in dieser Branche Geld verdienen wollte. Ich tat mein Bestes und arbeitete in die verordnete Richtung, dann aber rief der Junior mich zu sich, ob ich ihn ins Bild setzen könne, wie die Sache beim Senior vorankomme.

Der Junior wiederum fuhr auf gezeichnete Witze ab, war auch gewiss nicht ohne zeichnerisches Talent. Wahrscheinlich hätte er Comics malen sollen. Ständig scribbelte er vor sich hin, während er redete, unterbrach sich dabei aber auch noch selbst mit halbgaren Wortspielen, die ihm in den Sinn gekommen waren. Wie es aussah, waren Werbung und Wortspiele für den Junior ein und dasselbe. „Weil's doppelt klinkt.“ Aber jedes Mal überfielen ihn nun auch wieder Unsicherheit und Furcht, war er nicht zu weit gegangen, war das nur noch blöd und er merkte es nicht mehr, würde der Alte es aus seinen Krallen reißen und vernichten?„Na ja“, lenkte er ein, „darüber muss man noch mehr nachdenken. Das sind jetzt die ersten Ideen. Ich habe gefunden, die besten Texte entstehen, wenn man zuerst einfach irgendeinen Blödsinn aufschreibt und an dem her lange arbeitet, bis es richtig sitzt. Gehen Sie da noch mal drüber!“ Ab diesem Moment war mir klar, dass ich simultan in zwei Richtungen arbeiten würde und dass am Ende keine meiner Lösungen durchkommen konnte. Dann kamen oft noch größere Meetings, an denen die Kontakterinnen und die Art Directorin teilnahmen. Oft konnten die beiden Chefs sich nicht einigen, immerhin aber eine von den Lösungen hinnehmen, die den Mädels während den Meetings durch den Kopf schossen.

Als Texter dieser Agentur hatte man schnell gelernt: Was immer man zu Beginn zeigte, würde torpediert werden und absaufen wie ein U-Boot. Erstbestes konnte per Definition nie das Allerbeste sein. Da musste viel mehr Druck und Schmalz dahinter. Man brauchte folglich jedes Mal wenigstens zwei Ideen. Die blödere wählte man aus, um sie ihnen vorzustellen, hatte die ganze Zeit die bessere Idee noch im Ärmel, die man irgendwann hervorziehen konnte, wenn beide Chefs anwesend waren und die Mädels am besten auch.

Immer finden es alle von Grund auf schon gut, was man so machte. Ich kannte das, bei dem schwulen Blättchen war es auch so gewesen. Wenn es auf einmal jedoch sie selbst betraf, beim Blättchen, weil ihr Name im Artikel vorkommen würde, in der Agentur, weil sie es dem langjährigen Kunden als ihr Konzept verkaufen würden, dann war es nur halbwegs gut und nicht das unantastbar Gute, wie sie selbst es sich vorstellen konnten. Alle konnten, was man selbst so machte, um zwei, drei Schritte sich noch besser vorstellen. Sie hatten nur die exakten Worte noch nicht parat, was jedoch entschuldbar war, denn das Geld fürs Texten wurde schließlich mir bezahlt.

Vor einigen Monaten hatte sich der Hamburger Verleger noch einmal schriftlich gemeldet. Sie hätten damals, vor zwei Jahren, auch diese Sammlung verschiedener Kurzgeschichten von mir bekommen und mir die Absage geschickt. Das wolle er revidieren. Mittlerweile sei vorstellbar, dass man aus dem Konvolut etwas Roman-Ähnliches destillieren könne. Er habe die Kopie seinem alten Kumpel gezeigt, den er damals nicht habe fragen können, weil der in London gelebt habe. Dieser Kollege sei der Meinung, das könnte ein hübsches Büchlein werden, wenn ich es radikal kürzen, autobiografisches Alltagskleinklein raushauen und mich für eine klare Stoßrichtung, also ein Genre entscheiden würde, welches bleibe mir überlassen, ob nun Liebesschmonzette, Erotik, Krimi, Horror, Weltschmerz oder Aids-Solidarität.

Augenblicklich war mir klar, was das hießen würde. Ich sollte das gekippte Buch umschreiben, faktisch noch einmal neu schreiben. Ohne irgendeine Sicherheit hinsichtlich Lohn, ohne Vertrag oder Vorschuss. Das ging aber nicht. Selbst wenn ich gewollt hätte, es war unmöglich, solange ich als Abziehbild aus der Agentur kroch. Mir schien, wenn ich noch Schriftsteller werden wollte, müsste ich die Agentur sausen lassen, wenn ich meine bürgerliche Laufbahn machen wollte, würde ich erst mal ein paar Jahre aufs Schreiben verzichten müssen.

Was sollte ich ihm antworten? Zum Schluss, das war Wochen vor der Einladung, anlässlich des CSDs an einer Dreierlesung in der Stuttgarter Buchhandlung teilzunehmen, antwortete ich genau dieses: Ich sehe mich außer Stande, so ein umfängliches, Konzentration und Energie forderndes Projekt anzufassen, solange ich weiter diesen Beruf hätte.

Daraufhin war der Hamburger mir nicht etwa mit Lockungen entgegen gekommen, einem Vorvertrag oder einem Veröffentlichungstermin, sondern er appellierte an meine Eitelkeit. Das würde ich alles packen, er verlasse sich auf meine Professionalität. Aber anscheinend hatte ich sie nicht. Und ich wusste nicht, was ich antworten sollte, wenn man meine Briefe wohl höchstens noch halb las. Dann sage ich eben nichts mehr, dachte ich. Weder rief ich an noch schrieb ich ihnen. Sie aber auch nicht. Davor hatte ich mich gefürchtet, dass, wie sie wie einst der Berliner zu unmöglicher Zeit anklingeln und fragen würden, warum ich nicht mehr sprach. Aus unserem gegenseitigen Schweigen erwuchs das Ende unserer Verbindung, der zwischen mir als einem Autor und ihnen als dessen Verlag.

Als ich in der Buchhandlung eintraf, schienen die beiden fürs Lesen engagierten Kollegen einigermaßen vertraut mit den örtlichen Gegebenheiten und miteinander zu sein. Es hatte sich gezeigt, dass alle beide aus Berlin angereist waren, sich bis zu diesem Abend aber noch nie begegnet waren. Im Gegensatz zu mir sprachen sie akzentfrei Hochdeutsch und waren um Jahre jünger. Allerdings gab es zwischen ihnen auch noch einen sichtbaren Altersunterschied. Der Eine hatte den dreißigsten Geburtstag schon hinter sich und war aus dem Westen nach Berlin gezogen, um zu studieren, dagegen war der Jüngere in Berlin geboren worden. Alle drei konnten wir ein schöngeistiges Studienfach vorweisen. Sie nickten mir freundlich zu, um alsbald wieder die Köpfe zusammenzustecken, was sich in der Pause und bei der abschließenden Gesprächsrunde mit geflüsterten Kommentaren fortsetzte.

Über die Entstehung seines Wettbewerbbeitrags erzählte der Jüngere, dieser sei ein Abfallprodukt von seinem, demnächst im Hamburger Verlag erscheinenden Erstlingsroman. Man könne als Autor nicht zweihundert oder mehr Seiten von Figuren erzählen, ohne über deren Natur und Dasein bis ins Kleinste Kenntnis zu haben. Ihm persönlich sei unabdingbar, jeder einzelnen Figur ihr Charakterprofil, einen familiären Background, eine Vorgeschichte und sogar einen Lebensgeschichten-Epilog mitzugeben, wenn dieser sich auch erst nach Romanende zutragen würde. Eine Art Stanislawski-Technik oder Method Acting, dachte ich.

Falls jemand sich bei mir erkundigte, was sie gelesen haben, in was für einem Stil sie gearbeitet hatten, so müsste ich passen. Ich glaube, schon während sie noch lasen, habe ich kaum zugehört. Mit meiner Aufregung war ich beschäftigt und dann hat es höchstens Wochen gedauert, bis ich das Gehörte vergessen hatte. Ich könnte ihre Texte heute noch einmal nachlesen, habe es in der Zeit dazwischen auch getan, denn meine Belegexemplare hatte ich seinerzeit zwar weggeben, aber nachdem ich gesehen hatte, dass wir in Wikipedia erschienen waren und dass es ein halbes Dutzend Bücher gegeben hatte, die antiquarisch ganz billig zu besorgen waren, habe ich mir alles nachgekauft und tatsächlich dann auch gelesen.

Meine eigene Geschichte spielte mit trivialen Mustern und wob in die Fabel von der Nacht eines Groupies mit seinem verehrten Rockidol mehrere popkulturelle Verweise, deren Quellen so disparat waren, dass wohl nie einer alle erkannt hat, außer mir selbst. Sprachlich gab es sich schlicht. Dagegen waren meine Kollegen bemüht, ihren jeweils eigenen sprachlichen Duktus zu entfalten. Eine der Geschichten hatte offenbar überhaupt keine Handlung. Die andere war so unschwul, dass man hinzufügen musste, dass sie aus der Erbmasse eines schwulen Romanvorhabens erwachsen war, um zu verstehen, warum sie anlässlich einer Christopher-Street-Day-Kulturwoche in einer schwulen Buchhandlung vorgelesen wurde.

Unter dem mühelos im Blick zu behaltenden Dutzend der gratis eingelassenen Zuhörer fiel ein einzelner Alter auf, älter als alle anderen, älter noch als ich, der, während ich las, wiederholt in schrilles Gelächter ausbrach. Inmitten eines weithin schweigenden, sich bedeckt haltenden Publikums fiel das auf. Als alle drei vorgetragen hatten, die Pause vorbei war, jeder Interessierte sich ins Gespräch mischen konnte, gab dieser Ältere in bekannt, unter schwuler Literatur verstehe er Geschichten, wie ich eine gelesen hatte, wenigstens eine Prise Sex müsse dabei sein. Kommentiert wurde das von keinem, doch ich bemerkte den ironischen Blick, der zwischen den Berlinern hin und her ging.

Wie angekündigt, erschien im Hamburger Verlag kurz danach der Roman des Jüngeren, gewichtig und gebunden, allerhöchstens zwei Jahre später das broschierte Novellchen vom Älteren. Endgültig wurde mir dann klar, dass auch ich, wäre ich dem optimistischen Zureden des Verlegers gefolgt und hätte meine Bindung ans Haus nicht in Schweigen ertränkt, ich nun auch ein erstes Buch dem Publikum zu Füßen legen könnte, wodurch mein heutiges Fortleben im Internet selbstverständlich etwas abgesicherter geworden wäre.

Dass dies nicht geschah, wollte mir in der Folge nicht so tragisch vorkommen, wie es sich für den einen oder anderen momentan noch lesen mag. So floppten zum Beispiel die genannten Bücher der Berliner Kollegen. Selbst schwule Presseorgane hatten nur eine Handvoll dürrer Zeilen für sie übrig. Nach all den Jahren, die seit damals verflossen sind, lässt sich keine einzige Rezension oder Leserresonanz im Internet aufspüren, nur die Waschzetteltexte des Hamburger Verlegers sind noch dort. Ähnlich den bereits erwähnten Literaturpreis-Sammelbänden gingen diese Neuerscheinungen den Weg von Preisreduktionen und des anschließenden Exklusivkaufs durch die den Hamburgern solidarisch verbundenen Buchhändler. Ein zweites Buch des jungen Romanciers hat es nie mehr gegeben. Von dem Älteren kann man dagegen eine Publikationsliste finden, die aus dessen Fachpublikationen als Historiker des Berliner Umlands besteht. Er scheint den Belletristen zu Gunsten des Historikers an den Nagel gehängt zu haben.

Mir war in jenem Sommer schon klar, was für ein mittelmäßiger Vorleser ich bin. Ich musste das vorbereiten. Ich legte eine Zeitspanne von zwei Wochen fest, während denen ich mir täglich, ganz alleine, meine Geschichte laut vorlesen würde. Einbestellt worden war ich auf einen der letzten Tage vom Juli. Das traf sich nicht schlecht, denn bis zum Wochenende davor hatte ich drei Wochen Sommerurlaub eingetragen. Bei mir daheim, ahnte ich, würde ich mich gehemmt fühlen wegen der hellhörigen Wände. Doch ich verfügte über eine Dauerkarte fürs S-Bahn-Netz. Ich würde ein Stück weit raus fahren und meine Lesungen an einem hübschen Ort im Grünen veranstalten.

Am ersten Abend wählte ich auf gut Glück eine Station, wo ich bisher nie ausgestiegen war. Im Vorbeifahren hatte mir der grasige Nordhang auf der gegenüberliegenden Seite vom Tal aber mehrfach gut gefallen. An den kommenden Abenden würden milde Wärme und klares Licht von der hinter den westlichen Bergen verschwindenden Sonne dorthin ausstrahlen. Mir war allerdings nicht aufgefallen, dass der größere Teil dieses saftigen Grüns nicht mehr landwirtschaftlich bestellt wurde, sondern zu einem Golfplatz mutiert war. Meine Befürchtungen bewahrheiteten sich jedoch nicht; dort warteten keine Zäune. Man wurde nicht mit empfindlichen Strafen bedroht, sofern man von der kleinen Talstraße in einen der geteerten Wege zwischen den Fairways einbog. Auf den Schildern stand, dieser Durchgang sei auf eigene Gefahr und könne bei Spielbetrieb wegen fliegender Bälle mit Lebensgefahr verbunden sein.

Zu dieser vorgerückten Stunde, anfangs sackte der Sonnenball kurz nach neun hinter die westlichen Kämme, spürbar früher geschah das von Tag zu Tag, ein bis zwei Minuten nur, doch in der zweiten Woche machte das was aus, spielte niemand Golf. Unten bei den zwei oder drei flachen Gebäuden des Golfclub probten ein paar Personen kleinere Übungsschläge, trennten sich voneinander, stiegen in Autos und rollten weg. Ganz nahe an ihnen hatte ich nicht vorbei gemusst, wenn ich den Anstieg zur oberen Grenze des Golfplatzes in Angriff nahm, wo ich mich im schön getrimmten Grün niederlassen konnte, das Buch in der Hand, während im Rücken, jenseits eines ungeteerten Feldwegs die Stauden eines Maisfelds sich reckten.

Niemals davor und auch nie wieder seitdem habe ich ein Buch mit dermaßen vielen Strichen bearbeitet. Einzelne, doppelte, dreifache Striche, deuteten an, wo ich Atem schöpfen, wo ich Pausen machen oder markante Zäsuren erzeugen sollte. Pfeile aufwärts und abwärts empfahlen, die Stimme zu heben oder zu senken. Vor gefährlichen Wörtern warnten rechteckige Kästen. Da hatte ich mich beim Trainieren mal dran aufgehängt und verhaspelt. Halbsätze über Zickzacklinien wollten mir raten, dass Emphase oder sonstige Emotionalisierung nicht schaden konnte. Ich las langsam und laut und deutlich, jeweils einen, höchstens zwei Durchläufe pro Abend, insgesamt kaum mehr als zehn Mal. An den Wochenenden blieb ich in der Stadt. Schon am zweiten Abend stand die Entscheidung fest. Es war der beste Ort für mich, um laut zu lesen.

Natürlich hatte der hübsche Junge, der Bällesammler, daran seinen Anteil. Das war ein Jugendlicher, ein Halbwüchsiger, noch kein Mann. Am Ende schrieb ich aus der Erinnerung an ihn meinen Text für den Literaturpreis der schwulen Buchhändler des folgenden Jahres. Er heißt „Das Feld ohne Bälle“; ich habe ihn noch, aber eingeschickt habe ich ihn nie, denn er wurde nicht ganz fertig bis zum Einsendeschluss. Erst mussten zwei, drei Monate verstreichen, bis mir klar war, dass der bezaubernde Mensch eine Lockung darstellte, etwas schriftlich zu formen. Wieder gab es kaum eine Geschichte, fast nur einen Moment. Wieder die unlösbare Spannung zwischen dem Älteren und dem Jüngeren, der sich entzog. Diese Zwei lasse ich hoch am windstillen Himmel stehen, in einem Ballon. Sie wollen die Sonne einholen, bevor es Nacht wird. Mein Erzähler-Ich steht hinter dem Jungen und legt ihm den Arm um die Brust.

Originell war daran nichts, aber das würden die Leser nicht merken. Den Jungen hatte es gegeben. Er hatte die liegen gebliebenen Bälle eingesammelt. Den Abend mit dem unheimlich stillen, dabei so nahen Ballon hatte es gegeben. Direkt über mir war er gewesen, hatte sich fast nicht bewegt, ein wenig gefaucht und geknarrt. Die Geschichte von dem Einsamen, der dem fliehenden Tag nachfliegt, gab es auch schon in der Weltliteratur. Sie steht in Jean Pauls „Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch“, einem Nachspiel zu seinem großen Roman „Titan“, einem gemeinhin längst ungelesenen Werk. Den Giannozzo hatte ich in einem Proseminar der Freiburger Uni kennen gelernt und seinerzeit, so jung, hartnäckig und intellektuell flexibel war ich noch, hatte ich nicht nur den Luftschiffer, sondern den Riesenroman, der gleichzeitig meisterlich wie komplett over the top war, gelesen.

Niemals ist mir auf Anhieb etwas Lesenswertes geglückt. Alles muss eine Zeitlang liegen, damit es mit neuen Augen angesehen und brutal korrigiert werden kann. Der Vollzug des Lebens ist immer wieder grausam, das hatte ich bei den Werbetreibenden verstanden. Man hat darum meistens keine Lust dazu. Die Geschichte kennt man schon, zugleich weiß man, dass sie von Flecken strotzen wird. Wie ein verwaister Golfplatz von hellen Punkten. So lag meine Golfplatzjungen-Geschichte noch mehrere Wochen. Und über Weihnachten und Silvester verreiste ich. Als ich zurück war, konnte ich mir alle Zeit der Welt lassen, denn der Einsendeschluss war vorbei. Ich war dieses Mal nicht dabei im Wettbewerb. Zwei Jahre später kam von mir noch einmal nichts. Ab dann war es um den Literaturpreis sowieso geschehen.

Hatte ich meinen Posten am Rand des Golfgrüns erreicht, waren die Golfer weg und überall gab es noch Bälle, selbst im Maisacker hinter dem Weg. Dann dauerte es nicht lange und von den Gebäuden schoss eine Art Minitraktor, ein Elektromobil, über den Platz. An diesem befand sich eine Schnauze, welche, vergleichbar einem Mähdrescher oder Vollherbster, die Bälle unter Klappergeräuschen auffraß. Gesteuert wurde der Rasenjet von dem erwähnten Sechzehnjährigen, wobei er in aller Regel zwischen sich und den Lenker einen vielleicht zwölfjährigen, wahrscheinlich Bruder geklemmt hatte. Diesen zwei Knaben bereitete es spitzbübisches Vergnügen, in hoher Geschwindigkeit zu arbeiten und gefährliche Kurven wegen widerstrebender Einzelbälle zu reißen. Jauchzend klapperten sie hin und her, sodass das Herz einem aufging.

Mich nahmen sie wahr, zogen aber vor, mich zu ignorieren. Obwohl oben in der Ecke noch Bälle glänzten, kamen sie mir nie nahe, sodass ich nicht weiß, ob sie was verstehen konnten, wenn ich den Text laut vorlas. Ich erwartete, dass sie früher oder später heran fahren und fragen würden, was ich da machte. Aber das geschah nicht. Im Maisfeld blieben die Bälle liegen. Von denen auf dem geschnittenen Gras war ich am nächsten Abend nicht ganz sicher, ob es noch dieselben oder schon wieder neue waren. Als das Wochenende vorbei war, gab es im Grün der oberen Ecke keinen weißen Punkt mehr, während sie zwischen dem Mais noch lagen.

Während das Wetter hielt und ich zwischen acht und neun hinausfuhr, fühlte ich die Vorfreude. Sich auf die Lesung vorzubereiten, machte Freude. Der ältere Junge kam mir immer schöner und graziöser vor. Manchmal fuhr er alleine mit seinem komischen Gefährt kreuz und quer, hielt auch an solchen Abenden aber immer seinen Abstand vom Beobachter.

Von Abend zu Abend kam Beklemmung auf. Die sich ans schwindende Licht haltenden Jungen waren jetzt schon zu Gange, wenn ich ankam. Ich war an die Fahrzeiten der einmal pro Stunde am Bedarfshalt stoppenden S-Bahn gebunden. Deswegen blieb ich an den letzten Tagen alleine auf dem Platz zurück, als die Jungen ihr Werk getan hatten. Es wurde fast schon Nacht, wenn ich durch den Ort zum Bahnhof ging.

Unaufhaltsam lief mein Urlaub ab. Wie die Jahre davor war ich nicht verreist. Es schien ratsam, ein Finanzpolster für die kommenden Monate zu haben. Innerlich hatte ich gekündigt und in der nächsten Woche würde ich die Kündigung präsentieren müssen, um meinen angepeilten Austrittstermin halten zu können. Die Wechselbäder zwischen Däumchendrehen und Idiotenstress hatten mich unglücklich gemacht. Langzeitarbeitsloser schien die glücklichere Existenz. Aus einem unbefristeten Vertrag heraus selbsttätig zu kündigen, ich war sicher, dass man mich würde umstimmen wollen, müsste eine sogenannte Sperrzeit von Seiten des Arbeitsamts zur Folge habe. Ich wusste nicht, wie lange sie sein würde. Es wurden schließlich drei Monate. Die zwei letzten hielt ich mich als Briefträger über Wasser. Auch dies führte schon wieder zu einer Erfahrung von Aussichtslosigkeit. Eine andere Geschichte.

So ging es zu Ende. Ich reichte meine Kündigung ein, stellte mich taub, als man mir versprach, mit meiner Professionalität könnte ich mich noch gewöhnen. Ich fuhr mit der Bahn nach Stuttgart, las vor zwölf Leuten, fuhr zurück, während die Berliner noch was miteinander trinken gingen. Zum Golfplatz fuhr ich nie mehr. Die Jungen sah ich nicht wieder, zumindest nicht, dass ich sie erkannt hätte. Es blieb meine erste und einzige Lesung. Ich schrieb meine Geschichte und schickte sie nicht ab. So wurde es, wie immer im Leben, etwas, das mal wahr gewesen war, in der jetzigen Zeit aber nur noch als Erfindung besteht.


 


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.11.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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