René Hirt

Die alten Rituale der Khajiit

In derselben Nacht schlich Ce'Nedra klammheimlich aus der frostig wirkenden Akademie über den langen, steinernen Steg, der sie vor den Blicken der wachsamen Meister schützte. Sie hatte nichts davon mitbekommen, dass über sie geredet und entschieden wurde, wie es in ihrem Leben weitergehen sollte. Sorglos, mit dem Gefühl etwas Verbotenes zu tun, hatte sie ihre leichten Schuhe ausgezogen, damit sie lautlos auf ihren Katzenfüssen über den Steinboden huschen konnte. Die hohen Mauern, die den Steg umsäumten, boten ihr einen hervorragenden Schutz vor den Wachen, die heute Abend gelangweilt ihren Dienst verrichteten.
Eigentlich waren die nächtlichen Besuche ein offenes Geheimnis, denn nicht nur sie hatte einen Liebsten, der in der Taverne Frostiges Feuer auf sie wartete. Auch andere Schüler und Mitglieder der Akademie empfingen dort ihre nächtlichen Besucher, da der Zutritt zur Magierschule für Nicht-Magier strengstens verboten war. Es war ein unsinniges Verbot aus alten Tagen, wo die Nords nach dem Grossen Zusammenbruch von Winterfeste versucht hatten, die Akademie zu stürmen. Doch die meisten Magier umgingen dieses Verbot, dank dem die Schenke einen guten Batzen Gold verdiente, da das Frostige Feuer die einzige Taverne weit und breit war, dass Zimmer an die Geliebten und Verwandten vermietete.
Ce'Nedra freundete sich rasch mit den anderen Schülern an, da sie erstens eine nette, einnehmende Art hatte und zweiten sie mit ihrem Talent den Auszubildenden mehrmals bei ihren Aufgaben und Prüfungen half. Die einzige Ausnahme bildeten die drei Hochelfen-Magier, die erst vor wenigen Tagen sich frisch in der Akademie einquartiert hatten. Schnell gaben die freundlich gesinnten Schüler ihr Tipps und Tricks, wie sie sich raus- und wieder reinschmuggeln konnte. Lucia und die Wachen wussten selbstverständlich von den nächtlichen Aktivitäten, aber sie nahmen es schweigend hin, solange nichts schlimmes passierte. Es gab nur einmal eine peinliche Geschichte, in der eine Schülerin einen betrunkenen Nord mit nach Hause schleppte, der mehr als deutlich zuviel Met gesoffen hatte. Mitten in der Nacht brüllte er wie ein wilder Stier in der grünen Parkanlage inmitten der Akademie herum, von wo er im Nu kopfüber rausgeworfen wurde. Es war eine wunderbare Übung, um wieder einmal den Telekinese-Zauber auszuprobieren. Am nächsten Tag nahm sich Lucia, die sonst immer einfühlsam mit den angehenden Magiern umging, diese Schülerin vor. In ihrem Zimmer hörte man lauthals Lucia's Monolog, der kaum mehr aufhören wollte. Als der Monolog zu Ende war, riss die Schülerin gedemütigt, mit hochroten Kopf die Türe auf und verschwand den ganzen lieben Tag in ihren Gemächern. Seither benahmen sich die Schüler, die von da an wussten, wo die Grenze gezogen wurde.
Als Ce'Nedra am Ende des steinernen Stegs angekommen war, zog sie wieder ihre leichten Schuhe an, denn sie befand sich auf dem breiten Naturweg, der die Hauptstrasse der einst prachtvollen Stadt Winterfeste darstellen sollte. Sie tippelte geschwind zum Frostigen Feuer, wo sie die knarrend die Türe aufmachte und in die Schenke trat. Ihre Augen, die nach ihrem Geliebten Kharjo suchten, mussten sie zuerst wieder an das fahle Licht in der Taverne gewöhnen. Plötzlich wurde sie von hinten gepackt und zum nächsten Stuhl gezogen, wo sie auf den Knien ihres Gefährten landete. Aus einer Mischung vor Überraschung, Empörung und Freude jauchzte sie und schlang ihre dünnen Arme um die starken Schultern ihres Geliebten, denn sie innig vernaschte.

Der arme Kharjo, der auch schon in die Jahre gekommen war, kriegte kaum Luft von den heissen Liebesbezeugungen seiner Geliebten. Die anderen Gäste in der Schenke konnten sich kaum ein Lächeln verkneifen, denn sie hatten den alten Kater bereits sehr gut kennen und schätzen gelernt. Dagur, der mit seiner fülligen Frau Haran, die Taverne betrieb, war zuerst misstrauisch gegenüber dem verwegenen Khajiit-Krieger gewesen, als dieser das erste Mal ein Zimmer mietete. Viele alteingesessene Nords hatten immer noch dieselben Vorurteile gegenüber den Katzenmenschen wie vor fünf Jahren, vor dem abscheulichen Bürgerkrieg. Als der alte Khajiit aber gutes Gold hinlegte, war sein Misstrauen verflogen. Sobald seine Magierin wieder in der Akademie war, machte Kharjo sich für die Stadt nützlich, indem er das eine oder andere Wildtier erledigte, meist waren es verirrte Bären oder Wölfe, die um die Häuser umherstreiften, besserte die Häuser aus, die zu verfallen drohten oder machte ein paar Botengänge für den Jarl, der die Dienste des zuverlässigen Khajiits gerne in Anspruch nahm. Die offene, ehrliche Art des Katers machten ihn zu einem gern gesehen Gast in der Stadt, die leider zu einem Dorf verlotterte.
Das Wirtepaar waren allerlei Gäste gewohnt, die sie in all den Jahren bewirteten. Obwohl sie gutes Gold durch das Verbot der Akademie verdienten, indem sie die Zimmer zu einem oftmals überrissenen Preis vermieteten, fanden sie die Gesetze der Magiergilde gar übertrieben. Da machten sie bei Kharjo keine Ausnahme, indem sie ihm anfangs viel Gold für das spärlich eingerichtete Zimmer verlangten. Als sich der alte Kater allerdings beliebter machte, gaben sie ihm ein grösseres und gemütlicheres Quartier mit einem wunderbaren, bequemen Bett für eine geringere Miete. Dagur hatte es zudem mit dem Rücken und so war er oft froh, wenn Kharjo draussen ein wenig Holz hacken ging, der ihm gerne den Gefallen für ein gutes Zimmer erwies.
Der verwegenen Khajiit-Krieger stand auf, packte seine geliebte Ce'Nedra unter das Gesäss, die ihrerseits ihre zierlichen Arme und Beine um Kharjo's muskulösen Körper schlang und verschwand mit ihr schleunigst in das wollige Zimmer mit dem bequemen Bett. Sie stöhnte kurz auf, als er in sie eindrang, während sie ihn mit ihren grossen, klaren, blauen Katzenaugen anschaute. Es dauerte nicht lange bis es den beiden kam, was man an ihrem lauten Schrei merkte, den man wegen den dünnen Zimmertüren bis in den Essraum der Taverne hörte.
Entspannt mit verschwitztem Körper drehte sich Ce'Nedra zur Seite und schmiegte sich an den schwer atmenden Kharjo, der sich Mühe gab, wieder einen einigermassen normalen Herzschlag zu erlangen. Damit sie sich keine Erkältung holten, zog er behutsam eine kuschelige Felldecke über ihre beiden nackten Körpern, während sich die Khajiit-Magierin noch enger an ihren Krieger räkelte. Als Haran, die Frau des Wirtes, von dem nächtlichen Besuch erfuhr, stellte sie vorsichtshalber ein paar Flaschen Met, etwas getrocknetes Fleisch, ein wenig Käse, ein frisch gebackenes Brot und speziell für Ce'Nedra etwas Obst und gesalzenen Aal auf das kleine Tischchen neben dem Bett. Die beiden Liebenden hatten sich mehr als eine Woche nicht mehr gesehen und waren wie ausgehungert gewesen. Nach dem heftigen Liebesakt merkten sie erst, dass sie auch auf eine andere Art und Weise hungrig waren. So genossen die beiden die zärtlichen Umarmungen und die Speisen im warmen Bett.

Hoffentlich müssen wir nicht wieder eine Woche oder länger warten, bis du dich aus der Akademie schleichen kannst“, gluckste der alte Krieger belustigt, während er zärtlich die widerspenstigen Haare aus der Stirn seiner Geliebten strich.
„Es war wirklich eine lange Woche, zu lange für meinen Geschmack, aber ich komme gut voran“, entgegnete sie und nahm einen kräftigen Schluck aus der Metflasche, die sie ihm anschliessend anbot, die er jedoch ablehnte. „Nach ein paar Wochen sollte ich endlich den Titel des Erzmagiers erreicht haben. Sie wollen mich auf eine Prüfung schicken.“
„Soll ich dir dabei helfen, mein Mäusezähnchen?“
„Das ist nett, mein Brummelchen“, lächelte sie ihn an. „Aber diesmal muss ich es alleine schaffen. Du verstehst das hoffentlich.“
„Eigentlich nicht, aber ich fürchte, ich habe keine andere Wahl.“
Die Khajiit-Dame schmiegte sich an ihn: „Ich vermisse dich so sehr. Ohne dich komme ich mir so alleine vor.“
„Ich vermisse dich auch. Ich habe gar kein gutes Gefühl, dass sie dich alleine irgendwohin zu einer gefährlichen Prüfung schicken.“
Sie richtete sich ein wenig auf und lächelte ihren Geliebten erneut an: „Du weisst, dass ich das tun muss. Oder willst du dich mit mir nach Elsweyr zurückziehen.“
„Ich gehe mit dir hin, wohin zu willst, mein Mäusezähnchen. Das weisst du doch.“
„Ach du“, meinte sie bloss, klopfte auf seinen mächtigen Brustkorb und schmiegte sich wieder an.
Eine Zeitlang schwiegen sie gemeinsam als sie ihn auf einmal nachdenklich fragte: „Unter welchen Monden bist du geboren worden? Ich weiss so wenig über dich, mein Brummelchen“
„Streng genommen bin ich ein Suthay, beide Monde waren auf Neumond.“
Sie lachte, worauf er leicht mit der Stirne runzelte: „Und ich bin eine Senche, also beide Monde hell erleuchtet. Da siehst du nun, mein Dicker.“
„Als wenn das eine Rolle spielen würde“, meinte er empört. „Glaubst du denn an die Götter unseren beiden Monde Masser und Secunda?“
„Du meinst an Jode und Jone?“, fragte sie nach, worauf Kharjo mit dem Kopf nickte. „Eigentlich nicht. Ich glaube lieber an Azurah, die die Khajiits erschaffen hatte. Und du, an welchen Gott glaubst du?“
„Ich halte mich lieber an S'rendarr, der Gott der Herrschaft, Gerechtigkeit, Gnade und Mitgefühls.“
„Ja, der passt zu dir“, meinte Ce'Nedra schmunzelnd und schaute ihn schelmisch an.
„Wie meinst du das jetzt“, fragte er spielerisch erbost.
„Ach nichts“, gab sie zur Antwort und legte ihren Kopf wieder auf seine Brust, als er sie fester in seine starken Arme schloss.
Nach einer Weile sinnierte sie: „Es ist merkwürdig, ich eine Senche unter zwei Vollmonden geboren, du ein Suthay unter zwei Neumonden, wir sind also das pure Gegenteil des anderen. Die Magierin und der Krieger, wie in den alten, romantischen Legenden.“
Kharjo lächelte sie an und flüsterte ihr ins Ohr: „Gegensätze ziehen sich an. Vielleicht liebe ich dich deshalb so sehr.“ Zur Antwort kuschelte sich Ce'Nedra noch enger an ihren Geliebten, der sie sanft streichelte.

Plötzlich richtete sich Kharjo auf, stützte sich auf seine Ellbogen und schaute seiner Khajiit-Dame direkt in die Augen. Sie sah ihn erschrockenen an, denn ihr Geliebter wirkte auf einmal so ernsthaft, auf eine Weise, die sie gar nicht an ihm kannte. Sie fühlte, dass ihn etwas bedrückte.
„Was hast du denn, mein Brummelchen“, fragte sie ihn neugierig, während sie sich wie ihr Geliebter im Bett aufrichtete und die weiche Felldecke vor sich hinhielt.
Zuerst druckste er zuerst ein wenig herum, aber schliesslich kam er mit der Sprache raus.
„Mein Mondschein, mein Licht meines Lebens“, begann er zaghaft, als sich auf Ce'Nedra's Stirn einige Runzeln bildeten, da sie nichts Gutes ahnte, „ich liebe dich über alles.“
„Das weiss ich.“
„Willst du mal still sein!“
„Entschuldigung.“
„Ich kann mir mein Leben ohne dich nicht mehr vorstellen“, fuhr er fort. „Willst du meine Ka' werden, meine Frau und Gefährtin, also nicht mehr Ce'Nedra, sondern meine Frau Ka'Nedra?“
Die Khajiit-Dame war etwas perplex, denn nie hätte sie so rasch mit einem Antrag gerechnet, da sie sich beide kaum einen Monat kannten. Daher musste sie zuerst trocken schlucken, bevor sie ihm eine Antwort geben konnte.
„Dann wärst du mein Ko'Kharjo“, murmelte sie verhalten. „Bist du dir da sicher?“, fragte sie ihn schüchtern, worauf er bloss stumm nicken konnte und er ihr dabei erwartungsvoll in die Augen schaute.
„Ja, ich will deine Ka' werden“, meinte Ce'Nedra, die zuerst etwas zaghaft lächelte, aber je mehr Zeit verstrich wurde sie sicherer und umschlang ihren Geliebten, der ganz feuchte Pupillen kriegte. „Ich will deine Frau und Gefährtin werden“, schwor sie ihm felsenfest überzeugt, indem sie ihn innig küsste.
„Wann willst du denn heiraten?“, fragte sie ihn, nachdem sie sich wieder gelöst hatten.
„Gleich jetzt.“
„Was?!“, entgegnete sie sichtlich überrascht. „Wir haben hier doch keinen Dro'Ri, der uns trauen könnte.“
„Lass es uns auf die alte Weise machen, so wie es die Khajiits in Elsweyr taten, bevor das Land belagert wurde“, schlug er vor.
„Gegenseitig das Fleisch teilen“, murmelte sie, indem sie ihre Pfoten vor das Gesicht schlug. „Das wurde doch in Elsweyr verboten. Ausserdem bin ich eine schlechte Jägerin. Ich bin meistens zu Hause geblieben, als die Kinder gejagt haben.“
„Verboten? Und wer hat sich heimlich aus der Akademie geschlichen?“, fragte er schelmisch grinsend, während sie ihn vorwurfsvoll anschaute.
„Ausserdem ist es ein Verbot, das die Thalmor uns aufgezwungen haben. In den Steppen heiraten die Khajiit nach wie vor auf die alte Weise mit dem Ritual, das uns von den Löwenmähnen überliefert wurde. Und wegen der Jagt macht dir keine Sorge, mein Mäusezähnchen, ich jage für uns beide“, versicherte er ihr ohne Spur eines Zweifels.
Als Ce'Nedra einverstanden war, öffneten sie leise das Fenster, das zur abgedunkelten Hauptstrasse führte. Vorsichtig beobachtete der alte Khajiit-Krieger, ob müde Soldaten entlang schlurften. Doch in der späten Nachtstunde hatten sie keine Lust mehr, Wache zu schieben und blieben in der warmen Kaserne bei einem guten Schluck Met oder schliefen bereits, da in der öden Stadt eh kaum etwas geschah. Lautlos kletterten beide Khajiits nackt wie sie waren aus dem Fenster, denn bei dem Ritual benötigten sie weder Kleidung, Waffen noch Rüstung. Wir ihre Urahnen rannten Ce'Nedra und Kharjo auf allen Vieren durch die schwüle Nacht, die von weitem aussahen, als wenn zwei Säbelzahntiger durch den klaren Sternenhimmel huschten.

Es war eine wunderbare laute Mittsommernacht, die wie geschaffen für die nächtliche Hochzeit der beiden Khajiits war. Strahlend hell leuchtete Masser, der grössere der beiden Monde in seinem rötlich blauen Schleier, während der kleinere der Monde Secunda seine graue Farbe widerspiegelte, das die weiten verschneiten Berge in ein mildes Licht eintauchte. Die Sterne, die in den Pupillen der beiden Khajiits leuchteten, strahlten klar vom dunkelblauen, wolkenlosen Himmel herab. Da sie weit im Norden waren, fröstelte es den beiden Liebenden, obwohl die Temperaturen für die Nord-Verhältnisse sehr milde waren. Die beiden Liebenden rannten auf ihren vier Pfoten so geschwind und so voller Freude, dass ihnen wollig warm unter dem kurzhaarigen Fell wurde. Nach mehreren hundert Schritten im leichten Trab sahen sie inmitten der sanft welligen Schneeprärie eine verlassene Unterkunft, den Gesellenwinkel, der fleissig von Jägern und Reisende benutzt wurde, falls diese von Schneestürmen überrascht wurden.
Kharjo hielt an und hob den Kopf um eine Witterung aufzunehmen, dabei schloss er seine Augen zu zwei schmalen Schlitzen zusammen, um die Fährte besser aufnehmen zu können. Nach ein paar Minuten hatte er eine Beute gerochen und schaute zu seiner Gefährtin um.
„Ein Eistroll ist ganz in der Nähe“, sagte er zur Ce'Nedra, die aufgeregt wartete.
„Meinst du nicht, dass ein Troll zu gefährlich ist?“, erwiderte sie etwas ängstlich, obwohl sie die Lust an der Jagd verspürte.
„Zu zweit schaffen wir das“, beschwichtige er sie. „Ausserdem hat ein Troll ein starkes Herz. Je stärker das Herz, desto stärker wird unsere Verbindung, meine Ka'.“
Unter normalen Umständen hätte Ce'Nedra mittels Feuermagie einen Troll sehr rasch erledigt. Doch sie wusste, dass dies in diesem Ritual verboten war. Ihre pure Kraft wurde verlangt, um die Beute mit dem starken Herzen zu erlegen, damit ihre Gemeinschaft eine festes Band erhielt. So forderten es die Ahnen der wilden Khajiits, die als Löwenmähnen bekannt wurden. Als Gefährten mussten sie in der Lage sein, sich zu vertrauen, damit Jode und Jone, die beiden Götter der Monde, ihnen den Segen gab.
„Locke den Eistroll an. Ich umrunde ihn und greife ihn von hinten an“, wies er sie an. Sie nickte ihm kurz zu, denn es war die übliche Taktik, mit der die Khajiits ihre Beute erledigten.
Auch Ce'Nedra hatte mittlerweile die Witterung des gefährlichen Eistrolls aufgenommen, der nicht mehr weit von ihnen entfernt war. Während sich Kharjo lautlos in Deckung einer Schneeverwehung wegschlich, stellte sich die Khajiit-Dame auf ihre Hinterbeine und begann laut loszumaunzen, als habe sie sich verletzt. Dies erregte die Aufmerksamkeit des Eistrolls, der dachte, er habe eine leichte Beute ausgemacht. Seine drei winzigen Augen erspähten das schmächtige Khajiitweibchen, auf die er mit voller Wucht losrannte. Schritt um Schritt raste er näher, so dass sein zottiges weisses Fell an dem gut genährten Körper herumflatterte. Je näher der Troll herangerannt kam, desto unheimlicher wurde es der Khajiit-Magierin. Wenige Schritte, bevor das Biest mit den affenartigen, langen Armen sie erreichte, preschte der Khajiit-Krieger aus seiner Deckung hervor und stürzte sich auf den Eistroll, der mehrere Köpfe grösser und bedeutend schwerer war als ein ausgewachsener Khajiit. Kharjo's Plan war, rasch einen Biss auf die Gurgel der Bestie zu setzen und das Tier so niederzuwerfen, damit es an seinem Blut erstickte. Doch der alte Troll hatte bereits Erfahrungen im Kampf gegen Säbelzahntigern gesammelt. Unbewusst hob er seinen langen Arm, als er erkannte, dass ihn ein zweiter Khajiit angriff und wehrte somit den Biss an seinen Kehlkopf ab. Kharjo klammerte sich notgedrungen mit seinen scharfen Krallen an den Rücken des Eistrolls fest, von wo aus er dem Biest von hinten in seinen muskulösen Nacken biss, den er kaum mit seinen Reisszähnen durchschlagen konnte. Es war eine verzwickte Lage, wo es weder Gewinner noch Verlierer gab. Kharjo war von hinten nicht fähig, den Troll zu töten, der seinerseits diese Katze, die an seinem Rücken festgekrallt war, nicht abschütteln konnte. Es war ein merkwürdiger Tanz des Todes, den die beiden auf dem fahlen Schnee vollführten. Beide fuchtelten wild mit den Armen umher, während sich der Troll ständig im Kreis drehte, wobei Kharjo aufpassen musste, dass er nicht den Halt verlor. Ce'Nedra erkannte die tödliche Gefahr, in der ihr zukünftiger Gatte schwebte, denn der Troll hatte die grössere Ausdauer als ein Khajiit und irgendwann würden ihn seine Kräfte verlassen, wodurch er dem Tier völlig ausgeliefert wäre.
Während sie den bulligen Eistroll wie ein zorniger Säbelzahntiger mit nach hinten angelegten Ohren anbrüllte, hechtete sie zu seinem Unterkörper, wo sie eines seiner Beine mit ihren Krallen aufriss. Mit ihren Fangzähnen durchbiss sie die weiche Innenseite der Kniekehle, dessen Muskeln und Sehnen völlig zerrissen wurden. Laut heulte das verwundete Tier herzzerreissend auf und versuchte die Khajiit-Magierin mit seinen knorrigen Armen abzuwehren. Der alte Troll jedoch fand keinen Halt mehr und stürzte zu Boden, was Ce'Nedra sofort ausnutze, um seinem zweiten Bein ebenfalls die Sehnen und das Muskelfleisch zu zerbeissen. Vor Schmerzen windend hatte der Eistroll keine Möglichkeiten mehr, sich gegen zwei Säbelzahntiger ähnelnden Khajiits zu wehren. Als der Troll seinen Fall mit seinen Armen abzufedern versuchte, wand sich Kharjo ein wenig um den Körper der Beute und konnte somit seine Fangzähne in die Seite des Halses hineinschlagen, wo das weichere Fleisch mit dem Kehlkopf war. Nachdem Ce'Nedra ihrerseits die Kniekehlen zerrissen hatte, sprang sie ein letztes Mal an die andere Seite der Gurgel und gemeinsam mit ihrem Gatten durchbissen sie die Kehle des armen alten Eistrolls, der an seinem Blut erstickte.

Bist du in Ordnung?“, fragte Kharjo seine Gefährtin, der völlig ausser Puste war und auf seinen Armen stützend schwer nach Atem rang.
„Danke, mir geht es gut. Bist du verletzt?“, entgegnete sie sorgenvoll.
„Nur ein paar Beulen und leichte Schrammen. Bei Riddle'Thar, gut hat er mich nicht mit seinen Armen erwischt, sonst würden wir beide im Blut liegen.“
„Ja, bei den Monden von Elsweyr, da war knapp“, bestätigte sie, während sie sich das süss schmeckende Blut vom Maul abwischte.
„Wie bin ich bloss auf diese dumme Idee gekommen?“, machte er sich Vorwürfe.
„Spielt das noch eine Rolle? Wir haben ihn immerhin gemeinsam besiegt, was auch der Sinn des Rituals war, oder nicht?“, besänftige sie ihn, worauf er sie warmherzig anlächelte.
„Aber dafür, dass du noch nie jagen warst, hast du dich wacker geschlagen. Ohne dich wäre ich verloren gewesen, Mäusezähnchen“, meinte er anerkennend, während er den toten Körper des Eistrolls auf den Rücken drehte.
Kharjo zerfleischte noch einmal die Kehle mit der Halsschlagader des Tieres, um sicher zu sein, dass alles Leben aus dem Troll entflohen war. Aus dem schlaffen Körper kam keine Regung mehr, also machte Kharjo sich daran, den Brustkorb aufzureissen, damit er ans Herz des Beute gelangte. Ce'Nedra hörte das dumpfe Knacken der Rippen, als ihr Gatte Stück für Stück rausbrach. Schliesslich zerrten seine starken Pranken mit den scharfen Krallen den grossen, blutigen Muskel aus dem zerschmetterten Brustkorb, denn er behutsam vor sich hinlegte.
„Wir müssen uns gegenüber hinknien und die Beute ehren, dass sie uns das Herz geschenkt hat“, wies er sie an und zeigte mit der Pfote, wo sie den Platz einnehmen sollte, was sie auch sofort tat.
Als beide vor dem Herz des Eistrolles knieten, nahm der Khajiit-Krieger vorsichtig das blutige Fleisch in seine Pfoten und hob es dem klaren Sternenhimmel empor.
„Ihr Monde von Elsweyr, ihr Götter Jode und Jone, ich danke euch für die Beute, die ihr uns geschenkt habt. Sein gesundes Fleisch wird viele Tiere speisen und sein starkes Herz wird den Bund zwischen Ko'Kharjo und Ka'Nedra bis in alle Ewigkeit schliessen.“
Er legte den noch warmen Muskel wieder vor sich hin und fuhr fort: „Wir haben gemeinsam die Beute erlegt, uns beiden gehört das Fleisch, das wir nun teilen werden.“
Mit seinen Krallen zerriss er den warmen Muskel in zwei etwa gleich grosse Hälften und legte je ein Stück vor sich und das andere vor den Knien seiner Gefährtin hin.
„Ich teile das Fleisch mit dir, Ce'Nedra. Nimm mein Geschenk an und du wirst meine Gefährtin Ka'Nedra“, forderte er sie feierlich auf.
„Ich teile das Fleisch mit dir, Kharjo. Nimm mein Geschenk an und du wirst mein Gefährte Ko'Kharjo“, antwortete sie ihm mit demselben Respekt.
Anschliessend, wie es das alte Ritual der Löwenmähnen verlangte, verspeisten sie gemeinsam ihre Hälften des blutenden Trollherzens. Da Kharjo ein erfahrener Krieger war, hatte er keine Mühe, das rohe Fleisch herunterzuschlingen. Bei Ce'Nedra, die sehr selten Fleisch ass, sah es ein wenig anders aus. Sie hatte sichtliche Mühe und biss sich Stück für Stück durch die zähe Masse. Hin und wieder musste sie innehalten und stiess Würgelaute hervor, bei denen Kharjo sie besorgt anschaute. Doch tapfer hielt sie durch bis sie auch den letzten Bissen runtergeschlungen hatte.
„Jode und Jone, ihr Götter der Monde, das ist mein Gefährte, Ko'Kharjo und ich bin seine Gefährtin, Ka'Nedra. Wir haben die Geschenke angenommen und erbitten euren Segen für unsere Verbindung“, schloss Ce'Nedra das uralte Ritual der Khajiits, während die beiden einige Minuten andächtig mit geschlossenen Augen auf den Knien den Segen der Götter in sich aufnahmen.
Nach einigen Minuten standen beide Pfote in Pfote auf und zogen sich zum Gesellenwinkel zurück. Den Eistroll liessen sie zurück, da er von den Aasfressern und anderen Wildtieren sicher rasch verwertet wurde.
Ihnen fror und so suchten sie den Gesellenwinkel auf, den alten Jägerunterschlupf, den sie zuvor gesehen hatten. Da er verlassen war, machte Kharjo rasch ein Feuer, damit sie sich beide wieder aufwärmen konnten. Erst im Licht des Feuers erkannten die beiden, wie blutverschmiert sie von der Jagd und vom Ritual waren. Im Unterschlupf fanden sie bequeme Schlafmatten, Felldecken, frisches Wasser und etwas trockene Nahrung, wie man sie überall in den Jägerunterkünften in ganz Himmelsrand fand.
Nach alter Sitte wuschen sie sich gegenseitig mit der Zunge das Fell des anderen sauber, bis alles verklebte Blut beseitigt war. Mit zusammengekniffenen Augen genoss Ce'Nedra als neue Ka'Nedra genussvoll, wie Ko'Kharjo ihr mit seiner rauen Zunge durch das feinhaarige Fell strich. Besonders als er an ihren kleinen zarten Ohren knabberte, maunzte sie vor sehnsuchtsvoller Lust und biss ihn neckisch an seine starken Schultern. Auch sie leckte ihren neuen Gatten mit ihrer rosafarbenen Zunge peinlich sauber ab, was dieser sichtlich genoss, was man an seinem gewölbten Unterleib deutlich sehen konnte.
Nachdem es im Gesellenwinkel wollig warm wurde und beide vom Trollblut saubergeleckt waren, liebten sich sich wieder. Ce'Nedra genoss die Liebesbezeugungen ihres neuen Gatten und konnte kaum genug von ihm kriegen. Er beschenkte sie reichlich in der wolligen Unterkunft, aus der die neue Ka'Nedra regelmässig ihre Lust in den klaren Nachthimmel rausschrie.
Leider wurde ihre Romantik durch die Pflichten unterbrochen, denen sie wieder nachgehen mussten. Eine Stunde vor der Dämmerung, die Sterne des klaren Nachthimmels begannen zu verblassen, rannten sie wieder auf allen Vieren nach Winterfeste zu ihrem Zimmer zurück, dessen Fenster nur ein wenig angelehnt war. Dort zog die Khajiit-Dame ihre sorgfältig zusammengelegte Telvanni-Robe an, schlüpfte in ihre leichten Schuhe und schlich wieder, mit einem verliebten Lächeln auf den Lefzen, zur Akademie als Ka'Nedra zurück. Vorher verabschiedete sie sich zärtlich von ihrem neuen Gatten.
„Pass gut auf dich auf, mein Ko“, meinte Ce'Nedra frisch verliebt und küsste innig ihren neuen Gefährten.
„Du auch mein Ka'Mäusezähnchen“, entgegnete Kharjo schalkhaft, als sie ihn mit ihren schmalen Fäusten knuffte.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.11.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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