Reiner Mayr

Im Herbst des Lebens der Tiere

Ein großer alter Elefant trottete missmutig in seinem Revier umher,
zur Zeit fällt ihm nähnlich irgendwie alles so schwer,
die Gelenke tun ihm allmählich weh, na ja, das ist ja auch kein Wunder,
er befindet sich halt jetzt auch schon im Herbst des Lebens,
da ist eben alles ein bisschen abgenützt, er weiß, er sollte etwas abnehmen,
aber ob das bei ihm noch etwas nützt?

Ja früher, als er noch ein Elefantenbaby war, da schlüpfte er unter die Bäuche
der großen hindurch und zog sie an ihrem Schwanz, da war er noch ganz schön frech,
trug seinen Kopf noch ganz weit oben, konnte sich noch so richtig austoben,
bekam dafür aber manchen Rempler und lag daraufhin alsbald am Boden.

Und als er so über den Sinn seines jetzt betagten Lebens nachdachte,
sah er plötzlich ein Mäuschen zwischen seinen Füßen herumflitzen,
starr vor Schreck blieb er stehen, er zitterte wie ein Espenlaub,
er hat nähmlich Angst vor Mäusen und wenn er tritt noch auf sie darauf
ist es doch mit dem Mäuschen aus und das wäre für ihn ein Graus.


Aber das Mäuschen stellte sich auf die Hinterfüße damit er sie auch sehen kann
und fragte ihn, lieber großer Elefant, ich hätte eine sehr große Bitte an dich,
könntest du mir nicht einen Wunsch erfüllen und damit meine Sehnsucht stillen,
darf ich wagen, dich etwas zu fragen, aber hoffentlich schlägt dir mein Wunsch
nicht so sehr auf deinen Magen.

Der Elefant wunderte sich, was kann ich dem Mäuschen denn schon bieten,
aber er fühle sich gleichzeitig geehrt, am Ende das Mäuschen mich verehrt?
Also lass hören, liebe kleine Maus, ich schaue was ich tun kann für dich,
aber wenn ich dich enttäusche, würde das mich ärgern fürchterlich.

Das Mäuslein nahm dann seinen ganzen Mut zusammen und sagte,
liebster großer Elefant, schau, du bist so groß und ich so klein,
ich laufe nur am Boden umher, sehe die ganze Welt also nur von unten,
ich möchte sie auch einmal von oben sehn, das wäre für mich wunderschön.
Wenn ich einmal dürfte auf deinem Rücken sitzen, das würde mich total entzücken,
hätte von oben einen herrlichen Blick, das wäre nähmlich mein höchstes Glück.

Der Elefant musste schmunzeln, ja fast lachen, ach liebes Mäuschen, nichts leichter als dies,
ich lege jetzt meinen Rüssel auf den Boden, da kannst du laufen zu mir hinauf
und wenn du dann auf meinem Rücken sitzt wie auf einem Thron, dann wirst du sehn,
hat dein Leben noch mehr Sinn, denn du fühlst dich wie eine Mäusekönigin!

Das Mäuschen lief also den Rüssel hinauf und nach der halben Länge fing der Elefant
plötzlich laut zu lachen an, es hörte sich an, wie ein schlecht gestimmtes Klavier und auch
schräge Trompetentöne waren dabei, das Mäuschen zitterte am ganzen Leib, 
aber es dachte sich zugleich, wenn ein Elefant so lacht, habe ich doch nichts falsch gemacht.

Der Elefant meinte aber nur, liebes Mäuschen, weißt du, du hast meine kitzliche Stelle erwischt,
laufe schnell weiter auf meinen Rücken hinauf, dann kann ich hören mit dem lachen auf.

Und als es oben ankam, sah es Dinge, die es noch nie so sah, lieber Elefant sagte sie,
laufe doch zu dem großen Baum hinüber, da ist ein großes Vogelnest, ich wiil auch einmal
kleine Vögel sehn. Und tatsächlich, die Piepmätze waren so klein wie das Mäuschen und
es war vor lauter Begeisterung ganz aus dem Häuschen.

Der Elefant lief dann noch sogar freiwillig zu anderen Orten hin, plötzlich taten ihm seine
Gelenke nicht mehr so weh, er ließ sich anstecken von der Begeisterung des Mäuschens,
er hatte plötzlich eine Aufgabe, die ihm gefiel, ja, auch zu den kleinen Dingen des Lebens
braucht es eben nicht viel.

Und so entwickelte sich eine wunderbare Freunschaft zwischen den beiden und jedes Mal,
wenn das Mäuslein den Rüssel hinauf und wieder herunterlief, machte es einen großen Satz
um die kitzliche Stelle des Rüssels herum, so ein Mäuschen ist ja schließlich nicht dumm.
Es musste seinen großen Freund manchmal sogar bremsen mit seiner Energie und sagte
zu ihm, du befindest dich doch im Hernst des Lebens, wird dir nicht alles mit mir zu viel?

Nein, nein, mein liebstes Mäuschen, sagte dann der Elefant, mit dir gehe ich doch durch
dick und dünn, ich hätte doch nie mehr gedacht, dass ein Leben ist so interessant,
zwischen einem kleinen Mäuschen und einem so großen Elefant!

Copyright Reiner Mayr
Oktober 2022










 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.12.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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