Heinz Lechner

Hey! Kätzchen



Ich weiss, niemand will das hören.

Es ist uninteressant und langweilig. Kaum etwas ist so nervtötend wie ein Mensch, der dir einen Traum erzählen will. Schon bei der Ankündigung: "ich hatte einen seltsamen Traum" denkt sich doch jeder,: " oh nein, bitte nicht," obwohl der Traum so verrückt ist, so realistisch und so unglaublich, dass er unbedingt erzählt werden muss! Der Erzähler ist sich absolut sicher, etwas Aufregendes und Hochinteressantes von sich geben zu müssen, dabei bemerkt er gar nicht, wie dein Gesicht immer länger, deine Laune schlechter, und deine Mimik immer grimmiger wird.

Spätestens jetzt würde ich aufhören zu lesen.
Also?

Okay! Ich beginne.

Darsteller : Ich,
ein Tiger,
drei Tigerbabys
Ort : Keller eines Einfamilienhauses,
Epoche : Gegenwart

 

Während ich träumte wusste ich schon, daß es nur ein Traum ist. Ein blöder Traum. Immer wieder sagte ich mir während ich träumte: "ein blöder Traum."Ich befand mich in meinem Elternhaus, ein typisches einstöckiges Nachkriegshäuschen, welches ich als Zwanzigjähriger verlassen habe und seitdem sporadisch in grossen zeitlichen Abständen besuche.
Er begann unvermittelt. Ich ging die Kellertreppe flott hinunter. Die Ausmaße und Proportionen der Räumlichkeiten waren mir genau im Sinn. Ich hatte irgendetwas aus einem bestimmten Kellerraum - der Raum welcher in meiner Kindheit als Waschküche gedient hatte - zu holen, weiß aber nicht mehr was. Am Anfang des Traumes war mir noch klar, weswegen ich auf dem Weg war. Das tut aber rein gar nichts zur Sache.

Ich war zügig und gut gelaunt unterwegs. Die Treppe machte ein 180 Grad Wendung und als ich an deren Ende in den Kellerflur einbog, fiel mir wieder ein daß meine Schwester Brigitte, die mit unseren Verwandten um den Küchentisch saß, mich gewarnt hatte:"pass auf, es ist ein Tiger im Keller. Nimm besser ein Lineal mit, damit du dich wehren kannst wenn er dich anfällt." Ich wusste also, dass sich ein Tiger irgendwo in den Kellerräumen aufhalten musste. Aus diesem Grunde hatte ich ja das Lineal mitgenommen. Ein typisches 30 Zentimeter langes Holzlineal wie es Kinder wie ich früher in der Grundschule benützten, abgewetzt, voller Kerben und selbst drauf gemalten Zeichnungen und Buchstaben. Später erkannte ich, dass es tatsächlich mein eigenes Lineal war, an den Kerben und eingeritzten Buchstaben hatte ich es wiedererkannt.
Ich war mir sicher, der Tiger würde in einem der hinteren Zimmer ein Schläfchen halten, deshalb war ich auch so lautlos wie möglich unterwegs. Dem war aber leider nicht so. Er musste mich schon auf der Treppe gehört haben und kam aus der ehemaligen Waschküche eigentlich ganz gemütlich daher getrabt, während ich das Ende der Treppe erreicht hatte und zügig um die Ecke bog.
Sofort wollte ich umdrehen und flüchten. Aber ich hatte keine Chance.
Er sprang mich an als ob er mit mir spielen oder mich als alten Freund begrüßen wollte. Vollkommen unspektakulär. Mit leiser, ruhiger Stimme wollte ich "braves Kätzchen" sagen. Solch einen Blödsinn sagt man natürlich nur im Traum. Ich fiel auf den Rücken und knallte leicht mit dem Hinterkopf auf den kalten Steinboden, aber ich verspürte fast keinen Schmerz.
Nachdem er mich angesprungen hatte, blieb er ruhig auf mir liegen. Er war sehr schwer, aber das war nicht unangenehm. Alles lief so langsam, so gewöhnlich, langweilig und leise ab. Seine linke Pranke legte er auf meine Brust, nah am Hals. Ich zappelte noch ein wenig und all das lief ziemlich lautlos ab. Er schien zu grinsen und es sich auf mir gemütlich machen zu wollen. Natürlich war es sein täglich Brot andere schwächere Lebewesen zu reissen. Ich spürte, dass es für ihn nur langweilige Routine war. Ich war aber auch eine sehr leichte Beute für ihn gewesen. Keine lange Verfolgungsjagd. Keine Gegenwehr. Wahrscheinlich war er nicht hungrig und irgendwie schien er mir gut gelaunt zu sein.
Da ich von einem Prankenhieb verletzt war, den ich im Zustand des Schocks gar nicht richtig wahrgenommen hatte, spürte ich an meiner linken Seite warmes Blut austreten. Ich fühlte wie es am Körper entlang rann und ärgerte mich, wie blöd und auf welch peinliche Art man sterben kann, denn mir war sofort klar, dass ich keine Chance mehr hatte. Ich,- der ich diesem Raubtier geistig um ein Vielfaches überlegen war, werde gefressen. Man stelle sich vor: Tod durch gefressen werden.- Eigentlich unglaublich!
Ich versuchte mich aus seiner Umarmung zu lösen, mich von seinem schweren Körper heraus zu winden. Er war viel größer und mächtiger als gedacht. Mit den Fersen versuchte ich mich weg zu schieben. Das war natürlich ein lächerliches Unterfangen. Ich denke, er bemerkte es nicht einmal.
Nun fiel mir ein, dass ich ja noch mein Lineal hatte! Fest hielt ich es immer noch in meiner linken Hand umklammert. Der Arm lag noch frei und bewegungsfähig. Meine einzige Chance. Genau für diese Situation war dieses Werkzeug gedacht. Leider ist mein linker Arm ziemlich schwach und somit nicht geeignet kräftige Schläge auszuführen.
Sobald sich der Kopf des Untieres in einer für mein Ansinnen optimalen Position befand, würde ich ihm die Spitze des Lineals auf die Nase oder ins Auge stossen und ihn somit dazu zu bringen von mir zu lassen und zu verjagen. Ich wartete noch ein wenig auf einen günstigen Zeitpunkt. Als ich meinte, den optimalen Moment erwischt zu haben, holte ich also aus. Aber er hatte meine Absicht wohl bemerkt und wehrte mich mit seiner rechten Pranke ab, so dass ich ihn nur streifte. Das Lineal ist mir dabei aus der Hand geflogen und etwa einen Meter neben mir gelandet. Diesen Angriff hat er wohl nur als Spielerei meinerseits verstanden und eine Pfote auf meinen nun blutenden Arm gelegt um mich ruhig zu stellen. Meine letzte Chance war vertan.
Was hatte er vor? Majestätisch blickte er um sich, aber mich sah er nicht an. Jetzt war ich kein Mensch mehr, nur mehr ein Stück Fleisch, eine leckere Mahlzeit für ein stärkeres Lebewesen. Ich, gerade eben noch die Krone der Schöpfung, der Gebieter über alle niederen Wesen und nun irgendwo in der Nahrungskette weit unter ihm. Ich vermutete, daß er mich so lange wie möglich erhalten wollte oder mich sogar für später aufheben wollte. Zumindest Teile von diesem meinem Körper.
Die verrücktesten Gedanken schossen mir durch den Kopf. Während ich um mein Leben kämpfte, beziehungsweise ich mich schon innerlich davon verabschiedete, erkannte ich, nur eine belanglose Zwischenmahlzeit für ihn zu sein. Zumindest kann man sagen, dass es sich hier um ein originelles, ungewöhnliches Dahinscheiden handelt. Nicht viele Menschen können für sich beanspruchen gefressen worden zu sein. Während ich auf ein Wunder wartete, wartete scheinbar auch das Tier auf etwas.
"So also werde ich enden," dachte ich, "so lachhaft." Die Hinterbliebenen werden sich trotz der Trauer auch ein Schmunzeln nicht verkneifen können. "Stell dir vor, wie der gestorben ist, - er ist gefressen worden - so blöd kann man doch nicht sterben!"

Beide warteten wir und es war eigentlich fast schon langweilig. Ausgerechnet jetzt fiel mir ein, dass ich in den Keller gegangen war um einige Flaschen Bier zu holen. Ich wusste sogar von welcher Brauerei das Bier war, aber dies tut jetzt nichts zur Sache. Ich ärgerte mich. Hatte ich nichts Wichtigeres zu denken?
Schließlich nahm ich Geräusche aus dem hinteren Kellerraum war von dem das Raubtier anfangs erschienen war. Da ich schon von einem Prankenhieb verletzt war, Blut verloren hatte und das Tier schwer auf mir lag, fühlte ich meine Kräfte schwinden.
Freudig erregt sprangen die Kleinen auf mich zu. Süsse, niedliche Tierbabys. Kleine Kätzchen, mit denen man am liebsten kuscheln möchte, - so süss!
Ihre Mutter hatte ein Fresschen für sie besorgt.
Kindlich verspielt sprangen sie um und auf mich herum und schnappten nach mir. Ich spürte fast keinen Schmerz.
Bevor ich endgültig in Ohnmacht fiel und der unliebsame Traum endlich zu Ende ging, dachte ich mir noch:
"schade, dass das Lineal so weit weg liegt."

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.12.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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